Auch vom „gütigen Kaiser“

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Textdaten
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Autor: Karoline Pierson
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Titel: Auch vom „gütigen Kaiser“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 499–500
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[499] Auch vom „gütigen Kaiser“. Am 29. Juni d. J. schloß ein Monarch auf immer die Augen, der beinahe siebenundzwanzig Jahre, fern von der großen Welt, in friedlicher Zurückgezogenheit gelebt hat, aber nicht nur von einzelnen Historikern, sondern von dem Volke, dessen Glück ihm am Herzen lag, den Namen „der Gütige“ erhalten hat, und zwar zu einer Zeit, wo er eben zu Gunsten seines jugendlichen Neffen, des Kaisers Franz Joseph, die Krone niedergelegt hatte, also Niemand mehr Orden und Beförderungen von ihm erwarten konnte, da Ferdinand der Fünfte fortan nur als Privatmann leben wollte.

Ich hatte den Kaiser im Jahre 1836 in Prag gesehen, wie er als König von Böhmen gekrönt wurde. Jeder rühmte seine echte Humanität, seine liebenswürdige Artigkeit. Er war kaum mittelgroß zu nennen; sein großes blaues Auge, seine echt habsburgischen Züge gaben ihm einen edlen Ausdruck. Seine Haltung zu Pferde war vortrefflich. Damals wurde der gute Fürst noch nicht von jener den Geist und die Willenskraft niederdrückenden Krankheit gequält, die ihm später vom Schicksale auferlegt worden war. Im Jahre 1842 war ich in Wien mehrmals öffentlich und, wie ich wohl sagen kann, ohne unbescheiden zu sein, mit großem Beifall als Improvisatrice aufgetreten. Die Kaiserinnen und Erzherzoginnen hatten durch ihre Gegenwart meine Matinées verherrlicht, und für den zweiten Osterfeiertag wurde ich für den Abend zu Ihrer Majestät, der Kaiserin Anna Maria, befohlen, um vor ihr und einer zahlreichen Gesellschaft Proben meines Talentes abzulegen. Um acht Uhr wurde ich in einem Hofwagen abgeholt und fand in einem mäßig großen Salon bereits den Musikgrafen, Grafen Amadé, und den Oberstkämmerer Grafen Moritz von Dietrichstein, sowie Fräulein Elise Meerti, den berühmten Violoncellvirtuosen Servais und den damals noch im Knabenalter stehenden, aber schon vielbewunderten Anton Rubinstein. Frau von Cibini, die erste Kammerfrau der Maria Anna, eine ausgezeichnete Pianistin, Tochter des seiner Zeit gefeierten Pianisten Kotzebuh, empfing mich sehr freundlich und flüsterte mir zu: „Die regierende Kaiserin versteht deutsch. Lassen Sie sich nicht durch den Gedanken, daß Ihre Majestät Ihren Worten nicht folgen kann, beirren!“

Graf Dietrichstein sagte mir einige Artigkeiten über meine Novellen und Märchen, und daß ihm Rastrelli’s Oper „Bertha von Bretagne“, die er in Dresden gehört, und wozu ich das Buch geschrieben, sehr gefallen habe. Wenn Jemand von den Herrschaften mir vielleicht den Rath ertheile, aus einer meiner Sagen ein Libretto zu machen, solle ich sogleich bejahen. – Ich war nämlich damals Mitarbeiterin an mehreren Wiener Zeitschriften, die oft von den Damen des Kaiserhauses gelesen wurden, und eine der hohen Damen fand Vergnügen daran, Opernstoffe aufzufinden.

Graf Amadé nöthigte uns jetzt in den anstoßenden Salon, und bald darauf traten die Palastdamen, die zum Hofstaate gehörenden Cavaliere, die Gesandten fremder Höfe, Fürst Metternich nebst Gemahlin, der Fürst-Erzbischof von Wien, die Prinzessin von Wasa mit ihrer schönen Hofdame, einer Enkelin Scharnhorst’s, die Herzogin-Wittwe von Anhalt-Cöthen[1] ein, hierauf mehrere Erzherzöge und Erzherzoginnen, zuletzt Kaiser und Kaiserin und die Kaiserin-Mutter, am Arme des Erzherzog Karl, des Siegers bei Aspern, der ein Jahr später das fünfzigjährige Jubiläum als Theresien-Ritter feierte. Auch das Idol der jugendlichen Damenwelt, Erzherzog Stephan, war anwesend, ebenso zwei Söhne des Erzherzog Karl, nämlich Erzherzog Friedrich, der sich später ebenfalls den Theresien-Orden verdiente und jung starb, sowie Erzherzog Albrecht, der Sieger bei Custozza.

Da der Hof noch Halbtrauer um die junge Erzherzogin Hermine trug – sie war die Zwillingsschwester des Erzherzogs Stephan –, waren alle Damen schwarz gekleidet, aber doch schon wieder mit Edelsteinen und Blumen geschmückt. Uniformen waren wenige zu sehen, aber die Herren hatten natürlich ihre Orden angelegt, und die Gesellschaft, bestrahlt vom Schimmer unzähliger Wachskerzen, bot einen, wenn auch nicht bunten, doch glänzenden Anblick dar.

Die beiden Kaiserinnen hatten auf einem Sopha Platz genommen. Neben der Kaiserin-Mutter saß in einem Fauteuil der Kaiser; ihm zur Rechten ebenfalls im Fauteuil die Erzherzogin Sophie, damals eine majestätische Erscheinung, mit dem Erbtheil der Töchter Max Joseph’s des Ersten begabt, mit sehr schönen, sprechenden Augen. Mehrere Reihen Stühle links von der Kaiserin Anna Maria waren mit Damen und Herren besetzt. Ich hatte zwischen einer jungen Hofdame und Fräulein Meerti einen Platz, von dem aus ich, ohne gegen den Anstand zu verstoßen, die Herrschaften genau betrachten konnte. Das von Herzensgüte strahlende Gesicht des Kaisers, so wie das des alten Helden von Aspern steht noch deutlich vor meinem geistigen Auge.

Die Kaiserin-Mutter, die sich für Literatur und Künste sehr lebhaft interessirt, ließ sich ein Blatt Papier und eine Bleifeder geben, und sagte lächelnd zu mir: „Die Kaiserin wünscht, daß ich den Anfang mache; so will ich Ihnen einige Endreime zu einem Sonette geben. Die Damen mögen meinem Beispiele folgen.“ Hierauf schrieben die Erzherzogin Sophie, die Herzogin von Anhalt-Cöthen und noch einige Damen Endreime, und ich löste meine Aufgabe zur Zufriedenheit der Zuhörer. Eine der Damen – täuscht mich mein Gedächtniß nicht, so war es die Prinzessin von Salerno – sagte, sie möchte wissen, ob ich wie Rosa Taddei, die berühmte italienische Improvisatrice, auch zu denselben Reimen ein Sonett nach gegebenem Thema improvisiren könne.

„Ich will es versuchen,“ flüsterte ich dem Grafen Dietrichstein zu, der sich in meiner Nähe befand.

Der Kaiser rief: „An eine Blume – die Blume wählen Sie selbst.“

Ich gebe nicht viel auf Wortspielereien und habe stets mehr Freude gehabt, wenn ein poetischer oder prägnanter Gedanke die Form beseelte, als wenn ich eben nur wohlklingende Verse improvisirte, aber jenes Sonett – keine leichte Aufgabe – hätte ich gern noch im Gedächtniß.

Während Elise Meerti[2] einige französische Chansons mit schöner Stimme und bezaubernder Grazie vortrug, hatte ich wieder Muße, die anwesenden Berühmtheiten zu betrachten. Erzherzog Karl stand schon im zweiundsiebenzigsten Jahre, hatte aber noch die stramme Haltung eines Kriegers und in seinem Blick etwas Gebieterisches, Durchdringendes. Fürst Metternich war ein schöner Greis, dessen feingeschnittene Züge deutlich verriethen, daß er in seinen jüngeren Jahren ein höchst einnehmender Mann gewesen sein mußte, wenn er – gewollt hatte. Er sprach später sehr freundlich mit mir; auch hörte ich ihn in französischer Sprache viel Verbindliches zu Fräulein Meerti sagen; mir machte er den Eindruck eines nach allen Seiten hin gebildeten, feinen Geistes, aber nicht den eines energischen, gewaltigen Staatsmannes. Ich glaube, daß diejenigen Historiker Recht haben, welche sagen: daß Kaiser Franz der Erste in geistiger Einsicht oft unterschätzt worden sei und nicht selten in wichtigen Angelegenheiten scheinbar habe Metternich walten lassen, um Zeit zu gewinnen eigene Entschlüsse zu fassen, die der Fürst-Staatskanzler als treuer, ergebener Diener seines Herrn ausführte.

Ich bekam später noch von der Herzogin von Anhalt-Cöthen das [500] Thema: Hoffnung und Erinnerung, und vom Kaiser: Die Gedanken Rüdiger Starhemberg’s, als er auf dem Stephansthurme das Herannahen der Hülfstruppen sehnlichst erwartet und endlich die Raketen steigen sieht, die ihr Kommen verkünden. Später spielte Servais, ebenfalls ein Belgier, entzückend auf seinem Instrumente. Mit ihm zugleich war damals Bohrer aus Stuttgart in Wien, und beide Künstler hatten stets volle Häuser. Zu jener Zeit sprach man in der Kaiserstadt noch nicht von Politik; Börsenspiel und Gründungen kannte man nicht, und mit dem größten Ernste, ja sogar mit Erbitterung, stritten sich die Wiener, wer größer sei, Servais oder Bohrer, während die Kenner jedem der großen Virtuosen seine eigenthümlichen Vorzüge gestanden.

Jetzt wurde Anton Rubinstein aufgefordert, sich hören zu lassen. So viel ich mich erinnere, trug er noch die damals übliche Knabentracht, nämlich eine feine Tuchjacke, über welcher ein breiter, weißer Kragen von Jaconnet geschlagen war. Reiche, natürliche Locken schmückten den Kopf des genialen Kunstjüngers, und ein blitzendes Augenpaar belebte die rosigen, kindlichen Züge. „Das Kind ist der Vater des Mannes“, sagt das Sprüchwort. Es ließ sich aus Anton Rubinstein’s schönes Spiel damals anwenden. Der Kaiser, selbst ein guter Pianist, widmete Rubinstein viele Aufmerksamkeit und redete später längere Zeit eingehend über seinen Vortrag.

Jeder der anwesenden Künstler erntete reichen Beifall. Während Erfrischungen herumgereicht wurden, sprachen die Herrschaften mit den Anwesenden. Der Kaiser bediente sich den Ausländern gegenüber der französischen Sprache; zu mir sagte er mit einem Anfluge von Wiener Dialect: „Das könnt’ ich nit, und gefreut hat es mich, daß Sie, als Sie über die Blume sprachen, gerade eine meiner Lieblingsblumen gewählt hatten, den Agapanthus. Lieben Sie die Blumen?“

Ich bejahte; der Kaiser fuhr fort: „Blumen sind auch etwas Schönes, Blumen und Musik.“

„Und Poesie,“ fügte die Kaiserin-Mutter hinzu.

Die Herrschaften sagten noch viel Liebenswürdiges, und gerade der Wiener Dialect ließ jedes Wort sehr gemüthlich klingen.

Bevor ich heimfuhr, sagte Herr Servais zu mir: „Verkaufen Sie mir das Blatt, auf welches Ihnen die Herrschaften Worte geschrieben haben.“ Das that ich aber nicht. Die Grafen Amadé und Dietrichstein unterhielten sich, als wir durch die Vorgemächer gingen, noch mit uns Künstlern. Herr Servais sagte etwas unbedacht: „Ich bin erstaunt über des Kaisers vortreffliches Französisch,“ worauf Graf Dietrichstein entgegnete: „Seine Majestät sprechen ebenso geläufig Italienisch und überhaupt die Sprachen seiner Lande, nur nicht viel Polnisch.“ Oft hörte ich von Personen, die es wissen und beurtheilen konnten, daß Kaiser Ferdinand schöne Kenntnisse in den Naturwissenschaften besitze. Leider kennen selbst die geistvollsten, strebsamsten Aerzte bisjetzt noch kein Mittel gegen die Krankheit, welche im Jahre 1848 eine der Hauptursachen war, weshalb der Kaiser Ferdinand abdankte und sich später immer seltener öffentlich zeigte.

Zum Feldherrn und Gesetzgeber war Ferdinand der Fünfte nicht geboren, aber von dem schönsten Vorrechte des Regenten, von dem, Gnade walten zu lassen, machte er so oft wie möglich Gebrauch. Als vor seiner Thronbesteigung in Preßburg ein Mordversuch auf ihn gemacht wurde, waren des damaligen Kronprinzen erste Worte: „Man verfahre mild mit dem Manne! Es ist mir ja nichts Uebles geschehen.“ Ein hoher Officier sagte mir einst, daß auf ausdrücklichen Wunsch des Kaisers die vierzehnjährige Dienstzeit der Soldaten auf acht Jahre herabgesetzt worden sei, und gewiß werden andere Schriftsteller noch viel von der Herzengüte des Kaisers erzählen, der wie sein Ahnherr Rudolph der Zweite auch Jahre lang das Schloß auf dem Hradschin bewohnte, aber nicht, wie dieser, von Astrologen und Gauklern umgeben und erfüllt von Mißtrauen, sondern an der Seite einer edlen frommen Gemahlin, allen Menschen das Beste gönnend, Wohlthaten spendend bis zum letzten Athemzuge.

Karoline Pierson.
  1. Eine geborene Gräfin von Brandenburg. Sie hatte trotz aller Vorstellungen König Friedrich Wilhelm’s des Dritten den evangelischen Glauben mit dem katholischen vertauscht und lebte seitdem viel in Wien.
  2. Elise Meerti aus Brüssel war eine vortreffliche Sängerin und von Mendelssohn warm empfohlen; sie war auch eine reizende, poetische Erscheinung.