An einen alten Lehrer (Kraus)

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Autor: Karl Kraus
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Titel: An einen alten Lehrer
Untertitel:
aus: Ausgewählte Gedichte, S. 34-36
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1920
Verlag: Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff)
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Erscheinungsort: München
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Quelle: Scan auf Commons
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[34]

An einen alten Lehrer
(Henricus Stephanus Sedlmayer)


Da neulich sah ich wie in der Jugendzeit
Dich weißen Hauptes, irgendwohin den Blick
     Gerichtet nach einer Vokabel,
          Welche ein Schüler verloren hatte.

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[35] Ein andrer mußte, nicht auf den Ruf gefaßt,

Eh er sich fassen konnte, sie fassen schon,
     Und war auch er es nicht imstande,
          Nanntest du es eine Seelenroheit.

Von strenger Milde war dieser Unterricht.

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Du guter Lehrer hattest den Schüler gern.

     Doch näher deinem reinen Herzen
          Lag wohl das Wohl eines armen Wortes.

Latein und Deutsch: du hast sie mir beigebracht.
Doch dank ich Deutsch dir, weil ich Latein gelernt.

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     Wie wurde deutsch mir, als ich deinen

          Lieben Ovidius lesen konnte!

Denn jenes wahrlich machte mir Schwierigkeit.
Mir fehlten Worte, und es gelang mir nicht,
     Den Frühling, den ich erst erlebte,

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          In einem Aufsatz auch zu beschreiben.


Ovid ja selber hätte es nicht vermocht,
Und Goethe länger als eine Stund gebraucht –
     Wie sollte es ein Schulbub treffen,
          Wenn er nicht grade ein Journalist war?

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Du guter Lehrer wußtest das nur zu gut.

Du übtest Nachsicht und weil ich in Latein
     Doch vorzüglich bestanden hatte,
          Gabst du in Deutsch mir nicht nichtgenügend.

[36] So kam ich durch und besserte später mich,

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Weil ich es fühlte, daß ich dir schuldig war,

     Im deutschen Aufsatz nach der Schule
          Deinen Erwartungen zu entsprechen.

Hätt’ ich schon damals gleich zwischen acht und neun
So Deutsch geschrieben, wie zwischen zehn und elf

35
     Latein ich las, wär’ diese Ode

          Diese horazische nicht entstanden.

Nimm diese Fleißaufgabe als Jugendgruß.
Denn du stehst milde heute wie einst vor mir.
     In Bild und Wort bist du mir nahe,

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          Als ob ich heute noch vor dir säße.


Ich sehe dich, wie du mit der feinen Hand
Die Stirn dir streichst, die sorgende, als ob du
     Ein krankes Wort betreuen müßtest —
          Heilige Pflicht vor profanen Zeugen.

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Schneeweiß wie damals, neigend den Kopf, doch hoch

Den Sinn wie damals, traf ich dich auf dem Weg
     Zur Schule neulich und es war mir,
          Daß ich mit dir in die Schule ginge.

Wohin verlor sich, sag mir, dein Altersblick,

50
Mir unverloren? Lehrest du immer noch

     Verlorner Gegenwart die Sprache?
          Folg mir und lasse die Klasse fallen!