BLKÖ:Marsigli, Ludwig Ferdinand Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 17 (1867), ab Seite: 15. (Quelle)
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Marsigli, Ludwig Ferdinand Graf (k. k. General, Naturforscher und Geograph, geb. zu Bologna am 10. Juli 1658, gest. ebenda 1. November 1730). Er gehörte einem alten und vornehmen Geschlechte in Bologna an. Schon in seiner Jugend lag er mit Erfolg den mathematischen Wissenschaften ob und diese unter Borelli, wie die Naturwissenschaften unter Malpighi, bildeten seine Hauptstudien. Zu seiner wissenschaftlichen Ausbildung besuchte er Padua, Rom, Neapel und 21 Jahre alt, machte er eine Reise nach Constantinopel, bloß in der Absicht, die Verhältnisse des osmanischen Reiches zu studiren. Die „Osservazioni intorno al Bosforo Tracio ovvero canale di Constantinopoli…“ (Roma 1681), waren eine Frucht dieser Reise; auch hatte er damals schon Materialien zu seinem berühmten Werke über die Kriegskunst der Türken gesammelt, welches viele Jahre später erschien. Nach eilfmonatlichem Aufenthalte in Constantinopel nahm er seinen Weg über Griechenland und Dalmatien zurück, und da gerade damals der österreichische Kaiserstaat von den Türken mit einem Kriege bedroht ward, ging er nach Wien und bot dem Kaiser Leopold I. seine Dienste an. Er trat in die Reihen der kaiserlichen Armee, bethätigte alsbald bei den Befestigungsarbeiten sein militärisches Genie und erhielt im Jahre 1683 das Commando einer Compagnie. Eine intelligente Soldatennatur, studirte er überall, wo er hinkam, genau die Gegend, beschrieb sie sorgfältig und machte sich die erforderlichen Aufzeichnungen. Nach seinem Entwurfe wurden die Linien und Werke längs dem Raabflusse, um dem Vordringen der Türken Einhalt zu thun, ausgeführt. Im Jahre 1683 aber wurde er in einem hitzigen Gefechte, am 2. Juli, schwer verwundet, in Folge dessen gefangen und von den Türken in die Sclaverei fortgeführt. Seine Gefangenschaft dauerte neun Monate, und Fontenelle gibt ein trauriges Bild der Leiden, die er auszustehen gehabt. Endlich hatte er Mittel gefunden, seinen Eltern kund zu thun, daß er gefangen sei und wurde von diesen um eine ansehnliche Summe losgekauft. Am 25. März 1684 hatte er wieder seine Freiheit erlangt und nach kurzem Aufenthalte in Bologna kehrte er auf seinen Posten im kaiserl. Heere zurück. Daselbst entwickelte er wie vordem seine ersprießliche Thätigkeit, brachte die Befestigungen zu Gran und Plintenburg zu Stande, trug durch seine Befestigungsarbeiten zur Belagerung von Ofen wesentlich dazu bei, daß die große Festung sammt ihrer Besatzung in die Hände der Kaiserlichen fiel. Als die Stadt der Plünderung preisgegeben wurde, schloß sich auch M. den Plünderern an und erbeutete was er gesucht hatte – morgenländische Schriften. M. hatte sich insbesondere die Gunst des Prinzen Ludwig von Baden, in dessen Heere er diente, durch seine Tüchtigkeit erworben. Der Prinz bewunderte seine Geschicklichkeit im Brückenschlagen, von der er bei mehreren Gelegenheiten über einen Strom wie die Donau glänzende Proben gab, wie er auch durch unwegsame Gegenden in kürzester [16] Zeit für die Armee gangbare Straßen herstellte und überall, wo es wichtige Puncte gab, in kurzer Zeit Schanzen und Befestigungswerke aufführte. Bei einer Gelegenheit gelang es ihm, die Armee, die nahe daran war, von den Türken eingeschlossen zu werden, aus dieser Gefahr zu befreien, ferner gab er bei dem schönen Siege der Kaiserlichen bei Nissa und bei der Befreiung Siebenbürgens, das man schon verloren gegeben hatte, schöne Proben seiner Umsicht, Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit. Allmälig war M. zum Obersten vorgerückt. Auch wurde ihm die Auszeichnung zu Theil, im Jahre 1689 zu wiederholten Malen nach Rom mit Nachrichten über den Erfolg der kaiserlichen Waffen gesendet zu werden. Als endlich im Jahre 1699 der Friede zu Karlowitz zu Stande kam, wurde ihm die Bestimmung der Grenzen zwischen der Türkei, Ungarn und Venedig übertragen. Ueber die fast aufreibende Thätigkeit M.’s in jenen Tagen entwirft sein Biograph Fontenelle mit wenigen Strichen aber ein interessantes Bild: „In der Rüstung“, schreibt er, „mit den Waffen in der Hand, zeichnete M. Pläne, bestimmte die Puncte nach astronomischer Methode, maß die Geschwindigkeit der Gewässer, studirte die Mineralien einer jeden Gegend, ebenso die anderen Naturobjecte, als Vögel, Fische u. dgl. m., und richtete auf Alles sein Augenmerk, ganz wie ein Mann, der weiß, was er mit jedem Dinge anzufangen habe. Dabei fand er noch immer Zeit, chemische Versuche und anatomische Untersuchungen zu machen“. Die spanische Successionsfrage entzündete im Jahre 1701 von Neuem die Kriegsfackel in Europa. Marsigli, der bereits zum General vorgerückt war, erhielt die Stelle eines zweiten Commandanten in der Festung Breisach, in welcher Graf Arco das Obercommando führte. Der Krieg brachte alle europäischen Mächte in Bewegung. Frankreich, das ihn begann, ließ durch den Herzog von Burgund die Festung Breisach belagern. Aber schon am dreizehnten Tage nach Eröffnung der Laufgräben ergab sich diese am 6. September 1703. Man hatte allgemein erwartet, daß die Festung sich ernstlich vertheidigen würde. Dieser Ausgang forderte zur strengsten Untersuchung heraus und in der That berief auch Kaiser Leopold I. das Kriegsgericht zusammen, welches am 4. Februar 1704 sein Urtheil fällte. Diesem zufolge wurde Graf Arco zur Enthauptung verurtheilt, Marsigli aber aller Ehrenstellen entsetzt, ihm der Degen über dem Kopfe zerbrochen und vor die Füße geworfen. Der Vollzug dieses Urtheils fand am 18. Februar Statt. Marsigli für seinen Theil protestirte gegen dieses Erkenntniß. Das Publicum selbst sprach sich offen gegen das parteiische Urtheil der kaiserlichen Commission aus. Selbst die mit dem Kaiser verbundenen Mächte, denen an der Erhaltung Breisachs viel gelegen war, erkannten Marsigli’s Unschuld, besonders Holland erwies sich in dieser Richtung vor allen thätig. Marsigli hatte sich in Person nach Wien begeben und suchte Zutritt vor dem Kaiser, um von diesem ein neues Kriegsgericht zu erbitten. Aber wie es in solchen Fällen gewöhnlich geht, waren seine Gegner – deren er als Mann der Intelligenz ganze Reihen zählte – mächtiger als er. Sie vereitelten alle seine Bemühungen. Zuletzt wendete er sich an die öffentliche Meinung und veröffentlichte die Denkschrift: „Informazione di quanto è accaduto nell’affare di Brisaco“ (1705, 4°.), in welcher er alle Schuld der Capitulation von sich [17] abwehrend auf das Obercommando schob, welches ungeachtet dringender und öfter wiederholter Vorstellungen die Festung Breisach ohne Soldaten und Munition zu lassen für gut befunden hatte. Diese Denkschrift verfehlte ihre Wirkung vor unbefangenen Beurtheilern der Sachlage nicht; ein tüchtiger Soldat seiner Zeit, Vauban, gab ihr seine Zustimmung. Das half aber M. nichts. Sein Urtheil war gefällt, vollzogen und nach zwanzigjährigen Diensten im österreichischen Heere, in welchem er rüstig geschafft und einflußreich gewirkt, mußte er als Verurtheilter das Land verlassen. Gewohnt, den Wissenschaften zu huldigen, zog er sich in die Einsamkeit zurück, lebte mehrere Jahre zu Cassis in der Provence, bis er im Jahre 1709 den Befehl der päpstlichen Truppen übernahm, den ihm Papst Clemens XI. übertrug. Aber nicht lange behielt M. diese Stelle, er kehrte dann in die Provence zurück, wo er wie früher seine wissenschaftlichen Arbeiten fortsetzte. Als ihn ihm Laufe der Jahre häusliche Angelegenheiten in seine Vaterstadt Bologna führten, machte er dieser Stadt mittelst Urkunde vom 11. Jänner 1712 das Geschenk seiner reichen naturhistorischen Sammlung, seiner astronomischen und physikalischen Instrumente, seiner Festungspläne, Waffen, Maschinenmodelle und Alterthümer. Diese werthvolle Schenkung bildete den Grund der nachmaligen Akademie der Wissenschaften und Künste zu Bologna. Der Senat räumte derselben einen eigenen Palast ein, in welchem sechs Professoren, jeder in dem Theile, der den Sammlungen seiner Wissenschaft eingeräumt war, wohnten. Marsigli selbst verband mit diesem Institute eine eigene ansehnliche Druckerei, ließ aus Holland geschickte Künstler kommen, um neue Schriften zu gießen und that überhaupt Alles, um diese Anstalt zu heben und zu fördern. Im Jahre 1715 ernannte ihn die französische Akademie zum auswärtigen Mitgliede, auch die königliche Akademie in London hatte ihn unter die Ihrigen aufgenommen. Seine oberwähnte, sonst reiche Sammlung enthielt bis dahin meist nur Objecte, welche in Europa vorkommen; um sie also noch mit Kunst- und Naturschätzen fremder Welttheile zu bereichern, machte er eine Reise nach London und Amsterdam und kehrte im Jahre 1727 nach Bologna zurück, blieb aber nicht dort, sondern begab sich wieder in sein selbst gewähltes Asyl in der Provence, wo er im Jahre 1729 vom Schlage getroffen wurde; die Aerzte schickten ihn in Folge dessen in seine Vaterstadt, wo er nach mehreren Monaten, 72 Jahre alt, an den Folgen seines Uebels starb. Außer seinen bereits angeführten Schriften gab er noch heraus: „Bevanda asiatica, storia medica del cavè o sia caffé“ (Viennae 1685, 12°.); – „Dissertazione epistolare del fosforo minerale o sia della pietra illuminabile bolognese“ (Leipzig 1698, 4°.); – „Danubialis operis Prodromus“ (Norimbergae 1700, Fol.); – „Breve ristretto del saggio fisico intorno alla storia del mare“ (Venezia 1711, 4°.); – „Dissertatio de generatione fungorum“ (Romae 1714, Fol.); – „Histoire physique de la Mer“ (Amsterdam 1725, Fol.); – „Danubius Pannonico-mysicus, observationibus geographicis, historicis, physicis perlustratus“, 6 volumina (Amsterdam 1726 et s., Fol., mit K. K.); M. beschreibt in diesem imposanten, mit 288 Kupfern ausgestatteten Werke im 1. Bande Ungarn, Serbien und die übrigen Länder, welche zu beiden Seiten dieses Stromes liegen; im[18] 2. Bande die Alterthümer dieser Länder; im 3. die Geologie; im 4., 5., 6. die Fische, Vogel und übrigen Thiere; im letzten Bande gibt er auch noch einen Pflanzenkatalog und eine Darstellung der Nebengewässer und des Hauptnebenstroms, der Theiß. Das Werk, das anfänglich 110 Thaler kostete, pflegt jetzt 30–40 Gulden zu kosten; – „L’Etat militaire de l’Empire Ottoman, ses progrès et sa decadence“ (Amsterdam 1732, Fol.). Von seinen in gelehrten Sammelwerken abgedruckten Abhandlungen sind besonders bemerkenswerth im 22. Bande der Giornale di Venezia: „Lettera intorno al ponte fatto sul Danubio sotto l’impero di Trajano“; im 29. Bande: „Lettera intorno all’ Origine delle Anguille; im Journal des Savants, Februar 1707: „Lettre écrite ... à M. l’abbé Bignon tonchant quelques branches de corail qui ont fleuri“ und ebenda Mai 1707: „Memoire ... pour servir de confirmation à la decouverte des fleurs de corail“, in diesen beiden Mittheilungen gibt M. Nachrichten von einer an den Korallen beobachteten Erscheinung, die er Korallenblüthen nannte; nach seiner Beschreibung sind sie weiß, hat jede ihren Stiel und acht Blätter, alle zusammen von der Größe und Gestalt eines Gewürznägeleins und befinden sich in großer Menge an jeder Koralle. Sie kommen aus allen Röhren der Rinde hervor, ziehen sich aber sofort zurück, wenn die Koralle aus dem Wasser genommen wird. Taucht man sie wieder in’s Wasser, so erscheinen diese Blumen innerhalb einer Stunde. M. hat diese interessante Erscheinung an der Koralle der Erste beobachtet, ist aber, da er die Koralle für eine Pflanze hielt, von einer falschen Voraussetzung ausgegangen. Seine Briefe sind in seiner von Fantuzzi veröffentlichten Biographie enthalten und die auf das von ihm gestiftete Institut zu Bologna bezüglichen Actenstücke sind in einem besonderen Bande, der im Jahre 1728 zu Bologna in Folio erschien, gesammelt. Marsigli’s Memoiren sind in französischer Sprache in 4 Theilen (Zürich 1741) erschienen. M. war ein gelehrter Ingenieur, ein scharfsinniger Naturforscher, lebhaften Geistes, rasch arbeitend und daher zu wenig gründlich, aber nichtsdestoweniger von reichem, vielseitigem Wissen. Betreffs seiner Verurtheilung nennt ihn[WS 1] Gräffer „ein Opfer der Rücksichten“, denn sein Schicksal der Cassation verdankt er dem Umstande, daß man die Ehre des Obercommandanten, des Prinzen von Baden, schonen wollte.

Quincy (Louis Dominique), Mémoires sur la vie du Conte de Marsigli, 2 vol. (Zürich 1741, 12°.). – Fantuzzi (Giovanni), Memoria della vita del Conte Marsigli (Bologna 1770, 8°.). – Fontenelle, Eloge des Academiciens, tome II. – Niceron, Mémoires pour servir à l’histoire des hommes illustres, Tome XXVI. – Fabroni, Vitae Italorum, tomus V. – Tipaldo (Emilio de), Biografia degli Italiani illustri nelle scienze, lettere ed arti del secolo XVIII e de’ contemporanei (Venezia 1841, tipografia di Alvisopoli, gr. 8°.) Tomo VIII. – Frankl (Ludw. Aug.) Dr.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) V. Jahrgang (1846), Nr. 35, S. 817: „Literargeschichtliches“. – Gräffer (Franz), Wiener Tabletten (Wien, 8°.) S. 248. – Jöcher (Christian Gottlieb), Allgemeines Gelehrten-Lexikon u. s. w. (Leipzig 1750, Gleditsch, 4°.) Bd. III, S. 209. – Baur (Samuel), Gallerie historischer Gemälde aus dem achtzehnten Jahrhundert. Ein Handbuch für jeden Tag des Jahres (Hof 1805, G. A. Grau, 8°.) Theil III, S. 120. – Nach E. M. Oettinger’s „Bibliographie biographique universelle“ (Bruxelles 1854, Stiènon), p. 1148, wäre Marsigli am 20. Juli 1658 geboren, welche Angabe mit jener in Baur’s „Gallerie historischer Gemälde“ übereinstimmt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: in.