Aus dem Steppenleben Rußlands

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Aus dem Steppenleben Rußlands
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 197–200
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[197]
Aus dem Steppenleben Rußlands


Das Rußland Alexander’s des Zweiten ist ein anderes als das Nikolaus’ des Ersten. Es ist frei von der Sclaverei, welche an seinem Grund und Boden haftete, frei auch von einer Strafrechtspflege, die so lange europäischer Gesittung Hohn sprach;

Die Gartenlaube (1867) b 197.jpg

Eine Kirgisenalpfahrt.
Originalzeichnung von H. Leutemann.

denn unter dem Regiment des derzeitigen Kaisers hat weder die Knute, jene dreigespaltene Geißel mit den Eisenhaken, dem Gemißhandelten das Fleisch vom Leibe zu reißen, noch die Plete, die Peitsche mit den Bleikugeln, welche dem Delinquenten die Brust zerbrechen, jemals ihre blutigen Dienste thun müssen. Wenn daher in der neueren Zeit auch die deutsche Auswanderung mehr als früher ihr Auge auf Rußland richtet, als auf ein Land, wo noch Hunderte, ja Tausende von Quadratmeilen des fruchtbarsten Bodens bis über die Steppen der Kirgisen hinüber nur emsigerer Hände und intelligenterer Köpfe harren, um die außerordentlichsten materiellen Erfolge zu verheißen, so darf dies Leben nicht Wunder nehmen, nachdem das weite Slavenreich aus dem Zustande asiatischer Barbarei herauszutreten und auf allen Gebieten seines Lebens eine freiere geistige Bewegung den Fortschritt, die Bahn zu europäischer Civilisation und Humanität zu bezeichnen beginnt.

Sonder Zweifel eröffnet sich der Auswanderung nach dem Innern Rußlands mit seinen unerschöpflichen Hülfsquellen, ja bis nach Sibirien hinüber, das bekanntlich weit besser ist als sein Ruf, [198] eine große Zukunft, allein wir glaubten gegen unsere Pflicht zu fehlen, wenn wir nicht eindringlich auf die unendlichen Mühseligkeiten, Strapazen, Schwierigkeiten und Gefahren hinweisen wollten, welche den deutschen Ansiedler in den mittleren und östlichen Provinzen des großen Russenreiches erwarten – Schwierigkeiten, welche denen einer Ansiedlung im fernsten Westen Nordamerikas sicher die Wage, ja mehr als die Wage halten dürften.

Um einen Blick zu thun nur in einige dieser Schwierigkeiten, folge uns der Leser dahin, wo die östlichste Eisenbahn des Czarenreichs endet, besteige mit uns die Tarantasse mit dem klingenden Dreigespann, durchfliege jenseits des Urals mit uns die berüchtigte Barabasteppe und folge uns bis in die Steppe der nomadisirenden Kirgisen – er wird sich sagen, daß eine solche Steppentour nicht Jedermanns Sache ist und neben vielen anderen Erfordernissen, zunächst neben einem stahlharten Körper und ebenso festen Nerven, auch eine tüchtig gefüllte Börse erheischt. Vor Allem muß der Reisende völlig auf dem Pferderücken zu Hause und dabei wetterfest sein. Es darf ihm keine Beschwerde machen, einige Wochen lang während des ganzen Tages im Sattel zu sitzen, während der Nacht die nackte Erde als Bett, den Himmel zur Decke zu haben. Eine gute Büchse, eine sichere Hand und etwas viel Courage sind ebenfalls wünschenswerth. Ist dies Alles zur Genüge vorhanden, sind eine Anzahl Kosaken als Begleiter angeworben, so kann die Reise beginnen. Es ist russischerseits verboten, in kleineren Trupps als zu acht südlich die Grenzposten zu überschreiten. Eine Anzahl Pferde dient zum Wechseln, andere tragen das Gepäck. Man sage nun aller Cultur und ihren beengenden Fesseln Lebewohl und grüße in gereimten oder ungereimten Ergüssen in gehobener Stimmung die Freiheit der Steppe!

Ja, es liegt eine eigenthümliche Poesie im Steppenleben. Die weite weite Ebene dehnt sich aus, unendlich wie das Weltmeer! Der kleine Mensch verschwindet in Nichts gegenüber der allgewaltigen Natur! Die Pferde traben meilenweit über loses Kieselgeröll, dann Tagereisen weit über Sandflächen, mit Krystallen von Bittersalzen überstreut wie mit Schnee. Kiesel und Sand, zerrissene Granitkämme und Porphyrkuppen bilden den Rahmen um die Oasen der Steppe, um die flachen Senkungen, die zeitweise als grünende und blühende Auen erscheinen.

Der schmelzende Schnee oder wiederholte Gewitterregen erwecken sie zu einem üppigen, wenn auch kurzen Leben. Zahlreiche Gräser bilden die Matten; sie werden durchwebt von blühenden Kräutern und Halbsträuchern: Beifuß- und Wermuthgestrüppen, gelbblühendem, blattlosem Saxaul, gelben Rosen, Traganthstauden, harzreichen Dolden, Verwandten des Vergißmeinnicht, zierlichen Kreuzblumen, Silenen, purpurrothem Esparsett, Melden, niedrigen Robinien und anderem kleinen Gewächs. Dort, wo sich Grundwasser findet, wogen Schilfwälder. Wildschweine haben ihre Kessel darin, Wölfe und Tiger lauern auf sie. Auf der grünenden Steppe weiden die Rudel der Saiga-Antilope, dort sammeln sich Trappen, Wachteln, Fasanen und Steppenhühner. Dorthin treibt der Kirgise seine Heerden: Schafe, Rinder, Ziegen, Pferde und Kameele in ungeheuren Zahlen. Der Hirt liebt die weidereiche Steppe, wie der Araber die Wüste, wie der Schiffer das Meer.

Die nördlich wohnenden Horden treiben im Frühling hinab in die Steppen, beim Anbruch des Winters suchen sie Schutz in den Thälern des Altai. Umgekehrt verfahren die Stämme im Süden. Dort, zwischen dem Balkasch-See und Issik-kul, erstirbt im Sommer im Tieflande jegliche Spur von Graswuchs, der Sand wird nach Mittag so heiß, daß ein Flintenlauf, der dort gelegen, der anfassenden Hand buchstäblich Brandblasen erzeugt, – an den feuchten Stellen schwärmen Wolken von Stechmücken, die Menschen und Vieh zur Verzweiflung bringen können. Dort führt der Kirgise ein Leben ähnlich dem Aelpler der Schweiz, nur in größerem Stile. Tritt der Frühling mit milderem Wetter ein, so ziehen Kundschafter voraus in’s Gebirge, hinauf in die Schluchten des Alatau und Karatau bis zu den Ausläufern des Syanschan, des Himmelsgebirges. Sie überzeugen sich, ob der Schnee im Gebirge so weit zusammengeschmolzen, daß die Passage für das Vieh frei ist und die Weideplätze in den Hochthälern zugänglich sind.

Währenddem nahen aus allen Theilen der Steppe die verschiedenen Auls unter ihren Führern den wenigen Engpässen, welche als Pforten zum Hochgebirge dienen. Erklären die Botschafter die Alp für zugänglich, so einigt man sich über die Marschfolge und über die Zeit des Aufbruchs. Am frühen Morgen wird die ganze Steppe am Fuße des Gebirges lebendig. Ströme von Schneewasser brausen donnernd und schäumend durch die Schluchten hinaus in die Steppe, – lebendige Ströme von großem und kleinem Vieh drängen sich mit noch größerem Lärm von der Steppe her nach dem Gebirge hinauf. Reiter sprengen ordnend hin und her, hier antreibend und dort zurückhaltend. Hunderte von langhalsigen zweibuckeligen Kameelen, Tausende von Rindern und zügellosen Rossen, Zehntausende von Schafen nahen sich blökend, brüllend und wiehernd in allen Tonarten. Sie drängen sich in den schmalen Paß ein, der zwischen senkrechten Felswänden allmählich aufwärts führt, stellenweise sich engt, ja durch herabgestürzte Blöcke hier und da versperrt wird, dann wieder sich weitet. Die Hirten reiten mit ihren Familien und ihrem ganzen Hausrath mitten in diesem wilden Durcheinander und suchen nach Kräften etwas Ordnung herzustellen.

Ein wettergebräunter Kirgise mit der Lanze zur Seite und der Streitaxt am Sattelknopf geißelt eine Heerde Rosse vor sich her, die sich untereinander mit Beißen und Schlagen den Vorrang streitig machen. Ein zweiter hetzt mit einem Rudel starker Hunde eine Heerde kräftiger Ochsen zusammen, die dann gleich einer unerschütterlichen Phalanx mit vorgestreckten Hörnern in den Paß einrückt. Ein Hauptbulle erhielt den großen eisernen Fleischkessel auf den Kopf gebunden; das Thier stolpert, der Kessel fällt ihm dröhnend nach vorn auf die Nase. Der Bulle wird wild, schleudert nach einigen Kreuz- und Quersprüngen die polternde, dröhnende Bürde ab und jagt schnaubend in gestrecktem Galopp davon. Er weist grimmig den Männern die Hörner, wenn sie es versuchen, ihn zu seiner Pflicht zurückzuführen. Es bleibt nichts übrig, als einen geduldigeren Collegen aufzusuchen, der das wichtige Möbel weiter schleppt.

Eine junge, kräftige Dirne sitzt auf einem munteren Roß und regiert es trotz dem besten Manne, eine zweite wählte sich ein Rind zum Reitthier. Halberwachsene Kinder benutzen gleiche Reisegelegenheiten, kleinere werden in Filzsäcke gesteckt und an den Seiten eines ehrwürdigen Trampelthiers aufgehangen wie Pistolen in Halftern. Ein anderes Kameel schreitet mit Filzballen beladen einher, an beiden Seiten sind ihm Bündel der langen Zeltstangen angebunden. Bei jedem Schritte schwanken dieselben hin und her, so daß das Thier von Weitem aussieht, wie ein Riesenengel mit hängenden Flügeln. Ein drittes Trampelthier trägt die Zeltspitze auf dem Buckel und erscheint dadurch wie eine wandelnde Jurte. Andere Kameele und Rinder sind mit den übrigen Geräthschaften der kirgisischen Haushaltung bepackt. Die einen tragen Koffer oder Ballen, Säcke, Teppiche, Brennholz und Kochgeschirr. So ungefähr sieht die Scene aus, die unser Bild darzustellen versucht.

Zwei bis drei Tage lang wälzt sich der lebendige Strom ununterbrochen in den Thälern hinauf. Droben vertheilen sich die Heerden altem Herkommen gemäß in die Seitenthäler, wandern dort in ähnlicher Weise, wie es die Senner unserer Alpen thun, je nach der Jahreszeit höher oder tiefer und ziehen sich am Ende des Sommers wieder nach der Steppe hinab, um in geschützten Senkungen oder an den Seeufern zu überwintern.

Kehren wir am Abend in dem Aul, dem Kirgisenzeltdorfe, ein, dessen aufsteigender Rauch uns seit mehreren Stunden als Wegweiser diente. Der Herr des Auls, der Sultan, wie er sich nennen läßt, heißt uns willkommen. Wir werden ganz in die Vorzeit der Patriarchen, in die Zeit eines Abraham und Jakob versetzt. Der Hirtenfürst prangt in kostbaren Kleiderstoffen. Ein langes, schlafrockähnliches Gewand aus schwarzem oder buntem Sammet bildet sein Oberkleid, ein scharlachrother kostbarer Shawl umgürtet seine Lenden, eine Zobelmütze bedeckt sein Haupt. Auch die erwachsenen Söhne und die Frauen sind in gleiche farbenreiche und theure Stoffe gekleidet, die meistens von China aus eingeführt werden. Das Zelt des Sultans ist schon äußerlich bezeichnet durch die lange Lanze mit schwarzem Roßschweif, die am Eingange aufgepflanzt ist. Der Boden im Innern des Zeltes ist mit kostbaren Teppichen aus Buchara bedeckt. Filzballen liegen ringsum und dienen als Ruhekissen und Schlafstellen. Auf einer Querstange sitzt ein gewaltiger Adler, nicht weit davon ein Habicht, beide zur Beize abgerichtet.

Zum Willkommen bietet man dem Fremden einen großen Holznapf voll Kumis, gegohrener Pferdemilch. Ein mannshoher Ledersack im Zelt enthält jenes Labsal und wird während der geeigneten Jahreszeit nicht leer. Dem Gaste zu Ehren wird ein [199] fettes Schaf geschlachtet und zubereitet, dann gemeinschaftlich verzehrt. Zum Nachtisch folgt Thee in chinesischem Porcellan, dazu getrocknete Aprikosen und Rosinen, aus den südlichern Ländern zugeführt. Der Sultan nimmt seinen Thron ein, ein kostbares Möbel aus schönem Holz und Elfenbein geschnitzt und mit edlen Metallen geziert, von Urväter Zeiten herstammend. Bei der Wanderung des Auls wird dies wichtige Kleinod von einem besondern Kameele getragen. Leitet der Besitzer seine Abstammung von Dschingiskhan, dem bekannten großen Eroberer, her, so zieren den Thron und die Pelzkappen der Sultansfamilie Eulenfedern, – führt das Herrschergeschlecht seinen Stammbaum bis auf Timur Tamerlan zurück, so treten Pfauenfedern an jene Stelle. In der Nacht, wenn das Lagerfeuer einen matten, düsterrothen Schein verbreitet und malerisch die ringsum lagernden Nomaden beleuchtet, ergreift wohl der Barde des Auls, der Hofsänger des Sultans, die Balaleika und besingt aus dem Stegreif Leben und Poesie der Steppe in milden, weichen Weisen.

Gewiß, die Steppe hat ihre Reize, das Leben der Nomaden hat seine Poesie und seine Herrlichkeiten, – doch besehen wir uns jetzt auch die dunkele Kehrseite des patriarchalischen Zustandes. Tritt man am Abend hinein in die gastliche Jurte, in der man zu übernachten beabsichtigt, so darf man nicht zartnervig sein, sonst ist man verloren. Etwa ein Dutzend Menschen hocken im Innern des schwarzen Filzzeltes am Boden beisammen; der Regen hat sie zuvor durchnäßt, er sickert noch nachträglich zwischen den Filzdecken hindurch. Ein paar Ziegenlämmchen und einige Hunde liegen zwischen den Menschen und helfen durch ihre Ausdünstung die Luft noch dicker machen, als sie ohnedem schon ist. Die Zeltklappe in der Spitze ist geschlossen, die Thür durch dicke Filze verhängt, um den Wind abzuhalten. Die Umgegend bietet keine Spur von Holz, denn die Steppe hat keine Bäume, nur stellenweise einiges niedrige Gestrüpp. Kameeldünger, von den Kirgisenfrauen zu Kuchen geknetet, dient als hauptsächlichstes Brennmaterial.

Wir wollen nicht vorwitzig sein, nicht in die Geschirre schauen, welche zur Aufbewahrung und Herstellung der Speisen gebraucht werden. Es muß ein sehr beherzter Mann sein, der seine Nase zum zweiten Male einem der ledernen Melkeimer nähert. Auswaschen schadet dem Wohlstande! gilt als Hauptregel der Wirthschaft. Wasser ist in der Steppe oft ein seltener, höchst kostbarer Artikel, Leibwäsche ein unbekanntes Ding. Jeder Rock des Kirgisen hat zwei Seiten; ist die eine zu schmutzig und abgetragen, so wird das Kleid umgewendet, bis beide verbraucht sind. Ungeziefer gehört mit zur Familie. Niemand wird sich Gesicht oder Hände mit Wasser benetzen, schlimm genug, wenn der Regen so rücksichtslos ist es zu thun. Die eigentliche Farbe des Teints ist deshalb bei den kirgisischen Schönen schwierig zu beurtheilen. Kleinere Kinder laufen völlig nackt umher oder behängen sich nothdürftig mit den Fetzen eines Schaffelles. Nachts lagern sie sich in die warme Asche; als Schutzmittel gegen die Mücken nehmen sie auch wohl ein Schlammbad wie die Neger am weißen Nil.

So glühend heiß im Sommer die Steppen sind, so bitter kalt sind sie im Winter. Der Buran, der furchtbare Schneesturm, wirbelt Sand- und Schneemassen daher und droht Tod und Verderben. Die Heerden werden scheu; die Thiere rennen wild schnaubend mit dem Winde davon, wenn es den Hirten nicht gelingt, sie in einem geschützten Thale zum Stehen zu bringen. Sie sinken endlich ermattet nieder und kommen um oder sie stürzen in halbverschneite Klüfte. Nicht selten faßt der jähe Windstoß eine Filzjurte, stürzt sie um und zerstreut ihren Inhalt. In der Finsterniß der Nacht ist Hülfe kaum möglich, manches Kind wird buchstäblich davon gerollt; nach Tagen erst findet man es unter dem Schnee erstarrt als Leiche wieder. Die Horden der Nomaden halten sich wie die Stämme der amerikanischen Rothhäute immer auf einer mäßigen Kopfzahl. Die Sterblichkeit der Kinder ist außerordentlich groß; sie wird herbeigeführt durch die Mühseligkeiten des Wanderlebens.

Folgen sich mehrere günstige Jahre mit verhältnißmäßig milden Wintern, so nehmen die Heerden und mit ihnen der Wohlstand der Nomaden bedeutend zu. Es können ansehnliche Mengen Vieh sowohl nördlich an die Russen, wie auch an die südlichen Nachbarn verkauft werden. Ein einziger harter Winter dagegen bringt sie nicht selten wieder an den Rand des Verderbens. Der Kirgise kennt keinen Ackerbau und keine Wiesencultur. Er bezieht sein Mehl und seine Hirse von den Nachbarn. Er baut keine Futterkräuter und sammelt kein Heu für sein Vieh. Sogar bei hohem Schneefall überläßt er es den Thieren, sich selbst die dürftigen Kräuter unter der gefrorenen Kruste hervor zu scharren. Dann schmilzt freilich nicht selten eine Roßheerde von Tausenden auf wenige Häupter zusammen. Haufen von Rinderleichen und Schafcadavern bezeichnen im Frühjahr die Lagerstätten.

In den Schluchten der südlichen Gebirge ist während des Winters der Aufenthalt mit den Heerden unmöglich. Nicht nur, daß dort der Schnee viel früher sich aufhäuft und später wegthaut, hier verfangen sich die von der Steppe hereinbrausenden Stürme in einer wahrhaft grauenvollen Weise. Sie wüthen dort so arg, daß die Nomaden allen Ernstes behaupten: die Dämonen der Steppe verbündeten sich mit Schaitan (Satan), dem Teufel der Kirgisen, und führten Krieg mit den Gespenstern der Gebirge. Das Heulen des Sturmes ist zu Zeiten grausig; stellenweise trifft man ganze Waldungen von Pichta- und Arvenkiefern in den oberen Gebirgsthälern zerbrochen und zusammengestürzt. Man vermuthet, daß die Baumlosigkeit der weiten Steppe durch jene Orkane herbeigeführt sei.

So grauenvoll aber die Unbilden der Witterung für die wandernden Hirten auch sind, die keinen andern Schutz haben als das Filzzelt, so sind sie doch nicht das schlimmste der Uebel. Auch die Wölfe sind es nicht, die in Rudeln herumschweifen, auch nicht die Tiger, die einzeln selbst bis zum Irtisch vordringen. Das größte Unglück für jene Völker sind ihre eigenen Sitten, vorzüglich die Raubzüge (Barantas), die gleich einem Krebsschaden von einer Generation auf die andere vererbten und durch die Macht der Gewohnheit leider in den Augen der halbwilden Reiter selbst zu einer Ehrensache geworden sind. Das junge Geschlecht wird durch die Lust an Abenteuern dazu veranlaßt. An Ursachen zu Händeln fehlt es nicht. Verlaufenes Vieh, streitige Weideplätze, eine entführte Geliebte, für welche dem Schwiegervater der Kalym, das mitunter sehr hohe Brautgeld, nicht bezahlt ist, eine Viehseuche oder ein harter Winter, welche die eigenen Heerden so herunter gebracht haben, daß sie nicht mehr zur Existenz der Leute ausreichen, u. dgl. geben den ersten Anstoß dazu, einen andern Aul zu überfallen und – ein wenig Vieh wegzutreiben. Mord wird nicht beabsichtigt, kommt aber gar zu leicht vor, wenn die Angegriffenen, wie natürlich, ihr Eigenthum vertheidigen. Blut kann nur durch Blut gesühnt werden; es entspinnen sich hieraus Kämpfe zwischen benachbarten Horden, die sich von einer Generation auf die andere vererben und nicht selten entweder erst mit der Vernichtung des einen Stammes oder mit der völligen Erschöpfung beider endigen. Jeder Begegnende, Jeder, der sich einem Aul naht, gilt zunächst als Feind. Keine Nacht darf man sich unbesorgt einem sichern Schlafe überlassen. Ein permanenter Kriegszustand Aller gegen Alle ist so ziemlich die Regel.

Bekanntlich theilen sich die Kirgisen in die kleine, mittlere und große Horde, von denen die beiden ersten in den russischen Steppen umherschweifen, die letztere frei in Turkestan lebte. Zwischen den Gebieten der großen und mittlern Horde befand sich ein Landstrich, der zum Zankapfel zwischen beiden Kirgisenstämmen ward. Die Russen wurden zu Schiedsrichtern angerufen, machten zum Schein einen Versöhnungsversuch, der ohne Erfolg blieb, und errichteten bei dieser Gelegenheit dort das Fort Kopalsk, das sie mit einer Batterie armirten. Zu spät erkannten die Kirgisen den politischen Fehler, den sie gemacht hatten. Sechs- bis siebentausend Reiter der großen Horde griffen in zwei Abtheilungen nach Art ihrer Barantas den kleinen Kosakenposten an, allein eine gutgezielte Kartätschenladung und dann als Abschiedsgruß noch einige Vollkugeln beendigten den ganzen Kampf. Die Karakirgisen (die Schwarzen) in den Gebirgen, langjährige Feinde der großen Horde, begrüßten die Russen als Freunde, verbündeten sich mit ihnen und riefen nachher den Schutz derselben gegen den Herrscher von Taschkend und Kokand an. Hierdurch wurden die ernsteren Kämpfe herbeigeführt, welche im verflossenen Sommer die Herrschaft der Russen bis zum Syr Darja ausdehnten.

Schon in den wenigen Jahren, in denen die Russen am Balkasch und Issik-kul, am Alatau und Karatau ihre Macht befestigten, haben sich die oben geschilderten wirren Verhältnisses bedeutend gebessert. Die Nomaden haben sich theilweise schon bewegen lassen, feste Wohnungen zu bauen, Bewässerungen der [200] Steppe anzulegen und Ackerbau zu treiben. Die Kosaken gehen ihnen hierin so wie in allerlei Handwerken mit gutem Beispiele voran. Räubereien dürfen nicht mehr vorkommen, sie werden auf’s Strengste geahndet. Ueber Streitsachen entscheidet der kaiserliche Richter.

Mag auch nach europäischen Begriffen in den dortigen Verhältnissen noch gar Vieles zu wünschen sein, so tritt doch hier unter den Kirgisenhorden und unter dem Räubergesindel der Grenzbezirke Turkestans der Kosak wirklich auf als Genius der Civilisation. Der Schritt aus dem beweglichen Filzzelt in das feste Wohnhaus, zu welchem er den Nomaden veranlaßte, ist der erste zur weitern Cultur, andere werden jenem nachfolgen, wie die Civilisation unverkennbar das ganze weite Czarenreich in ihre Bahnen gerissen hat. Immerhin aber muß der ein ganzer Mann, härter und fester noch als die alten Squatters am Mississippi und die Regulatoren von Arkansas sein, welcher jetzt schon als deutscher Ansiedler im Innern Rußlands leben und gedeihen will.