Aus hoher Region

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Autor: Guido Hammer
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Titel: Aus hoher Region
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 144–146
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[144]

Aus hoher Region.

Von Guido Hammer.

Ich hatte mich auf einer meiner letzten Wanderungen durch die Tiroler Berge müde geklettert und lag nun auf einer Halde hingestreckt am Fuße einer riesigen Bergwand, die mich vor den heißen Strahlen der Sonne schützte und ihren breiten dunkeln Schatten weit über das Thal warf, das sich da unten dehnte. Ich genoß voll Entzücken all’ die Herrlichkeiten der Gebirgswelt, die ja der Sterbliche, der sein Flachland und seine Ebene nie verläßt, nicht einmal ahnt. Drunten in blauer verschwimmender Tiefe Wälder, Fluren und blinkende Seen, denen die an schroffen Felsenwänden niederstürzenden, silberschäumenden Gießbäche zueilten; weiter aufwärts aber sanfte Hänge grünender, blühender Matten und Almen, während den hochgerückten Horizont ringsum die edelphantastisch geformten Linien schneegekrönter zackiger Firsten und hintereinander sich thürmender Gebirgskämme wie ein Meer von starrgewordenen und gewaltigen Wellen umschlossen.

Kein Laut regte sich; die Einsamkeit der Gebirgswelt in ihrer ganzen Großartigkeit umgab mich. Nur einmal ward das schelmisch lärmende Geschrei der tiefsammetschwarzen, rothfüßigen Alpendohlen laut; sie umflatterten mich, wie zürnend, daß ich in ihr Gebiet gedrungen; aber bald schoß die muntere Vögelschaar, so schnell wie sie gekommen, thaleinwärts, und wieder war es grabesstill auf der wolkenreichen Höhe.

Da fesselte ein merkwürdiges Schauspiel meinen Blick. Mächtig geschwungenen Fittigs schoß drüben, jenseits einer breitgerissenen Kluft, ein stolzer Adler nach naher, hellbeschienener Wand. Und wie meine Blicke unwillkürlich dem Gewaltigen und dessen Gespons, das fast gleichzeitig sichtbar ward, nachfolgten, gewahrte das rasch mit dem Fernglas bewaffnete Auge unter steilem Felsvorsprung auf latschenumklammertem Steingeschiebe drei harmlos äßende Gemsen. Diesen aber galt der kecke Raubzug der beiden verbündeten Beherrscher [145] der Lüfte. Schon rauschte das gierige Königspaar hinter der das bedrohte Gewild bergenden Felswand hervor, als auch bereits der junge Bock, die dräuende Gefahr erkennend, in flüchtigen Sätzen nach abwärts einen schützenden, von überhängender Steinplatte und Knieholzgewirr völlig gedeckten Hang gewann und so vor augenblicklicher Gefahr geborgen war. Aber auch das Kitzlein, das wohl von vornherein die auserkorene Beute war, flüchtete sich, und zwar mit kindlichem Instinct, in den unmittelbaren Schutz der Mutter, die zwar selbst genugsam erschreckt war, aber doch tapfer Stand hielt, da Flucht für ihren Liebling doch allzuverhängnißvoll werden mußte. Die alte treue Gemse deckte das Kleine mit ihrem eigenen Leibe und schützte todesmuthig das sich ihr dicht anschmiegende Junge lange Zeit gegen das scharfe Gewäff des andringenden königlichen Räuberpaares, wobei die Mutterliebe sie auch noch verzweiflungsvoll und mit Aufwand aller Behendigkeit die spitzen Krickeln, wie die schneidigen Schalen ihrer stahlgesehnten Vorderläufe zur Abwehr der geflügelten Mordgesellen gebrauchen ließ.

Die Gartenlaube (1871) b 145.jpg

Die Beute des Adlers.
Originalzeichnung von Guido Hammer.

Doch bei der endlichen Erschöpfung vom ungewohnten Kampfe, den ihr so überlegene Meister dieses Handwerks aufgedrungen hatten, entschloß sich das treusorgliche Thier zuletzt doch noch zur eiligen Flucht, seinen mitfolgenden Schützling aber auch hierbei noch nach Kräften vor den nicht ablassenden Beutegierigen bewahrend. Es galt nur noch eine kleine Strecke, wo freilich Steintrümmer den Weg verengten und Mutter und Kind auf einen Augenblick von einander trennten. Es waren nur ein paar Minuten, aber sie genügten dem nachsetzenden Adler, das widerstandslose Kitzlein mit berechneten kraftvollen Flügelschlägen weiter, bis zum äußersten Rand des schmalen Kampfplatzes, abzudrängen und von da aus durch fortgesetzte wohlgezielte Stöße hinab in die grausige Tiefe zu stürzen. In Sturmesschnelle nachschießend, während die Genossin die Lüfte über dem Abgrunde durchmaß, und die alte Gemse, das eigene Leben zu retten, flüchtigen Laufes die steile Höhe erklomm, trug der befiederte Sieger bald das zerschmetterte Opfer in starken Fängen aus starrer Thalschlucht empor und hin nach seinem hochgelegenen [146] unzugänglichen Horst, dort mit dem blutigen Raube die nimmersatte Brut zu ätzen und sie tüchtig zu machen, später selbstständig auf Beutezügen die angrenzenden wildreichen Gefilde ihrer Niststätte zu durchstreichen.

So gilt denn auch in der Thierwelt, und zwar hoch, hoch oben in scheinbar friedlichster Einsamkeit – wie unten auf gewühlreichem Schauplatz des Menschenlebens, wo so oft von den Gewaltigen der Erde Freiheit und Recht mit Füßen getreten werden – die leidige, aber naturgesetzlich begründete Thatsache: Macht geht vor Recht!