Almosenschleuderei und verständige Armenpflege

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Autor: Adolf Gumprecht
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Titel: Almosenschleuderei und verständige Armenpflege
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 398–400
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Almosenschleuderei und verständige Armenpflege.

„Mit der Bettelei wäre ja schon fertig zu werden, wenn nur das Publicum von seinem planlosen Almosengeben ablassen wollte“ – so lautet die stete Klage der Polizeibeamten wie auch aller Einsichtigen, die sich mit dem Armenunterstützungswesen befaßt und ernsthaft darüber nachgedacht haben. In jedem wohlgeordneten Staate ist der Bettel gesetzlich verboten; unterstützen wir ihn, so sind wir zu einer gesetzwidrigen Handlung behülflich. Anderseits findet derjenige, welcher die Heilsamkeit, ja die Nothwendigkeit dieses Verbots nicht begreift, dasselbe hart, schneidig, unchristlich, und widerstrebt ihm, selbst wenn, wie es z. B. in Sachsen im vorigen Jahrhundert vorgekommen, sogar das Almosengeben unter Strafe gestellt ist. Es gilt sonach, die Ueberzeugung von der Gemeinschädlichkeit des unvorsichtigen Beschenkens auszubreiten, namentlich auch unter den Frauen. Ist diese Ueberzeugung erst einmal erworben, so wird es auch gelingen, uns von jener üblen Gewohnheit zu lösen, so sehr sie auch von der höchsten Tugend, der Menschenliebe, eingegeben scheint. Wir sind in der Lage von Eltern, die einem kranken Kinde ein scheinbares Labsal versagen, nach dem es schmachtet, wenn der verständige Arzt davor warnt. –

Worin besteht denn aber nun diese Schädlichkeit?

Die nachfolgenden Zeilen wollen versuchen, die Frage zu beantworten, verzichten jedoch darauf, diejenigen zu bekehren, welche blindlings an Straßen- und Hausbettler austheilen, weil sie „keine Zeit haben“ oder keine Mittel, die Würdigkeit der Bittsteller zu prüfen oder prüfen zu lassen. Sie verzichten ferner darauf, die zu gewinnen, welche aus Gedankenlosigkeit, oder um vor Anderen nicht geizig oder gar arm zu scheinen, oder auch aus Furcht vor den Grobheiten oder der Rache abgewiesener Bettler Geld auszustreuen. Nur unter Jenen möchten sie um freundliches Gehör werben, die aus vollem Herzensdrang spenden, in der aufrichtigen Meinung, pflichtmäßig zu handeln, und die ein sittliches oder religiöses Aergerniß empfinden, wenn sie Abmahnungen begegnen. Gerade hier erhebt sich die Hauptfestung des Pauperismus, welche zu belagern und zu überwältigen unter die großen Aufgaben unserer Gegenwart gehört. Weder die wirthschaftlichen Sünden der Gründerzeit, noch die letzten geschäftlichen Mißjahre mit ihrem traurigen Gefolge, noch endlich die social-demagogische Wühlerei hätten das Uebel so hoch steigern können, wie es, neben dem Mangel an positiver, zweckdienlich organisirter außerpolizeilicher Armenpflege, die kurzsichtige Almosenschleuderei gethan hat und täglich thut. Darum sei es vergönnt, an Alle, die für die Leiden ihrer Nebenmenschen ein Herz haben und die es zu dessen Bethätigung drängt, die Bitte zu richten, zuvörderst die nachstehenden Erörterungen – sie vermeiden absichtlich, tiefer in den Gegenstand einzugehen, um die Aufmerksamkeit rege zu erhalten – unbefangen prüfen und dem Ergebniß gemäß handeln zu wollen.

Weder die Belästigung des Publicums durch Bettler, noch die auf Gewohnheitsbettler verschwendeten und dadurch den wahrhaft Nothleidenden entzogenen bedeckenden Geldsummen stehen im Vordergrunde der Erwägungen, sondern Folgendes, worauf nicht genug Nachdruck gelegt werden kann: Je ungünstiger die Zeitverhältnisse, um so größer die Zahl der Einzelnen, welche sich an der Schwelle des Elends fühlen. Alles ist nun aber daran gelegen, diese Bedrängten, Gefährdeten vom ersten Griffe nach dem Bettelstabe abzuhalten. Die Scheu, Geschenke zu erbitten oder nur anzunehmen, ist eine edle, zarte Pflanze, die um so leichter verkümmert, je mehr das Geben und Empfangen von Almosen in die Oeffentlichkeit tritt, je müheloser diese erlangt werden, je reichlicher sie fließen. Versetzen wir uns nur in die Lage von Arbeitern, deren Einnahmen trotz allen Fleißes und aller Sparsamkeit karger und karger werden, so begreifen wir sofort die schwere Versuchung, welche jenen der Anblick einer Rotte von Tagedieben bereitet, die wohlgemuth in Straßen und Häusern umherstrolchen, nur ihre Mützen entgegenzuhalten und unter kläglichen, heuchlerischen Mienen ihr Sprüchlein herzusagen brauchen, um einen Regen von kleiner Münze sich ergießen zu sehen. Anfangs hält bei den Besseren unter der karglebenden Arbeiterclasse das Schamgefühl Stand, seine Stimme wird aber im Gedränge der Noth schwächer und schwächer, bis sie verstummt und – der verhängnißvolle erste Schritt gethan ist. Mit dem Ehrgefühl erlischt dann bald auch die Lust und schließlich die Fähigkeit zur Arbeit. Müßiggang ist nun die Losung geworden; die Bettlermasse ballt sich lawinenartig, und die Zuchthausthüren sind weit aufgethan.

Jeder von uns muß sich sagen: rasches, unbedachtes Spenden ist zwar alter Brauch, und ich kann hundert Andere nicht daran hindern, das rechtfertigt mich aber nicht, wenn ich, wider besseres Wissen, ihm fröhne. Denn nichts bürgt mir, daß ich nicht mein Theil damit beitrage, Menschen zu Taugenichtsen, Trunkenbolden und für das Gefängniß reif zu machen, abgesehen davon, daß mein schlechtes Beispiel Andere ermuntert, in ihrer Gewohnheit zu verharren. „Wer rasch giebt, giebt doppelt“, ist ein altes gutes Wort. Daß damit jedoch nicht ein unüberlegtes Geben empfohlen sein kann, liegt auf der Hand. Aehnlich verhält es sich mit gewissen Bibelstellen, welche zu unermüdlicher, selbstloser Mildthätigkeit nachdrücklich auffordern und gleichzeitig davor warnen, solches Thun hoch anzuschlagen oder damit vor den Leuten zu prunken. Wer sich nicht an todte Buchstaben, sondern an den lebendigen Geist hält, kann unmöglich jene Bibelworte so auslegen, als ob Jeder seine Habe dem ersten besten Armen schenken solle, der consequenter Weise alsdann das Nämliche thun müßte. Durch sorgfältige Untersuchungen an verschiedenen Orten ist ferner zuverlässig festgestellt, daß unter der Bettlermasse nur ein kleiner Bruchtheil unterstützungswürdig ist. Kann es da das Richtige sein, wenn wir, um diese Wenigen zu treffen, unsere für Unterstützungszwecke verwendbaren Mittel blindlings unter die ganze Masse vertheilen, das heißt zersplittern, großentheils vergeuden und Unheil damit anrichten, während sie doch mit Sicherheit dort anzubringen wären, wo sie nur nützen, keinenfalls schaden können?

Was nun aber thun? Soll die Privatwohlthätigkeit ganz aufhören? Nein, denn die polizeiliche reicht, was die Mittel betrifft, nicht entfernt aus. Soll ich mich begnügen, Alles, was ich freiwillig beisteuern kann, der öffentlichen Armencasse abzuliefern, Beamten, dem „grünen Tische“, das Weitere überlassend, und direct keinem Dürftigen etwas reichen? Soll ich mich auf diese Weise der Gefahr aussetzen, innerlich zu verhärten, neben dem Gefühle der Mitfreude auch das des Mitleids allmählich einzubüßen? Im Gegentheil – wir weisen der unmittelbaren Privatwohlthätigkeit den größeren, schwierigeren, schöneren Theil der Aufgabe zu: sie beginnt da, [399] wo der Arm der Behörde nicht mehr hinreicht, und besteht wesentlich darin, die Quellen der Verarmung aufzusuchen und so weit als thunlich zu verstopfen, den Erwerbsfähigen Arbeit nachzuweisen, Träge zu spornen, Rathlose zu belehren, und nur in seltenen, dringenden Fällen Geschenke zu gewähren.

Alles dies beruht auf einer sinnigen Thätigkeit gebildeter Einzelner, möglichst vieler Einzelner, die aber nicht vereinzelt, sondern wohlgegliedert auftreten, die unbeengt handeln müssen, doch nicht ohne Fühlung und Leitung von einem Mittelpunkte aus. Zwar kann schon ein Einziger, der sich mit Begeisterung und Umsicht dem Guerillakriege gegen Noth und Elend hingiebt, segensreich wirken; er hat Aussicht, eine Art Gleichgesinnter und Gleichstrebender anzulocken, nachhaltige größere Erfolge sind aber erst von einer umfassenden Organisation zu erwarten, an deren Spitze ein Mann steht, welcher die Einzelkräfte heranzubilden und planvoll zu verwerthen weiß.

Erst in der letzten Generation haben sich die Ansichten über das, was in diesem Bereiche zu thun und zu lassen ist, festgestellt, nachdem der höher und höher emporwuchernde Pauperismus aller Bemühungen, ihn zu bändigen, spottete. Die Stadt Elberfeld hat sich den Ruhm erworben, das Sphinxräthsel gelöst zu haben, sodaß zur Zeit das Elberfelder System bereits in einer Anzahl anderer Städte, wie Barmen, Crefeld, Düsseldorf, Karlsruhe, Darmstadt, Bremen, zum Theil und modificirt in London eingeführt ist und gute Aussicht hat, früher oder später in allen Orten mit ähnlichen Verhältnissen nachgeahmt zu werden. An vielen werden bereits Vorbereitungen getroffen. Häufig jedoch vernimmt man Klagen, daß der Sinn der Bürgerschaft dafür noch nicht hinlänglich geweckt sei und daß darum sich zu wenig zahlende und noch weniger werkthätige Mitglieder bereit finden lassen. Anderseits nimmt man, in der Befürchtung, auf Widerwillen zu stoßen, Anstand, den Pflegedienst obligatorisch zu machen, wie letzteres in Elberfeld mit so gutem Erfolge geschehen ist.

Deshalb sei in der „Gartenlaube“ diese sociale Lebensfrage angelegentlich befürwortet. Dabei darf die Ueberzeugung ausgesprochen werden, daß Alle, die sich dem edlen Werke emsig und treu widmen, nicht blos das Bewußtsein einer guten That davontragen werden, sondern auch einen positiven, werthvollen Gewinn für ihr eigenes Lebensglück: – im Lehren werden sie selbst lernen, umsichtig, findig, ausdauernd, anspruchslos, praktisch zu sein.

Die Städtische Armenverwaltung von Elberfeld ist aus einem Vorsitzenden, vier Stadtverordneten und vier auf drei Jahre gewählten Bürgen gebildet. Die Behörde hat für alle Hülfsbedürftigen zu sorgen, welchen gesetzlicher Anspruch darauf zusteht. Unterstützt wird sie 1) in Bezug auf die öffentliche Armenpflege (das heißt auf die nicht in Armenanstalten Aufgenommenen) durch 18 Bezirksvorsteher und 252 Armenpfleger; 2) in Bezug auf die geschlossenen Armenanstalten durch die jeder solchen vorgesetzte Deputation. Wie und wann der Pfleger ohne Rückfrage unterstützen darf, ist genau bestimmt. Das Elberfelder System hält den Grundsatz fest, daß kein Pfleger mehr als vier „Positionen“ (Einzelne und Familien) übernehmen soll, womöglich aber nur drei, welche er zu überwachen, mindestens alle vierzehn Tage persönlich zu besuchen und über die er zu berichten hat. Jeder stimmfähige Bürger ist zur Uebernahme dieses unbesoldeten Ehrenamtes verpflichtet. Die Einrichtung bewährt ihre Trefflichkeit, trotz schwerer Prüfungen, seit fünfundzwanzig Jahren nach allen Seiten hin und beschämt jene Kleingläubigen, welche, als dieselbe noch bloßer Entwurf war, nur schöne Träume darin sehen wollten. Der Straßen- und Hausbettel hat in Elberfeld nahezu ganz aufgehört, und doch ist der Aufwand für Außenarme (nicht in öffentlichen Anstalten Verpflegte) ansehnlich verringert, obwohl die Einwohnerzahl von 50,000 auf 83,600 im Jahre 1876 gestiegen ist. 1846 bis 1852 fiel auf den Kopf der Bevölkerung durchschnittlich 2,80 Mark, 1853 bis 1876 nur 1,35 Mark.

Von den Obliegenheiten des ganzen Getriebes und seiner Theile steht obenan: den Ursachen der Verarmung nachzuforschen und, wenn möglich, für Abhülfe zu sorgen; ferner strenge Untersuchung jedes Falles, ob die Stadt, oder ein anderer Verband, oder Private zur Unterstützung verpflichtet sind, und Heranziehung der Verpflichteten. Nebenher fehlt es nicht an Winken, wie Fälle von verschuldeter Armuth, Arbeitsscheu etc. zu behandeln sind, wie auf ehrbaren Wandel, Ordnung, entsprechende Kinderhaltung, sowie auf Bewahrung der Familienbande hinzuwirken ist.

Das Elberfelder System hat es nur mit männlichen Armenpflegern zu thun. Aber auch Damen, gebildeten kinderlosen Frauen und Wittwen, sowie Unverheiratheten, mag die werktätige Armenpflege an’s Herz gelegt sein, da das weibliche Gemüth so reich ist an Eigenschaften, welche sich hier hoch verwerthen. Ein glänzendes Beispiel davon ist unter Anderem in London gegeben worden; wir verweisen auf das Schriftchen von Octavia Hill „Aus der Londoner Armenpflege“ (im Auftrage der kürzlich dahingeschiedenen Großherzogin Alice von Hessen in’s Deutsche übersetzt: Wiesbaden, 1878, Mark 1,16), wenn auch immerhin nicht alles in London Geschehene diesseits ausführbar scheint.

Im Vorwort sagt die edle Frau: daß wir „Freunde der Armen werden müssen, um ihnen Wohlthäter sein zu können. Nicht durch Almosen sollen wir ihre Liebe zu erkaufen suchen, sondern durch Aufschließung ihrer sittlichen Hülfsquellen. Wir selbst haben beigetragen durch planloses Spenden ihre Selbstachtung zu untergraben, anstatt sie für diese zu erziehen“. Diese Rathschläge dürfen aber die Pfleger nicht etwa verleiten, Liebe und Güte bis zur Schwachheit zu treiben. Die echte Freundschaft hält fest an dem, was sie als recht und gut erkannt hat, und scheut sich nicht, im Nothfall vor ihren Pflegebefohlenen herb zu erscheinen. Mancher warmblütige, aber kurzsichtige Menschenfreund wird zu Mahnungen der Art den Kopf schütteln, vielleicht philiströse Kleinlichkeit, doctrinäre Engherzigkeit darin sehen. Derlei ist hinzunehmen, ohne sich irre machen oder verbittern zu lassen. So ist z. B. auf pünktliche Erfüllung übernommener Verpflichtungen stets zu dringen und dem alle Verhältnisse der ärmeren Classen zerrüttenden Borg- und Schuldenwesen kräftig entgegenzuwirken. Unter die Hauptsorgen jedes erzieherischen Verkehrs mit Armen gehört sodann, ihnen unermüdlich Anleitung zu geben zur zweckmäßigen Eintheilung und Verwendung ihrer kargen Einnahmen, namentlich sie vor jener bei den Aermsten so sehr häufigen falschen, verschwenderischen Sparsamkeit zu warnen, welche, um Groschen zu sparen für Speisen, Kleidung, Arbeits- und Hausgeräth etc., Zeit, Gesundheit und Körperkraft verwüstet. Die Anleitung muß aber so angebracht sein, daß die Pfleglinge sich nicht wie unmündige Kinder fühlen. Obwohl sie thatsächlich nur zu oft nichts Anderes sind, so ist doch ihr Selbstgefühl so weit wie irgend möglich zu schonen und zu stärken. Alle, besonders das weibliche Geschlecht, sind zur Sauberkeit und Ordnung anzuhalten, der Werth guter Athemluft und ausreichenden Wohnungsraums ist ihnen zum Bewußtsein zu bringen, ihre üblen Gewohnheiten, ihre Hoffnungslosigkeit und Bitterkeit, ihre Trägheit, ihr Stumpfsinn sind tactvoll und geduldig zu bekämpfen.

Gewiß, alles das sind leicht auf’s Papier hingeschriebene, aber recht schwer auszuführende Dinge, wir lernen aber sie vollbringen, sobald wir uns ihnen ernstlich widmen, lernen endlich, mit den nie ganz ausbleibenden Erfolgen über fehlgeschlagene, verkannte, übel vergoltene Mühe uns trösten und wahre Freude an dieser Thätigkeit empfinden.

Wie in der Körperwelt die Wärme in Bewegung umgewandelt werden kann – ein Naturgesetz, auf dem das moderne Maschinenwesen beruht – so wäre auch zu wünschen, daß jene schöne Gefühlswärme, die zu raschem und reichlichem Geben antreibt, sich in Thätigkeit umwandelte, welche die Kraft des Schwachen in Bewegung setzt, ihn antreibt, nicht Hülfe von außen zu erwarten, sondern sich selbst emporzuringen. Dank der Gutherzigkeit und Opferbereitschaft, an der es nirgend in unserem Lande gebricht, sind eine große Anzahl Unterstützungs- und Hülfsvereine verschiedenster Art redlich, zum Theil in rührender Weise, bemüht, Noth und Elend zu lindern, Strauchelnde zu stützen, Gefallene aufzurichten. Das würde jedoch unzweifelhaft weit besser gelingen, wenn nicht oft zu eilfertig oder zu spät, oder ungenügend, oder, was das Schlimmste, übermäßig und am falschen Orte gespendet würde. Stets muß der Grundsatz festgehalten werden, nur nothwendige Unterstützung zu gewähren, weil sonst der Andrang unlustiger Arbeitsfähiger gar nicht mehr abzuwehren ist, immer neue Bettlerschaaren förmlich gezüchtet werden, endlich das Uebermaß der Gabe entsittlichend auf die Beschenkten wirkt.

Nicht selten fehlt es auch innerhalb der Vereine an richtiger Arbeitstheilung und Abgrenzung der Befugnisse, an ebenmäßiger Gliederung und förderlichem Ineinandergreifen; Theile der Maschinerie reiben und stören einander. Endlich mangelt es an Fühlung mit anderen ähnlich strebenden Verbindungen und mit [400] den communalen und staatlichen Behörden. Der Kampf gegen Pauperismus und Entsittlichung ist eine Kunst, die erlernt sein will und keinen tändelnden Dilettantismus erträgt. Ihre Erlernung und Ausübung nimmt aber weitaus nicht so viel Zeit und Mühe in Anspruch, wie Manche glauben dürften, dafür aber desto mehr guten Willen und Beharrlichkeit.

Die seit etwa zwei Jahren von der Presse lebhaft betriebene Agitation gegen unbesonnenes Almosengeben scheint an einigen Stellen über das Ziel hinausgegangen und namentlich Wanderburschen dem Elend überliefert zu haben. Nach neuesten Zeitungsberichten sollen sogar Fälle von Hungertyphus vorliegen. Das wäre eine neue dringende Mahnung, der zumal in arbeitsloser Zeit durchaus unzulänglichen polizeilichen Armenpflege auf socialem Wege kräftig und methodisch zu Hülfe zu kommen.

Möchten diese Andeutungen dem Dienst der außerpolizeilichen Armenpflege eine Anzahl neuer Rekruten werben und namentlich die locale Vereins- und Privatthätigkeit anregen helfen! Nur wenn sich ein zahlreiches, schlagfertiges Volksheer bildet gegen Noth und Elend, sowie gegen verkehrte Abhülfsmittel, können Zeiten wiederkehren, wie wir Alle sie ersehnen.
Adolf Gumprecht.