Angstvolle Minuten

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Textdaten
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Autor: C. B.
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Titel: Angstvolle Minuten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 832
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[832] Angstvolle Minuten. Ein selbsterlebtes Eisenbahnabenteuer. Die Nacht hat ihre dunklen Fittige über die Erde gebreitet; kein Sternlein blinkt am Himmelszelte. In die undurchdringliche Finsterniß stürmt der Courierzug donnernd und polternd hinaus.

Ich stehe in einem Coupé des Eisenbahnpostwagens und bin eifrig beschäftigt, die verschiedenen Briefe, welche von der vorhergehenden Station in reichlicher Menge eingegangen waren, zu sortiren und in die bestimmten Fächer zu legen. Ich bin dabei in meine Arbeit so vertieft, daß ich nur dieser meine ganze Aufmerksamkeit widme und mich wenig um das Rollen und Poltern der Eisenbahnräder da draußen kümmere, ist es mir doch ein altgewohntes Geräusch. Hier und da mache ich eine flüchtige Notiz, und wenn die Schwankungen des Wagens nicht immer ein ruhiges Schreiben am Arbeitstische gestatten wollen, benutze ich ein eigens dazu hergestelltes Brettchen, welches ich mit dem darauf gelegten Schriftstücke mit der linken Hand halte, während ich mit der rechten die Feder oder den Blaustift führe. Plötzlich öffnet sich die Thür des Packraumes, in der sich mein alter Postschaffner aufhält. Das Knarren der Thür läßt mich aufblicken; verwundert sehe ich dem Alten in's Gesicht, der mit einer ganz ungewohnten, respectwidrigen Behendigkeit mit den Worten auf mich zustürmt: „Merken Sie denn gar nichts, Herr Secretär? Im Packraume da hinten ist der Teufel los. Schachteln und Kisten werden lebendig; habe ich ein Packet mit Mühe aufgestapelt, so fällt ein zweites schon wieder herunter. Hah! nun wird es auch hier lebendig. Sehen Sie nicht, wie das Repositorium wankt und wackelt?“

Während ich noch meinem braven Alten die Furcht ausreden und ihn mit der schlechten Lage der Strecke vertrösten will, kracht es bereits unter dem Fußboden; ein Loch wird sichtbar, und kleine Splitter fliegen in die Höhe. Das ist mir denn doch zu arg. Rasch eile ich an das Fenster, um dasselbe herunterzulassen, doch – habe ich in der Aufregung nicht die richtige Oese gefaßt? – ich vermag dasselbe nicht zu öffnen. Ich greife und taste noch einmal, erfasse endlich den richtigen Ring, und mit einem heftigen Rucke rasselt das Fenster hernieder. Ich beuge den Oberkörper hinaus; eisige Luft umfängt mich; Staub und kleine glühende Funken, welche die Maschine auswirft, trüben die Sehkraft meiner Augen, doch trotz aller Widerwärtigkeiten will ich die Zugleine ergreifen, um durch einen Zug an derselben den Locomotivführer auf unsere gefahrvolle Lage aufmerksam zu machen. Was ist das? Ich greife und taste, greife wieder und erfasse nichts als die kalte Luft; ein Dämon scheint in diesem kritischen Augenblicke die Zugleine entführt zu haben. Immer unerträglicher werden die Schwankungen des Wagens. Bald beugt er sich nach vorn bald zur Seite; er ächzt und stöhnt in allen Fugen, springt und hüpft wie ein leichtfüßiges Reh.

„Reichen Sie mir,“ rief ich dem Packschaffner zu, „irgend einen langen Gegenstand her! Ich will versuchen, mich in dem Nachbarwagen bemerklich zu machen.“ Bange Secunden vergehen. Der Alte wankt taumelnden Schrittes in den Packraum, entdeckt glücklicher Weise eine Stange und reicht mir dieselbe zu. Noch weiter beuge ich mich zum Fenster hinaus, taste und fühle, erreiche die nächste Fensterscheibe und zertrümmere dieselbe mit einem kräftigen Schlage, wie ihn nur die Angst führen kann. Die Gefahr, in der wir schweben, vergrößert sich. Packete und Geldfässer rollen in einem bunten Chaos durcheinander; es pfeift und stöhnt, als ob sich zwei harte Gegenstände an einander reiben; es rasselt und klappert in allen Ecken. Unaufhörlich stürmt der Zug vorwärts – ist denn gar keine Hülfe möglich? Ich schreie laut hinaus in die dunkle Nacht; ohnmächtig verhallt der Ruf und wird von dem Sturmwinde davongetragen; schon will ich mich resignirt in mein Schicksal ergeben. Da öffnet sich ein Fenster; ein Kopf beugt sich heraus – man hört endlich den angstvollen Ruf und erkennt die Gefahr an den Schwankungen des Wagens. Ein Arm streckt sich zu dem Coupéfenster hinaus und erfaßt die Zugleine schneller und glücklicher als ich; ein kräftiger Ruck und ein laut tönender Schall aus der Dampfpfeife giebt mir Gewißheit, daß wir gehört wurden.

Drei schnell hinter einander folgende Töne – mir klangen dieselben wie Engelsmusik – erschallen; die Räder knarren und ächzen unter den fest angezogenen Bremsklötzen; der Zug fährt immer langsamer – noch eine Secunde, und wir sind gerettet.

Mehr todt als lebendig springe ich, ehe der Zug ganz still steht, aus dem Wagen heraus, falle hin, erhebe mich wieder und eile spornstreichs aus dem Bereiche der Gefahr, wie auch der Alte, dem die Angst Flügel verliehen zu haben schien. Schritte kommen näher; Lichter tauchen auf. Ich fühle eine Hand auf meiner Schulter ruhen und höre die Worte: „Na, mein lieber Secretär, es war die höchste Zeit, daß Sie uns zu Hülfe riefen; nur noch wenige Secunden, und der alte Wagen wäre zertrümmert worden. Ein verdammter Radreifen ist gesprungen und hat sich unter das Wagengestell festgeklemmt; noch einige Umdrehungen dann wäre Ihnen nebst Ihrem Alten nicht mehr zu helfen gewesen.“ Wie Himmelsbotschaft hörten sich die rauh ausgestoßenen Worte des Locomotivführers an, welcher noch immer kopfschüttelnd um den Wagen ging und sich den Sprung und die festgeklemmte Lage des Reifens betrachtete. – Die Zugleine wurde auf dem Dach des Postwagens zerrissen vorgefunden; nur durch ein Wunder waren wir dem sicheren Tode entgangen.
C. B.