Aus meinen Memoiren – Plaudereien über Napoleoniden

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Autor: Emma Niendorf
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Titel: Aus meinen Memoiren – Plaudereien über Napoleoniden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 446–448
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[446]
Aus meinen Memoiren.
Von Emma Niendorf.
Plaudereien über die Napoleoniden.

Vor Jahren hörte ich einen vom Rhein heimkehrenden Freund berichten, er habe auf dem Dampfschiffe zwei junge Leute getroffen, die sehr artig waren und vornehm schienen. Sie hatten ihren eigenen Wagen bei sich auf dem Verdecke. Jener suchte während der Fahrt sich demselben zu nähern, weil er ihre Namen zu wissen wünschte. Aber statt des Wappens, das er erwartete, fand er auf den Kutschenschlag eine aufgehende Sonne gemalt, mit den Worten: „Je monte“. Erst nachher erfuhr er, daß der Eine dieser jungen Männer der Graf St. Leu, der Andere dessen Begleiter gewesen sei. Louis Napoleon hat diese Devise, den Wahlspruch seines ganzen Gebens, wahr gemacht.

Vom Prinz Jerôme Montfort selbst hörte ich, als er von Arenenberg zurückkehrte, wohin er sich von Stuttgart aus begeben hatte, um den gerade dort verweilenden Cousin zu besuchen, daß er denselben in Büchern und Karten begraben gefunden.

„Ja, was plagst Du Dich denn mit all dem Zeug?“

„Das brauche ich.“

„Wozu?“

„Weil ich später doch noch einmal Kaiser werde. Ich weiß das gewiß!“ wiederholte Louis Napoleon.

Aus gleicher Quelle weiß ich Manches aus der Zeit des Besuchs vom Kaiser Nicolaus am Bodensee. Prinz Montfort [447] befand sich mit dem Czaren bei der königlichen Familie im Schlosse zu Friedrichshafen. Auch Louis Napoleon kam von Arenenberg herüber. Der Czar ließ ihn sehr links liegen, Louis empfand dies tief, es that ihm sehr weh. Er ist, wie seine Freunde und Bewunderer selbst von ihm sagen, der Mann, der nichts vergißt und nichts vergibt. Er hat es dem Kaiser Nicolaus in der Krim heimgegeben, wie er es dem Papste jetzt heimgibt, daß derselbe ihm den Thronerben nicht selbst hat taufen wollen.

Wer erinnert sich nicht des Adlers, welcher den Neffen und Nachfolger des großen Napoleon bei seiner Landung von England symbolisch umkreiste? Britische Journale haben damals die dabei angewendete Manipulation der Fütterung umständlich besprochen. Durch diese Anekdote ist Persigny, während der Präsidentschaft Gesandter in Berlin, hauptsächlich bekannt geworden. Er erzog und richtete diesen Adler ab, im Verein mit einem Groom des Herrn von M., des österreichischen Ministers. Durch den Stallknecht kam der eigentliche Zusammenhang der ihrer Zeit vor Gericht verhandelten Geschichte auf, welche man in diplomatischen Kreisen genau kennt. Dieser Anfang charakterisirt das ganze System. – Das ist wie für das Hippodrome berechnet. Auch der seitherige Styl officieller und officiöser Blätter paßt dahin. Ich bin ihnen bei häufiger und längerer Anwesenheit in Frankreich bis zum Ueberdruß gefolgt. Oft dachte ich, der Kaiser müsse sich schwer ärgern, wenn er es läse. Seine Feinde könnten nicht Schlimmeres ersinnen, ihm „ridicule“ zu geben. Es wird zur vollständigen Ironie. Ich möchte solchen Schwulst zuweilen die tollste Kriecherei der Lyrik heißen. Z. B. die Patrie, aus Gelegenheit einer Rundreise [1] des Staatsoberhauptes. Um mit dem Kaiser zu reisen, erklärt u. A. das Blatt, müsse man „Luchsaugen, Hirschbeine und einen Straußenmagen“ haben, um diese „eben so lehrreichen als feenhaften Course“ mitzumachen.

Wie unter Septimius Severus der Senat decretirte, es müsse sich zu Rom in jedem Hause eine Kaiserbüste finden, so trifft man im heutigen Paris in jeder Localität, ich weiß nicht, ob auf höhern Befehl oder aus Schmeichelei, ein Conterfei von Louis Napoleon. Auf mich hat es den seltsamsten Eindruck gemacht, als ich das erste Mal, in eines der Schlachthäuser tretend, in der blutigen Halle, mitten unter dem todten Fleisch, an der Wand die Büste des jetzigen Kaisers gewahrte, pomphaft mit Trophäen umringt, mit Waffen und Fahnen geschmückt. Ist die Welt wahnsinnig geworden? fragte ich mich. Soll das Hohn sein? Die italienischen Schlachtfelder haben die gräuliche Allegorie, vor der mir ahnungsvoll schauerte, nur zu sehr gerechtfertigt. Es soll mich wundern, wenn er sich nicht bald selbst das Strahlendiadem aufsetzt, welches die solenne Vorstellung des Divus, des vom Senat consecrirten Cäsars, verlangt.

Betrachten wir die Rückseite der Medaille. Es würde sich nicht ziemen, wenn ich die Persönlichkeit nennen wollte, von der man in manchen Salons zu urtheilen sich vermißt: „Er sieht aus, wie ein ausgebalgter Raubvogel.“ – Etwas Verwandtes liegt in der ganz unbefangenen Bemerkung eines Deutschen, nachdem ihm gelungen war, was er längst neugierig gewünscht, einen gewissen Löwen des Tages von Angesicht zu Angesicht zu erblicken: „Er sieht interessant aus, aber er hat auf mich den Eindruck von einem Räuberhauptmann gemacht.“

Ich erinnere mich, als Kind in einem der königlichen Schlösser Bayerns, entweder in der Residenz selbst oder zu Schleißheim, ein für den ersten Napoleon prächtig ausgestattetes Schlafgemach gesehen zu haben, in welchem er eine Nacht zubrachte, und das der Castellan mit der Bemerkung zeigte, der Kaiser habe sich nicht getraut, sich hinter die rothsammetnen von Goldstickerei strotzenden Vorhänge zu legen, auf denen seine Chiffern, seine Kronen und Wappenbilder funkelten, sondern auf dem Sopha geschlafen, weil er fürchtete, in dem schweren Baldachin möchte ein Anschlag auf das Leben lauern, eine Höllenmaschine, weil er fürchtete, seine eignen Kronen möchten ihn selbst zerschmettern, seine eignen Wappen ihn selbst ersticken. Die Reminiscenz an diesen früheren Vorgang hat einer der jüngsten Zeit mir wieder angefrischt.

Das geschah durch den Besuch, den der neue Kaiser bei einem süddeutschen Hofe machte, der ihn im guten Vertrauen auf sein Friedenswort und seine nachbarliche Gesinnung gastlich empfing. Man feierte den Geburtstag des heimischen Monarchen. Es ist noch früh am Morgen, kaum daß sich ein paar Personen in dem noch ganz verödeten innern Schloßhof blicken lassen. Unter ihnen ein bedeutender Mann am Hofe, der nach dem Appartement seines Gebieters schreitet, um vielleicht der Erste zu sein, welcher seine Glückwünsche darbringen darf. Unwillkürlich fällt sein Auge im Wandern über den Kies auf die Fenster von Louis Napoleon, welche gerade auf diesen innern Schloßhof gehen, und für den man eine Gemächerreihe mit ebensoviel modernem Luxus als Geschmack einrichten ließ. Jetzt dröhnt plötzlich ein Donner, daß die Mauern beben, die Scheiben klirren. In dem Augenblicke fährt Louis Napoleon im Hemde an das Fenster – es ist dasjenige seines Schlafzimmers – und streckt den Kopf heraus. Alles ruhig und in gewohnter Ordnung befindend, zieht er sich sogleich wieder zurück, indem er den erwähnten Herrn gewahrt und ihn mit der Hand grüßt. Die Kanonenschläge wiederholen sich in regelmäßigen Zwischenräumen – die Salven, mit denen man herkömmlich früh am Morgen das Wiegenfest des Landesvaters begrüßt. Der Kaiser, mit jähem Schreck geweckt, mochte wohl ein Attentat, eine Explosion, eine abermalige Höllenmaschine fürchten. Die Situation hat etwas sehr Drastisches. Europa, das ist der Mann, vor dem Du zitterst! …… Der Moment ist nicht bekannt geworden. Nur Wenige erfuhren ihn.

Wie vorsichtig der 2. December handelt und wie weit sein Arm reicht, nur ein Beispiel. Einer meiner britischen Freunde, einer der ernstesten, gediegensten Geister, geht in diesen letzten Jahren über den Canal, um für unbestimmte Zeit in Paris wissenschaftlichen Studien zu leben. Es verstreichen Monate und Monate, und seinem Scharfsinn fehlt es nicht an tiefen Einblicken in das Räderwerk der dortigen Maschine. Allmählich stößt er aber auf Hemmnisse aller Art in seinen Angelegenheiten. Es kann ihm nicht verborgen bleiben, daß man ihn beobachtet, bewacht, daß seine Correspondenz, in welcher er von seinen Entdeckungen, seinen Ansichten über das herrschende System kein Hehl machte, von fremden Augen gelesen wird. Um sich den Verfolgungen zu entziehen und hauptsächlich seine Papiere zu retten, eilt er vor Jahr und Tag in sein Vaterland zurück. Er hat die schlagendste Ueberzeugung, ja die Beweise gewonnen, daß Louis Napoleon Plane gegen Alt-England schmiedet, sogar einen Angriff, einen Ueberfall der unvertheidigten Küstenpunkte vorbereitet. Alle diese Wahrnehmungen und dringenden Winke hat die ausgezeichnete Feder dieses Freundes in einer Broschüre niedergelegt. Allein weder in London, noch sonst irgendwo in den vereinigten Königreichen findet der sonst geschätzte Schriftsteller einen Verleger dafür. Man hat sich ja dort noch nie mächtiger in beiden Hemisphären gefühlt, als just im Augenblick, und Palmerston macht im Parlament unwiderstehliche Witze!

Von der Politik ist der Weg nicht weit zu der Kaiserin Eugenie, seit dieselbe Staatsrath hält. Die Pariser, weil es ihre Eitelkeit verletzt, daß die Gefährtin von Louis Napoleon keine Prinzessin ist, haben nicht immer Sympathie für sie entwickelt. Der Augenschein lehrte es mir bei großen Paraden, z. B. am Napoleonsfeste im August. Anfangs, wenn der Wagen der Kaiserin von St. Cloud her gefahren kam durch die Champs Elysées, rührte sich keine Stimme. Als aber der Kaiser ansprengte und, wohlverstanden, zuerst den Hut abnahm, rief die Nationalgarde: „Vive l’empereur!“ Dreimal ritt er so um den von Nationalgarden besetzten Concordeplatz, den Hut in der Hand.

Dort in der südlichen Ecke des Vendômeplatzes liegt das Hôtel du Rhin, in welchem Louis Napoleon zuerst wieder abstieg, als er nach Paris zurückkehrte. Er hatte daselbst mit der Königin Hortense gewohnt, welche erkrankt war, als ihn Louis Philippe auswies. Eine meiner Freundinnen machte bei dieser Heimkunft ein Bonmot, das sich sibyllisch bewährte: „Er ist angekommen am Fuße der Säule, und wird bald auf die Spitze hinaufsteigen.“ – Durch eines jener seltsamen Zusammentreffen, denen man in den Geschicken begegnet, und in deren Fatalismus sich namentlich die Bonaparte’s gefallen, stößt das Haus, in welchem Mademoiselle de Montijo den ersten Winter mit ihrer Mutter zubrachte, an das Hôtel du Rhin. Auch sie war am Fuß der Säule angelangt, um bald sich auf deren Spitze zu schwingen.

Ich hörte über diese Verbindung und über den Ruf der Dame manche unparteiische Urtheile von gutunterrichteten Personen. Alle stimmten darin überein, daß sich über die junge Gräfin Montijo nichts sagen lasse. Graf W., der sie noch von der Zeit vor ihrer Vermählung kannte, ihr da und dort begegnete, auch in Bädern, und durch ritterliche Wahrheitstreue den größten Glauben verdient, äußerte: „Man konnte nicht glauben, daß eine Spanierin 26 Jahre alt werden sollte ohne Abenteuer. Daher die Verleumdungen, um so mehr, als diese Heirath den Stolz der Franzosen verletzt.“ – Ueber [448] den Kaiser fügte er hinzu: „Man liebt ihn nicht – weil man ihn nicht achtet; besonders wegen seines Wandels, dem auch der Anlaß seiner Wahl entspricht: er war verliebt in Doña Eugenia, weil sie schön ist, und ließ sich mit ihr trauen, weil er sie nicht als Geliebte erlangen konnte.“ – „Mon Todo, mein Todo kommt!“ ruft die Kaiserin Eugenie, wenn sie die Schritte ihres Gemahls erkennt, springt auf ihn zu, küßt und streichelt ihn. So erzählen die in ihrem Appartement beschäftigten Frauen. Aus guter Quelle glaube ich zu wissen, daß die bangen Eltern vor einigen Jahren einen berühmten deutschen Leibarzt über den kleinen Prinzen zu Rathe zogen. Die Pariser Doctoren scheinen wegen der Teilnahmlosigkeit des Blickes einen Mangel an Sehkraft, mit einem Worte Blindheit gefürchtet zu haben. Unserem genialen Landsmann gelang es, durch glückliches Experimentiren mit einem Stabe in der Luft die Aufmerksamkeit des Kindes zu wecken: er greift nach dem Stabe – der kaiserliche Knabe ist nicht blind! Man denke sich die Wonne von Vater und Mutter!

„Sie ist’s – sie ist’s!“ rufen die Damen, sich in die Straße stellend, wenn sie vorüber fährt in ihrem vierspännigen Glaswagen, anmuthig grüßend; und Alles zieht unwillkürlich die Hüte vor der schönen Frau. Wird sie nicht gähnen im Staatsrath? Wenigstens behauptete man, daß sie in der ersten Zeit, wo sie die Krone trug, sich oft ausgesprochen, daß, wenn sie gewußt hätte, wie viel Langeweile man auf dem Throne ausstehen müsse, sie niemals Kaiserin geworden wäre. Wir sehen zum Mindesten da einen von den vielen längst verheißenen und angedrohten Fortschritten in Wirkung treten: Emancipation des Weibes. Wenn man hört, daß Eugenie im Staatsrath präsidirt, die österreichische Botschafterin bei Hofe Auffahrt hält und ihr Beglaubigungsschreiben überreicht – muß man da nicht denken, daß eine moderne Amazonenzeit anbricht?

Was die Herrschaft der Kaiserin auf weiblichem Gebiete betrifft, wollen wir sie verantwortlich machen für den verschwenderischen Kleiderluxus, den sie begünstigt, vielleicht der Industrie zu Gefallen begünstigen muß. Der kolossale Aufwand unter diesem Regiment hat etwas, das an die Verfallsperioden römischen Cäsarenthums mahnt. Damit gründet man keine Dynastien, damit vernichtet man sie nur. Die Toilette zerrüttet heutigen Tages die Familie und durch sie den Staat. Es ist Thatsache, daß die Damen gegenwärtig in Paris sich nicht mehr träumen lassen, ihre Rechnungen in den Magazinen zu zahlen, sondern froh sind, nur die laufenden Zinsen dieser Rechnungen noch zahlen zu können. Somit wäre der immer in den Vorgrund geschobene Vortheil für Handel und Gewerbe auch nicht so glänzend.

Anfangs machte sich dieser Einfluß der jungen Kaiserin dadurch geltend, daß sich die ohnehin graziösen spanischen Moden mehr in der Hauptstadt verbreiteten, die sich ihnen eigentlich schon seit der Verlobung der Herzogin von Montpensier zuneigte. Man sah von jetzt an, neben einem viel ausgedehnteren Gebrauche des Fächers, auffallend viele schwarze Toiletten in den Straßen von Paris. Zudem sandten die Pyrenäen eine Menge Gäste. Die Theater bemächtigten sich einiger Helden der Familie Montijo. Der Faubourg von St. Germain spielte in das Andalusische hinüber. Ich selbst lernte in den Salons Damen kennen, welche durch die gemeinschaftliche Abstammung von Don Guzman mit der neuen Kaiserin verwandt sein wollten und eifrig die Sonntagsmesse in der Capelle der Tuilerien besuchten. Man lernte die Castagnetten schlagen und jenen unnachahmlichen Schwung des iberischen Fächers.

Zu den wirklichen und nächsten Angehörigen der Kaiserin zählt der jetzige Herzog von Alba, welcher mit ihrer Schwester vermählt ist. Die alte Gräfin Montijo wußte derselben die beste Partie zu geben, die man in Spanien machen konnte. Ihre andere Tochter machte dann – die beste Partie in Frankreich, oder die erste doch wenigstens. Die Familie des Herzogs findet sich öfters zum Besuch in den Tuilerien ein oder begleitet die Kaiserin in die Bäder. Louis Napoleon pflegt dann eine Dame du Palais der Letzteren – die Palastdame erzählte es mir gelegentlich selbst – in sein Cabinet rufen zu lassen, um ihr den Auftrag zu ertheilen: „d’acheter des joujous pour les enfants du duc d’Albe.“ – Zuerst fiel der Herzog von Alba durch sein kleines schwächliches Aussehen in Paris auf. Daher muß er zweifelsohne derselbe sein, von dem man von verschiedenen glaubwürdigen Seiten, darunter Damen und Herren aus Madrid selbst, uns den merkwürdigen Fact verbürgt, daß dieser noch lebende Herzog Alba – schon vor seiner Geburt begraben war. Als seine Mutter ihn unter dem Herzen trug, erkrankte sie schwer. Bald blieb keine Hoffnung mehr, die Herzogin zu retten. Sie starb auf einem ihrer Schlösser, entfernt von Madrid. Als Leiche ließ man ihr, wie dies in Spanien Sitte bei Vornehmen ist, alle Kostbarkeiten, welche sie zu tragen pflegte, und deren waren nicht wenige. So ward sie in der Familiengruft beigesetzt. In einer Nacht drangen Männer aus der Umgegend oder aus dem herzoglichen Hause selbst in die Todtengenwölbe ein, den Sarg zu berauben. Am kleinen Finger der Herzogin steckte ein Diamant. Der Ring wollte nicht heruntergehen. Da sägten die Räuber den Finger ab. Von dem Schmerz geweckt, kommt die nur Scheintodte wieder in das Leben zurück. Sie richtet sich in ihren Grabtüchern auf im Sarge. Die Räuber fliehen vor dem Anblicke erschrocken, lassen aber das Grabgitter auf. Die Herzogin kehrt in ihr Schloß heim, wo man sie gleich einem Geiste empfängt. Als ihre Stunde nahte, genas sie eines Sohnes. Er soll von Kindheit an bis auf den heutigen Tag immer leichenblaß gewesen sein. Die Alabasterfarbe des gegenwärtigen Herzogs von Alba stimmt mit der Schilderung überein. Auch der Herzog von Medina Sidonia ist einmal in Paris erschienen, der vornehmste und mächtigste Grande Spaniens. Er ist ebenfalls sehr klein von Figur. Bei einem Hoffeste in den Tuilerien hörte er, wie sie spottend hinter ihm flüsterten: „Der Kleine!“ – Da wendet er sich und sagt: „In meinem Hause nennt man mich groß“ (Grand).

Wenn ich mich etwas von Doña Eugenia entfernt habe, so geschah es mit der Absicht, noch einmal zu ihr zurückzukehren, um hinzuzufügen, daß sie mir am unüberwindlichsten scheint, nicht im Staatsrathe, sondern in einem andern Reiche, in ihrem eigentlichen Reiche, das sie sich selbst erobert und gegründet hat: in dem der Blumen. Sie liebt, sie beschützt die Blüthen, ist deren Patronin im ganzen weiten Frankreich. Sie steht an der Spitze aller Blumenvereine und Blumenausstellungen. Als Huldigung für sie zaubert man die vollste Feenpracht der Flora hin. So ist die holde Frau mitten in ihrem blumenliebenden, blumenduftenden Paris, wie auf einem Blüthenthrone, die echte Blumenkaiserin.

Dieser Vorstellung entspricht die Miniature der Kaiserin, die mir Passot gezeigt, und zu der sie ihm selbst gesessen hat. Er dürfte wohl für den ersten jetzt lebenden Miniaturemaler gelten, sowie man auch das Portrait von ihr für das beste hält, das noch gemacht worden ist. Ich will es gern glauben, weil ich so nun eine ganz andere Auffassung von ihr gewann. Was mir in der Wirklichkeit einigermaßen matt erschien, ist nur die spanische Langueur. Wenn Doña Eugenia redet, dann kommt das „épanouissement“, wie sie sagen, das alle spanischen Physiognomien haben sollen, „la fleur“, wie meine Freundin Gräfin Iñes (Agnes) mich belehrt. „Im Vorbeifahren,“ behauptet Graf R., „sieht man sie nur so kalt, müde. Aber wenn sie spricht – da schmilzt alles!“ – In dieser Miniature ist es eine wahrhaft kaiserliche Erscheinung, und Geist leuchtet aus den Augen – so etwas pflegt ein Miniaturmaler gewöhnlich nicht hineinzutragen. Welche schöne Büste, welcher Schwanenhals! Ganz einfach, nur von einer Perlenschnur umwunden. Vor diesem Bilde will ich abbrechen, um nicht zu bitter, zu gellend endigen zu müssen. Die Schönheit hat immer etwas Versöhnendes. Nicht Geschichte will ich in diesen lose an einander gefädelten Anekdoten geben, nicht einmal Chronik, blos Material für den Historiker.



  1. Nach Lille, September 1853.