Aus dem Sennerleben der Herzegovina

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Autor: Franz Zverina
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Titel: Aus dem Sennerleben der Herzegovina
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 470–473
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Aus dem Sennerleben der Herzegovina.


Von Franz Zverina.


Wer Sennhütten in deutschen Alpen besucht hat und nach mühevollen Bergpartien am trauten Herde im Kreise naiver sanglustiger Sennerinnen glückliche Stunden verlebte, dürfte deshalb keinen Schluß daraus ziehen für das Gebirgsleben auf den Hochebenen der Herzegovina, jenes türkischen Grenzlandes zwischen Montenegro und Bosnien. Anders ist es dort als in den Sennhütten der Schweiz, des Allgäu und des oberbaierischen Gebirges.

Die kriegerische Stimmung zwischen dem südslavischen Volk und dem Pascha läßt ein ruhiges beglückendes Gemüthsleben eben nicht aufkeimen und die Sennhütten (südslavisch bajti genannt) werden nicht selten Zufluchtsstätten für verzweifelte Dorfbewohner, welche türkische Brandschatzer und Tyrannen hierher verscheuchen. Die Hütten sind stets in Gruppen auf solchen Thalmulden oder sonstigen Berglehnen gelegen, welche von den Niederungen aus äußerst schwer zugänglich sind und wo Wasser in der Nähe ist; einzeln sind sie fast nie anzutreffen.

Die Gährung im Volke und die häufigen blutigen Conflicte mit den Paschas und Paschaliks bedingen eine solche Anlage. Da der größte Theil der Einnahmen des Paschas in dem besteht, was er selbst eintreibt, so ist die Beutesucht erklärlich und diese wird trefflich durch das landläufige Sprüchwort: „Gott gab – Pascha nahm – der Wolf hat’s g’fressen“ charakterisirt. Wenn das Volk den schamlosen Erpressungen seiner Tyrannen nicht mehr willfahren kann, treiben zuweilen die Baschi Bozuks (türkische Gensdarmen) die jüngst ersonnene Steuer unter den erlogensten Vorspiegelungen von zu vollführenden Straßen- und Brückenbauten auch in den hochgelegenen Sennhütten auf die brutalste Weise ein. Dorthin flüchteten sich schon oft in schwerbedrohten Zeiten die Dorfbewohner, Alt und Jung, mit Hab und Gut. In vorzüglich gelegenen Hochthälern lagern nicht selten die Bewohner zweier oder dreier Dörfer mit ihren Heerden beisammen.

Die Zugänge zur Hochebene werden in solchen „blutigen Zeiten“ strategisch richtig besetzt und äußerst schlau bewacht. Ist der Aufstand ein allgemeiner, was nicht gar zu selten der Fall ist, und stürmen die wüthenden Steuereintreiber denn doch bergan, so läßt man sie unbeschadet bis zu einer Stelle kommen, wo sie dann mit Steinbatterien oft massenhaft niedergeschmettert werden. So bleichen, beispielsweise angeführt, in der Czrna-Pecschlucht die Knochen wohl von Hunderten von Türken.

In Fällen, wo diese Kriegführung unausführbar ist, werden die einzelnen Zugänge mit Waffen um so tapferer vertheidigt, da die verzweifelten Flüchtlinge wohl wissen, daß ihre Dorfhütten von den Türken schon aus Rache niedergebrannt sind, und ihrer im Falle der Bewältigung ein sofortiger martervoller Tod wartet. Es ist daher nur etwas Gewöhnliches, wenn man abseits von Sennwegen Menschengebeine erblickt; das ist gerade der richtige Vorgeschmack vom Volksleben in jenen Gegenden. Die weitere Annäherung wird einem durch die riesigen unabwehrlichen Hunde verleidet. Sie halten Wache gegen Wölfe und Fremde, welche ein weiteres Vordringen wohl theuer genug erkaufen müßten. Dem Hirten jedoch leisten sie vortreffliche Dienste und werden hierdurch unentbehrlich. Nebenbei sei nur erwähnt, daß die Thiere zur Race der Wolfshunde gehören und von schmutzig weißer Farbe sind. Sie sind außerordentlich gut abgerichtet, sehr tapfer und wachsam; sie lassen selbst den kreisenden Raubvogel nicht außer Acht und verlassen, wenn sie zur Wache postirt sind, ihren angewiesenen Ort unter keiner Bedingung; Niemand darf ihnen nahe kommen. Werden sie dazu aufgefordert, so verfolgen sie auch ohne Jäger und auch einzeln den Wolf stundenlang, und kehren sie dann mit Blutspuren zurück, so weiß der Hirt sicher, daß der Feind seiner Herde erlegt wurde.

Auf das Gebell des als Vorposten aufgestellten Hundes stellt sich bald der Hirt und zwar immer bewaffnet ein. Die bekannten Dorfgenossen rufen wohl auch die Hunde beim Namen und johlen dem Hirten entgegen, um gleich kund zu thun, daß Bekannte und Freunde kommen. Mich empfing ein fünfzehn- bis sechszehnjähriger Bursche und machte Miene, Gewehr anzulegen, wenn ich weiter gegangen wäre. Ich legte mein kleines Gepäck ab und setzte mich, um weiter mit ihm zu verhandeln, und um mich möglichst bald als Christ zu geriren, lüftete ich, im Schweiße gebadet, auf der Brust mein Hemde, um ein eisernes Kreuz, das ich im Radvanicer Kloster erhielt, durchblicken zu lassen. Ich mochte aber fragen und reden was ich wollte, ich erhielt keine Antwort. Die Geschichte fing an, langweilig zu werden. Nochmals machte ich einen diplomatischen Versuch, aber auch der schlug fehl. Schier verzweifelt darob nahm ich meine Violine, die mir oft schon mein Loos leichter und erträglicher gestaltete, und begann zu spielen, aber der Hund fing an, derart mitzuheulen, daß ich den Faden des Liedes verlor. Der Bursche, unschlüssig, was da zu thun sei, requirirte Hülfe; er schoß in die Luft – die Arie war zu Ende.

Aber schon standen zwei stramme braune Kerle bewaffnet da, welche selbstverständlich hierher geeilt sein mochten, weil der Ivo (so hieß der Bursche) nicht gleich retour kam und Bescheid brachte, wer sich den Hütten genähert habe. Nun begann mit mir ein Examen, in dessen Fragen sich eine höchst originelle Weltanschauung und Philosophie ausprägte. Ich erlaube mir, zum besseren Verständnisse Folgendes mitzutheilen.

[471] In den türkischen Provinzen kann man nur auf zweierlei Weise ziemlich sicher reisen, und zwar entweder mit Aufwand großer Opfer, weil man das militärische Sicherheitsgeleit theuer bezahlen muß, denn dies kann einige Ducaten täglich betragen, oder wenn man als vollkommen arm reist, durch nichts die Hab- und Raubsucht reizt. Ich hoffte damals, da mir Aussichten gestellt wurden, mit Sicherheit ein Reisestipendium zu erhalten, aber obgleich die geehrten Herren Professoren der kaiserlich königlichen Akademie bildender Künste Ruben, Engerth, Führich und Zimmermann sich meiner auf’s Wärmste annahmen, wofür ich den größten Dank


Die Gartenlaube (1874) b 471.jpg

Eine Sennhütte auf dem Hochgebirge der Herzegovina
Nach der Natur aufgenommen von Franz Zverina in Brünn.


ausspreche, erhielt ich keines – warum, habe ich nie erfahren, auch nie danach gefragt. Da ich nun auch an dem Uebel laborire, armer Eltern Sohn zu sein, mußte ich, um meine Absicht, türkisch-illyrische Hochländer zu sehen, ausführen zu können, mich zu letzterer Art zu reisen bequemen, und so trat ich denn wohlgemuth mit nöthigster Wäsche, kleinem Skizzenbuche, Revolver, den ich für den äußersten Nothfall verborgen trug, und – Violine, welche mir in den liederreichen südslavischen Provinzen die beste Empfehlung und der sicherste Geleitsschein sein sollte, meine Reise an. In der That öffnete mir mein Spiel manche Thür, die mir sonst verschlossen geblieben wäre. Jetzt zu meinem Examen!

Nach der dort üblichen Anrede: „Gott grüße Euch, Ihr heldenmüthigen Falken!“ begannen diese mit mir das Examen.

„Du bist wohl ein Christ und kommst in guter Absicht?“

„Ja,“ sagte ich und schlug ein lateinisches Kreuz.

„Ein Gußlar unserer Kirche?“ (das heißt ein wandernder, epische Volkslieder spielender Fiedler römisch-katholischer Religion.*[1])

„Ja,“ sagte ich.

„Aber ein Fremdling?“

„Meine Heimath ist fast dreihundert Meilen von hier entfernt.“

„Da mußt Du wohl hinter Beograd (Belgrad) oder hinter dem Meere Deine Heimath haben?“

„So ist es,“ bejahte ich.

Mit sichtlichem Mitleide blickten mich Alle an, der ich von Person groß, sehr mager und bleich bin, und da meine Kleider [472] deutliche Merkmale langer Reisen trugen, zweifelten sie nicht an der Wahrheit meiner Aussagen.

Nach einer Pause hub der Alte – „Falkensohn“ – an zu fragen:

„Du spielst wohl schöne Lieder?“

„Einige.“

„Auch Heiligenlieder?“

„Viele,“ sagte ich.

Ich beeilte mich, zum zweiten Male mit meinem mittelmäßigen Spiele auf die rohen Gemüther einen Eindruck zu machen, welcher mir ihre Herzen öffnen sollte. Als ich deshalb mein volksthümliches Wams ablegen wollte, glitt zufällig mein Skizzenbuch aus der Tasche, welches der Eine rasch aufhob, aber, wie ich gleich erfuhr, nur deshalb aufhob, weil er es für ein Evangelienbuch hielt. – Nun, die vier Evangelisten hätte man freilich vergebens darin gesucht, und das Staunen der braunen Kerle, als sie nur kahle Felsen, Steine, alte Brücken, zerlumpte Hütten, Ziegenböcke und Schweine darin abconterfeit fanden, ist daher erklärlich. Als Hirten hatten sie doch für letztere so viel Verständniß, daß sie laut auflachten.

In der Hand meiner Kunstrichter litt auch wohl manches Blatt; bald besahen sie die Zeichnungen, bald blickten sie mich an, und ich merkte nach und nach, daß ich das Object ihres Bedauerns und Mitleids wurde. Sie raunten einander noch Einiges zu, und ich konnte mich auf die schlechteste Recension gefaßt machen. Endlich erhob der Senior des Dreirichtercollegiums mit Pathos seine rauhe Paprikastimme, und ich bekam Folgendes zu hören:

„Nun ist es uns klar und nicht mehr fremd, was Du bist. Wir sehen, Du irrst als Verfluchter in weiter Welt herum. Du bist ein schwerer Sünder. Der Papst hat Dich gestraft und Dir zur Buße und Genugthuung befohlen, das Mühsamste, Freudenloseste auf der Erde zu thun, unfruchtbare Felsen, stinkende Böcke und schmutzige Schweine haarklein zu ‚beschreiben‘ (zu malen). Hast Du schon viel abgebüßt und beschrieben? Du scheinst auch viel zu fasten und zu hungern. Das sollst Du nicht thun, damit Du wenigstens so lange lebest, bis Du die nöthige Sühne vollbracht hast.“

Ob dieser Zumuthung riß ich nicht wenig die Augen auf. Doch konnte ich mich wegen meines plötzlichen Avancements zum schweren Sünder nur freuen, denn blitzschnell wurde mir klar, daß ich bei erwecktem Mitleide auf gute Aufnahme rechnen könne, was sich auch glänzend bestätigte. Ja, ich steigerte ihre Aufmerksamkeit noch bedeutend, indem ich auf die schon abgelösten Zeichnungen, welche ich in den Hohlraum meiner Geige geschoben und gesammelt hatte, hinwies.

„Gott stärke Dich, daß Du Deine Gußla (Geige) bald voll bekommst, damit Du sie dann zum Papste tragen und ihm zeigen kannst! Dann kannst Du sie zerhauen, denn Du bist von Stund’ an erlöst.“

„Nein,“ schrie der Andere, „der Papst muß sie zerhauen, dann ist es erst aus – sonst nützt Dir Deine ganze Plackerei nichts,“ und sah mich mit einem wilden herausfordernden Blicke an, Gesagtes zu bejahen.

Ich nickte dazu und bedeutete den Hirten, daß der Papst mit dem Ergebniß meiner Buße, den Zeichnungen, wahrscheinlich auch den Hauptzweck anstrebe, den Herrschern und Machthabern in mahnender Weise das Schlechte in ihren Ländern zur baldigen Besserung vorzuzeigen. Dies hatte einen so günstigen Erfolg, daß, als wir bald hierauf zu den Hütten kamen, mir ein verhältnißmäßig gutes Mahl zu Theil wurde. Ich labte mich an einer Eierspeise, welche soeben zubereitet, auf siedendem Oele gekocht war, und trank gute Schafmolke. Da ich in den Hütten und umher keine Hühner sah und meine Kenntnisse in der Zoologie doch so weit reichen, daß ich weiß, daß Böcke und Dickhäuter keine Eier legen, erkühnte ich mich, um meine Neugierde zu befriedigen, die Frage zu stellen, von wem sie die Eier erhielten.

„Ich hatte ein Stelldichein,“ sprach der eine braune Geselle, „und mein Mädchen brachte sie mir.“

Ich dankte ihm besonders und bat ihn, seiner Geliebten meinen Dank – Gruß konnte ich nicht wagen – mitzutheilen. Die treue Schöne, welche zum Stelldichein den halben Weg zur Hütte kam, ahnte wohl schwerlich, daß ihre Liebesgabe die Hungersqualen einem schweren Sünder stillen würde. Vor und nach dem Mahle mußte ich spielen, viel spielen. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich unter Anderm auch den Kuhreigen aus Wilhelm Tell zu präludiren anfing und meinen Lauschern zum Besten gab. Wohl selten dürfte Rossini ein solches Lob erfahren haben, wie die Hirten in schlichten Worten unbewußt aussprachen. Sie fanden das Lied so schön, daß ich es dem Papste vorspielen solle – jedenfalls meinten sie zur feierlichen erhabenen Schlußscene meiner vollbrachten Sühne, ehe die Geige in den Händen Seiner Heiligkeit in Trümmer gehen sollte.

Was die Sennhütten selbst anbelangt, so ist ihre Anlage eine durchaus zufällige und deshalb ungleiche. Sie stehen auf Felsen, Steinen und Pfählen, derart gestützt, daß der Boden derselben ungefähr eine Klafter über dem Erdreiche erhaben ist und hierdurch zu unterst ein Hohlraum entsteht, welcher für die Dickhäuter bestimmt ist. Die erste Etage, in welche man nur über eine äußerst einfache Stiege und kaum ohne Balancirkunst gelangen kann, ist für die Hirten selbst und die Ziegen berechnet. Die Rinder und Schafe übernachten im Freien. Doch muß erwähnt werden, daß nicht selten die eisige Bora (Nordostwind) massenhafte Opfer in den Herden verlangt. Die Hirten und Ziegen haben in einer Thür, welche der hochgelegenen Schwelle wegen mehr einem Fenster gleicht, einen gemeinschaftlichen Eingang. Doch ist ein Theil des Innenraumes für den offenen Herd und die Käsebereitung abgeschlossen. Diese letztere ist eine äußerst primitive und wird vorwiegend mit Schaf- und Ziegenmilch betrieben. Der Käse, Topfen und Molke sind nebst Kukuruzbrod, welches aus frischem mittelst Handmühlen gewonnenem Mehle in heißer Asche gebacken wird, die vorwiegende Nahrung der Hirten. Ich habe nie schwerere Speisen genossen als diese Brode; wie Blei lagen sie mir im Leibe, und es gehört eben ein herzegoviner Magen dazu, sie zu verdauen. Schon die bloße Erinnerung an dieselben verursacht mir heute noch Magendrücken.

Der größte rückwärtige Innenraum der ersten Etage hat keinen Boden; es ist an den Hauptwänden der Hütten eine Art schmaler Laufgang angebracht, so daß man von einer Art Galerie auf die Schweineherde herabsieht. Diese Laufgänge haben selbstverständlich keine Barrière, sind sehr nachgiebig, beweglich, ja vielmehr einem Schwung- oder Springbrette zu vergleichen. Hier und da lagen Moosklumpen und Heustreu auf denselben, und ich betrachtete sie um so genauer und sie heimelten mich um so weniger an, als mir von meinen Gastgebern bedeutet wurde, daß dies unsere Schlafstätten seien. Im Geiste machte ich schon einige Turnübungen, um mich für das Liegen darauf einzuexerciren, und dachte mit Besorgniß an die Aufnahme seitens der borstigen Dickhäuter da unten, wenn ich Nachts auf sie herabfallen sollte. Rosen- und Ambradüfte wehten mir auch nicht entgegen. Hatte ich dies jetzt schon bedeutend gefühlt, so steigerte sich dieser penetrante Geruch in der Nacht zu einem unerträglichen und wahrhaft mörderischen Gestanke. Die Schlafstätte schien fürwahr nur für die allerschwersten Sünder geschaffen zu sein. Durch das Rückenreiben der Thiere an den Grundpfeilern und Wänden war die ganze Hütte stets in Schwingungen, und an Ruhe war um so weniger zu denken, da an die „Aeltesten des Volkes“ oft ein Mahn- oder Ordnungsruf von oben mittelst wuchtiger Kolbenstöße gerichtet wurde. Einige von ihnen schienen auch von bösen Träumen geplagt zu werden, und ich, der aus gerade nicht unbegründeten Sorgen nicht einschlafen konnte, befürchtete, daß vielleicht auch ein Stoß mir zwei oder drei Rippen kosten könnte. Meine Situation war eine gräßliche; meine Kopfschmerzen nahmen bedenklich zu; ich rief alle Mächte an, mich aus meiner fürchterlichen Lage zu befreien, aber hier konnte auch der Papst nicht helfen.

Ich raffte mich endlich auf und zog es trotz der Kühle vor, den Rest der Nacht im Freien am Feuer bei den wachehabenden zwei anderen Hirten zuzubringen. Infolge großer Müdigkeit lag ich auch bald in Morpheus’ Armen und schlief ohne Unterlaß, bis mich der Morgen wachrüttelte.

Tags darauf habe ich als schwerer Sünder pflichtschuldig mein Bußwerk fortgesetzt, alles Unnütze, Schiefe, Gebrochene, Innere und Aeußere der Hütte genau „beschrieben“ (gezeichnet) und auch einige meiner früheren Schlafgenossen aus dem Parterre einer künstlerischen Betrachtung gewürdigt. Ich hatte hierdurch die größte Aufmerksamkeit, vor Allem aber aufrichtiges Mitleid erweckt. [473] Interessant war mir zu erfahren, daß das Gestell mit Quersprossen und flachem Korbgeflechte am obersten Ende eine Vorrichtung für den Vogelfang ist, welcher in folgender Weise ausgeführt wird. Die nahe Quelle bei der Hütte wird mit leichtem dichtem Laub und Reisig zugedeckt. In das Korbgeflecht werden glänzende Metallstücke, Spiegelglas und Topfscherben gelegt; das Ganze wird mit Leimspindeln umgeben und mittelst einer langen Stange von der Hütte aus gedreht. Im grellen Sonnenlichte glitzert und glänzt nun die Scherbenmasse, und die von der Meeresseite daherfliegenden todtmüden und durstigen Zugvögel wähnen Süßwasser zu erblicken und stürzen darauf, um diese Täuschung mit ihrem Leben zu bezahlen. Die Hirten versicherten mir, am häufigsten Wachteln etc. oft massenhaft gefangen zu haben. Indem kleinere Vögel im Korbe gelassen werden, lockt man sehr leicht auch Raubvögel, namentlich Falken, heran, welche dann herabgeschossen werden.

An den inneren Wänden der Hütte sah ich ungemein viele kleine aus Getreidehalmen und Aehren zierlich geflochtene Kränzchen, welche dem Sanct Ivan als besonderem Schutzpatron gegen Gewitterfeuer geweiht werden. Schon nach der großen Anzahl dieser Kränzchen kann man das Alter der Hütten als sehr hoch schätzen, zumal angenommen werden kann, daß naschhafte Ziegen diese Weihkränze nicht immer sonderlich respectiren dürften. Daß die Hütten mehrere Jahrhunderte alt sein müssen, bezeugt auch der ein bis zwei Klafter hohe Mist, welcher um sie in förmlichen Hügeln angehäuft ist. Ganz originell sind ferner die Borstenstricke, welche fast verwundend anzufühlen, aber ungemein fest und dauerhaft sind. Mittelst dieser Stricke sind einzelne Thiere, um die sich die Herde sammelt, an Pflöcken angebunden. Auf hohen gerüstähnlichen, besser gesagt galgenähnlichen Balken werden abgezogene Thierhäute getrocknet und dann verarbeitet; denn die meisten Hirten verstehen es, mitunter sehr zierliche Bund- oder Sandalenschuhe für Männer und Mädchen, wie auch anderes Riemenzeug zu arbeiten. Vorzüglich schön fand ich hölzerne Butter- und Schmalzbütten von Hirten geschnitzt, ja einer derselben zeigte mir einen höchst musterhaft stilisirten, dabei mit Zink ausgelegten Peitschenstiel, welcher vom kunstgewerblichen Standpunkte aus auch den strengsten Anforderungen entsprechen würde. Ich gab mir alle Mühe, denselben zu gewinnen, was mir aber nicht gelang. Häufig wird hier auch die Panpfeife von Schilfrohr äußerst zierlich verfertigt; ihre Töne sind in Terzen und Quarten angelegt.

Die Leute bezeichnen die Zeit nach den Heiligen, die der Gregorianische Kalender für die Tage bestimmt, und wer die Heiligen-Feste und Namen nicht gut memorirt hat, wird ihre Zeitrechnung nicht verstehen. Als ich fragte, wann sie die Hütte bezogen und wann sie dieselbe zu verlassen gedenken, erhielt ich die Antwort: „Am Tag des heiligen Ivo kamen wir; am Tag des heiligen Lavro gehen wir,“ und da ich vom heiligen Ivo und heiligen Lavro keine eminenten Kenntnisse habe, wußte ich soviel wie zuvor. Ferner sind auch ihre hölzernen Schlösser ganz besonders originell, welche so vorzüglich und dabei so einfach construirt sind, daß sie gewiß in Culturstaaten eines Privilegiums sicher wären.

Ich muß noch hervorheben, daß beim Bau einer Hütte, ja einer ganzen Gruppe solcher Sennhütten nicht ein einziger eiserner Nagel in Bauanwendung kommt; sie sind ganz von Holz; zum Binden dienen Bast, Weidenruthen und vor Allem Borstenstricke. Ueber den Schmutz, welcher die Hütten innen und außen umkleidet, ließe sich ein eigenes Capitel schreiben. Aber hier sei „Schweigen der Rest“.

Der Sennerdienst wird des gefahrvollen Lebens wegen ausschließlich von den Männern versehen, und nur die Liebessehnsucht bewegt zuweilen auch Mädchen, ihre Geliebten oben heimzusuchen oder, was noch öfter der Fall ist, diesen ein Stelldichein in halber Entfernung zur Hütte zuzusagen. Einer meiner braunen Genossen, welcher wahrscheinlich einen Liebesbesuch bei seiner Holden unten beabsichtigte, gab mir bis in’s Dorf Mali-Dernjac das Geleite, wo ich beim Popen (griechischen Pfarrer) eine leidliche Aufnahme fand, und zwar deshalb, weil ich mich auch den Umständen gemäß auf Meßnerdienste d. h, auf’s Ministriren verstand; nicht viel später wurde ich in anderen größeren Orten für einen wandernden Rasirer und Parapluie-Reparateur gehalten.

Sollten die Herrn Leser, im Falle sie meine Schilderung gelangweilt hat, gütigst Nachsicht üben wollen, so würde ich mich dieser möglicherweise am ehesten erfreuen können, wenn sie mich auch mehr als schweren Sünder, Musikant, Ministrant, Rasirer oder Parapluiemacher, denn als Maler oder gar als Literat beurtheilen wollten.



  1. * Die Bevölkerung ist serbisch, meist griechisch-katholisch; nur der fünfte Theil der Gesammteinwohner ist römisch-katholischer Religion. Diese Hirten waren römisch-katholische Christen, „Lateiner“.