Aus den Memoiren eines Stenographen

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Aus den Memoiren eines Stenographen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 400
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[400] Aus den Memoiren eines Stenographen. In dem denkwürdigen Jahre 1848 war ich Reichstags-Stenograph. Dieses Jahr war für die Stenographie wohl ein gesegnetes zu nennen, Ueberall Parlamente, Landtage, Vorbesprechungen zu Wahlen, Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Gerichtsverfahrenn etc., kurzum, wohin man blicken mochte, das Bedürfniß nach Stenographen.

Ich pflegte die mir nöthige Erholung von den Strapazen des Reichstagslebens oft in dem Hause eines Fabrikanten zu finden, welchen ich aufsuchte, wenn ich fern von Politik mich den Vergnügungen eines gemüthlichen Familienlebens und dem erquicklichen Verkehr mit guten Bekannten hingeben wollte. Der Herr des Hauses war gebildet und reich, und verstand es mit seltenem Geschick, die Zufriedenheit und das Wohlbehagen, die in seiner Familie heimisch waren, auch auf seine Gäste zu übertragen. Er war glücklich in seinen Kindern. Er besaß einen Sohn und drei anmuthige Töchter. Letzterer Umstand mag wohl einer der Hauptanziehungspunkte für die jüngeren Besucher seines Hauses gewesen sein. Zu den fleißigsten Besuchern desselben zählte ein junger Literat. Er war ein äußerst liebenswürdiger Mensch, hatte aber einen großen Fehler: er machte über alles Mögliche Gedichte, welche aber eben nicht an Gedankenreichthum litten, und deren Form meistens nur mittelmäßig war. Dabei war er aber so sehr von der Vortrefflichkeit seiner Reimereien überzeugt und daneben von Mutter Natur mit einer solchen Dosis Eitelkeit begabt, daß er seine poetischen Erzeugnisse bei jeder Gelegenheit und jedem, der ihn anhören wollte, oder vielmehr jedem, den er überhaupt erfassen konnte, vortrug. Dadurch war er nun wirklich der Schrecken unserer Gesellschaft geworden, und es war ganz natürlich, daß man allgemein den Wunsch hegte, den sonst recht schätzenswerthen jungen Mann von seiner Manie zu heilen. Nach langem Hin- und Hersinnen glaubte man endlich ein Mittel hierzu gefunden zu haben und benützte die erste Gelegenheit, die sich darbot, um es auszuführen.

Es war am 2. September. Man feierte den 20. Geburtstag der hübschesten unter den drei jungen Damen des Hauses. Wir wußten alle, daß unser Held uns bei dieser Gelegenheit ganz gewiß mit einer neuen Schöpfung seiner aufgeregten Phantasie bekannt machen würde; und darauf war unser Plan berechnet. Wir hatten uns nicht getäuscht. Die Gesellschaft war bereits versammelt, ich aber war nicht zugegen, als unser Dichter eintrat. Er setzte sich alsbald in die gehörige Positur und declamirte ein von ihm eigens für diesen Abend verfaßtes Gedicht. Ein aufmerksamer Beobachter hätte aus allen Gesichtern ein bedeutsames halb unterdrücktes Lächeln bemerken können. Als er geendet hatte, sprach ihm die gefeierte Dame des Hauses ihren Dank aus. „Wirklich ein recht artiges Gedicht; es hat mir schon gefallen, als unser Freund Eberhard (das war ich) es mir vor einigen Tagen vorlas.“

Diese wenigen Worte übten eine merkwürdige Wirkung auf unsern jungen Mann. Er hatte ja gerade vorher sein Gedicht ausdrücklich für eine Originalarbeit erklärt; er war sich auch wirklich vollkommen bewußt, in diesem Falle kein Plagiat begangen zu haben; – nun mußte ihn die ganze Gesellschaft für einen Abschreiber halten. Das würde auch einen minder Eiteln als ihn sehr unangenehm berührt haben. Andrerseits aber konnte er es wirklich nicht für möglich halten, daß zwei Personen, die mit einander in keiner Verbindung stehen, dieselben Gedanken haben, noch weniger aber sie in dieselben Worte kleiden würden, noch dazu in einem langen Gedicht.

Diese und ähnliche Gedanken stürmten auf ihn ein und machten ihn beinahe sprachlos. Als er sich etwas gesammelt hatte und nun nähere Aufschlüsse verlangte, wußte ihm die Dame geschickt auszuweichen und das Gespräch auf andere Gegenstände zu lenken. – In diesem Augenblick trat ich ein. „Welches Gedicht haben Sie vor einigen Tagen dem Fräulein vorgelesen?“ Mit dieser Frage stürzte der Aufgeregte auf mich zu. Ich stellte mich, als wüßte ich gar nicht, um was es sich handelte, und forderte ihn auf, mir die Sache zu erklären. Ich hörte ihn einige Zeit an, zog endlich meine Brieftasche hervor, nahm nach einigem Herumsuchen ein beschriebenes Blättchen Papier heraus und fing an, den Inhalt desselben mit vielem Pathos zu declamiren. – Es war sein Gedicht, Wort für Wort.

Für einen Psychologen müßte das Mienenspiel, mit welchem unser Dichter meinen Vortrag begleitete, höchst interessant gewesen sein. Seine Aufregung wuchs derart, daß er einer Ohnmacht nahe war, und lange Zeit ging er umher wie ein Irrsinniger. Aber das Mittel hat geholfen. Seit diesem Abend nahm unser Dichter an unserer Unterhaltung nur in strengster Prosa Theil, und niemals mehr hörten wir ihn in unserm Kreise ein Gedicht vortragen. Erst später gaben wir ihm die Erklärung, daß ich mich während der Zeit, als er sein Gedicht vortrug, im Nebenzimmer befand und Satz für Satz seiner Declamation stenographisch niederschrieb.