Ausgesuchte Rache

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ausgesuchte Rache
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 347
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[347] Ausgesuchte Rache. In den vierziger Jahren lebte unter den Linden zu Berlin ein gelehrter Doctor und Hofrath, der, schon von jeher eine notorisch-komische Berühmtheit, plötzlich durch seine Heirath und deren Entwickelung auf ein paar Tage ausschließliches Stadtgespräch ward. Er hatte eine unermeßlich reiche Erbin aus Amerika geheirathet, die expreß nach Berlin gekommen war, um den berühmten Hofrath zu fangen. Sofort nach der Trauung war sie mit Hinterlassung einiger Papiere verschwunden. Die Papiere sagten, daß sie eine von einem Engländer gekaufte liederliche Person sei, expreß gesandt, um den Hofrath auf ewige Zeiten lächerlich und moralisch todt zu machen. Der Engländer hatte nämlich bei seiner Abreise von Berlin seine Geliebte dem Hofrath anvertraut und ihm für sie und deren Kind Jahre lang Geld geschickt, nachdem letzterer ihm die glückliche Entbindung der Geliebten gemeldet. Nachdem der Hofrath Jahre lang Berichte über die Geliebte und die herrliche Entwickelung des Kindes eingesandt und dafür die regelmäßig einlaufenden Geldsummen empfangen hatte, erfuhr der Engländer, daß die Geliebte bei der Entbindung mit sammt dem Kinde gestorben sei. Die Rache des Engländers bestand in der Heirath des Hofraths, die ihn aus Berlin trieb. Dies war eine ausgesuchte Rache. Noch künstlerischer und kostbarer war die eines andern Engländers, den noch ganz Paris durch die Opernguker bewundert, so oft er in seiner Loge der großen italienischen Oper erscheint, obgleich er dort Stammgast ist. Er gilt für einen großen Kunst-, besonders Gemäldekenner. Zu diesem Rufe kam er besonders durch die Art, wie er sich an einem Künstler rächte. Er war einer von jenen beduinenartigen Engländern, die in allen ersten Hotels Europa’s zu finden sind, wenn sie der Abwechselung halber nicht einmal in Aegypten, Indien, China oder am Cap der guten Hoffnung reisen. Er reis’te stets und zwar immer mit seiner jungen, schönen Frau, die um so reizender und liebenswürdiger erschien, da sie ihre jugendliche Heiterheit, Schönheit und Lebenslust neben ihrem glatten, steifen, kaltblütigen, trockenen, gemessenen, vornehmen Gatten entwickelte. In Rom wurde das englische Paar mit einem deutschen Maler bekannt, der als praktischer Künstler und Kunstkenner berühmt war. Er erbot sich, dem Paare als Cicerone durch die reichen Kunstschätze zu dienen. So verbrachten sie manche Stunden, Tage und Wochen zusammen im Museum des Capitols, im Vatikan, im St. Peters-Dom und in den Umgebungen Roms, wobei sich die persönliche und geistige Ueberlegenheit des Künstlers über den in Vornehmheit und Etikette eingesteiften Engländer so sehr herausstellte, daß die Frau desselben unwiderstehlich zu ihm hingezogen ward, zumal da er selbst zu ziehen verstanden haben mag. Erst nach manchen Monaten überzeugte sich der Engländer von der Untreue seiner Frau, nahm von dem Maler mit den Worte: à revoir! (auf Wiedersehen) Abschied, kehrte nach England zurück und lieferte seine Frau höflich und galant in dem Hause ihrer Aeltern ab, nachdem er ihr höflich und galant seine in Rom gemachte Entdeckung mitgetheilt hatte. Sofort verreis’te er wieder nach Deutschland, Rußland, Italien u. s. w., ohne jemals etwas Anderes zu besehen als Gemälde, ohne etwas Anderes zu thun als Gemälde zu kaufen. Nachdem er dieses Geschäft zwei Jahre lang getrieben, begab er sich wieder in einem ziemlichen Fuder von Gemälden nach Rom, suchte den Maler auf und verlangte Genugthuung von ihm.

Der Engländer hatte als der beleidigte Theil die Wahl der Waffen und forderte ihn auf Pistolen. Die Herausforderung ward angenommen und Tag und Ort des Duells festgesetzt. Mit dem ersten Schusse zerschmetterte der Engländer seinem Gegner das Handgelenk der rechten Hand dermaßen, daß sie ihm amputirt werden mußte. Nach dieser Operation erschien der Engländer wieder, ohne sich abweisen zu lassen und sprach:

„Sie denken vielleicht, daß damit meine Rache befriedigt sei. Aber dann unterschätzen Sie die entsetzlichen Qualen, die Sie mir bereitet, sehr. Mein zerstörtes Herzensglück verlangte mehr. Ich habe Sie zu einem Leben ewiger, vergeblicher Reue verdammt, zu einem lebendigen Tode als Künstler, zur ewigen Qual über Ihren ausgelöschten Ruhm.“

„O, nein!“ antwortete der Künstler, „den Ruhm meiner Madonna in Petersburg, meines Luther in Berlin, meiner Flucht nach Aegypten in Paris, meiner –“

„Genug,“ unterbrach ihn der Engländer, „ich habe hier eine Liste aller Ihrer Gemälde. Ist sie vollständig?“

„Ja,“ sagte der Maler nach Ueberblickung der Liste, „selbst bis zu dem letzten Gemälde, das ich kurz vor dem Duell vollendete.“

„So dachte ich selbst. Ich war sehr gewissenhaft,“ antwortete der Engländer. „Ihre Gemälde sind alle mein. Ich habe sie sämmtlich aufgekauft, um über Ihren Ruhm als über mein rechtmäßiges Eigenthum nach Belieben zu verfügen. Es beliebt mir nun, alle Ihre Gemälde sofort zu verbrennen, damit keine Spur von Ihrer Wirksamkeit als Künstler übrig bleibe, damit sie auf ewig aus der Reihe der berühmten Namen gestrichen bleiben. Von Ihrer Hand soll eben so wenig übrig bleiben als von der fleischlichen Hand, die ich Ihnen zerschmetterte, so daß sie amputirt werden mußte.“

Der Künstler bat vergebens um Gnade. Der vor Jahren beleidigte Gatte war so unversöhnlich, als hätte er die Entdeckung von dem Liebesverhältnisse eben jetzt erst gemacht. Nach zwei Stunden brachte der Diener eine große Urne voll Asche mit einem kurzen Briefe, welcher meldete, daß die Urne Alles enthalte, was von seinen Gemälden übrig sei.