Bär (Wolf) und Fuchs/Einleitung

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Übersicht Bär (Wolf) und Fuchs (1888) von Kaarle Krohn, übersetzt von Oskar Hackman
Einleitung
Das Fuchsmärchen
[7]
Einleitung
[S. 1–112].
I. Das Volksmärchen
[S. 1–41].

Folk-Lore: Aufgabe und Einteilung [1–3]. – Die ersten Sammlungen von Volksmärchen [4]. – Ihre wissenschaftliche Erforschung wird durch die engen Schranken der Volksphantasie ermöglicht [5–6]. – Die Ansichten der Gebrüder J. und W. Grimm, Th. Benfey und F. Liebrecht sowie A. Lang [6–16]. – Die vier möglichen Ansichten in Betreff der Verbreitung. 1) Die zufällige Aehnlichkeit, welche keinerlei Verbreitung voraussetzt, sondern in der gleichartigen Natur des menschlichen Geistes und der äusseren Verhältnisse liegt; eine bei unvollkommener Aehnlichkeit gestattete, aber sonst unzureichende Erklärung [17–19]. 2) Die Forterbung (parallel mit der Sprache); eine unbewiesene Erklärung, widerlegt schon durch den Dualismus des finnischen Märchenschatzes (die westfinnischen Varianten eines und desselben Märchens unterscheiden sich von den ostfinnischen, indem die ersteren mit den skandinavischen, die letzteren mit den russischen übereinstimmen, wie die westeuropäischen von den osteuropäischen); die Volksmärchen verbreiten sich nicht mit der Sprache, sondern mit der Kultur[1], sind somit entlehnten Kulturwörtern vergleichbar [19–21]. 3) Die gemeinsame schriftliche Quelle; eine sehr beachtenswerte, aber bei Völkern und Zeiten mit dürftiger Literatur nur mit Vorsicht anzuwendende Erklärung; aus dieser erhellt auch [8] nicht die im Allgemeinen grössere Uebereinstimmung der Märchen bei Nachbarvölkern [21–23]. 4) Die mündliche Entlehnung von Volk zu Volk; eine von mehreren Forschern bestrittene Erklärung; die Ursache ihres Widerspruchs liegt in der schon gehemmten Verbreitung der in die untersten Schichten der Bevölkerung zurückgetretenen westeuropäischen Märchen; der Austausch zwischen sprachlich geschiedenen Völkern ist noch heutzutage faktisch vorhanden an den Küsten des Eismeeres, des Weissen Meeres, des Ladogasee, in der Umgegend von St. Petersburg u. s. w.; bei der Uebertragung von der einen Sprache zu der andern bleiben öfters einige eigentümliche Wörter ja sogar ganze Sätze unübersetzt, und besonders lange erhalten sich fremde Namen; die zum Austausche erforderliche Wechselwirkung wird besonders durch religiöse, politische und industrielle Verbindungen bedingt, weit weniger durch Handel und Schiffahrt; wo bei zwei von einander ganz und gar nicht beeinflussten Völkern nicht nur scheinbar ähnliche Volksmärchen vorkommen, müssen dieselben auch bei den vermittelnden Völkern sich finden oder gefunden haben [23–30]. – Die verschiedenen Ansichten über die Nationalität, Localität und Entstehungszeit den vier Ansichten in Betreff der Verbreitung entsprechend. 1) Jedes einzelne Märchen ist nur durch Fundort, Inhalt und Form bestimmbar [30]. 2) Die Märchen sind entstanden in dem mythenbildenden Zeitalter (J. G. von Hahn) und stammen entweder aus der Urheimat der Indoeuropäer (W. Grimm) oder der die Genera unterscheidenden Völker (W. H. J. Bleek) oder sogar des gesammten menschlichen Geschlechtes (E. Salmelainen) [30–31]. 3) Die europäischen Volksmärchen unserer Zeit sind zu historischer Zeit aus Indien gewandert (Th. Benfey, der doch mit den Tierfabeln eine Ausnahme macht, indem er ihren griechischen Ursprung verteidigt; vergl. A. Weber in Betreff der Märchen überhaupt); eine für die in uralten Monumenten (Hieroglyphen, Keilinschriften) und bei entlegeneren Völkern angetroffenen Märchen (vergl. sogar Benfey in Betreff der afrikanischen Tierfabeln) jedenfalls unzureichende Erklärung [31–32]. 4) Nur durch geographisch-historische Feststellung aller zur Hand liegenden Varianten eines jeden Märchenstoffes und durch induktives Verfahren in der Erforschung der von ihnen genommenen Wege ist die Antwort zu geben [32–33]. – [9] Die Ansichten über die zu Grunde liegenden Ideen ebenfalls den vier Ansichten in Betreff der Verbreitung entsprechend. 1) Denkart und Lebensweise der Wilden (Lang) [33]. 2) Mythus, resp. Sage (Grimm, Hahn, Max Müller); jedoch sind die Märchen, welche nachweisbar aus Mythen, resp. Sagen, entstanden sind (wie z. B. Dornröschen), vereinzelt und gehören nicht zu den in Europa allgemein verbreiteten; ebenso selten ist die Verwandlung eines Märchens in einen Mythus, resp. Sage (Lang), nachgewiesen; im Allgemeinen müssen also, immerhin nur vorläufig, Märchen, Sage und Mythus ihrem Stoffe nach als verschiedene historische Schichten von einander geschieden werden [33–38]. 3) Die buddhistische (Benfey) oder die ihr zu Grunde liegende Litteratur (Liebrecht) [38]. 4) Nur aus den durch Vergleichung auf obenerwähntem induktiven Wege erhaltenen Urformen eines jeden Märchenstoffes ist die Antwort zu geben [38–39]. – Nach der ersten Ansicht wird die Märchenforschung auf das Gebiet der Volksgebräuche, nach der zweiten auf das der Volksmythen, nach der dritten auf das der Litteratur (im eigentlichen Sinne) zurückgeführt, nur die vierte Ansicht lässt sie auf ihrem eigenen Gebiete (der Vergleichung der volkstümlichen Varianten) stehen; jedoch in jedem einzelnen Falle müssen alle vier Ansichten berücksichtigt werden [39]. – Die vergleichende Untersuchung soll aus dem einem jedem Forscher am nächsten und am reichsten vorliegenden, d. h. dem nationalen Märchenschatze ausgehen; besonders geeignet zu einem Ausgangspunkte sind die finnischen Varianten, erstens weil sie der Form nach altertümlich sind, zweitens weil Finnland kein Durchgangsort für die Märchen gewesen ist, sondern nur die Endpunkte der sowohl west- als osteuropäischen Märchenströmung in Savolax und Finnisch-Karelen zu einer dritten, speziell finnischen, Märchenform verbunden hat [39–41].


II. Das Tiermärchen
[S. 42–112].

Tiermärchen nenne ich solche Märchen, in denen die Tiere als solche beide Elemente der Handlung oder wenigstens das eine ausmachen. Zu ihnen rechne ich somit weder solche, in denen der [10] Mensch als Tier verkleidet auftritt, noch solche, in denen das Tier als blosser Schatten dem Menschen folgt [42].


1. Die Verbreitung des Tiermärchens
(S. 42–74).

Die aesopische Fabel [42–46]. – Die Physiologen und Bestiarien [46–47]. – Die mittelalterlichen Kirchenbilder [48]. – Die griechische Fabel vom Herzessen (Löwe, Hirsch, Fuchs) und ihre Verbreitung im Occident [49–51]. – Die griechische Fabel von der Wolfshaut (Löwe, Wolf, Fuchs) und die Entwicklung des mittelalterlichen Tierepos [51–63]. – Die von dem Tierepos beeinflusste Fabellitteratur [63–65]. – Die indische Fabel [65–71]. – Fabelbücher gemischten Inhaltes [71–74]. – Das Volksmärchen [74].


2. Die Entstehung des Tiermärchens
(S. 74–112).

Das Verhältnis zwischen der indischen und griechischen Tierfabel (H. H. Wilson, A. Loiseleur Deslongchamps, Chr. Lassen, A. Wagener, A. Weber, Benfey, O. Keller, H. Suchier, G. Meyer) mit Berücksichtigung der jüdischen (J. Landsberger, K. L. Roth, Benfey, Keller) und der ägyptischen (J. Zündel, Keller; vergl. Benfey und E. Cosquin über den Glauben an die Seelenwanderung) [75–85]. – Das Verhältnis des mittelalterlichen Tierepos zu der griechischen und der indischen Tierfabel (J. G. Eccard, F. J. Mone, J. Grimm, G. G. Gervinus, W. Hertzberg, Weber, A. C. M. Robert, Benfey, Keller, P. Chabaille, A. Paulin Paris, Ch. Potvin, W. J. A. Jonckbloet, J. Grimm, A. Lübken, W. Scherer, W. Wackernagel, K. Müllenhoff, A. L. Meissner, E. Voigt, K. Reissenberger, Gaston Paris) [85–106]. – Das Verhältnis des in neuester Zeit aufgezeichneten Tiermärchens sowohl zu dem mittelalterlichen Tierepos und der griechisch-indischen Tierfabel (Variantensammlungen von den Gebr. Grimm, R. Köhler, E. Cosquin; lokale Anmerkungen von W. Grimm, G. Meyer, A. Schiefner; zusammenhängende Forschungen, ausser den Benfey’schen, die von A. de Gubernatis, und besonders die von L. Kolmatschevski) [106–109]. – [11] Die Vorzüge der finnischen Tiermärchen, durch welche sie zu einem Ausgangspunkte geeignet sind: Formenreichtum, Altertümlichkeit, epischer Zusammenhang [109]. – Die vergleichende Märchenwissenschaft erhält ihre historischen Zeitbestimmungen nicht nur durch die zufälligen Aufzeichnungen, welche sich in Litteraturwerken älterer Zeit finden lassen, sondern auch durch die neuesten aus dem Volksmunde aufgezeichneten Varianten selbst; besonders ist der Fall hervorzuheben, dass ein Teil eines Volkes sich aus der Heimat entfernt und unter fremden Völkern niedergelassen hat (von den Finnen z. B. haben sich die Savolaxer um 1600 an der schwedisch-norwegischen Grenze in Wermland niedergelassen: da die Ansichten der zufälligen Aehnlichkeit und der gemeinsamen schriftlichen Quelle hier nicht in Frage kommen, so sind die der mündlichen Entlehnung von den Schweden und Norwegern und die der Forterbung die einzigen möglichen, beide durch Vergleichung factisch nachweisbar); ein anderer Fall ist bei entlehnten Märchen, besonders wenn zwei Völker, welche früher mit einander in regem Verkehr gestanden haben, seit Jahrhunderten von einander getrennt gewesen sind (z. B. Russen und Skandinavier), oder wenn die Märchen bei dem Empfänger sich besser erhalten haben als bei dem Geber (z. B. Finnen und Skandinavier) [109–112].


  1. Was jedoch, wie mein Opponent, Dr. E. Aspelin, mit Recht behauptet, nur cum grano salis zu verstehen ist, da die Märchen manchmal die einzigen sichtbaren Spuren eines Kultureinflusses ausmachen.


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