Aus dem Lande der Freiheit/Zweiter Brief

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Textdaten
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Autor: Ludwig Büchner
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Titel: Aus dem Lande der Freiheit
Zweiter Brief
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 762, 763
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
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Aus dem Lande der Freiheit.


Von Ludwig Büchner.


Zweiter Brief.


„Wie gefällt Ihnen Amerika?“ – „Wie gefällt Ihnen New-York?“ – Dieses sind die Fragen, welche hier Jedermann, namentlich jeder Amerikaner, an den Fremden richtet, nachdem er kaum einige Tage im Lande ist. Natürlich erwartet der Fragende keine andere als eine möglichst lobende oder enthusiastische Antwort; denn der Amerikaner ist stolz auf sein Land und noch stolzer auf dessen bedeutendste Stadt New-York, in welcher sich nach seiner Meinung Alles concentrirt, was die moderne Civilisation Großes und Schönes aufzuweisen hat. Und in der That mag er in mancher Beziehung nicht Unrecht haben. Die so oft beschriebene, unvergleichliche Lage der riesigen Stadt auf einer langhingestreckten, von zwei Meeresarmen umfaßten Insel, welche ihrerseits wieder von größeren und kleineren Inseln oder Halbinseln umgeben ist, an deren Ufern sich Neben- oder Schwesterstädte ausbreiten, welche an Größe mit den europäischen Hauptstädten wetteifern; die ungeheuren Häfen (vielleicht die größten der Welt), in denen sich die Schiffe aller Länder und Nationen zu Hunderten und aber Hunderten wiegen und auf denen die bekannten Ferrys oder Flachboote, welche Tausende von Menschen neben vielen Wagen und Pferden auf einmal aufnehmen, zur Vermittelung des Verkehrs nach allen Richtungen umherschießen; die alle Begriffe übersteigende Größe des Verkehrs in der sogenannten unteren oder dem Meere zugekehrten Seite der Stadt, welche selbst das betäubende Gewühl der Pariser Boulevards oder der Londoner City hinter sich läßt; die große Menge verschwenderischer Prachtbauten und der überall zu Tage tretende enorme Reichthum; die gar nicht endenwollende und stundenweit in die Länge sich erstreckende Ausbreitung der Stadt selbst und so manches Andere machen New-York ohne Zweifel zu einer der ersten Städte der Welt! Ob aber auch zu einer der schönsten, wie der Amerikaner meint, ist eine Frage, die nicht so unbedingt zu bejahen sein dürfte. Dazu fehlt New-York, wie Amerika überhaupt, gerade Dasjenige, was die alte Welt auszeichnet und was in meinem ersten Briefe als das hauptsächlichste Unterscheidungsmerkmal zwischen Europa und der neuen Welt betont wurde – die historische Entwickelung nämlich.

Auf jedem Schritte, den der frischangekommene Europäer hier thut, fällt es ihm auf, daß er sich nicht in einer gewordenen, sondern in einer gemachten Stadt befindet, welche überdem die Spuren der mit ihrem rapiden Wachsthum nothwendig verbundenen Unfertigkeit in einer verzweifelt deutlichen Weise an der Stirn trägt und sich nicht entblödet, den Wanderer in ihren Straßen, wenige Schritte von ihren glänzendsten Avenuen entfernt, über Moräste, Grashügel, Düngerhaufen, Ziegenställe, Pferdeschuppen, ungesprengte Felsenmassen u. dgl. stolpern zu lassen. Nur das untere, dem Meere in Form eines stumpfen Kegels zugekehrte Drittel oder eigentliche Geschäftsviertel der Stadt läßt Fertigkeit und, da es den ältesten Theil bildet, auch eine gewisse Mannigfaltigkeit wahrnehmen, während von dort aufwärts jenes regelmäßige Quadrat- oder Blockwesen amerikanischer Städte beginnt, welches sich in endloser Einförmigkeit immer weiter und weiter erstreckt. Die Straßen haben keine Namen mehr, wie in der unteren Stadt, sondern werden nur nach fortlaufenden Nummern gezählt; und während vor zehn oder zwanzig Jahren die Stadt sich nur bis zur zehnten oder elften Querstraße erstreckte, reicht sie jetzt bis zur einhundertundfünfzigsten oder noch weiter und ist bis weit über die zweihundertste Straße hinaus angelegt.

Theilweise unterbrochen wird dieses Häusermeer, in welchem in der Regel ein Haus genau so aussieht wie das andere, allerdings auf eine angenehme Weise von der neunundfünfzigsten bis zur hundertzehnten Straße durch den berühmten, in englischer Manier angelegten Centralpark oder Centralgarten, welcher den Stolz der New-Yorker bildet und wohin alltäglich bei schönem Wetter der berühmten fünften Avenue oder Längsstraße entlang die eleganten Carossen der „oberen Zehntausend“ wallfahren. Einen organischen Mittelpunkt, wie Paris oder Wien, besitzt unter solchen Umständen New-York selbstverständlich nicht, wenn man nicht gerade den die ganze Stadt der Länge nach durchziehenden und die elegantesten Läden beherbergenden berühmten, endlos langen Broadway dafür gelten lassen will, und die berühmten Flaneurs der Pariser Boulevards oder der Wiener Ringstraße sind hier unbekannte Dinge. Ebensowenig kennt man hier die dem dolce far niente, dem süßen Nichtsthun, gewidmeten Kaffeehäuser, welche in jenen Städten den Mittelpunkt der eleganten Welt bilden. Für solche Zerstreuungen hat der Amerikaner keine Zeit; er rennt, jagt, tobt vom Morgen bis zum Abend unaufhörlich nach jenem Dinge, was man hier den „almighty dollar“ oder den allmächtigen Dollar nennt, und der stille, behagliche Lebensgenuß unserer europäischen Kleinstädte ist für ihn meist ein unbekanntes Ding. Freilich sind auch die Anforderungen, welche das materielle Leben hier an den Einzelnen stellt, so unverhältnißmäßig groß, daß ihnen in der Regel nur durch die größten persönlichen Anstrengungen genügt werden kann.

Daß unter solchen Umständen für die Einkehr des Geistes in sich selbst oder für geistige und wissenschaftliche Arbeit überhaupt nicht viel Zeit oder Muße übrigbleibt, ist selbstverständlich. Doch hat unter diesem Umstande die Werthschätzung geistiger Arbeit bei den Amerikanern nicht Noth gelitten; und die Art, [763] wie der Verfasser dieser Briefe schon in der ersten Zeit seines Hierseins bei Gelegenheit der dritten Jahresfeier des American liberal Club (Amerikanischer Verein der Freigesinnten) am 5. October aufgenommen und ausgezeichnet wurde, lieferte ihm den besten Beweis dafür, welcher Anerkennung sich namentlich deutsche Geistesarbeit unter den Amerikanern selbst erfreut. Dazu kommt, daß Amerika den Mangel eigener Thätigkeit auf diesem Felde durch eine bei uns beinahe unerhörte Opferwilligkeit und Freigebigkeit für wissenschaftliche und bildende Zwecke überhaupt zu ersetzen versteht. Wir können uns kaum vorstellen, was z. B. für Schulzwecke in diesem Lande durch bloße private Hülfe und Unterstützung geleistet wird; und als ich gestern das berühmte Cooper-Institut besuchte, mußte ich mir mit Beschämung gestehen, daß etwas der Art in Europa nicht gefunden werden kann. Eine blos durch die Opferwilligkeit eines einzigen reichen Mannes gegründete großartige Bildungsanstalt, welche Jedermann jederzeit unentgeltlich zur Verfügung steht und deren starke Benutzung zeigt, welch nützliches Werk ihr Begründer geschaffen hat. Namentlich das riesige, die Zeitungen und Literaturblätter beinahe der ganzen gebildeten Welt neben mancherlei anderen Bildungsmitteln enthaltende Lesezimmer war so stark besucht, daß es schwer halten mochte, einen bequemen Platz zu finden.

Was freilich die eigentliche höhere und Universitätsbildung oder die Vorbereitung für gelehrte Berufsarten angeht, so leidet dieselbe in Amerika noch unter viel und mancherlei schweren Mängeln oder Gebrechen, deren veranlassende Momente allerdings der Amerikaner (wie ich glaube mit Unrecht) bis jetzt noch für untrennbar von republikanischer Freiheit hält. Ganz dasselbe gilt auch für eine nicht geringe Anzahl politischer Gebräuche oder Herkommen, deren allenfallsiger Nutzen im Sinne republikanischer Freiheit doch durch ihre sonstigen großen Nachtheile sehr in den Schatten gestellt wird. Dahin gehören z. B. der Wechsel oder die Absetzbarkeit der Staatsbeamten bei dem Wechsel des Präsidenten; oder die Wählbarkeit der richterlichen Beamten; oder die Abwesenheit des Schulzwangs; oder die ausgedehnteste Anwendung des allgemeinen Stimmrechts, selbst da, wo den Massen, die dieses Recht ausüben, alle Vorbedingungen für nützliche Anwendung desselben abgehen, oder wo es ihnen durch Corruption und Parteiumtriebe verkümmert wird. Selbst die Wahl des obersten Beamten der Republik, des Präsidenten, dessen persönliche Macht größer ist, als die eines wirklich constitutionellen Monarchen oder der Königin von England z. B., ist in der diesjährigen Wahlperiode – einer der wichtigsten, welche das Land jemals erlebt hat – durch heimliche Parteiumtriebe derart in falsche Bahnen geleitet worden, daß dem wählenden Volke nur noch die Wahl zwischen zwei Candidaten übrig geblieben ist, von denen der Eine so wenig den Beifall der Gebildeten hat, wie der Andere, und daß das Land unter allen Umständen – ob Grant oder Greeley – einer vierjährigen Mißregierung entgegensieht. Rechnet man dazu, daß die Urheber der großartigsten und unverschämtesten Diebstähle, welche jemals am Geldbeutel des Volkes begangen worden sind, oder die ehemaligen Väter der Stadt New-York zum Theil noch frei hier herumlaufen, und daß die Corruption oder Bestechlichkeit in Staats-, Stadt-, Beamten- und Journalistenkreisen, sowie in den Kreisen der politischen Führer allgemein bekannte und zugestandene Sache ist, so muß man zugeben, daß trotz Freiheit und Republik doch noch etwas faul sein muß „im Staate Dänemark“.

Alles dieses spricht natürlich nicht im Geringsten gegen den Werth republikanischer Constitutionen überhaupt; im Gegentheil zeigen sich diese in einem um so glänzenderen Lichte, je mehr sie das Land befähigen, solche Abnormitäten ohne wesentliche Beeinträchtigung seiner Interessen oder seiner riesigen Entwickelung zu überdauern – ein Verhältniß, an welchem sogar eine unglückliche Präsidentenwahl nicht viel zu ändern im Stande sein wird. Hat doch Amerika sogar die traurigen Folgen des unseligen Bürgerkrieges in einer Weise überlebt und überdauert, die einem monarchischen Staate kaum zuzutrauen möglich ist, und die so unendlich schwierige und scheinbar unlösliche Sclavenfrage so gründlich aus der Welt geräumt, daß man ihre Folgen gegenwärtig, wenigstens in den nördlichen Staaten, fast nicht mehr empfindet. Es müssen in New-York eine große Menge von Schwarzen leben, denn fast der fünfte oder sechste Mensch, dem man auf der Straße begegnet, ist ein Schwarzer oder eine Schwarze; aber in gesellschaftlicher Beziehung verspürt man davon nicht den geringsten Nachtheil, sondern nur Vortheil, da Schwarze zu allen möglichen Geschäften und Dienstleistungen brauchbar und willig sind, wenn sie auch, bis jetzt wenigstens, nur diejenige gesellschaftliche Rangstufe einnehmen konnten, die ihnen ihre geringere Anlage und Bildung zuweist. Freilich darf man dabei nicht vergessen, daß der unter Weißen geborne und im Umgang mit ihnen aufgezogene Neger ein anderes Wesen ist, als der Neger der afrikanischen Wildniß.

Rechnet man dazu die ungeheuren Menschenmassen, welche Europa alljährlich aus sich ausstößt und an das amerikanische Ufer wirft, und welche ebenfalls die große Republik des Westens trotz so vieler abnormer und widerhaariger Elemente in sich aufzunehmen und zu verdauen genöthigt ist, so wird man zugeben müssen, daß nur ein auf die Grundsätze der Freiheit und Gleichberechtigung gegründeter Staat solche Aufgaben so glücklich zu lösen im Stande ist. Aber dieses hindert nicht, daß nicht Gutes durch Besseres ersetzt werden kann; und wenn nicht alle Anzeichen trügen, so werden die diesjährigen Erfahrungen nicht wenig dazu beitragen, um einer politischen Agitation Bahn zu brechen, welche früher oder später zur Abschaffung des Instituts der amerikanischen Präsidentschaft[1] überhaupt führen wird. Wenigstens habe ich bis jetzt hier kaum Einen gebildeten Deutschen gesprochen, der nicht im Princip die Unzweckmäßigkeit und das Unrepublikanische der Präsidentschaft anerkannte; und die Eröffnung des Feldzugs gegen die Präsidentschaft als solche wird noch im Laufe dieses Monats durch eine gut vorbereitete Massenversammlung der Deutschen geschehen, welche überhaupt in Allem, was sich mehr auf ideelle Politik, als auf bloße politische Drahtzieherei bezieht, das treibende Element in Amerika zu bilden scheinen. Viel mag dazu neben der mehr zum Idealistischen neigenden Natur des Deutschen auch der immer noch fortdauernde Einfluß der sogenannten Achtundvierziger, oder der in jenem Jahre aus Deutschland vertriebenen Republikaner beitragen. Zu bedauern ist dabei freilich, daß sich Deutsche und Amerikaner hier immer noch einander viel fremder gegenüberstehen, als man draußen anzunehmen geneigt ist, und daß es genug Deutsche in guten Stellungen hier giebt, welche zu amerikanischem Leben so gut wie keine Beziehung haben, ja nicht einmal englisch reden oder verstehen, obgleich sie schon viele Jahre hier sind. Auf der andern Seite ist es auch wieder sehr anzuerkennen, daß die deutsche Geselligkeit sich hier in der Fremde in noch hervortretenderer Weise geltend macht, als zu Hause, und daß es geradezu zahllose Vereinigungsgelegenheiten jeder Art und jeden Zweckes für Deutsche giebt.

Eine der hervorragendsten, wenn nicht die hervorragendste Gelegenheit dieser Art bietet der New-Yorker Turnverein, welcher gesellige, bildende und Schulzwecke in gleicher Weise verfolgt und soeben mit Erbauung eines Turnhauses fertig geworden ist, dem sich kaum ein ähnliches in Deutschland an die Seite zu stellen im Stande sein wird. Praktisch, wie man in Amerika immer ist, hat man die Zinsen des enormen Baucapitals dadurch zu decken gewußt, daß man die nicht einmal sehr großen, aber zweckmäßig eingerichteten Kellerräume des in einer frequenten Straße gelegenen Gebäudes an einen Wirth um die für unsere Begriffe unfaßliche Pachtsumme von zehntausend Dollars jährlich vermiethet hat. Darnach können Sie sich einen ungefähren Begriff von der Kostspieligkeit des New-Yorker und des amerikanischen Lebens überhaupt machen, in welchem ein Dollar noch nicht so viel bedeutet, als ein halber Thaler bei Ihnen oder ein Gulden in Süddeutschland. Wer daher hier Geld verdient und es in Europa verzehrt, thut gut. Wer es aber umgekehrt machen wollte, wäre ein Thor; und wenn die reichen Amerikaner im Sommer Europa besuchen, so ist es bei ihnen nicht selten ebenso sehr auf Ersparniß, wie auf Vergnügen abgesehen. Doch damit genug für heute aus dem Lande, in welchem uns so Vieles nicht Wunder nehmen oder befremden wird, sobald wir nicht vergessen, daß wir uns mitten in einer riesigen, wenn auch noch ganz jugendlichen Entwickelung befinden; und daß Menschen, Geld, Zeit und Kraft nur insoweit geschätzt werden, als sie sich dieser Entwickelung dienstbar zu machen verstehen.


  1. Keinen Präsidenten? Was dann?
    D. Red.