Aus dem Leben der Hauskatze

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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Aus dem Leben der Hauskatze
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 513-515
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Aus dem Leben der Hauskatze.
Von Dr. A. E. Brehm.

Wenn man ein gutmüthiges Geschöpf mit altvererbtem Mißtrauen betrachtet, es mißtrauisch behandelt und jede seiner Handlungen, ohne zu prüfen, mißtrauisch richtet, darf man sich gewiß nicht wundern, wenn es zuletzt zuweilen unmuthig und sogar bösartig werden kann. Die armen Hauskatzen sind in der traurigen Lage, solche Mißhandlung erdulden zu müssen; warum, weiß eigentlich Niemand zu sagen. Das liebe Sprüchwort behauptet, die Katze sei falsch, tückisch, schmeichle vorn und kratze hinten etc. Einer plappert diese offenbaren Verleumdungen ruhig dem Andern nach, und „Mietz“ muß das entgelten. Wie es gewöhnlich der Fall, bleiben die Verdienste des vortrefflichen Hausfreundes im Stillen. Höchst selten findet sich Jemand, welcher die ihm durch denselben gespendeten Wohlthaten wirklich dankbar anerkennt: etwa ein Pfarrer, dem die baufällige Wohnung von einer überraschend baulustigen Gemeinde oder einem hochwohlweisen Rathe im Stande gehalten, d. h. so hergestellt werden muß, daß Regen und Wind nicht unmittelbar, sondern erst auf Umwegen in alle Räume dringen können; ein Landwirth, welcher volle Kornböden hat, oder andere Leute, die ihre Behausung mit Ratten und Mäusen freundnachbarlich zu theilen genöthigt sind. Sie wissen, was es sagen will, nach vergeblicher Kammerjägerei aller Art endlich einen vierbeinigen Nothhelfer im Hause zu haben, dessen bloßer Anblick schon in allen in allen Ratten und Mäusen starke Auswanderungsgelüste erregt und dessen Thätigkeit die des Menschen bald gänzlich in Schatten stellt.

Ich denke gar nicht daran, hier die Verdienste der von mir sehr hoch geachteten Thiere hervorzuheben oder mit mancherlei kleinen Eigenthumsvergehungen und ähnlichen Sachen, die sie sich wohl auch zu Schulden kommen lassen, abzuwägen, sondern will ganz einfach einige Geschichten von Hauskatzen mittheilen, welche ich selbst erlebt oder durch Erzählungen wahrheitsliebender Freunde erfahren habe. Wenn diese Geschichten einigen Tausenden meiner vierbeinigen Freunde auch nur ein paar Tage lang ein freundliches Gesicht ihrer bezüglichen Herrschaft (und nebenbei einige Schüsselchen gute Milch) eintragen sollten, würde ich mich für die Mühe meiner Niederschrift hinlänglich belohnt fühlen; nach mehr strebe ich diesmal nicht. Zur gehörigen Würdigung meiner Mittheilungen glaube ich die mir gewordenen Ergebnisse derselben aber doch voraussschicken zu müssen.

Unsere Hauskatze ist das gerade Gegentheil von dem, was sie nach der gewöhnlichen Ansicht über sie sein soll. Sie ist nichts weniger als falsch, sondern im Gegentheile sehr offenherzig; sie ist ebenso wenig tückisch, als der Hund, und kratzt nimmermehr, während sie zugleich schmeichelt, sie ist vielmehr ihrer Herrschaft treu ergeben und läßt sich von ihr ungemein Viel gefallen. Ihre Reinlichkeit und Ordnungsliebe, die Anmuth und Zierlichkeit ihrer Bewegungen, ihr gemüthliches Schnurren, die Freundlichkeit, mit welcher sie sich ihrem Herrn anschmiegt, und andere angenehme Eigenschaften sichern ihr das Wohlwollen aller vorurtheilsfreien Menschen, welche sich mit ihr beschäftigen; ihre Mutterliebe, welche sich sogar auf fremde Kinder erstreckt, müssen ihr selbst warme Zuneigung erwerben. Es fehlt ihr vor Allem eine liebevollere Erziehung von Seiten des Menschen, um sie zu einem durchaus liebenswürdigen Thiere zu machen.

Von der Mutterliebe der Katze gegen fremde Kinder will ich zuerst Einiges erzählen. Eines Tages fand ich ein kleines miauendes Kätzchen mitten im Felde. Es war hungrig, furchtsam, müde und traurig, dabei sehr scheu und wild. Ich fing es endlich mit Hülfe meines Dachshundes, der mir das Thierchen stellte, brachte es nach Hause und pflegte es nach Kräften. Mietzchen gedieh herrlich, spielte bald eine Rolle im Hause und begann, noch nicht einmal halbwüchsig, die Jagd auf Mäuse und Ratten, von denen es damals im Hause wimmelte, mit ebenso viel Geschick und Muth, als Erfolg. Hierdurch gewann es sich unser Aller Zuneigung; wir Kinder quälten es möglichst wenig und nahmen es [514] Abends regelmäßig mit zu Bett. Es zeigte weder Falschheit noch Tücke, ließ sich vortrefflich ziehen und wurde schließlich dahin gebracht, daß es weder naschte, noch unseren Stubenvögeln zu Leibe ging, obwohl sein Jägertalent im Uebrigen mit der Zeit immer mehr zunahm.

Im nächsten Jahre warf die nunmehr erwachsene Katze zum ersten Male Junge. Wir nahmen ihr dieselben bis auf zwei prächtige Cyper, welche sie mit der größten Liebe pflegte. Da brachte man uns drei noch blinde Eichhörnchen, welche von uns großgezogen werden sollten. Trotz aller Sorgfalt starben jedoch sehr bald zwei der zarten Thierchen unter unserer Pflege, und wir mußten fürchten, auch das dritte einzubüßen. In dieser Noth kam uns der Gedanke, der verlassenen Waise eine Mutter in der säugenden Katze zu geben. Sie erfüllte das in sie gesetzte Vertrauen vollständig. Mit Zärtlichkeit nahm sie das fremde Kind unter ihren eigenen auf, leckte und wärmte und nährte es auf’s Beste und behandelte es gleich vom Anfange an mit wahrhaft mütterlicher Hingebung. Das sonderbare Kleeblatt wuchs auf und gedieh ausgezeichnet; die Kätzchen wurden entwöhnt und weggegeben; das Eichhörnchen aber blieb bei seiner Pflegemutter. Nunmehr schien diese das reizende Geschöpf mit dreifacher Liebe zu betrachten. Man konnte unmöglich ein innigeres Verhältniß sehen, als das zwischen Beiden bestehende. Die Mutter rief nach Katzenart, Hörnchen antwortete mit Knurren; Beide aber verstanden sich gegenseitig vollständig. Das hübscheste Schauspiel gewährten Beide, wenn die Katze ihr liebes Pflegekind spazieren führte. Leicht und anmuthig schritt die gelenke Mutter voran, schwerfällig humpelte das Eichhörnchen hinterdrein. Jeden Augenblick sah sich Jene nach ihrem Lieblinge um; blieb er zurück, so rief sie ihn durch Miauen heran; schien er müde, so blieb sie geraume Zeit mit ihm stehen. Nun sollte das Eichhörnchen unterrichtet werden. Die Sache ging auffallend leicht, wenn die Mama eine natürliche Begabung ihres Pflegekindes erproben und ausbilden wollte, schwer, wenn sie demselben alle Kunststücke der Katzen beibringen wollte. Mit wahrhaft komischer Ueberraschung bemerkte die Lehrerin, daß ihr Schüler der Anleitung zum Klettern und der nothwendigen Warnungen dabei gar nicht bedurfte, sondern eigentlich von selbst schon diese Kunst ausgezeichnet zu handhaben verstand; mit Verwunderung mußte sie erfahren, daß dagegen alle geschickt auf die Erregung der Fanglust gerichteten Schwanzbewegungen auf den Zögling gar keinen Eindruck machten.

Als die Katze ihr Pflegekind zum ersten Male über einen hohen und schmalen Steg nach dem jenseitigen Ufer unseres Dorfbaches führte, schritt sie mit größter Vorsicht und unter fortwährenden Zurufen voran; das Eichhörnchen war aber eher am andern Ufer, als seine Führerin, und wurde deshalb von dieser sehr geliebkost. Später kam es oft vor, daß bei den Spaziergängen der nach und nach sich fühlende Pflegling auf den Bäumen von Krone zu Krone dahinlief, während die Mutter unten hin ging; bisweilen kletterte sie ihm verwunderungsvoll auch wohl nach, setzte sich still auf einen Ast und beobachtete mit Mutterlust und einiger Angst die kühnen Sprünge des bald auf den Bäumen eingewohnten Zöglings. Dieser gehorchte seiner Pflegerin musterhaft. Sie that ihm ebenso viel zu Willen, als alle Katzen ihren Kindern zu thun pflegen, brauchte aber, wenn sie Gehorsam verlangte, auch nur ein einziges Mal zu rufen, um des gewünschten Erfolges gewiß zu sein. Die gegenseitige Freundschaft und Zärtlichkeit währte fort, bis das Eichhörnchen durch einen unglücklichen Zufall das Leben verlor. Die Mutter suchte und rief es mehrere Tage lang und besah und beroch wehmütig jedes ausgestopfte Eichhörnchen, das wir ihr vorhielten.

Wir Kinder kannten damals die vortreffliche „gemeinnützige Naturgeschichte“ von Lenz noch nicht; der Fall war uns daher ganz neu, höchst anziehend und merkwürdig. Eifrig suchten wir nunmehr jede Gelegenheit auf, die Pflegemutterliebe unserer ausgezeichneten Katze zu erproben. Im Verlaufe ihres ferneren Lebens säugte sie willig junge Kaninchen, Ratten (!) und junge Hunde; andere passende Pfleglinge bekamen wir nicht. Ein schönes Nest junger Iltisse wurde uns leider durch den Grimm eines Bauers entrissen, jedenfalls würde die Katze auch diese Thierchen angenommen haben. Einst warf unser Hund zugleich mit ihr. Das war nun natürlich ein wahrhaft freudiges Ereigniß für’s ganze Haus, und von uns wurden die allerverschiedensten Versuche gemacht. Zunächst mußten sich die beiden Wöchnerinnen bequemen, ihre Kinder dicht nebeneinander zu säugen. Nun wurde der Katze ein junges Hündchen angelegt. Sie nahm es ohne Weiteres an, leckte und pflegte es. Hierauf wurde das Umgekehrte versucht: die säugende Hündin erhielt eine junge Katze zum Pfleglinge. Schon beim bloßen Anblick des fremden Geschöpfes zeigten sich verdächtige Falten auf ihrer Nase; die hierauf folgende sehr sorgfältige Prüfung des kleinen Wesens durch den Sinn des Geruchs schien ein ihm sehr ungünstiges Ergebniß herbeigeführt zu haben; denn das Nasenrümpfen wurde so arg, daß die blanken Zähne zum Vorschein kamen. Unser Machtspruch wandelte zwar die beabsichtigte Züchtigung oder möglicherweise gar die Vernichtung des armen schwachen Fremdlings zu einem dumpfen Knurren um; als wir aber der bösen Stiefmutter die versagte Liebe abzwingen wollten, stand sie entrüstet auf und verließ das Zimmer. Später trug sie auch stets ihre Kleinen aus der ihr unangenehmen Nähe der jungen Katzen weg. Mietz dagegen säugte ruhig die ihm angelegten jungen Hunde.

Eine Tochter dieses liebenswürdigen Thieres wurde nebst zwei Jungen zu einem Freunde meines Vaters gebracht, weil dieser zwei kleine seit Kurzem verwaiste Kätzchen von ungefähr gleicher Größe der Kinder unserer Katze besaß und ihnen gern wieder eine Pflegerin geben wollte. Die Tochter zeigte sich ihrer Mutter würdig. Sie nahm sich der fremden Kleinen treulich an, und erzog sie mit den ihrigen, gab diesen aber doch den Vorzug. Eines ihrer Pfleglinge fiel beim Spiel vom Dache herab auf das Pflaster des Hofes und starb; das andere blieb leben. Einst ging sie mit ihrer Schaar in den Hof, leitete ein Spiel ein und verließ dann die sich damit beschäftigenden Sprößlinge, um für sie in der nahen Scheuer zu jagen. Nach sehr kurzer Zeit erschien sie mit einer Maus im Rachen und gab diese ihrer Lieblingstochter; verließ sie aber sogleich wieder, um ihre Jagd fortzusetzen. Der Pfarrer, ihr jetziger Besitzer, war, eben von der Ausarbeitung der Sonntagspredigt sich erholend, inzwischen auf die Gesellschaft aufmerksam geworden, und somit im Stande, den ferneren Verlauf der Fütterung abzuwarten; ihm verdanken wir den Bericht der Geschichte. Er sah nach geraumer Zeit die Jägerin mit einer zweiten Maus anrücken und diese ihrem zweiten Kinde überreichen. Dann begann die Jagd von Neuem. Die dritte Maus erhielt das Pflegekind, die vierte das zuerst gefütterte eigene, die fünfte das zweite, die sechste der Pflegling, die siebente wieder der Liebling; mehr fing sie nicht, und so kam es, daß der Letztere eine Maus mehr erhielt als die übrigen. Die Katze kannte also nicht nur ihre Jungen sehr genau, sondern wußte auch die Reihenfolge, in weicher sie gefüttert worden waren. Jedenfalls würde bei fernerer glücklicher Jagd auch das fremde Kind gleichmäßig bedacht worden sein.

Lenz führt viele Beispiele ähnlicher Pflege fremder Thiere durch Katzen auf. Die meisten sind durch englische Beobachter mitgetheilt worden, weil diese Leute den sehr richtigen Grundsatz verfolgen, auch das Geringste nicht der Veröffentlichung zu entziehen. White machte dieselbe Beobachtung wie wir über die Pflege junger Eichhörnchen durch säugende Hauskatzen, erzählt aber auch eine Geschichte, nach welcher eine Katze einen Hasen groß zog. Smith sah, daß eine Katze eine von ihr selbst gefangene junge Ratte an Kindesstatt annahm, als diese ihr ans Euter kroch, um zu säugen. Oberförster Skall erzählt von einem unter denselben Umständen aufgezogenen Hasen. Und so werden gewiß noch andere, die Gut- und Barmherzigkeit der Katzen beweisende Thatsachen beobachtet worden sein.

Mit dem Menschen lebt die Katze immer in treuer Freundschaft, sobald sie von ihm ordentlich behandelt wird. Sie hat gewöhnlich nicht so viel Anhänglichkeit an ihn, als sie der Hund besitzt, wird aber auch nur äußerst selten mit derselben Sorgfalt vom Menschen erzogen, wie dieser. Allerdings steht sie ihm an Geistesfähigkeiten nach, besitzt ihrer aber gewiß so viele, daß sich ihre Erziehung belohnt. Ein Hund, welcher sich selbst überlassen bleibt, ist ein pöbelhaftes Vieh; dies habe ich hundertfach in Egypten gesehen, wo sich gewöhnlich Niemand der halbwild herumlaufenden Köter annimmt. Sie werden bengel- und flegelhaft, tückisch, mißtrauisch, scheu und zeigen gar keine Aehnlichkeit hinsichtlich des liebenswürdigen Betragens unserer erzogenen, gebildeten und gesitteten Hunde.

Die Katzen unseres Hauses sind von jeher sehr freundschaftlich von uns behandelt worden, und beweisen uns daher ihre große Zuneigung und Anhänglichkeit. Zum Entsetzen der Frauen des Hauses tragen sie regelmäßig ihre frisch erlegte Beute vor unsere Augen, und verzehren sie erst, nachdem sie für ihre Arbeit und Geschicklichkeit [515] durch reichlich gespendetes Lob belohnt wurden. Hiermit mag nachstehende merkwürdige Geschichte zusammenhängen.

Unsere jetzt lebende Katze, eine Enkeltochter der oben erwähnten Pflegerin des Eichhörnchens, warf Junge und wählte sich ihr Wochenbett in dem finstersten Winkel unseres Heubodens. Es blieb trotz unseres Nachsuchens Wochen lang unentdeckt. Mittlerweile waren viel Kätzchen herangewachsen, und bedurften nun wahrscheinlich so viele Nahrung, daß sie die Mutter allein nicht gewähren konnte. Da erscheint diese eines Tages mit einem ihrer Kinder im Maule im Wohnzimmer, geht gerade auf meine Mutter los, legt ihr das Thierchen vor die Füße und bittet und schmeichelt, als wolle sie sagen: „Seht, ich kann sie nicht mehr ernähren, so helft mir!“ Ihr Wunsch wird erfüllt und dem Kätzchen eine Schüssel mit Milch vorgesetzt. Sogleich eilt die Alte wieder zur Thür hinaus und holt ein zweites Kätzchen aus ihrem Neste, trägt dieses aber nicht bis in’s Zimmer hinein, sondern bloß bis an die Hausthüre, und ruft nun meine Mutter dorthin, ihr die Last abzunehmen. Das dritte trug sie nur bis in die Mitte des Hofes, das vierte warf sie einfach vom Boden herab auf unter demselben liegende Streu; solche Nachlässigkeit wurde jedoch nicht geduldet, sondern sie mußte beide noch bis in’s Zimmer bringen, wo sie dann mit höchster Befriedigung den schmausenden Kleinen zusah.

Diese Katze läßt sich ungemein viel gefallen, ohne jemals darum ärgerlich zu werden; sie unterscheidet aber ihr feindliche Personen sehr genau von den ihr wohlwollenden. Gegen diese ist sie ungemein zärtlich und artig, begleitet sie oft lange und setzt sich ihnen gern auf die Schultern. Mit dem Hunde lebt sie im vertrautesten Verhältnisse. Sie spielt mit ihm und schläft dicht neben ihm auf einem Kissen.

Als Knabe kannte ich zwei Katzen, welche auch gegen Fremde sehr artig waren. Wenn sie von uns geliebkost worden waren, begleiteten sie uns dankbarlichst Abends nach Hause. Wer hatten zwar eine halbe Stunde weit zu gehen, doch schien ihnen der Weg gar nicht lang zu sein; sie nahmen niemals eher, als vor unserem Hause von uns Abschied.

Mit solchen Beweisen der Anhänglichkeit an den Menschen widerlegt man leicht das eingewurzelte Vorurtheil; nach welchem man annimmt, daß die Katzen blos das Haus und nicht den Menschen lieb gewännen. Ich will hier nochmals an die Erzählungen unseres Lenz erinnern, namentlich an die wahrhaft rührende Geschichte der treuen Liebe einer Katze zu ihrem Pfleger und Gespielen, dem Sohne des Hauses, dessen Tod die Katze niemals vergessen konnte, und dessen Grab Jahre lang ihr einziger Ruheort wurde. Auch nachstehende Mittheilungen, welche ich der Güte meines trefflich beobachtenden Freundes Schach in Rußdorf bei Crimmitschau verdanke, sprechen für die Treue der Katze gegen ihren sie gut behandelnden Gebieter.

„Als ich noch als Knabe im väterlichen Hause weilte,“ schreibt mir der Genannte, „hatte ich ein inniges Freundschaftsverhältniß mit unserer alten Hauskatze, einem prachtvollen Cyper, eingegangen. Riese – so hatten wir Kinder sie ihrer ansehnlichen Körpergröße wegen genannt – fühlte sich in dem Grade zu mir hingezogen, in welchem ich ihr meine Liebkosungen angedeihen ließ; sie war meine Nachbarin bei Tische, wie meine nächtliche Schlafgenossin; und selbst im gereitzten Zustande, wenn sie heftig den Schwanz hin und her peitschte, vermochte sie Niemand leichter zu beschwichtigen, als ich. Stets begleitete sie mich auf meinen täglichen Geschäftsgängen, und nie ging ich in den Wald, um Sprenkel zu stellen, außer in ihrer Gesellschaft. In meiner Abwesenheit schien sie sich zu langweilen, und wurde ich durch die Schulstunden zu lange ihrer Gesellschaft entzogen, so unternahm sie allein die Gänge in den Wald, sei es nun in der Hoffnung mich daselbst zu treffen, sei es, um mich der Mühe des Ausnehmens der gefangenen Vögel zu überheben. Gewöhnlich erwartete sie hier meine Ankunft, und kehrte dann in meiner Gesellschaft nach Hause zurück. Dabei war sie überaus neugierig, und Alles fesselte ihre Aufmerksamkeit. Bog ich dann, um sie dafür zu züchtigen plötzlich auf einen Seitenweg ein, so war sie meist binnen Kurzem mir auf der Fährte und nahm, nachdem sie mich sorgfältig berochen und geleckt, ruhig neben mir Platz, bis ich zum Weitergehen mich anschickte.

Als ich im Jahre 1834 das zwei Stunden von meiner Heimath entfernte Privatseminar zu P. bezog, war Riese auch dahin mein Begleiter, und weilte hier während meiner ganzen Studienzeit, die einen Zeitraum von 3 1/2. Jahren umfaßte. Hier hatte ich Gelegenheit, eine höchst anziehende Beobachtung zu machen.

Riese war Mutter geworden, und pflegte ihre reizenden Kinderchen mit der größten Zärtlichkeit. Da widerfuhr ihr das Unglück, eingefangen und den noch gar sehr der Mutterhülfe bedürftigen Kleinen grausam entrissen zu werden. Ich konnte sie unmöglich umkommen lassen oder gar in’s Wasser werfen, und sann auf Rettung. Da erfuhr ich, daß des Nachbars Katze ebenfalls geworfen hatte, aber ihrer Jungen beraubt worden war. Sie wurde als Pflegemutter ausersehen und gewonnen. Bereitwillig unterzog sie sich der Pflege der Stiefkinder, und säugte, leckte und reinigte sie auf’s Beste. So ging die Sache vortrefflich ihren Gang, bis eines schönen Tages die rechte Mutter zurückam. Riese war der Gefangenschaft entflohen und sorgenvoll heim geeilt. Ich brachte sie zu der Pflegerin ihrer Kinder. Erfreulich schnurrend und zärtlich rufend näherte sie sich ihr und den Kleinen und – legte sich neben ihnen hin, um auch ihrerseits die Pflichten der Mutter zu übernehmen. Von nun an wurden die jungen Kätzchen von beiden Müttern gemeinschaftlich gesäugt, gepflegt und erzogen. Bald war die eine, bald wieder die andere Mutter bei ihnen, bei Gefahr aber vereinigten sich beide zur wüthendsten Gegenwehr. Ein Fleischerhund, welcher in Begleitung seines Herrn auf seinem Berufswege arglos in den Hof eintrat, wo gerade beide Katzen mit der kleinen Schaar sich tummelten, wurde von den besorgten Müttern mit solcher Wuth angefallen, daß er fast die Augen verloren hätte, und sein Heil nur in eiliger Flucht finden konnte. Treulich und einig besorgten die beiden Katzen die fernere Erziehung des jungen Volkes.

Nach Beendigung meiner Studienzeit kehrte Riese mit mir nach Hause zurück. Ihre ferneren Schicksale sind mir unbekannt, da wir jetzt auf immer uns trennen mußten.

In meinem jetzigen Wohnorte hatte ich Gelegenheit zu ähnlichen Beobachtungen. Ich erzog mir eine Katze, welche nicht nur eine wahre Schönheit war, sondern auch, was Reinlichkeit und gute Sitte betraf, als ein wahres Muster gelten konnte. Dafür war sie aber auch in der ganzen Nachbarschaft beliebt, und wurde von den Hausmüttern nicht selten mit Milch beschenkt. Von Naschhaftigkeit war bei ihr keine Spur zu bemerken. Oft saß sie unter einer Anzahl geschossener Vögel, die ich auszustopfen hatte, ohne einen zu berühren; ja sie unterstützte mich bei Vergrößerung meiner Vogelsammlung, insofern sie mir gefangene Vögel zutrug; meine Sammlung hat davon noch heute einige aufzuweisen. Ihre Anhänglichkeit an mich war außerordentlich groß. Sie machte, namentlich in den jüngeren Jahren, oft Wanderungen mit mir in den Wald und in das benachbarte B., später erwartete sie mich, vielleicht Stunden lang sitzend und lauernd und zuweilen weit von meiner Wohnung entfernt, wenn sie ausgewittert hatte, welchen Weg ich gegangen war. Um Mitternacht heimkehrend, vernahm ich dann plötzlich fern vom Hause ihre Stimme, und mit einem einzigen Satze saß sie auf meiner Schulter oder geleitete mich unter Schmeicheleien und Liebkosungen in meine Wohnung. Nicht ein einziges Mal erinnere ich mich, in die Nothwendigkeit versetzt worden zu sein, sie strafen zu müssen; auch hätte Strafe jedenfalls ihren Zweck verfehlt, da Lotte – so hieß sie – schon gegen jedes harte Wort empfindlich war, und nach solchem sogleich meine Wohnung mied, während sie bei freundlichen Worten förmlich zärtliche Blicke mir zuwarf; kam es mir doch vor, als hätte selbst „Lottchen“ bei ihr einen besseren Klang gehabt, als das gewöhnliche „Lotte“!

Sie unterzog sich gern auch der Pflege anderer Thiere, z. B. junger Füchse, deren sie einst eine ganze Familie aufzog und denen sie fleißig Nahrung, Ratten und Mäuse, zutrug.

Eins ist mir bei ihr unerklärlich geblieben. Sie hatte in ihren letzten Lebensjahren ein junges Kätzchen, das sie anfangs zärtlich liebte und mit dem sie manche Stunde verspielte. Plötzlich verwandelte sich diese zärtliche Liebe in unauslöschlichen Haß. So sehr sich auch die Tochter bemühte, die Zuneigung der Mutter zu erhalten, stets knurrte, stets drohete sie. Zuletzt wurde ihr dieselbe ein förmlicher Abscheu; und da ich letztere nicht gern entfernen wollte, quartierte sich Lotte in der Nachbarschaft ein, von wo aus sie mich zwar täglich besuchte, woselbst sie aber bis zu ihrem Tode verblieb. Ich hatte sie vierzehn Jahre.“

So weit mein Berichterstatter. Ich habe wohl nicht nöthig, noch ähnliche Beispiele hier mitzutheilen. Die vorstehenden beweisen hinlänglich, daß auch die Katze der Erziehung durch den Menschen fähig und für sie sehr dankbar ist.