Aus dem Insectenleben

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Karl Chop
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Aus dem Insectenleben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[528] Aus dem Insectenleben. So reich auch die Insectenwelt an Arten und Individuen ist, so entzieht sich doch meist das eigentliche Leben und Treiben dieser Thiere unserer genaueren Beobachtung. Nur bei einigen wenigen in nächster Nähe des Menschen angesiedelten Arten sind die Verhältnisse etwas günstiger, während wir bei der weit überwiegenden Mehrzahl uns begnügen müssen, die erlangten Exemplare der vollkommenen Insecten an Nadeln aufzuspießen und ihre Puppen und Larven in Spiritus aufzubewahren oder sie mit Wachs auszuspritzen. Eben deshalb dürften auch Mittheilungen von ganz bescheidenem Inhalt, sobald sie sich auf das Leben der Thiere selbst beziehen, nicht ganz unwillkommen sein.

Ende Juli d. J. hatte ich mich an einem besonders warmen Tage in einen mir zugänglichen Garten begeben, um daselbst bei einer Tasse Kaffee Siesta zu halten. Zu diesem Zwecke stellte ich einen Gartentisch in den tiefen Schatten einer großen, aber etwas kernfaulen Eiche, nahm ein Buch in die Hand und versuchte, mich so behaglich, als die Hitze zuließ, in die Lectüre zu vertiefen. Bald wurde indessen meine Aufmerksamkeit durch ein eigenthümliches Geräusch abgezogen. Aus den unteren Zweigen der Eiche ließ sich in kurzen Zwischenräumen ein leises, aber dennoch deutlich unterscheidbares Knacken oder Knirschen vernehmen, als ob kleine, dürre Zweige zerbrochen würden. Kurz darauf fiel ein schwärzlicher Gegenstand vom Baume herab in das Gebüsch. Nach längerem Suchen entdeckte ich den Gefallenen. Es war ein Hirschkäfer, Baumschröter oder Feuerschröter der größten Art, der jetzt, so rasch es ihm möglich war, an der rauhen Eichenrinde wieder empor klomm. Da inzwischen das Knirschen und Krachen fort und fort ertönte, so richtete ich meine Blicke dahin, woher es kam, d. h. nach oben.

Am Stamme selbst und etwa 15 Fuß vom Boden bemerkte ich eine eigenthümliche bräunliche Masse, auf welcher der Sonnenstrahl in höchst seltsamem Wechsel reflectirte. Bei meiner Kurzsichtigkeit vermochte ich zunächst nichts Näheres zu unterscheiden. Inzwischen fiel bald ein zweiter und dritter Hirschkäfer herab.

In Zeit einer Viertelstunde hatte ich 11 Stück von allen Größen, Männchen und Weibchen, auf dem Tische gesammelt, die wirr neben einander herumkrochen. Das leise Knirschen tönte inzwischen immer noch vom Baume herab. Ich beschloß deshalb die Sache näher zu untersuchen, holte eine kurze Leiter herbei und stieg hinan. Hier bot sich mir ein seltsames Bild.

Auf einer Fläche von etwa einem Quadratfuße war an der Eichenborke ein süßlicher Baumsaft herabgeflossen. Zu diesem leckern Male nun hatte sich eine sehr gemischte Gesellschaft von Insecten zu Gaste geladen. Große Ameisen kletterten geschäftig hinauf, nahmen ihre Mahlzeit und stiegen dann wieder zu Thal; genäschige Fliegen aller Art saßen dicht beisammen, und auch die große jähzornige Hornisse schwärmte grimmig summend um den Stamm. Die auffallendsten Gäste aber, sowohl nach der Zahl, als nach ihrer sonstigen Bedeutung waren unzweifelhaft die Hirschkäfer. Obwohl der Käfer hier nicht so selten ist, als an manchen anderen Orten, so habe ich doch nie eine so große Zahl an einem Flecke beisammen gesehen. Ich zählte in wenig Minuten und auf einer kleinen Fläche 24 Stück, die in meiner Gewalt befindlichen Gefangenen ungerechnet. Sie spielten auch offenbar die wichtigste Rolle bei diesem Gastmahle, schienen aber trotz der süßen Speise nicht besonders guter Laune zu sein. Selbst die gewaltigen Hornissen scheuten sich, den plumpen, aber gefährlichen Gesellen und ihren gewaltigen Kiefern zu nahe zu kommen, und hielten sich deshalb in respectvoller Entfernung.

Um so wüthendere Zweikämpfe fochten die Käfer unter einander aus, und zwar rangen mindestens zwei Drittheile der Versammelten zusammen. Da auch die Weibchen mit ihren kurzen, kräftigen Kiefern sich zornig verbissen hatten, so lag das Motiv wohl nicht in der Eifersucht, sondern in dem wenig idealen Futterneide. Besonders interessant waren indessen nur die Kämpfe der Männchen. Die geweihartigen Kiefern bis an das Ende schief übereinander geschoben, so daß sie über den Kopf und das Halsschild des Gegners hinwegragten und die Köpfe selbst sich dicht berührten, zum Theil hoch aufgebäumt, rangen sie erbittert mit einander, bis den einen Streiter die Kräfte verließen und er hinab zur Erde stürzte. Hin und wieder gelang es auch wohl einem geschickteren Fechter, den Gegner um die Taille zu fassen. In diesem Falle richtete sich der Kopf des Siegers stolz auf und ließ den Gefangenen einige Zeit in der Luft schweben. Dann folgte stets der unvermeidliche Sturz in die Tiefe. Das Knirschen, welches ich gleich anfangs gehört hatte, rührte nur von dem trägen, aber kräftigen Schließen der Kiefern her. Von den gebogenen seitlichen Wulsten des Kopfschildes in die mittlere Einbiegung abgleitend, verursachten sie jenes leise bis auf mehrere Schritt Entfernung hörbare Knacken. Uebrigens sah der Kampf gefahrvoller aus, als er in Wirklichkeit war. Ich habe wenigstens keinen einzigen Käfer gefunden, welcher ernstlich verwundet gewesen wäre. Der dicke Panzer schützte die Ergrimmten sowohl gegen die feindlichen Waffen, als gegen den Sturz. Nur bei einem Einzigen zeigte sich eine leichte Verletzung der Kiefern.

Fast noch interessanter als jene Zweikämpfe war mir ein anderer Umstand. Die Thiere schienen meine Annäherung im Allgemeinen nicht zu bemerken, die Kämpfer kämpften fort, die Sieger leckten begierig den süßen Saft oder gingen den Liebesfreuden nach. Nur wenn mein Athem sie direct berührte, zeigten sie sich beunruhigt. Dagegen wirkte das leiseste Geräusch, z. B. das Knacken eines brechenden Zweiges, rasch auf die ganze Gesellschaft. Sie richteten sich sämmtlich rasch und hoch auf und schienen eine Weile zu lauschen. Aehnliches geschah, sobald einer der Gefallenen von unten heraufsteigend sich dem Kampfplatze näherte. Auch in diesem Falle richteten sich die Männchen auf und gingen dann dem Gegner etwa eine Spanne lang mit weit ausgebreiteten Kiefern kampfbegierig entgegen. Unwillkürlich fiel mir dabei das Bild eines zornigen Stieres ein, der dem Nebenbuhler begegnet.

Die Kämpfe waren in den Nachmittagsstunden am heftigsten. Gegen Abend summte allmählich der größere Theil der Käfer davon, augenscheinlich nur um sich nach den Tafelfreuden eine kleine Motion zu machen. An Serenaden, verliebte Stelldicheins und dergleichen romantische und idyllische Dinge glaube ich nicht; das konnten sie ja näher und bequemer haben. Oder suchten sie etwa auch ein pikanteres Glück außer dem Hause?

Als ich endlich nach 8 Uhr Abends den Garten verließ, tönte noch immer aus den Zweigen der Eiche das verhängnisvolle Knacken herab, wenn auch seltener und schwächer.

Sondershausen.

Karl Chop.