Anmerkungen über die Anthologie der Griechen, besonders über das Griechische Epigramm

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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Anmerkungen über die Anthologie der Griechen, besonders über das Griechische Epigramm
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aus: Zerstreute Blätter, Erste Sammlung
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Erscheinungsdatum: 1785
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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[99]

II.

Anmerkungen

über

die Anthologie der Griechen,

besonders

über das griechische Epigramm.

––––––––

[101] Beinah sollte man sagen, daß die griechische Blumenlese das Schicksal natürlicher Blumen gehabt habe: sie blühen, sie werden gesammlet und verwelken im Kranz. Könnte man nur auch hinzusetzen, daß so wie die unerschöpfliche Erde statt der verwelkten einen neuen Frühling blühender Kinder gebiert, auch die Hora der griechischen Sprache so freygebig gewesen wäre; fast aber ist nach dem Lauf des Schicksals auf unsrer Erde das Letzte unmöglich. Jede Sprache der gebildeten Völker genoß nur Einmal ihre schöne Zeit; war diese vorbey, so konnte zwar das Treibhaus ersetzen wollen, was die Natur erst gutwillig gab: immer aber waren diese spätern Kinder der Mühe [102] auch vom höhern Alter ihrer Mutter Zeuge. Sie standen nur da, um die kräftigere und blühendere Schönheit ihrer frühern Geschwister entweder zu erheben – oder zu verdrängen; nachdem es das Schicksal wollte. Beydes ist der Fall der griechischen Anthologie gewesen und so ist aus dem Blumengarten der alten Welt mit der Zeit ein wilder, überschwemmter Boden worden, auf dem das Beste neben dem Schlechtesten blühet.

     Es ist Zeit, mein langes Bild zu enden und es in Geschichte zu verwandeln.

     Anderthalb hundert Jahr vor Christi Geburt sammlete ein Asiatischer Grieche, Meleager von Tyrus einen Kranz von Blumen d. i. von den niedlichsten kleinen Gedichten seiner Sprache. Daß er ihn mit Wahl gesammlet habe, zeigen theils die Namen der Dichter und Dichterinnen, aus denen er zusammenlas, theils der zärtliche und feine Geschmack, der in seinen eignen Gedichten herrschet. Wenn man in der Zuschrift seines Blumenkranzes an seinen Freund Diokles die vier [103] und vierzig Namen lieset, deren Blüthen er brach, wenn man die Liebhaberey des Sammlers betrachtet, wie er die Art eines Jeden mit einer Blume vergleicht und wie eine Biene umherfliegt, das Süsseste aus allen zu kosten; und nun höret, „dieser Schatz sey nicht mehr da! er sey wahrscheinlich auf immer verlohren, so daß wir eine Reihe von Dichtern nur aus eben diesem Namenverzeichniß kennen; Dichter, die doch neben einer Sappho und Erinna, neben Anakreon, Plato, Alcäus, Simonides, Archilochus, Bacchylides, Theokrit u. a. stehen konnten, deren größter Theil uns abermals nur aus einigen kleinen Bruchstücken bekannt ist“ — nimmt man diese Umstände zusammen und überdenkt, daß nur Einmal Griechen in unsrer Welt lebten; wer wollte nicht der Korona des Meleagers einen bedaurenden Seufzer schenken?

     Hundert und funfzig Jahr nachher fieng Philippus aus Thessalonich an, einen ähnlichen Fleiß auf die Dichter zu wenden, die nach Meleager geblühet hatten. Die Namen einiger derselben, [104] von denen noch Stücke zu uns gekommen, lassen uns abermals den Verlust der andern bedauren; um so mehr, da Meleager und Philippus auch Blumen ungenannter Dichter lasen, und wir also an beiden mehr verlohren haben, als selbst ihr Namenverzeichniß saget. Wahrscheinlich hatten sie Alles aufbehalten, was ihnen an kleinen Gedichten der Aufmerksamkeit eines guten Geschmacks werth schien.

     Aber das Schicksal! Es richtete Anthologie gerade durch Anthologie zu Grunde. In der barbarischen Zeit Justinians lebte Agathias ein dritter Sammler. In sieben Büchern brachte er seine und andrer Dichter Gedichte zusammen, die später als Philippus, folglich seiner Zeit und ihrem Geschmack näher waren; was anders konnte erfolgen, als daß diese schlechtere Sammlung, deren Gegenstände und Vorstellungsart im Kreise des Jahrhunderts lagen, mit der Zeit die bessere ältere Reliquie in Vergessenheit brachte. Beide Sammlungen, Meleagers und Philippus würden vielleicht ganz untergegangen seyn, wenn nicht [105] ein neuer Sammler wenigstens Reste von ihnen gerettet hätte.

     Constantinus Kephalas im zehnten Jahrhundert war dieser vierte Sammler. Er hatte die Arbeiten seiner dreyen Vorgänger noch vor sich und – wählte. Wie er gewählt? wollen wir nicht entscheiden, und ihm Dank wissen, daß er nur Das und So viel gerettet hat, als wir haben. Freylich war Ers, der durch eine Anthologie aus Anthologien am meisten beytrug, diese zu vernichten: denn sein Vorgänger Agathias hatte doch wenigstens die Kränze seiner Vorfahren nicht aufgelöset und geplündert; gnug aber! auch seine Sammlung war uns beynah noch zu fern und kam erst durch den Dienst eines fünften Sammlers, wenigstens einem Theil nach, in unsre Hände.

     Im vierzehnten Jahrhundert nämlich gab Planudes der Anthologie des Kephalas eine neue Gestalt: er ließ aus, er theilte ein, er setzte zwischen, wie es ihm beliebte; und diese Planudische Compilation, die in den Händen der Zeit [106] war, ward die erste, die den Druck erlebte. Ein einziges Exemplar der Anthologie des Kephalas hatte sich in die Heidelbergische Bibliothek gerettet, und fiel glücklicher Weise, noch ehe dieser Schatz nach Rom gieng, dem Salmasius in die Hände. Er nahm davon Abschrift: seine Abschrift vervielfältigte sich: man trug zu ihr allmählich hinzu, was man an einzelnen Stücken sonst entdeckte: man versprach, herauszugeben, man theilte einzelne Epigramme mit; bis endlich der, der es mit der wenigsten Bequemlichkeit thun konnte, am ersten zur That schritt, Reiske. [1] Er gab einige Bücher der übrigen Anthologie des Kephalas heraus, bis sich endlich ein zweyter Meleager gefunden, [2] der aus dem meisten, was [107] uns die Zeit gegönnet, und ihm sein glücklicher Fleiß zusammengebracht hat, einen reichern Kranz binden konnte. Wie Meleager hat er die Stücke wiederum nach Namen und Zeiten geordnet und da er so viel Verdienste um die Ausgabe Griechischer Dichter hat: so möge ihm das Glück auch noch die Handschriften der Anthologie, die in Rom und sonst in Italien liegen, bescheren, bis endlich eine glückliche Hand vielleicht in Konstantinopel oder einem griechischen Kloster die wahre Anthologie Meleagers, Philippus, Agathias finde. Blumen wollen wir dem Reisenden streuen, dem dieß kaum zu hoffende Glück würde!

     Zu meinem Zweck mag es an dieser kurzen Geschichte der Anthologie gnug seyn; lasset uns sehen, was wir an dem, was noch da ist, haben.

     Man ist gewohnt, sich unter der Griechischen Anthologie eine Sammlung von Epigrammen nach französischer Art zu denken, und wundert sich, wenn man die wenigsten Stücke eigentlich von dieser Gattung findet. Die Erwartung selbst aber ist offenbar der Entstehung des [108] Buchs entgegen. Meleager sammlete Blumen, d. i. kleine Gedichte allerley Art; nicht Epigramme allein, noch weniger Epigramme von einer, der witzigen, satyrischen Gattung. Viele Dichter, die er nennet, und die Art, wie er solche charakterisiret, lassen uns daran keinen Zweifel. Wahrscheinlich gieng Philippus auf dieser freyen Bahn fort, da bey den Griechen so wenig, als bey den Lateinern die kleinen Gedichte genau von einander getheilt waren. Epigramme, Idyllen, Sentenzen, Sinnsprüche, zum Theil kleine lyrische Stücke, Elegieen, Fabeln und Mährchen lagen unter oder wenigstens so nahe neben einander, daß man bey einer Blumensammlung zum Vergnügen nicht eben kunstrichterisch unterschied. Fände man also auch in dieser Anthologie nicht, was man in ihr nach einer willkührlich gefaßten Idee allein suchte; vielleicht läßt sich unter alle dem Unrath späterer Zeiten, der in ihr zusammengefegt ist, noch etwas anderes und besseres finden, als man suchte. Und dieß andere Bessere wäre das ursprüngliche, das griechische Epigramm [109] selbst, von dem ich zu sagen wage, daß seine Theorie auch von Lessing noch nicht eigentlich entwickelt seyn dürfte. Lasset uns unsern Weg so ruhig anfangen, als ob in Griechenland alle die schönen und rührenden Inschriften selbst uns zu sich lüden.

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     Sprache ist das Vorrecht des Menschen, und auch das Siegel, mit dem er sogern alles in der Natur bezeichnet. Wir genießen eine Sache nur halb, wenn wir unsern Genuß nicht ausdrücken, und entweder durch Sprache oder Schrift andern mittheilen können. Wenn auch niemand da wäre, der uns lese oder höre; wir sprechen, wir schreiben, gleichsam nur um Besitz von der Sache zu nehmen, und uns unsers Genußes zu vergewissern.

     Ich genieße z. B. einen schönen Baum, eine reizende Gegend; warum spreche ich mit diesem Baum? was zwingt meine Hand, es auch denen, die nicht mit mir sind, zu melden? Der Baum hört mich nicht: den Abwesenden, dem [110] ich den Reiz der Gegend beschreibe, interessirt sie nur sehr von fern; und doch ist in uns die Neigung da, unser Vergnügen zur Sprache zu bringen, und dieß klare Bild andern mitzutheilen. Woher dieser Trieb? und wozu legte ihn die Natur in das Herz des Menschen? Sein Ursprung zeigt seinen Zweck und der Zweck seinen Ursprung. Durch die Worte nämlich gewinnet unsere Empfindung gleichsam Form und Gestalt: unser Gefühl wird durch sie ein helleres Bild; dieß vermehrt und verfeint, ja gewissermaßen es verewigt unser Vergnügen, weil nur durch diese hellere Zeichen eine Ernennung und Reproduction desselben statt findet. Dieß, dünkt mich, sind die Zwecke dieses Triebes für uns selbst; die Zwecke für andere fallen mehr ins Auge. Bald ist es Geselligkeit und Freundschaft, bald die süße Lust des Ruhmes, bald ists die Absicht, durch eine angenehme Idee des andern Weisheit oder Freude zu vermehren — lauter Empfindungen, die sich zuletzt in das sanfte, aber sehr mannichfaltige Gefühl der Sympathie und Philanthropie [111] verliehren. Zween also und zwar den tiefsten und edelsten Trieben im Menschen, der Neigung nämlich seine Ideen zu erhellen und zu erweitern, sodann seine Gedanken und Empfindungen andern mitzutheilen, verdankt wie jede Zuschrift, so auch insonderheit die kürzeste und künstlichste der Zuschriften, das Epigramm sein Daseyn.

     Ich habe mein Beyspiel von einer fröhlichen Empfindung gewählt; bey traurigen Gefühlen wirkt dasselbe Bedürfniß, nur etwa noch reger und stärker. Ein Weinender will seinem Schmerz Luft machen; und so bald er ihn in Worte bringen kann, wird das drückende Weh seines Herzens ihm leichter. Sollte auch niemand seine Seufzer hören, oder seine Klagen lesen; gnug, sie zerrannen in Thränen, sie athmeten in Worte aus: dadurch erhellete, und beruhigte sich die Seele. In Absicht auf andere ist ebenfalls die Neigung des Betrübten, Mitleiden eines gleichgestimmten Herzens zu erregen, stärker, wenigstens wirksamer, als selbst der Trieb der sich mittheilenden [112] Freude und Ruhmbegierde. Die Empfindung des Betrübten, der seine Seufzer mir zuhaucht, weckt menschliche Mitempfindung. Ich gehe einem Grabe vorüber, und nehme Theil an dem Unglücklichen, der diese Grabschrift setzte. Er vertraute sich dabey auch meinem Herzen an, und wie sollte ich mit ihm nicht gern wenigstens die Bürde eines Seufzers theilen?

     Es erhellet von selbst, daß jeder Gegenstand der freudigen oder traurigen Empfindung seine eigne Art des Ausdrucks sowohl nach dem Gefühl des Empfindenden, als dem Standpunkt dessen habe, an den der Ausdruck gelangen soll. Allenthalben wird eine Exposition des Gegenstandes oder des Gefühls erfordert, mit welcher der Empfindende sich oder einen andern zu beruhigen gedenkt; nachdem nun aber der Gegenstand zusammengesetzt oder einfach, seltner oder gemeiner ist, nachdem er mehr den Verstand oder das[WS 1] Herz interessiret, u. f. nach dem allen wird sich die Inschrift richten, die der Seele des Empfindenden ein Bild geben, oder seinem Herzen [113] Luft machen, die dem Geist des andern das Object gegenwärtig, oder es seinem Herzen lebendig machen soll. Und so, dünkt mich, näherten wir uns unvermerkt einer Erklärung des Epigramms so fern es noch ohne alle conventionelle Kunst ist. Es wäre nämlich, psysologisch betrachtet:

     Die Exposition eines Bildes oder einer Empfindung

     über einen einzelnen Gegenstand, der dem Anschauenden interessant war,

     und durch diese Darstellung in Worten auch einem andern, gleichgestimmten oder gleichgesinnten Wesen interessant werden soll.

Ein weiteres wird der Verfolg lehren; wir verfolgen noch unsern Weg unter den griechischen Inschriften.

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     Wenn ein Volk auf der Erde sowohl Gegenstände und Gelegenheiten, als jene schöne Redseligkeit, jene Humanität der Empfindung besaß, [114] die zum Epigramm gehöret: so waren es die Griechen, sie in allem Artigen und Schönen Lieblinge der Musen.

     An Gegenständen und Anlässen zum Epigramm fehlte es keinem Volk weniger als ihnen. Sie genossen ein schönes Klima: sie hatten Verfassungen der Ehre und Freyheit: sie besaßen eine schöne Mythologie und eine Kunst, die sich um alles schlang, die alles verschönte; lauter Stücke, die das Epigramm insonderheit in seiner schlichtsten Gestalt vorzüglich liebet. Es liebt, sage ich, schöne Kunst in allen ihren Arten, eine einnehmende, biegsame Mythologie, die sich um Gegenstände der Natur mit angenehmer Dichtung windet, eine Verfassung der Ehre und Freyheit, ohne welche öffentliche Aufschriften nichts sind oder häßliche Lügen werden, endlich ein Klima, das nicht nur reizende Gegenstände insonderheit in der menschlichen Natur schaft, sondern auch, indem es auf die ganze Lebensart wirkt, jene leichte Empfindung giebt, die sich jedem gegenwärtigen Object durch laute Gedanken gern mittheilet. [115] Ich müßte einen großen Theil der Anthologie ausschreiben, wenn ich diese Stücke mit Exempeln belegen wollte.

     Man sehe ein schönes Kunstbild, sey es Statue, Gemme oder Gemählde: scheint es nicht zu uns zu sprechen und zum Lohn für das Vergnügen, das es uns giebt, eine kleine Exposition dieses Vergnügens, ein Epigramm zu fodern? Wenn ich die Vorstellung des Ganzen in seinen Theilen verfolgt und alle Schönheiten der Theile in die Idee des Ganzen vereinigt habe; welches ist der natürlichste Ausdruck meiner Empfindung, als eine Aufschrift, die dieß schöne auf mich wirkende Ganze auch in Worten darstellt, und etwa zugleich eine kleine Spur der Empfindung nachläßt, wie ich dasselbe genossen habe. Ein schöner Theil der griechischen Anthologie hat also Epigramme auf Kunstwerke,[3] deren viele so [116] ausdrückend, fein und zart sind, daß Künstler und Dichter oft zu wetteifern scheinen. Sie wetteifern nicht; der Dichter geht nur dem Künstler nach, indem er sein Werk entweder mit einem scharfsinnigen Gedanken ins Licht stellet, oder genau mit der Empfindung zu bezeichnen sucht, die der Künstler erregen wollte. Alle Epigrammen auf Statuen der Götter, der Helden, der Dichter, der Weisen gehören zu dieser Art; insonderheit scheint die zarte einfache Vorstellung der Gemme das Epigramm zu lieben. Es ist ein und derselbe Sinn, der diese Kunstwerke und ihre Exposition in Worten hervorbrachte, beyde also auch mit einem Siegel anmuthiger Einfalt bezeichnet. Ohne das schöne Symbol der Jungfrau auf Sophokles Grabe[4] wäre das Gespräch nicht entstanden, das den Ruhm und die Kunst des Dichters so fein lobet, so treflich schildert. [117] Der Jupiter des Phidias, die Bildsäule der Niobe und Venus, die Kuh des Myrons, und so viele andere Kunstwerke, brachten jene zahlreichen Wendungen hervor, mit denen sie in der Anthologie fast bis zum Uebermaaß gelobt sind. Was von der bildenden Kunst gilt, gilt auch von den Grabmälern, den Tempeln und andern Gebäuden der Griechischen Einfalt. Wie viel Epigramme sind allein auf Bäder gemacht! wie oft ist der eine Gedanke von badenden Nymphen und Gratien gekehrt und verändert! Das Lob schöner Tänzer und Tänzerinnen, schöner Flötenspieler und Harfenschläger ist eben so wenig geschonet. Kurz, alle Musen und Gratien der griechischen Kunst schmücken sich mit diesen Blumen, so daß, wer für jene ein Gefühl hat, auch die Niedlichkeiten nicht verschmähen wird, die ihre Hände berührten.

     Ich nannte die griechische Mythologie unter den Materialien des Epigramms und der Inhalt so vieler kleinen Spiele des Witzes bestätigt was ich sage. Sie war kein abstractes oder unveränderliches [118] System, das allen Gattungen der handelnden und malenden Poesie wenig Stof geben könnte; sondern eine Reihe von Volkssagen, die durch Poesie und Kunst jedermann bekannt, mit allen Gegenständen der Natur und Gesellschaft verwebt und jeder neuen Wendung des Künstlers und Dichters fähig waren. Die Orphische Mythologie z. B. ist zu Hymnen vortreflich, in der Epopee und auf dem Theater, im Idyll oder Epigramm wäre sie unerträglich; da hingegen die Homerische, die Dichter- und Künstlerfabel alle schöne Gestalten annimmt, die ihr der Witz oder die Empfindung geben wollten. Was ist aus Amor und den Musen, aus Nymphen und Grazien nicht Alles gemacht worden! und wie nahe lag diese Mythologie dem gemeinen Leben, da beynah jeder Baum, jede Quelle, jede Gegend einem Gott oder einer Göttin verwandt war. Die Sagen von alten Verwandlungen kamen dazu und die Klagen der Piogne, der Philomele, die Stimme der Echo, die grünende Daphne, der flötende Pan ließen sich auch im Epigramm sehen und hören. [119] Dadurch bekam nicht nur jeder sonst todte Gegenstand Stimme und Leben; sondern es war auch die nächste Gelegenheit zu angenehmen Dichtungen gleichsam gegeben. Die alte Fiction dorfte nur fortgesetzt, gewandt, angewandt werden: so ward aus dem alten Mährchen ein neuer Gedanke, ein anmuthiges Lob, eine sich einschmeichelnde Lehre. Ein Volk, das keine alten Sagen hat, oder dem sie nicht gegenwärtig, oder bey dem sie barbarisch und häßlich sind, wird keine dergleichen National-Dichtungen über Gegenstände der Natur, Blumen, Bäume, Spiele, Künste, Geschäfte, in welche alle sich Götter gemischt hatten, haben. Setze man nun noch den regen Aberglauben hinzu, der diese Götter gegenwärtig glaubte und jeden Gott in seinen Beruf zog: dieser alte Hirt hieng seine Flöte dem Pan auf; jener alte Krieger seinen Helm dem Mars oder der Minerva: alle Geschenke, alle Dankopfer foderten wenigstens einige Worte einer erklärenden Zuschrift; abermals eine Menge Stof zu Epigrammen der schönsten Art. Die Anthologie hat viele dieser [120] Gattung: einige sehr simpel; aber in ihrer Simplicität auch noch jetzo reizend. Die Vorstellungen endlich, die man vom Todenreich hatte, welche schauerlich- anschauliche Bilder, welche traurigsüße Empfindungen erregen sie in jenen Grabschriften und Leichencerimonien, mit denen man die Verstorbenen schmückte! Gerade das Dunkle, in welches sich ihr Blick einschloß, trägt zu dem wehmüthigen Gefühl bey, das ihre Todenmahle für jeden sanftfühlenden Menschen umschwebet. Ein hellerer Blick, eine deutlichere Vorstellung vom Zustande nach dem Tode würde offenbar die Dämmerung vertreiben, die uns jetzt mit dem Wohnen im Todenreich oder unter den Sternen so wehe- und wohlthut. –

     Von der Verfassung der Griechen, die auf persönliche Ehre und Freyheit gebauet war, mithin öffentliche Denkmäler und Siegeskränze, mithin auch Loblieder und Aufschriften auf dieselbe erweckte und werth hielt, darf ich nur kurz reden. Wo sind jetzt die Tempel und Bildsäulen unsrer Helden? wo sind die Aufschriften zu ihrem [121] Lobe? Die schönsten Gegenden Griechenlands bezeichneten Altäre der Götter und Heroen; auf den schönsten Höhen unsrer Länder steht das einzige öffentliche Denkmal, darum sich der Geist unsrer Gesetzgebung bekümmert, Galgen und Räder.

     Endlich ein Klima, das allen diesen Gebäuden und Kunstdenkmalen, so wie ihren belehrenden Inschriften Dauer und Raum gab: ein Himmel, der die schönen Menschenbildungen weckte, die in leichten und regen Empfindungen des Tanzes, der Freude, des Witzes und der Gesellschaft lebten. – Doch da komme ich unvermerkt zu meinem andern Stück über.

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     II. Alle äußere Gelegenheiten sind unwirksam, wenn in uns nicht ein Trieb ist, sie zu nutzen und anzuwenden; glücklich, wenn das Aeußere dem Innern aufhilft, und das Innere sich dem Aeußern mittheilet.

[122]      Sowohl alte als neue Schriftsteller haben der leichten Geschwätzigkeit der Griechen erwähnt, die sie bey allen Empfindungen des Leides und der Freude zeigten; und so waren sie eben sowohl in Schrift als in Sprache. Lucian redet von einem, der in die knidische Venus bis zur Verzweiflung verliebt, keine Mauer, keinen Baum vorbey ließ, der nicht mit ihm hätte ausrufen müssen: die schöne Aphrodite. Mehrere Dichter spielen auf die allgemeine Gewohnheit der Liebhaber an, den Namen ihrer Schöne auf Blätter und Bäume zu schreiben, ihre Thür mit Kränzen und Blumen zu schmücken, sie mit Lobliedern und Versen zu beehren. Ein Theil der Anthologie enthält dergleichen süßes Geschwätz der Liebe. Da sind feine Lobsprüche und Schmeicheleyen, Erklärungen und Geschenke in mancherley Gestalt: bald Wendungen aus der Mythologie, bald kleine Umstände aus dem Umgange oder von der Person des Geliebten. [5] Schlaf [123] und Fliege, Licht und Salbe, Kranz und Saitenspiel geben dem verliebten Meleager Anlaß zu Tändeleyen, voll Witz und Empfindung. Der Schmerz der Griechen war eben so geschwätzig, als ihre Liebe und Freude. Konnten sie einen Geliebten der Asche geben, ohne noch im Grabe mit ihm zu sprechen oder ihn sprechen zu lassen, aus dem Grabe? Manches Todendenkmal ist daher eine kleine Elegie, der die Aufschrift nur[6] Kürze, Ründe und endlich den sanften Schluß giebt, den man von Gräbern so gerne mitnimmt. Ihre Vaterlandsliebe und Ruhmsucht war nicht weniger arm an Denkmalen voll dichterischer Sprache. Sollten sie auch die Geschichte verändern – wenn die Veränderung nur ein schönes [124] Bild, eine glückliche Schmeicheley dem Ruhm ihrer Nation gab. Den Körper des Leonidas, z. B. hat Xerxes nie mit seinem Purpurmantel bedeckt; der Geschichtschreiber erzählt uns vielmehr von einer grausamen Behandlung, die der despotische Asiat dem Leichnam seines Feindes bewiesen, was thut das aber dem Dichter?[7] Leonidas ist sein Held und der griechische Stolz wünschte den Persermonarchen auch vom nackten todten Helden mit seiner Anerbietung verschmäht zu sehen. – Aehnliche Züge des dichtenden Nationalruhms zeigen sich nicht nur in Inschriften und auf dem Theater der Griechen, sondern selbst in ihrer Geschichte.

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     Dieser Liebe zu reden, auch auf öffentlichen Denkmälern zu reden, kam nun ihre Sprache so sehr zu statten, daß Musen und Grazien sie gleichsam ausgedacht zu haben scheinen. Ich [125] schweige der einfachen Buchstaben und der sanften Mischung von Vokalen und Consonanten, die auch auf Denkmälern eine Aufschrift so lesbarer macht, als es die Unsre nie werden kann; ich will hier nur vom poetischen Wohlklange derselben zur Inschrift reden. Wie biegsam ist sie zu jedem Bilde, zu jeder Empfindung! wie biegsam insonderheit zu dem schönen Maaß, das sich das Epigramm gewählt hat! Hexameter und Pentameter winden einen Kranz in Worten, wie sie dem Ohr in Sylben einen vollendeten Rundtanz geben. Welche Sprache kann sich solcher Sylbenmaaße rühmen? Selbst die Römische nicht; und in der Deutschen versuche man es, wie manche Mühe die Uebersetzung eines Epigramms, insonderheit in seinem Pentameter koste. Unsre Prosodie starrt von einsylbigen unbestimmten Worten: Hiatus sind in ihr fast unvermeidlich, und wenn der Vers seine Flügel mit fröhlichem Spiel auf- und zuschlagen soll: so schleppt sie sich oft in mühsamen Gange daher, treu dem Himmel, unter dem sie ertönet. Den Griechen hatte die Muse [126] gegeben, mit offenem Munde zu reden; Gesang floß von ihren Lippen: Gesang spricht auch von ihren Steinen. Und wie das Epigramm, so hatte jede Gattung der Gedichte ihr Sylbenmaaß, dem die Nachfolger älterer Dichter gern treu blieben. Die Epopee tönte im prächtigen Hexameter daher: das Theater gieng den Trist des Kothurns[8] auch in Sylbenmaaßen der Gespräche und Chöre: das Lied Anakreons hatte seine liebliche Weise; wer könnte eine schönere zu ihm erfinden? Lehrgedichte und Idyllen sprachen in einem ernsthaften oder sanftern Hexameter: die Elegie weinte in einem süßgebrochenen Fall der Töne und das Epigramm schloß sich an diese, wahrscheinlich weil seine erste und gemeinste Materie traurigen oder zärtlichen Innhalts, Schrift auf Gräbern oder Seufzer der Liebe waren. Indeß auch dem frohesten Inhalt kann sich das Sylbenmaaß des Epigramms anschmiegen: Der Hexameter giebt ihm Aufflug, Fülle und Würde, der sodann der Pentameter zwischen tritt, und sie zu einer sanften Ründe, zu einer vollendenden Kürze umbiegt, [127] oder wie ein Pfeil in die Lüfte versauset. Glückliche Sprache, die so vollkommene, ihr zur Natur gewordne Gedankenformen in sich hat! der wilde Dichter wird von ihnen in Schranken gehalten, und auch der mittelmäßige auf ihren Schwingen gehoben. Die Anthologie ist Zeuge, wie sehr sich die witzigen Griechen an dieser Form übten, wie oft sie Einen und denselben Gedanken mit einer neuen Wendung zu sagen versuchten.

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     Endlich das sanfte Maaß der Menschlichkeit, das dieser wohlgebildeten Nation in ihrem gemäßigten Himmelsstrich zu Theil worden war; es wirkte auf ihre Poesie im Größten und Kleinsten. Die Seele des griechischen Epigramms ist Mitempfindung. Man muß einen Gegenstand genießen, ihn mit Liebe oder Ruhe anschauen, ihn gleichsam mit- und durchempfinden können, damit er in und aus uns rede; auch hierinn, wie in manchen andern, ist die Poesie eine Schwester der griechischen Kunst. Sowohl zur Hervorbringung [128] als zum Genuß beyder ist jene Ruhe, jenes stille Mitgefühl, kurz eine sanftumschriebene heitere Existenz nöthig: denn es ist der unerreichte Vorzug der griechischen Kunst und Dichtkunst, daß beyde gleichsam nur für sich dastehn, und wie die Werke der Natur sich in ihrem Innern genießen. Die Sprache der Kunst, das Epigramm, konnte von keiner andern Art seyn: in seinen schönsten Stücken stehet es eben so bescheiden da, in sich vollendet und glücklich.

     Auch bey der Wahl der Gegenstände zeigt sich dieß sanfte Gefühl der Menschlichkeit, das ein gleiches Mitgefühl fordert. Wie schöne Epigramme hat die Kindes- und Mutterliebe gedichtet! wie zart empfunden ist das Schicksal des Menschen in seinem kurzen und wandelbaren Leben, endlich in seinem Abschiede von allem, was ihn liebte! Selbst wo diese einzelnen Stimmen nur Sentenzen sind, rühren sie durch ihre traurige Wahrheit, wie die Stimme der Nachtigal auf einem Grabe. Allem theilt sich dieß Gefühl der Humanität mit, allem, was den Menschen [129] umgiebt, was ihn erfreuet oder quält, was ihn lehrt, oder was ihm dienet. Der Vogel und der Delphin, die Henne und die Cicada, die Biene und ihre Rose empfangen den Gruß des Epigramms; selbst unbelebte Wesen werden mit Liebe belebet. Für den sanftern Menschen sind also diese kleinen Gedichte eine Schule geselliger Empfindung, und wie manches hätten wir auch sonst in den Besten derselben zu lernen! –

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     Ich würde mir selbst viel zu lange über das griechische Epigramm geschrieben haben, wenn das, was ich sage, nur diese einzige Dichtungsart gölte. Nun aber sind mehrere mit ihr so enge vergeschwistert, daß ich auch über sie noch ein Wort hinzufügen muß, zumal die alte Anthologie sie gemeinschaftlich in ihren Schooß aufnahm.

     Die Griechen hatten zwo Arten kleiner Gedichte, deren eines sie ειδος, das andere ειδυλλιον, Bild und Bildchen nannten: von beyden hat die Planudische Sammlung einige [130] Stücke; die Anthologieen Meleagers und Philippus werden ohne Zweifel mehrere gehabt haben. Vom ersten Namen, sofern er kleine Gedichte gilt, sind die Lieder Anakreons die bekanntesten: sind sie Epigramme oder nicht? und was scheidet beyde Arten?

     Wenn ein kleines angenehmes Gedicht auf einen einzelnen Gegenstand mit einem naiven oder witzigen Ausgang ein Epigramm wäre; welche schönere Sinngedichte gäbe es, als manche Anakreontische Lieder? Ein Theil von ihnen liebt die Antithese und schließt sogar mit ihr: ein anderer enthält Dichtungen mit einem unerwarteten Ausgange; ein dritter giebt sogar eigentliche Gemählde des Bechers, des schwimmenden Stiers, fröhlicher Städte, des Bathylls, der Freundin; und doch fühlt jedermann, daß keins von diesen Stücken ein Epigramm sey, selbst nicht in der naivsten griechischen Weise. Das Sylbenmaaß macht den Unterschied nicht allein; sondern – was denn? der ganz andre Ton des Stücks sowohl in Schilderung des Gegenstandes, als im [131] Gange der Empfindung. Hier ist kein so einfacher Gedanke, keine so simple Darstellung mehr; auch bey den einfachsten ist außer dem fröhlichen, lauten Aufruf offenbar eine mehrere Auflösung der Züge, kurz ein lyrisches Gemälde, das zwar in ein Epigramm verwandelt werden kann, aber selbst kein Epigramm ist.

     Das Idyll der Griechen erscheint bey Bion, Moschus und Theokrit, insonderheit bey den beyden ersten, in einer Vielfachheit, die manchen Gesetzen neuerer Kunstrichter Trotz bietet. Bald ists ein Todtengesang voll heiliger Gebräuche, voll heftiger, trauriger, schmerzlicher Affekten; bald wiederum eine ruhige Empfindung; jetzt ein Seufzer, jetzt ein Gebet, jetzt eine Dichtung mit einem so witzigen Ausgange, daß zum Epigramm ihm nur Sylbenmaas und Kürze zu fehlen scheinen. Indessen ist keins derselben ein Epigramm wie z. B. der pflügende Amor von Moschus es offenbar ist und seyn sollte.

     Auch Fabeln giebts in der Anthologie, die sich in ihr nicht nur der Kürze und des Sylbenmaasses, [132] sondern auch ihrer ans Epigramm grenzenden innern Art wegen erhalten haben: denn wie leicht und bald kann eine Geschichte oder Fabel, die die Ründe und Kürze des Epigramms hat, auch der Gestalt nach ein solches werden! Man darf die Geschichte nur etwa als Inschrift auf den Ort ihrer Begebenheit beziehen und in ihr eine allgemeine Lehre anschaulich machen: so ist die Fabel Epigramm und das Epigramm eine Fabel.

     Die moralischen Sinnsprüche endlich, deren auch in der Anthologie eine reiche Sammlung ist – aber gnug! Der Unterschied dieser kleinen Gattungen und die Theorie des Epigramms selbst erfodert Manches, das dem Leser angenehmer seyn wird, wenn ers mit der fortgesetzten Blumenlese selbst im folgenden Theil beysammen findet.


  1. Antholog. graec. Lips. 1754. Leich hatte die carmina sepulcralia herausgegeben, und die Erotischen Epigramme mußte Reiske in die miscellanen Lips. noua zerstreuen, so daß wir also durch ihn, wiewohl ohne seine Schuld, nichts Vollständiges bekommen konnten.
  2. Brunk Analecta veterum poetar. graecor. T. I—III. Argentor. 1777.
  3. Die schönsten derselben wird der Verfolg liefern, wiewohl auch schon einigen Epigrammen dieses Theiles offenbar Gemählde, Gemmen oder Statuen vorliegen.
  4. S. 95. Die Ausleger haben einen Bacchus statt der Jungfrau dahin gebracht, wodurch die Schönheit des Epigramms verlohren geht, und wovon der Text nichts saget.
  5. Daß ich Strato’s Muse und einen guten Theil der Kephalischen Sammlung unter diesem Lobe nicht begreife, wird jeder mir ohne Erinnerung glauben. Die erste hätte gar nicht dürfen gedruckt werden; und überhaupt ist aus jeder, selbst der Planudischen Anthologie für junge Leute, ja für jeden Verständigen ein Auszug nothwendig. Die Auszüge, die man bisher hat, wenigstens so viel ich deren kenne, sind ohne Geschmak und Wahl, ohne Zweck und Reize.
  6. Vorlage: und
  7. S. 97.
  8. Vorlage: Kothurus

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: as