Alpenglühen und Meeresleuchten

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ferdinand Stolle
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Alpenglühen und Meeresleuchten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 311–314
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[311]
Alpenglühen und Meeresleuchten.
Erinnerungen von Ferdinand Stolle.
1.

Das Gewitter war verrollt in den Bergen. Nur aus der Ferne grollte in immer längern Pausen der Zorn des Himmels, Das Thal ruhte in klarer Nachmittagsonne, frisch und farbenduftig, und gegen Morgen über grünem Tannenwalde stand holderquickend ein Regenbogen,

Wir saßen, im östlichen Winkel Oberbaierns, im umgrünten Gärtchen am Ufer der Saalach, jenes kecken Gebirgskindes, das, jugendlich frisch aus Tyrol kommend, es kaum scheint erwarten zu können, sich mit Schwester Salza zu vereinigen, und ihre weißgelben Wellen rasch dahin rollt. Freund Leonhard, der Maler, hatte an einem Tische vor der Jelängerjelieberlaube Platz genommen und zeichnete den Hochstauffen, dessen Riesenpyramide im reinsten Blau ruhte, so daß das gußeiserne Kreuz auf seiner Spitze vermittelst des Opernglases deutlich zu erkennen war. Nur von Zeit zu Zeit zog leichtes Gewölk an dem erhabenen Haupte weißflockig vorüber. Albertine und Sophie, zwei anmuthige Blumen aus dem Norden des deutschen Vaterlandes, waren über die Saalachbrücke nach dem unfern gelegnen Kirchlein Nonn geeilt, um Alpenveilchen und blaue Genzianen zu pflücken. Aus den offnen epheuumzognen Parterrefenstern des mit reichem Holzschnitzwerk versehenen Schweizerhauses tönten die Klänge eines Pianos. Es war der junge Docent aus Göttingen, der Bruder des schönen Schwesterpaares. Mit vieler Fertigkeit und Präcision trug er das erste Finale aus Don Juan vor und war so eben zu der unsterblichen Menuett und dem Hülferuf Zerlinens gelangt, als Albertine und Sophie ganz glücklich von ihrem Ausfluge heimkehrten. Sie brachten reiche Ausbeute an violetten Hasenöhrl’n[1] [312] und im prachtvollsten Ultramarinblau leuchtenden Genzianen. Außerdem waren ihre Körbchen mit duftenden Walderdbeeren gefüllt, die sie einem armen Mädchen für wenige Kreuzer abgekauft hatten.

Die Sonne, eine goldstrahlende Fürstin, versank hinter das Faltengebirge. Weiter und tiefer legten sich die Schatten über die Thalebene; die Madonnenbilder an den Wegen wurden in Dunkel gehüllt, die Wälder schwärzer. Immer höher kroch die Nacht an den Wänden der Bergriesen hinauf, bis endlich nur noch deren höchste Häupter, wie leuchtende Inseln, über die schattenreiche Unterwelt emporragten.

„Gott, Gott, wie schön, wie himmlisch schön!“ rief Albertine, und ihr von einer Thräne feuchtes Auge trank mit Entzücken dies kostbare Abendbild. „Schaut, schaut,“ fuhr sie begeistert fort, „wie prächtig die Alpen glühen!“

Der Maler, mit Zusammenpacken seiner Zeichnungen und Studien beschäftigt, erwiderte: „Das ist kein Alpenglühen, Fräulein, das ist die einfache Sonnenbeleuchtung, wie wir sie zu Hause auch haben, nur mit dem Unterschiede, daß unsere Berge die hiesigen kaum um das Zehntheil an Höhe erreichen.“

„Was versteht man denn da eigentlich unter Alpenglühen?“ erkundigte sich Sophie.

Der Göttinger Docent war unter die Veranda getreten und belehrte die Schwestern über die wunderbar schöne Naturerscheinung.

„Freund Leonhard,“ sprach er, „hat vollkommen Recht, die Beleuchtung der Bergspitzen, wie wir sie heute und diese Tage daher gehabt, ist noch lange kein Alpenglühen, obschon sie von Vielen, die zum ersten Male in die Berge kommen, dafür gehalten wird. Im Gegentheil, gerade an Tagen, wo, wie heut, die Sonne klar und wolkenfrei untergegangen, dürfte sich die schöne Erscheinung kaum zeigen. Es gehören eigenthümliche atmosphärische Bedingungen dazu; namentlich ist von Nöthen, daß die Sonne hinter leichten, wässrigen Wolkenschichten untergeht, wo sich dann gleichsam ihr rother Strahl bricht und die Berge mit Purpur färbt; wenigstens habe ich die Erscheinung für die hiesige Gegend also erklären hören; ob sie die allein richtige, mag dem Physiker überlassen bleiben.“

„Dann,“ seufzte Albertine, „werden wir am Ende das Alpenglühen nie zu sehen bekommen!“ – Der folgende Tag war ein Regentag. Erst am Spätnachmittage klärte sich der Himmel. Wir benutzten die paar goldenen Sonnenblicke, um in dem nahgelegenen österreichischen Grenzdörflein Großgmein, das in der Umgegend durch seinen billigen Ungarwein und schmackhafte Forellen bekannt ist, unser Abendbrod einzunehmen. Wohlgemuth saßen wir unter den alten Linden, die nahe am Wirthshause ein grünes Dach bauen. Vom Kirchthurme herüber tönte das Abendläuten. Schon auf dem Herwege hatten wir nicht ohne Verwunderung wahrgenommen, wie der Maler wiederholt stehen blieb und am Himmel Beobachtungen anstellte. Diese meteorologischen Studien schien er auch fortzusetzen, nachdem wir unter den Linden Platz genommen. Es ließ ihm keine Ruhe, fast aller zehn Minuten stand er auf und bestieg den nahen Hügel, worauf der Friedhof des Dorfes gelegen war. Wir glaubten anfangs, er traue dem Wetter nicht und sei besorgt wegen eines regenvollen Heimweges.

Indeß hatte die geschäftige Annemirl für die Damen die gewünschte Milch und für die Herren die goldgefüllten Biertöpfchen gebracht. Der Maler stand wieder auf dem Hügel und observirte den Himmel gen Tyrol. Der Göttinger Docent, mit Kennermiene das Bier prüfend, rief ihm zu: „Herr Wetterprophet, lassen Sie doch den Himmel auf sich beruhen und kommen Sie zu uns, das Theisendorfer ist famos.“

Plötzlich stürmte der Angerufene in gewaltigen Sätzen und freudig erregtem Gesicht den Hügel herab. „Albertine,“ rief er, „Glückskind, Sophie, kommen Sie, kommt Alle, rasch, rasch!“ Damit eilte er durch das am Wirthshause gelegene Gärtchen nach einer kleinen Anhöhe, von wo man das ganze Thal prächtig überschauen konnte. Ohne zu wissen, worum es sich handle, aber nicht ohne eine gewisse freudige Ahnung, ließen wir Alles stehen und folgten dem Maler.

Die kleine Anhöhe war bald erreicht. In anderthalbstündiger Entfernung wälzte der Untersberg ernst und waldumnachtet seine Massen gen Himmel. Zur Rechten starrte, wie die versteinerten Fluthen eines Weltmeers, das Lattengebirg. Zwischendurch schauten aus weiter Ferne die Bergriesen von Berchtesgaden. Weiter zur Rechten erhoben der Müllnerberg und das Ristfeuchthorr ihre wolkenthronenden Häupter, während der Hintergrund durch die Pyramiden der beiden Stauffen geschlossen ward.

Da mit einem Male begannen sich die Zinnen des Untersbergs mit einem völlig ungewohnten, wunderbaren rothen Schimmer zu überziehen. Erst ganz leise, wie angehaucht, allmählich röther und tiefer – immer röther, immer tiefer, bis endlich die ganze obere Hälfte des Berges in Feuerpracht, einem rothglühenden Eisen vergleichbar, majestätisch zum Himmel ragte.

Bezaubert hingen unsere Augen an dem unvergleichlichen Schauspiel, als der Maler mahnte, uns umzuschauen. Gott im Himmel, was war das? Welch neue überraschende Pracht und Herrlichkeit! Nicht der Untersberg allein – nein, so weit der entzückte Blick immer schweifte, ringsum, in der Nähe, in der Ferne, alle Bergeskronen, die großen, die kleinern glühten in demselben Purpurschein. Das ganze Thal gen Berchtesgaden schwamm in rothem Dufte, über welchem die Schneefelder des hohen Göhl im holdesten Rosalichte daher leuchteten. Es war ein Leuchten und Glühen, wie bei einem Weltbrande.

Und so standen wir und schauten in stummem Entzücken. Da allmählich erloschen die tiefer gelegenen Bergeskronen und versanken in das schweigende Reich der Schatten. Bald folgten die mittleren Berge; nur die höchsten Majestäten glühten noch eine Zeit lang und leuchteten wie vereinzelte Goldkronen weit hinaus über die abenddunkelnde Welt. Endlich verglühte auch der Untersberg; es folgte der Müllnerberg, das Ristfeuchthorn, die beiden Stauffen und schließlich leuchtete nur noch das Sonntaghorn als vereinsamte Goldpyramide aus Tyrol herüber. Da erlosch auch diese, und die Schatten der Nacht traten in ihr alles Recht. – Mit einer Weihe, als habe uns der Himmel in sein goldnes Reich schauen lassen, kehrten wir nach unseren Tischlein unter den alten Linden zurück, wo indeß die Annemirl für ein frugales Abendbrod Sorge getragen.

„So schön hab’ ich’s nimmer g’schaut,“ sagte Letztere. Sie meinte das Alpenglühen.

Der Maler aber erzählte auf dem Heimwege: „Nächst dem heutigen prachtvollen Alpenglühen entsinne ich mich noch eines zweiten ähnlichen, das ich vor zwei Jahren in hiesiger Gegend erlebte; nur mit dem Unterschiede, daß ich mich damals nicht im Thale, sondern auf fünftausend Fuß hoher Alp befand. Es war unbestritten die erhabenste Viertelstunde meines Lebens. Auch damals hatte es zuvor anhaltend geregnet, und erst gegen Abend klärte sich der Himmel. Meine mehrstündige Gefangenschaft in einsamer Alphütte, worein mich unverhofft eingetretener Regen getrieben, sollte königlich belohnt werden.

Nachdem ich Stunden lang in trostlos eintönige Wolken geschaut, die wie Schneeberge an dem kleinen Alphüttensfenster vorüberzogen, hatte endlich der Regen nachgelassen. Es ward heller, die Wolken begannen dünner zu werden, die Nebel sich zu zertheilen, so daß mir von Zeit zu Zeit durch die zerrissenen Himmelsdecken ein entzückender Blick in die Unterwelt vergönnt war. Der Geist der Berge schien es aber damals absonderlich gut mit mir zu meinen. Allmählich wurden sämmtliche Wolkenvorhänge hinweggenommen, alle Nebel zerflossen, so daß nach kurzer Zeit die gesammte Alpenwelt von Kärnthen, Salzburg und Tyrol mit ihren Schneekronen, Eispyramiden, Gletschern und Schneefeldern, vom Großglockner bis zur Ortlesspitze, abgeklärt in der Abendbeleuchtung ruhte. Es war wie eine Zauberei, wie eine Phantasmagorie und doch die prachtvollste Wahrheit.

Diesem herrlichen Schauspiele sollte aber die Krone aufgesetzt werden. Plötzlich bemerkte ich, wie sich unter der dem Untergange ziemlich nahestehenden, aber von leichtem Gewölk umhüllten Sonne zwei lange goldne Streifen bildeten, und mit einem Male eröffnete sich eine Pracht, wie ich solche nie geschaut im Leben. Die Alpen begannen zu glühen wie heut, in der Nähe, in der Ferne, nur daß damals Hunderte von goldenen Kronen daher leuchteten, alle Thäler in rothem Dufte schwammen und die zahlreichen Schneefelder und Eispyramideu im holdesten Rosa schimmerten.

Ich war wie verklärt. Wie wiederholt ich das Alpenglühen vom Thale aus bewundert, es verschwand gegen die Himmelspracht, die sich mir auf der Höhe erschloß. Ich hatte das schönste Bild [313] genossen, das die Alpen je zu bieten vermögen, und wie oft ich später die Berge bestiegen, es ist mir nie wieder zu Theil geworden. Wie heut, währte auch damals das Alpenglühen in seiner reichsten Pracht kaum zehn Minuten, – ein rechtes Bild von der Vergänglichkeit des Schönsten auf dieser Erde.“ –

Wir waren mittlerweile bei der Wohnung des Malers angelangt. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Ich kenne noch ein Feuer- und Farbenspiel, das dem Alpenglühen an die Seite gestellt werden kann: das Meeresleuchten, namentlich in unsern nordischen Gewässern. Auch dabei gehöre ich zu den Glückskindern, indem ich eines der schönsten vor einer Reihe von Jahren auf der Insel Helgoland erlebte.“

„O, davon müssen Sie uns erzählen,“ baten Albertine und Sophie aus einem Munde.

„Sobald wir wieder im Gärtchen an der Saalach sitzen,“ verhieß der Maler, „soll es mit Vergnügen geschehen. Für heute aber wollen wir dem Himmel danken, daß er uns eines so prachtvollen Alpenglühens würdigte.“


2.

Wieder saßen wir in Oberbaiern am grünen Ufer der Saalach, deren geschwätzige Wellen sich liebliche Märchen erzählten aus den Heimathbergen Tyrols; wieder ruhte die Riesenpyramide des Hochstaufen im tiefsten Blau, und die Berge im Abend begannen ihre Schatten über die grünen Matten zu legen. Albertine hielt einen frischgepflückten Strauß Edelweiß in der Hand und betrachtete sinnend diese von der Poesie der Berge reichumklungenen weißsammtnen Sternenblumen.

„Erzählt mir doch, ihr weißen Blüthen,“ sprach das schöne Mädchen, „wie hoch seid ihr gewachsen auf wolkenthronenden Bergen, vielleicht umstarrt von Schnee und Eis?“

„Dieses Gnaphalium leontopodium,“ begann der gelehrte Bruder, „liebt allerdings die höchsten Berge. Dies möchte sein; auch die Rosa alpina thut dasselbe; aber das Gnaphalium ist die Sirene unter den Blumen der Alpenwelt. Es blüht fast nur an den abschüssigsten und gefährlichsten Stellen. Ich kann diese Blume daher nie ohne einen gewissen Schauer betrachten. Es sind mir zu viele traurige Geschichten davon bekannt worden. Wie mancher junge Wagehals stieg seiner Traudi, Walli, Elsi zu Liebe nach dieser Blume in die Wolken, und man fand seinen Körper, die Hand voll Edelweiß, zerschmettert im Abgrunde.“

Der Maler erklärte den Schwestern, daß es seit urdenklichen Zeiten unter den jungen Burschen Sitte, ihre Schätze mit Edelweiß zu beschenken, als einen Beweis ihres Muthes und ihrer Liebe. Je schöner das Edelweiß, desto größer der Muth, desto stärker die Liebe; denn das schönste Edelweiß wächst eben an den höchsten und gefahrvollsten Stellen. Da gehöre es denn nicht zu den Seltenheiten, daß Einer oder der Andere „abfalle“, wie das Verunglücken in den Bergen hierorts genannt werde.

„Das sind traurige Geschichten,“ fiel Albertine ein; „erzählen Sie lieber vom Meeresleuchten, wie Sie es versprochen.“

„Recht gern bin ich hierzu bereit,“ versetzte der Angeredete; „nur muß ich wohl zu bedenken geben, daß ich nur von dem Meeresleuchten, wie solches sich zuweilen in der Nordsee zeigt, berichten kann. Diese, so zu sagen, geisterhafte Naturerscheinung entfaltet aber ihre höchste Pracht nur in den Meeren der heißen Zone.“

Der Göttinger Docent warf die Bemerkung dazwischen: „Die Ursachen des Meerleuchtens sind in neuer Zeit so gründlich erörtert, daß alle früher darüber aufgestellten und oft sehr wunderlichen Hypothesen sich als unhaltbar erweisen.“

Die Damen wurden ungeduldig über die wissenschaftliche Discussion, die sich zu entspinnen drohte, der Maler fuhr daher fort: „Mehrere Wochen schon lebte ich auf der Insel Helgoland. Ich hatte mir auf dem Oberlande in einem idyllisch umgrünten Häuslein, dessen blankgescheuerte Fenster freundlich blitzten, ein niedliches mit holländischer Sauberkeit ausgestattetes Stübchen gemiethet. In dem Gärtchen davor blühten noch wunderschön die Centifolien, und von dem kleinen Altan vor dem Hause genoß man die prachtvollste Aussicht über das Meer. Dieser umrankte und umblühte kleine Altan war ein reizendes Plätzchen. Wie oft saß ich hier an schönen Abenden, wenn das Meer wie eine endlose Wüste, oder, poetisches, wie eine blaue Krystallblume, deren Mittelpunkt und Herzblatt die grüne Insel, vor mir lag und von dem Conversationsgarten des Unterlandes die böhmische Capelle ihre lieblichen Weisen ertönen ließ! Wie klang das so bezaubernd über die Wellen, während am fernen Horizonte auf der großen Straße von Deutschland nach England die Segel wie weiße Schwäne, im Golde der Abendsonne, still dahinzogen!

Ueberhaupt hatte ich während meines Aufenthaltes keine Gelegenheit verabsäumt, die Naturschönheiten und Merkwürdigkeiten des interessanten kleinen Insellandes kennen zu lernen. Wie oft hatte ich am alten Feuerthurme gesessen und hinausgeschaut über das brandende Meer, wenn im ewigen Sichneugebären die graugrünen Wasserberge mit ihren Schneekronen daherkamen, ihre tausendjährige Wuth an dem kleinen Felseneilande auszulassen, und ihr zorniger Schaum hochaufgeworfen ward an den zerklüfteten Wänden der Ostseite! Und wieder welch ein Frieden, wenn ich auf der Bank am Südcap saß und die Sonne begraben ward, golden und schön im blauen Meer – wenn dann der Mond hervorlauschte, erst verschwimmend und bleich, aber allmählich siegessichrer hervortrat und in Silberpracht und Sabbathstille seine kühlen Strahlen sandte über das weite nächtliche Meer – wie dann die weiße Düne wie eine Geisterinsel herüberschimmerte in magischem Lichte!

All diese erhabenen und prachtvollen Bilder waren vorübergezogen und hatten einen unverlöschlichen Eindruck in meiner Seele zurückgelassen, und nur das Eine, wie oft ich während meines Aufenthalts davon hatte erzählen hören, sollte mir vorenthalten bleiben. Es war das – Leuchten des Meeres.

Ich hatte die Farbenpracht des Meeres in all ihren zahlreichen Schattirungen zu beobachten Gelegenheit gehabt, vom graugrünen Malachit bis zum prachtvollsten Smaragd, vom tiefsten Amethyst bis zum holdesten Himmelblau, – aber das Meer aufleuchten zu sehen in nächtlicher Stunde, diese Sehnsucht war immer unerfüllt geblieben.

Wie oft war ich, von Helgolander Schiffern veranlaßt, in einem Boote zu nächtlicher Stunde hinausgefahren! Sobald nämlich der verdienstlustige Helgolander auch nur die entfernte Hoffnung hat, daß Meerleuchten eintreten könne, ladet er den fremden Besucher der Insel gern zu einer Wasserpartie ein für Billiges. Meine Erwartung bei diesen Fahrten war aber auch hinter den bescheidensten Wünschen zurückgeblieben. Höchstens, daß hier und da einmal ein vereinzelter heller Tropfen sichtbar wurde, sobald das Ruder die Wellen berührte.

So saß ich eines Abends bei einem Fläschchen Pale Ale in der freundlichen Restauration zum „Fremdenwillkommen“ und studirte die Hamburger Börsenhalle, als plötzlich ein Bremer Freund hastig und mit den Worten „prächtiges Meeresleuchten!“ in’s Zimmer trat. Wie durch einen Zauberruf freudig aufgeschreckt, sprang ich empor, und wir eilten nach dem Strande. Zahlreiche Gruppen hatten sich hier bereits eingefunden.

Es war die weichste, wohligste Augustnacht des ganzen Sommers; eine wahrhaft italische Milde ruhte über Land und Meer. Der Himmel strahlte in reicher Sternenpracht, und von Deutschland herauf zog ein Gewitter mit beständigem Wetterleuchten. Im Hintergrunde lag Helgoland mit seinen erleuchteten Hotels des Oberlandes. Der „rothe Felsen“, wie dies Inselland von den Eingeborenen genannt wird, wurde fast ununterbrochen vom Blitze erhellt; und damit die Kunst hinter der Natur nicht zurückbleibe, ließen ein paar Engländer auf dem Südcap zur Rechten Raketen und buntfarbige Leuchtkugeln steigen, untermischt mit bengalischen Flammen, welche die nächste Umgebung magisch beleuchteten.

Ununterbrochen stießen Boote mit heitern Gesellschaften vom Ufer und andere kamen an. Doch was war das?! Welche nie erlebte prächtige Erscheinung?! Jede Welle, sobald sie dem Ufer nahte, verklärte sich zu einem Silbergürtel, der sich wie ein kostbarer Brillantschmuck an das Ufer legte, wo er einige Secunden glänzend aufleuchtete und dann erlosch. Es war wie Zauberei.

Ich hielt anfangs den Brillantschmuck für optische Täuschung; doch so wie ich mich bückte und darnach faßte, behielt ich die ganze Hand voll Silber und silberne Tropfen fielen glänzend zur Erde.

Dieses ebenso ungewohnte wie reizende Schauspiel gab bald Veranlassung zu den interessantesten Scherzen. Herren und Damen bewarfen sich verschwenderisch mit flüssigem Silber und Brillanten, die eine Zeitlang an den Kleidern fortleuchteten. Mein Bremer [314] Freund ging in seiner Ekstase so weit, einmal den ganzen Arm in’s Wasser zu halten, und zog ihn vollkommen übersilbert zurück. Damen befeuchteten ihre Taschentücher und schmückten sie so mit den kostbarsten Diamanten.

Plötzlich eröffnete sich eins der originellsten Wasserfeuerwerke und zwar im vollsten Sinne dieses Wortes. Eine Anzahl Herren hatten sich kleine flache Steine, wie deren das Meer zu Tausenden am Strande ausgeworfen, zusammengesucht und ließen dieselben geschickt über das Wasser tanzen, wo dann ein jeder eine lange brillante Rakete in die dunkle Fluth riß. Bewegte man den Spazierstock in den Wellen hin und wider, so schlug rings das klarste Silber empor. Noch prächtiger nahm sich dieses Experiment mit einem Baumzweige aus, wo ganze Silberflächen hervorgezaubert wurden. Warf man endlich eine Hand voll trockenen Sandes über die Fluth, so entzündete sich das Meer in weitem Kreise, weil jedes Sandkorn sein Wellchen hervorrief, das da leuchtete.

Endlich war es auch mir und meinem Freunde gelungen, ein Boot zu acquiriren und eine Strecke in die See hinauszufahren. Es war wie ein Märchen aus tausend und einer Nacht. Bei jedem Ruderschlage rauschten die Silbermassen aus dunkler Tiefe empor. Viele der am Strande Anwesenden, die sich noch immer nicht zur Ruhe zurückzogen, obgleich Mitternacht vorbei war, füllten sich Glasflaschen mit Wasser, das auch noch lange nachher fortleuchtete.“

Der Maler schwieg, und die Schwestern erkundigten sich jetzt bei dem gelehrten Bruder nach der Ursache dieser ebenso seltenen wie interessanten Naturerscheinung.

„Das Meerleuchten,“ erklärte dieser, „hat den wissenschaftlichen Forschern seit Jahrhunderten viel Kopfzerbrechen verursacht. Bald sollte es das Ausströmen elektrischen Lichtes sein, bald vom Brechen der Mondesstrahlen herrühren; der zahlreichen anderen, oft sehr absurden Hypothesen nicht zu gedenken. Erst der neuesten Wissenschaft blieb es vorbehalten, diese Frage gründlich zu lösen und als unumstößlich für alle Zeiten hinzustellen. Die sorgfältigsten und gewissenhaftesten Untersuchungen haben nämlich unwiderleglich nachgewiesen, daß diese Erscheinung ihr Dasein zahlreichen Leuchtthierchen verdankt. Das Meerleuchten findet, je nach den äußeren Ursachen und Wärmeverhältnissen, in der erhöhten Lebensthätigkeit dieser Thierlein seinen Ursprung. Bei kühler Temperatur der Luft und des Wassers sinkt diese Lebensthätigkeit, und vom Meerleuchten ist da keine Rede. Daher denn auch diese Erscheinung in den kältern Meeren bei weitem nicht diese Intensivität erreicht und darum auch weit seltener sich zeigt als in den südlichen Oceanen, wo sie ihre höchste Pracht entfallet. Reisende aus jenen Meeren können diese Pracht nicht begeistert genug schildern. Die dahin segelnden Schiffe ziehen breite Lichtstraßen hinter sich. Die Thun- und Haifische erkennt man in einer Tiefe von fünfzehn Fuß. Delphine bewirken durch ihre Schlangenlinien und durch das Schlagen ihrer Flossen ein ununterbrochenes Feuerwerk. Fliegende Fische gewähren den Anblick des prächtigsten Feuerregens. Ja, es hat Fälle gegeben, namentlich in der Gegend vom Cap der guten Hoffnung und dem Aequator, daß das Meer über und über zu brennen schien. Jede Welle trug eine leuchtende Krone, Leuchtkugeln stiegen auf und nieder, und die Fische schossen wie Blitze durch die Tiefe. Trotz des rabenschwarz bedeckten Himmels war es so hell, daß man die Fliegen auf den bleichen Segeltüchern deutlich erkennen konnte und am Cajütenfenster selbst kleine Schrift zu lesen vermochte. Außerordentlich imposant wird das Phänomen, sobald plötzlicher Platzregen eintritt, wo sich dann das ganze nächtliche Meer in eine kochende Feuergluth verwandelt.

Von diesen merkwürdigen Leuchtthierchen giebt es die unterschiedlichsten Arten, theils mikroskopisch, theils dem unbewaffneten Auge sichtbar. In den südlichen Meeren spielen darunter die sogenannten Feuerwalzen oder Pyrosamen, sechs bis sieben Zoll lange walzenförmige Thiere, die Hauptrolle, während die Nordsee hauptsächlich durch die sogenannten Leuchtbläschen versilbert wird, Thierchen, von welchen ein einziger Wassertropfen eine große Anzahl enthält. Dies sind,“ schloß der junge Gelehrte seinen Vertrag, „die wissenschaftlich festgestellten Ursachen des Meerleuchtens.“

Es war dunkel geworden. Man brach auf nach dem Conversationsgarten, wo Concert angekündigt war. Der Maler, noch trunken in der Erinnerung, sagte: „Ich verdanke der Mutter Statur und ihrer Pracht und Herrlichkeit manche hochgenußreiche Stunde, doch die unvergeßlichsten Augenblicke bleiben mir doch, als die Alpen glühten am Spätabend und das Meer brillanten aufleuchtete in stiller Mitternacht.“



  1. So heißen im oberbairischen Volksmunde, nach ihrer Gestalt, die Alpenveilchen (cyclamen europaeum).