Abschiedsworte am Sarge des Professors Dr. Georg Kaibel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Abschiedsworte am Sarge des Professors Dr. Georg Kaibel
Untertitel: Dienstag den 15. October 1901 gesprochen und aus der Erinnerung aufgezeichnet
aus: Vorlage:none
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1901
Erscheinungsdatum: 1901
Verlag: Dieterich
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Göttingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan eines Exemplars aus der SUB Göttingen
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Wilamowitz Abschiedsworte 1.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[1]
ABSCHIEDSWORTE
AM SARGE
DES PROFESSORS DR.
GEORG KAIBEL
DIENSTAG DEN 15. OCTOBER 1901
GESPROCHEN
UND
AUS DER ERINNERUNG AUFGEZEICHNET
VON
ULRICH VON WILAMOWITZ-MOELLENDORFF.


(1901)
GÖTTINGEN,
DRUCK DER DIETERICHSCHEN UNIV.-BUCHDRUCKEREI.
W. FR. KAESTNER.

[2] [Stempel der Bibliothek] [3] So hat dem Entschlafenen derselbe Mund den Segen über den Sarg gerufen, der einst die Ehe eingesegnet hatte, die nun der Tod geschieden hat – so weit der Tod zu scheiden Macht hat. Dringender Mahnung gehorchend schliesst daran der älteste Freund einen letzten Gruss, wie derselbe im Namen der Freunde am Hochzeitstage die junge Frau begrüsste. Die Versuchung liegt ihm nahe an die Worte anzuknüpfen, die er damals sprach; sie klangen manchem zu ernst für den Freudentag, weil sie ganz aussprachen, was das Herz empfand. Aber dabei müsste die Hand an Wunden gelegt werden, deren frischer Schmerz keine Berührung erträgt. Und wenn mich etwas befähigt, das Wort zu nehmen, so ist es das, dass ich die letzte schwerste Zeit nur aus der Ferne mit erlebt habe, nicht ansehen musste, wie Siechtum und Verfall des Körpers auch die Seele zu überschatten schien. So kann und will ich denn versuchen, den Blick auf das zu richten, was Georg Kaibel wirklich gewesen ist, was er trotz Krankheit und Tod ist und bleibt.

     Wir alle kennen und lieben als das Hervorstechendste an seiner leiblichen Erscheinung die leuchtenden Augen, die in die Welt und ihre Schönheit so frei und fröhlich, so sicher und herrschend darein schauten. Ich habe diese Augen gesehen, als sie noch befremdet und schüchtern, fragend und fast bittend auf die weite unheimliche Welt blickten. Das war in Bonn, als er nach einem unbefriedigenden ersten Studienjahre 1868 aus Göttingen dorthin kam. Damals war die Psyche noch gebunden, damals war er noch nicht er selbst. Aber ich habe dann auch beobachtet, wie die Bande sprangen, und der befreite Schmetterling lichtfroh seine schimmernden [4] Flügel im Sonnenlichte wiegte. Das war wenige Jahre später auf dem Boden Italiens. Der reine Himmel, die milden Lüfte, die melodische Sprache, die zu hören und zu reden ihm zeitlebens ein Genuss blieb, die natürliche Anmut der ungezwungenen Lebensformen, das alles fühlte er seinem eigentlichen Wesen verwandt: da ward er fast plötzlich er selbst, nicht durch eine Umwandlung, sondern durch die freie Entfaltung seiner Natur. Und so ist er geblieben, so hat er sich in glücklicher ungestörter Selbstentfaltung ausgelebt. Wol sind noch zwei Momente hinzugetreten, die ihn wesentlich höher gehoben haben: einmal dass er die Gattin fand: ich weiss genug um zu schätzen, wieviel er dadurch an sich selbst gewonnen hat; aber da bindet mir wieder die Ehrfurcht vor dem heiligen Schmerze die Lippen. Das andere war die unerwartete Berufung zu dem Lehramt an der Universität, das ihm mit der Freiheit, sich ganz seiner Wissenschaft zu widmen, die Verpflichtung auferlegte, in dieser immer weiter und tiefer zu gehn. Aber innerlich verändert hat ihn auch das nicht. Ganz unwesentlich sind vollends die Wechsel des Wohnortes und Wirkungskreises gewesen, die der Beruf brachte; nur dass es ihm wie eine Heimkehr war, als er von der Ostsee in das sonnige Rheintal ziehen durfte. Denn in Lübeck geboren und aufgewachsen hat er sich doch niemals dort zu Hause fühlen können, und wirklich stammte sein Geschlecht aus der Pfalz.

     Künstlerblut war in ihm, und es hat sich nicht verleugnet. Denn im Grunde war seine Neigung und Begabung künstlerisch. Er bedurfte der Schönheit, der hohen und ernsten, wie er des Sonnenlichtes bedurfte. Diese unentbehrliche Nahrung der Seele fand er vor allem in der Musik, die er auf Grund der ernstesten und tiefgehendsten Arbeit ununterbrochen übte, aber im stillen, nur für sich. Nie hat sie sich vor seine wissenschaftliche Tätigkeit gedrängt; aber sie ist zu dieser das notwendige Complement gewesen, und die Wahrheit in Kürze zu sagen, hat er seine Philologie nicht anders getrieben als seine Musik. Gewiss hat er sich all der entsagungsvollen Pflichtarbeit nicht entzogen, die der Lehrberuf und auch die Wissenschaft fordern; er hat an manchem schweren Werke Hand angelegt und Jahre lang ausgeharrt, nicht weil es ihn anzog, sondern weil es für die Wissenschaft notwendig war. Aber ganz wohl fühlte er sich erst und erreichte demgemäss erst das Höchste, wenn er durch die souveräne Beherrschung der Sprache und der Kunstformen, die er sich erworben hatte, das volle Verständnis und die volle Wirkung des Schönen nachschaffend erschloss. Auch [5] in der wissenschaftlichen Production führte ihn der unmittelbare Drang seiner künstlerischen Natur am sichersten zum Ziele.

Nicht anders auf sittlichem Gebiete. Er hat sich nicht wie wir andern durch Selbstbeherrschung und Selbstbescheidung zu dem Manne, der er war, erzogen, sondern ist unbefangen und unbeirrt durch Furcht oder Zweifel dem eigensten Gefühle gefolgt. Und er war so glücklich das zu dürfen. Daher die heitere Sicherheit seines Wesens, die ihm alle Herzen gewann: selbst wenn er im Zorne bis zur Ungerechtigkeit aufflammen mochte, hat ihm niemand einen Groll bewahren können. Gemeine Naturen zahlen mit dem was sie tun: edle mit dem was sie sind.

Aber wenn nun die Nacht kam, langsam, mit immer schwärzeren Schatten, wie sollte dieses Herz sie ertragen, das des Lichtes und der Wärme über alles bedurfte? Es stand ihm zur Seite was die Schatten scheuchte: die holde Treiberin Trösterin Hoffnung. Ihrer hatte er auf seinem ganzen Lebenswege niemals entraten können, aber sie hatte ihn auch nie verlassen. Und so vergoldete sie sein Leben treu bis zum letzten Tage. Es sind nicht viele Tage dass er mir nach langer Pause wieder mit eigener Hand eine Karte schrieb, die damit schloss „es geht doch vorwärts“. Das mochte menschlich betrachtet wie eine schwere Selbsttäuschung des unheilbar Kranken aussehen, und gewiss muss die Hoffnung auf ein leibliches Genesen den Seinen unsagbar traurig gewesen sein; aber mir ist die Wahrheit des Wortes gleich beim Lesen aufgegangen. Das war keine Täuschung, das war das Vorgefühl der nahenden Befreiung, das die hoffende Seele durch die entsetzlichen Qualen des siechenden Leibes hindurch beseligend empfand. So hat er sich doch die beglückende Kraft zu bewahren vermocht: er war geworden was er war, er ists geblieben: so wollen wir sein Bild in treuem Gedächtnis bewahren.

Ihr, liebe Kinder, habt euren Vater zum Teil noch nicht gekannt, und ganz versteht ein Kind wol niemals seine Eltern. Wenn es euch einmal gelingt durch die Macht der Töne ein erhabenes Kunstwerk so zu verkörpern, dass alles Menschliche, alle Mühsal und Eitelkeit schwindet, und dass eure Seele kein anderes Gefühl mehr hat, als die Andacht vor der heiligen Schönheit: dann ist der Geist eures Vaters über euch. Aber auch wenn euch das Leben an den Scheideweg stellt und ihr wählen müsst, ob ihr den breiten Weg gehen wollt oder den rauhen und schmalen, den Pflicht und Ehre weisen, dann denkt eures Vaters: er hat niemals geschwankt, ja niemals gewählt, [6] sondern ist festen Schrittes und erhobenen Hauptes den schmalen Weg gegangen, weil er nicht anders konnte, weil er dem Adel der eignen Seele vertrauen durfte.

Und wir andern alle, die wir nun hinausziehn, seinen Leib in den Mutterschoss der Erde zu bergen – mancher begräbt damit ein Stück Sonnenschein seines eignen Lebens, und heut oder morgen kommt allen der Tag, wo sie fühlen, dass es abwärts geht: heut und morgen und immerdar wollen wir uns aufrichten an unseres Freundes freudiger Hoffnung, wollen vertrauen, dass er Recht hat: es geht doch vorwärts.

Zeuch hin du freie, fröhliche Seele in Gottes heilige Ewigkeit.