BLKÖ:Sprenger, Alois

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Spreng, Leopoldine
Band: 36 (1878), ab Seite: 258. (Quelle)
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Sprenger, Alois (Orientalist, geb. zu Nassereit im Ober-Innthal Tirols, im Jahre 1813). Er besuchte das Gymnasium in Innsbruck, beschäftigte sich aber, da ihm die vorgeschriebenen Schulstudien nach dem damaligen wenig anregenden Unterrichtsplane nicht zusagten, mit besonderer Vorliebe mit Botanik, dann aber mit Sprachen, für die er bald ein großes Talent zeigte und die er mit wahrem Feuereifer betrieb. Zuerst lernte er die englische und französische Sprache, dann die italienische und spanische. Dazu verfaßte er zunächst zu eigenem Studium eine vergleichende Sprachlehre der genannten Sprachen, wobei er vom Standpuncte der lateinischen ausging. Als er die zweite Humanitätsclasse – nach dem heutigen Studienplane die zweite Classe des Obergymnasiums – besuchte, ging er bereits auf das Gebiet der orientalischen Sprachen über, wozu er von seinem damaligen in Brixen Theologie studirenden Bruder angeeifert wurde. Mit ihm zusammen betrieb S. vorerst das Hebräische, welches er nun mit leidenschaftlichem Eifer studirte. Nach beendeten Gymnasialstudien begab sich S. nach Wien, wo er die philosophischen Studien hörte. Dort kam er an der Hochschule bald mit mehreren gelehrten Orientalisten in nähere Berührung und seine Vorliebe für die Sprachen des Orients [259] erhielt neue Nahrung; am meisten Einfluß, wozu sich in der Folge manche Vortheile gesellten, hatte aber für ihn die Bekanntschaft des berühmten Orientalisten Hammer-Purgstall [Bd. VII, S. 267] und des Professors Rosenzweig [Bd. XXVII, S. 34]. Von allen Seiten ermuntert und in seinen Studien gefördert, arbeitete S. rastlos fort, und schon aus dieser Zeit stammen verschiedene Aufsätze aus seiner Feder, die er damals in der Literatur-Zeitung unter dem Pseudonym J. Dietrich veröffentlichte. Sein Versuch, Aufnahme in die Orientalische Akademie zu erlangen, scheiterte an dem Umstande, daß er nicht von Adel war, da nach den Statuten nur Adelige in dieselbe aufgenommen werden konnten. Es war das ein schwerer Schlag für ihn, da er alle seine Hoffnungen darauf gesetzt hatte und sie nun mit einem Male vernichtet waren. Nachdem er in Wien die philosophischen Studien beendet, kehrte er in seine Heimat zurück, um dort die Ferienzeit zu verleben. Kaum war er wenige Wochen daselbst, als ihn ein Brief des Hofrathes von Hammer aufforderte, schleunigst nach Wien zurückzukehren, und sich um die Stelle des Custos an der Orientalischen Akademie, welcher mittlerweile gestorben war, zu bewerben. S. säumte keinen Augenblick, kehrte nach Wien zurück, bewarb sich um die Stelle, für welche ihn überdieß Hammer seines Fürwortes versicherte, und nach einiger Zeit erhielt er den – echtvormärzlichen Bescheid, es sei ihm die Stelle nicht verliehen worden, da er sich nur außer der Schule gebildet. Auf diesem Wege eine seinen Kenntnissen und Neigungen entsprechende Stellung zu erlangen, diese Hoffnung gab nun S. auf. Aber es galt einen Entschluß für die Zukunft, und bei seiner Mittellosigkeit für die Fortdauer seiner Existenz zu fassen. Er trat nun zuvörderst in das Benedictinerstift zu den Schotten in Wien ein. Da nun hielt er es nicht lange aus. Er verließ dasselbe, und der nun 23jährige Mann – es war im J. 1836 – verließ ohne Mittel, ohne Paß, auf sich selbst angewiesen, Wien, wanderte zunächst nach Zürich, von da nach Paris, und nach vierteljährigem Aufenthalte in der Seinestadt, nach London. Dort wurde die Bekanntschaft mit Karl Graf Münster, einem vielseitig gebildeten Edelmann, der sich für orientalische Studien lebhaft interessirte, für seine nächste Zukunft entscheidend. Der Graf selbst beschäftigte sich mit einem größeren Werke über die Kriegskunst der Muselmänner, und bei der Ausarbeitung desselben wurde ihm Sprenger mit seinen ausgebreiteten Kenntnissen in den orientalischen Sprachen mit Erfolg behilflich. Später bereiste er als Gesellschafter des Grafen ganz Deutschland, Italien, Frankreich und England. Seine Kenntnisse in den orientalischen Sprachen bahnten ihm den Weg zur Mitgliedschaft in die Londoner Orientalische Gesellschaft. Diese, nachdem sie des jungen Gelehrten Tüchtigkeit erkannt, betraute ihn mit einer Sendung nach Paris, welcher sich derselbe mit großem Geschicke entledigt hatte. Nun war auch sein Plan, den Orient selbst zu besuchen, gefaßt; zur Förderung seines Unternehmens beschloß er, die Medicin zu studiren, da er, ausgestattet mit ärztlichen Kenntnissen, am ehesten hoffte, seine weitreichenden Zwecke auszuführen. Zudem hatte er für die medizinischen Studien immer ein lebhaftes Interesse getragen. Er hörte nun zu Paris, Leyden, Oxford medicinische Disciplinen und erlangte zuletzt den ärztlichen Doctorgrad. Anläßlich der Erwerbung [260] desselben veröffentlichte er die, medicinische Inaugural-Dissertation: „De originibus artis medicae sub Kalifatu“, welche in Fachkreisen die erfreulichste Aufnahme fand und auch wiederholt nachgedruckt worden sein soll. Die nächste Arbeit, welche nun im J. 1841 folgte, war eine englische Uebersetzung des arabischen Geschichtswerkes Masudi: „Goldauen und Edelsteingräber“, welches unter dem Titel: „Masudi historical enciclopedia, entitled meadows of gold and mines of gems translated, by Sprenger“ (London 1841) erschien; beide Schriften, die vorerwähnte Dissertation und Masudi’s Werk, besitzt das National-Museum in Innsbruck. Zur Ausführung seiner weiteren Ziele bedurfte nun Sprenger eines österreichischen Passes, ohne welchen er, wie oben berichtet worden, sein Vaterland verlassen hatte. Sonderbarerweise wurde ihm ein solcher verweigert. Sprenger suchte nun um Entlassung aus dem österreichischen Staatsverbande an, welche ihm auch ohneweiters willfahrt wurde, und nun – 1838 – erwarb er in London das englische Bürgerrecht. So hatte man im Vormärz die besten Kräfte der Heimat durch einen unerträglichen Druck in die Fremde getrieben und nicht selten zu Gegnern des Kaiserstaates geschaffen, im Nachmärz aber alle möglichen und unmöglichen Leute aus dem Auslande nach Oesterreich importirt, welche auf das österreichische Vaterlandsgefühl, das sie selbst nie besaßen, fremde Reiser pfropften und – selbstverständlich gibt es ehrenwerthe Ausnahmen – sich wohl neue Leute, aber nicht immer neue Freunde erworben. S. hatte aufgehört, österreichischer Staatsbürger zu sein, und mit dem englischen Bürgerrechte stand ihm die ganze Welt offen. Auf den Reisen, welche S. in Gemeinschaft mit seinem Mäcen, dem Grafen Münster, ausgeführt, richtete er sein besonderes Augenmerk auf orientalische Handschriften, und hatte auf denselben deren mehrere in arabischer Sprache gesammelt. Aber mit einem Male und in traurigster Weise sollte S. seines Mäcens verlustig werden. Der Graf nahm sich aus bisher unaufgeklärten Gründen, durch einen Pistolenschuß das Leben. Bereits aber stand Spengler’s Name bei der Orientalischen Gesellschaft, deren Mitglied er war, in so gutem Ansehen, daß sich ihm bald günstige Aussichten für seine Zukunft eröffneten. Die Gesellschaft machte ihm den Antrag zu einer Reise in den Orient, in welcher er für die Zwecke derselben thätig sein sollte. Sie stellte ihm die vortheilhaftesten Anerbieten, setzte ihm ein ansehnliches Jahrgehalt fest, und zunächst mußte sich S. für einen 18jährigen Aufenthalt in Indien verbindlich machen. Nach Ablauf dieser Frist wurde ihm dieselbe Summe ungeschmälert als Pension zugesichert. Unter solchen Bedingungen verließ im Frühling 1842 Sprenger Europa und begab sich in den Orient. Sprenger’s erster Bestimmungsort war Calcuta, von da kam er nach Lucknow, dann nach Delhi, wo er ein Institut zur Erziehung junger Hindus gründete, organisirte und einige Zeit als Director leitete. Seine Leistungen hatten die Aufmerksamkeit des Schah’s von Persien auf sich gezogen, und dieser dem gelehrten Europäer in Würdigung seiner Verdienste einen stattlichen Elephanten zum Geschenke gemacht. Von Delhi kam er wieder nach Lucknow zurück, wo er aber verweilen und für die Zwecke seiner Gesellschaft thätig sein mochte, überall setzte er neben seinen dienstlichen Berufsarbeiten, seine eigenen Studien und gelehrten [261] Forschungen, welche sich nun fast ausschließlich im Gebiete der orientalischen Sprachen und Literaturen bewegten, mit aller Sorgfalt fort und sammelte in dieser Richtung mit einer rastlosen und dabei immer kritischen Rührigkeit. So erfahren wir aus einem Briefe vom 19. November 1849, den er an einen seiner Tiroler Landsleute schrieb, daß er innerhalb der ersten sieben Jahre bereits an 19.000 Handschriften untersucht und davon etwa 3000 in seine Sammlung aufgenommen hatte. Von Lucknow aus unternahm er wieder mehrere Reisen, bestieg zu wiederholten Malen den Himalaya, und überall, wo er hinkam. studirte er die Eigenthümlichkeiten und Culturzustände des Volkes und seiner Stämme, in deren Mitte er lebte. Sein Biograph Schönherr, welcher mittheilt, daß Sprenger 25 Sprachen spreche und auch schreibe, erwähnt eine Thatsache, die an das bekannte „Humboldt in Europa“ erinnert, indem er mittheilt, Sprenger sei in Indien ein bekannter Name. Briefe mit der einfachen Adresse: „Dr. Alois Sprenger in India“ treffen ihn, mag er sein, wo er will. Im Jahre 1851 unternahm er, wie er in einem Briefe an seinen Bruder meldet, wieder eine Besteigung des Himalaya, auf welchem er – die höchste Spitze dieses Berges beträgt 23.000 Fuß – das Joch des Himalaya in der Höhe von 16.000 Fuß erreichte. In dieser Zeit versah S. die Stelle eines Translators der Regierung. Nach 14jährigem Aufenthalte im Orient war S. im J. 1857 wieder nach Europa zurückgekehrt. Er hatte innerhalb dieser 14 Jahre drei Jahre in Delhi, der alten Mogul-Residenz, gelebt; zwei Jahre in Lucknow, dem Hauptsitz der orientalischen Wissenschaft, wo er im Auftrage der Regierung die Bibliotheken zu katalogisiren hatte. Hier hatte er Gelegenheit über 10.000 arabische, persische und indische Handschriften zu durchforschen. Zwei Jahre reiste er in Aegypten, Syrien, Mesopotamien u. s. w., besuchte jede öffentliche und Privatbibliothek, zu der er Zutritt erhalten konnte, durchmusterte so weit es möglich jedes Buch, suchte gute Manuscripte anzukaufen, und von Werken, die er durch Kauf nicht erwerben konnte, nahm er treue Abschriften. Er hatte auch Agenten in verschiedenen Theilen des Orients, die ihm Bücher selbst von Mekka und Medina und Versteigerungslisten von den Ufern des Tigris zusandten. Das Motiv zu seinen Sammlungen war der Wunsch, von der Literatur des Orients zu retten, was in seinen Kräften stand. Denn die Nationen des Ostens seien bei ihrem raschen Verfall nicht länger mehr im Stande, auch nur für die Erhaltung ihrer Literaturschätze zu sorgen, und es schreite daher die Vernichtung der alten Werke, namentlich historischen Inhalts, mit reißender Schnelligkeit weiter. In manchen Städten des Ostens sehe man ganze Reihen Säcke voll vereinzelter Blätter aus den werthvollsten Büchern, deren vollständiger Inhalt mancher gelehrten Gesellschaft Europas ein Vierteljahrhundert hindurch Stoff zu ernster Thätigkeit und wissenschaftlicher Arbeit bieten würde. Die Muselmänner vertilgen sogar häufig ihre alten Bücher, mit denen sie selbst nichts mehr zu schaffen wissen, um sie nicht in die unreinen Hände der Ungläubigen, d. i, der Christen, gelangen zu lassen. S.’s Bibliothek umfaßte an indischen, persischen, arabischen, türkischen Handschriften, lithographirten und gedruckten Werken 1972 Nummern. Von denselben beziehen sich 245 auf Geschichte und Geographie; 124 [262] auf Genealogie und Biographie; 95 enthalten Commentare zum Koran; 171 Gesetz (Ritus) und Religion; 205 Ethik, Ascese und Mystik; 154 Wörterbücher, Sprachlehren, Werke über Rhetorik, Metrik und Reim (in arabischer Sprache); 267 arabische Poesie und ausgewählte Prosa; 160 persische Poesie; 108 persische Wörterbücher, Grammatiken, Erzählungen, Werke über Stilistik, Metrik, Rhetorik etc.; 12 persische Uebersetzungen aus dem Indischen, worunter Werke über Musik und Medicin; 96 indische schöne Literatur; 58 Logik, Dialektik,. Philosophie überhaupt (darunter ein Buch über Willensfreiheit, über Existenz und Wesen Gottes); 55 Mathematik und Astronomie; 63 Medicin, Alchymie; 28 Encyklopädien und Sammelwerke. Bald nach seiner Ankunft in Europa, wohin er seinen Bücherschatz mitgenommen, ließ er sich. zunächst in Weinheim bei Heidelberg nieder, wo er den Katalog seiner Bibliothek verfaßte und dieselbe darauf zum Verkaufe ausbot. Die Hoffnung, diese Schätze des Orients, welche der Tiroler mitgebracht, würden dem Kaiserstaate erhalten, und von der Regierung angekauft werden, erfüllte sich leider nicht. König Max von Bayern hatte das Augenmerk auf die Sammlung gerichtet und wollte sie für die Staatsbibliothek erwerben, aber Berlin, als es von diesem Vorhaben Wind bekam, ließ im telegraphischen Wege sofort den Kauf abschließen, und der kostbare Schatz wanderte – statt nach Wien oder München – nach Berlin. Von Weinheim übersiedelte S. nach Woberen in Bern, wo er längere Zeit verweilte. Ob er, da er sich selbst als „etwas nomadischer Natur“ bekennt, noch dort oder wo er jetzt weilt, ist nicht bekannt. Sprenger war auch in seinem Fache schriftstellerisch thätig. Die bibliographischen Titel seiner Schriften aufzufinden, wollte mir nicht gelingen. So z. B. soll er mehrere englische Werke ins Indische übersetzt haben, hat dann während seines Aufenthaltes in Indien eine lithographische Presse eingerichtet, und auch eine Zeitung redigirt. Seine erste Arbeit, welche er in Indien herausgab, war: Eine „Chrestomathie arabischer Schriftsteller“ (Delhi 1845); dann folgte eine Grammatik der englischen Sprache, verfaßt in einem indischen Idiom (ebd. 1845); – „Eine Geschichte des Mahmud Ghaznah“ (Calcutta 1847); – „Ein Leben Muhammed’s“ (Allohabad 1851); – Eine Uebersetzung des persischen Gedichtes: „Gulistan“ (der Rosengarten),von Saadi (ebenda 1851), und die für Freunde der orientalischen Literatur wohl wichtigste: „A. Sprenger’s Catalogue of the librairies of the King of Oudh“ (Calcutta 1854), welche er in seiner Eigenschaft als Hofbibliothekar des Moguls in Lucknow verfertigte. Mehrere Werke der orientalischen Literatur mit Erläuterungen veröffentlichte Sprenger in der von Roër herausgegebenen „Indischen Bibliothek“. Wahrend seines Aufenthaltes in Europa arbeitete S. an einem „Leben Muhammeds“, da er in seiner Sammlung alle orientalischen Schriften über des Propheten Leben besaß, Schriften, von denen die bisherigen Bearbeiter desselben wie: Washington Irwing u. A, die wenigsten gekannt oder doch benützen konnten. Dieses Werk erschien unter dem Titel: „Das Leben und die Lehre des Muhammed“. 2 Theile (Berlin 1862, Nikolai, 8°.). Zum Schlusse sei bemerkt, daß der orientalische Fragmentist Fallmerayer [Bd. IV, S. 140][WS 1], Sprenger’s Landsmann, auch einer seiner intimsten Freunde war.

Tiroler Schützen-Zeitung (Innsbruck, 4°.) [263] V. Jahrgang (1850), Nr. 55: „Dr. Alois Sprenger in Indien“. Von Dr. Schönherr. – Dieselbe VI. Jahrgang (1851), Nr. 8, S. 31: „Aus dem Ober-Innthal“ [ein Schreiben Dr. Sprenger’s aus Surran in Indien, das Aufschlüsse über sein dortiges Leben gibt].

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: [Bd. IV, S. 141].