An die Liebe

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Autor: Friedrich Werthing
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Titel: An die Liebe
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aus: Neue Thalia – Zweiter Band, Viertes Stück, S. 3–13
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: G. J. Göschen’sche Verlagsbuchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
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[3]
1.
An die Liebe.


Von dir, o Liebe, will ich singen!
zwar deinen Reizen, deiner Macht,
sind schon so viele Millionen
elender Verse dargebracht;

5
es dürfte also schwerlich lohnen

stolze, dir noch ein neues Lied
voll deines Lobes darzubringen,
zumal vor Aerger leicht die Wange glüht,
wenn man sich selbst ein wenig fühlet,

10
und sich ganz leis’ erinnert, wie

du oft den Dichtern mitgespielet.
So mancher hat umsonst nach dir gerungen,

[4]

und heiser sich, und arm dabey, gesungen;
denn, Eigensinnige, mit bitterm Hohn

15
sahst du demüthig ihn, um deinen Thorn,

die Rosenlippen seines Mädchens schleichen,
und immer mußte er zurück
vor einem jungen Gecken weichen!
Kein süßes Lächeln, ach! kein Blick

20
kein Druck der Hand, kein seeliges Umarmen

ward ihm von dir gegönnt,
und fern von Mitleid und Erbarmen,
das keine Göttinn deines Schlages kennt,
sahst du an seinen nassen Wangen,

25
an seinen Augen voll Verlangen

nur deine Freude; und wenn ja einmal
ein Kuß des Dichters Mund beglückte,
so wars im Schlaf, wenn aller Qual
der gute Mohngott ihn entrükte.

30
Du treibst den Spaß zu weit; es wird

sich keiner mehr um dich bekümmern,
wenn anders die Vernunft sich nicht bey ihm verirrt,
und er für ächtes Gold, das leere Schimmer
mit dem du prahlst, auf Treu und Glauben nimmt,

[5]
35
und seiner Meinung nach in Freudenmeeren schwimmt,

die unser einer besser kennet,
und sie geradezu ein Meer von Raserey,
und schwärmender Empfindeley
nach alter deutscher Sitte, nennet.

40
     Und dennoch will ich von dir singen;

ich kümmre mich um deine Schlingen,
um deine Freuden, deine Küsse,
und deine überirdisch süsse
Umarmungen nicht einen Pfifferling.

45
Ein solcher Feind ist dir wohl noch nicht vorgekommen,

der deine Macht für so gering,
und alle deine Kunst für puren Tand genommen!
Ja, liebe Liebe, sieh’, es giebt der Dinge viel,
wovon auch du dir wohl nichts träumen lässest:

50
und viele, die du gern bey deinem Narrenspiel

und deinen Tändeleyn vergässest.

[6]

Denn, daß du Ehre hast, das glaub’ ich immer noch;
du prahlst zum wenigsten so oft mit Ehre;
mich sähst du gerne iezt beym heiligen St. Roch,

55
damit er mir das Sprechen nur verwehre:

allein, das hilft dir nichts; die Heiligen im Himmel
bekümmern sich wohl nicht um deine Kindereyn;
die Sorge hast du selbst, dich hier aus dem Getümmel,
so gut es angeht, zu befreyn.

60
     Indessen soll’s dir doch bey mir so schwer nicht werden;

ich geb’ es zu, das größte Glück auf Erden
ist deiner Freuden himmlischer Genuß;
ist ach! ein seelenvoller Kuß,
sind jugendliche schöne Wangen,

65
an denen Wollustthränen hangen;

ist der Umarmung lang’ erharrter Augenblick,
um den selbst eine Heilige zurück
gern aus dem Paradiese käme,
und was ihr dort kein heiliger Johann,

70
kein Franz, kein Anton geben kann,
[7]

sehr gern von unser einem nähme;
sind jene seligen Minuten,
die gleich des Baches stillen Fluten
zu schnell enteilen, wo dem Blick

75
ringsum die weite Schöpfung schwindet,

und unser Herz des Lebens einzig Glück
am Busen der Geliebten findet. –
Das alles ist, ich geb’ es zu, Frau Liebe,
recht trefflich gut, und wunderschön;

80
allein, den möchte ich doch sehn,

der so, wie du’s verlangst, mit immer gleichem Triebe
unausgesezt in einem Taumel bliebe!

     Mit Weisheit und Vernunft genießen;
zuweilen nur, nicht immer küssen;

85
vor keinem schönen Busen fliehn,

und auf der weiten Frühlingsaue
die Blümchen, die im Morgenthaue
so reizend, wie die Unschuld blühn,
in übersüßen Augenblicken,

90
im Freudentaumel, und dennoch bedachtsam, pflücken; –
[8]

wär dies dein schön Gebot, dann sollte weit und breit
als Mutter weiser Fröhlichkeit,
auf festlichem Altar dein holder Nahme glänzen!
dann sollten, glaub mirs, sicherlich

95
mit ihren schönsten Blumen dich

die holden Charitinnen kränzen;
ich selber würd’ in einem Myrthenhain
dir einen Marmoraltar weihn,
und wenns dir anders so gefliele,

100
dein erster Opferpriester seyn.

Dann sollten dir geweihte Spiele
die schönsten Mädchen meiner Flur
um deinen Altar sammeln; Lieder,
so schön, wie sie die Sänger der Natur

105
je sangen, tönten dann in deinem Haine wieder;

und warlich würd’ von deinen Festen allen,
dir keines, so wie dies, gefallen.

     Indessen hab’ ich keine Flur,
geschmükt mit Florens schönsten Zierden,

110
auf der die Sänger der Natur,

mir zu gefallen singen würden;

[9]

ich habe keinen Myrthenhain,
um dir in seinen dunkeln Schatten
den göttlichen Altar zu weihn,

115
und dir des Dankes Pflicht als Priester abzustatten.

Auch hat’s damit nicht Noth; du bist
des Aufwands, der nichts kosten würde,
der Mühe, die des Oberpriesters Bürde
mir doch wohl machen könnte, bist

120
des allen noch nicht werth, so lange

du deinem gränzenlosen Hange
zur obgedachten Kinderey gehorchst,
und nur ihn zu befriedgen sorgst.

     Was kömmt dabey heraus? man wird

125
am End’ verrückt, bey dieser Art zu lieben;

anstatt des Nachts zu schlafen, irrt
man bas geqält von ungereimten Trieben
im Mondenschein herum, und spricht
von Sturm und Drang, von Wonne, Glut und Beben;

130
man will im reinen Strom der Himmelswollust schweben,

und haßt, der Eule gleich, das Licht.

[10]

Auch unsre Mädchen, ehmals sanft und gut,
was sind sie jetzt? – um ihnen zu gefallen
muß man aufs Knie gestützt, im Mondschein Verse lallen,

135
und nur von inrer Qual, von Tod und Dolch, und Blut

mit ihnen sprechen, auch zuweilen,
als wollt man würklich in dem nächsten Teich
sich von den bittern Qualen heilen,
davon mit schnellen Schritten eilen.

140
     So sonderbar regierst du jezt dein Reich!

was brachte dich zu diesen närrischen Caprizen?
warum soll ich nicht ungequält genießen!
und so, wie einst in jener goldnen Zeit
der Alzibiades und der Timandern

145
von Scherz und wahrer Fröhlichkeit

umflattert, nicht durchs Leben wandern?
warum nicht Lydiens Busen schön,
Glycerens Wange reizend finden?
warum mit Thränen nur der Liebe Kuß erflehn?

150
und mich auf immerfort in Chloens Armen binden?
[11]

      Und dennoch nehm’ ich die Beschuldigung zurück,
wenn du im Stande bist, mir bald ein Weib zu zeigen
vor deren mächtgen Zauberblick
Spott und Verachtung plözlich schweigen;

155
ein Weib, so reizend, wie du einst

dem Meer, der Göttinnen allmächtigste, entstiegest,
die so, wie du in dir Reiz, Schönheit, Macht vereinst,
die so, wie du die Herzen schnell besiegest,
die gleich besiegt, die gleich vollkommen ist;

160
der Paris auch den Preis gegeben hätte,

der zu gefallen, ich für meines Lebens Frist
sehr gern des ewigen Dienstes Kette
ertragen würde; die, was Lyden schön,
was Chloen reizend macht; wonach die Künstler spähn,

165
in sich allein vereiniget; die Lieder,

wie sie Petrarca seiner Laura sang, verdient;
aus deren Augen, gleich dem Blüthenregen, nieder
Entzückung träufelt; der die Wiese schöner grünt,
der Himmel reiner lacht, die Weste leiser spielen,

[12]
170
die Nachtigall in sanftem Tone singt;

und alles, was da lebt, und alles, was zu fühlen
im Stande ist, nur ihr der Schönheit Opfer bringt.
     O, zeige mir dies Weib! wo lebt sie? wo beglücket
die Welt ihr Daseyn! ach! wo horcht ihr die Natur!

175
und wollte sie, dort, wo auf heißer Flur

den müden Wanderer kein Schattenbaum erquicket,
und seinen troknen Mund, kein Tropfen Wasser nezt;
und wohnte sie da, wo mit ewgem Eise
ein kurzer Frühling kämpft; wo nichts das Aug’ ergözt:

180
ihr zu gefallen, müßt’ aus dem gewohnten Gleise

die Sonne treten, und der öde Fichtenwald
in einen Myrthenhain sich wandeln; ja es würde
Sibirien selbst, noch jezt des Kummers Aufenthalt,
alsdann der Erde schönste Zierde.

185
     Zeigst du mir dieses Weib, dann hör’ ich auf zu schmählen;

und stelle mich in deiner Jünger Reihn.

[13]

die hoch entzükt es aller Welt erzählen,
daß sie im stillen Mondenschein
sich nahe blind geweint; daß sie von Seufzern leben,

190
und gerne für der Schönen Busenband,

für einen Druk der sanften Hand,
den Reichthum eines Crösus geben.
Ganz kurz, ich werd’ ein Narr! – trag ihre Silhouette
auf meiner Dose, tröste mich

195
mit einem Kuß darauf, und weine in die Wette

mit allen Thoren männiglich.

     Doch find’ ich nicht dies Weib, dann ists um dich gethan;
dann soll den Streit mit dir, mir keine Phyllis schlichten;
ich folge meinem alten Hange,

200
verlache deine Macht, und fange,

wo ichs gelassen, wieder an;
wonach du also dich zu richten. –

F. Werthing.