BLKÖ:Szentpétery, Sigmund

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Szentpéteri, Joseph
Band: 42 (1880), ab Seite: 106. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
GND-Eintrag: 1051145961, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Szentpétery, Sigmund|42|106|}}

Szentpétery, Sigmund (dramatischer Künstler, geb. zu Rohod im Szabolcser Comitate Ungarns am 31. Juli 1798, gest. zu Pesth am 13. December 1858). Der Sohn eines reformirten Predigers, besuchte er die Schulen in Sárospatak und Debreczin, ging aber nach beendeten Studien, von unbezwingbarer Neigung zur darstellenden Kunst getrieben, gegen den Willen seiner Eltern 1815 zum Theater. Und nun begann [107] für den jungen Mann jenes wüste Wanderleben, welches ihn einerseits in alle Mysterien des Lebens fahrender Künstler einweihte, ihn alles Ungemach, allerlei Entbehrungen, Demüthigungen und Unfälle ertragen lehrte, andererseits aber auch seine Schule wurde, aus welcher er um den Preis namenloser Entsagungen als das hervorgehen sollte, was er zuletzt in Wirklichkeit war, ein großer Künstler. Man mußte ihn, als er bereits neben Egressy [Bd. IV, S. 4], Lendvay [Bd. XIV, S. 354], Fancsy [Bd. IV, S. 142], Szigethi und Szigligeti [s. d. in diesem Bande] u. A. zu den Zierden der ungarischen Nationalbühne zählte, im traulichen Freundeskreise von seinen Künstlerfahrten plaudern hören, wie er alles über sich ergehen ließ, sein Ziel nicht aus den Augen verlierend, und männlich die unabsichtlichen Kränkungen verwand, an denen es dann und wann nicht fehlte. So spielte er denn gleich zu Beginn seiner Künstlerlaufbahn in Kecskemét, wo er sich im Besitze einer rothen Hose befand, die ihm wohl nicht durch ihre auffallende Farbe, denn rothes Gewand trug man in Ungarn zu jener Zeit häufig, sondern aus dem Grunde, daß es die einzige war, die er besaß, zuweilen fatal wurde. Vor der Vorstellung, in welcher er bei der mangelhaften Theatergarderobe in seiner Rothen auftreten mußte, begab er sich öfter in eine Kneipe, in der sich die Officiere der in der Umgebung stationirten Truppen gleichfalls einzufinden pflegten. Ein gemächlicher Huszarenoberst, dem Szentpétery’s rothes Beinkleid eines Abends zu sehr in die Augen stach, fragte den Schauspieler: „Was hat denn die rothe Hose heute zu bedeuten?“ Ohne in Verlegenheit zu gerathen, erwiderte dieser: „Ich habe heute Abends einen General darzustellen und deshalb die rothe Hose gleich anbehalten“. Als er aber einige Tage später wieder in derselben erschien, rief ihm der Oberst schon von weitem zu: „Ach, Ihr seid heute wohl wieder ein General?“ Szentpétery aber entgegnete, daß er heute zwar keinen General, aber einen ungarischen Helden spiele und deshalb diese Hose trage. Jedoch am nächsten Tage trat Szentpétery wieder mit seiner rothen – einzigen – Hose in die Kneipe. „Ei zum Teufel!“ rief der Oberst, dem Schauspieler auf die Schulter klopfend: „Ihr seid ja heute schon wieder ein General oder ein Held“. Szentpétery’s Antwort war eine Thräne, welche aber der gemüthliche Oberst verstand, und dem Spaße ein Ende machend, rief er ihm zu: „Nun, nun, Ihr müßt die Sache nicht gleich so ernst nehmen, arm sein“, setzte er hinzu, „ist keine Schande. Ihr habt blos ein Kleid, und doch sehe ich auf dem Theater jedesmal einen anderen Menschen in Euch, und ich kenne Schauspieler, die zehn Beinkleider haben, auf der Bühne aber ewig dieselben sind“. Eine so einfache, doch vielsagende Kritik ließ den angehenden Künstler das ihm widerfahrene Weh verschmerzen und weckte nur seinen Muth, auf dem betretenen Pfade auszuharren, und er harrte aus. Viele Jahre wanderte er auf allen denkbaren Schmieren, Winkel- und besseren Bühnen umher, ihn kannten alle fahrenden Künstler Ungarns, wie er sie alle kannte, mit denen er ja gemeinschaftlich Leid und Freud’ getheilt hatte. Aber unter allen Umständen hatte er sich eine achtunggebietende Stellung zu erringen verstanden, eben die Flamme der Kunst, die in ihm glühte, ließ ihn nie sinken auf jenes Niveau herab, das im [108] Leben den Künstler oft nicht vom Thiere scheidet. Er war mit den vielen Hunderten mehr oder minder Berufenen von Stadt zu Stadt gewandert und allmälig gewöhnte sich Alles, ihn als Vater und Meister zu ehren. Unter solchen Umständen konnte er es denn auch, als er nach Ofen kam, wagen, auf eigene Gefahr die Direction des Theaters daselbst zu führen, bis er nach Errichtung des Nationaltheaters im Jahre 1837 mit mehreren seiner Collegen an demselben Anstellung fand. An dieser Bühne wirkte er dann bis an sein Lebensende. In seiner Erscheinung groß und wohlbeleibt, war er in der höheren Komik am stärksten. Gutmüthige und launenhafte Väter, biedere Onkel und Hagestolze, ältere Poltrons, nach Ansehen ringende Bürgermeister, bornirte aufgeblasene Höflinge, dann besonders die bereits im Aussterben begriffenen Gestalten des ungarischen constitutionellen Lebens, die Gerichtstafelbeisitzer, die Untergespane, kurz die localen Typen des öffentlichen Lebens, alle diese verkörperte Szentpétery mit unvergleichlicher Wahrheit und mit einer Feinheit in der Charakterisirung, die ihres Gleichen suchte. Der Zigeuner in Szigligeti’s gleichnamigem Stücke, Falstaff in Shakspeare’s historischen Dramen zählten gleichfalls zu seinen Glanzrollen. Kam ihm in der höheren Komik keiner an Meisterschaft gleich, so schuf er doch auch im Drama große Gestalten, wie in Emerich Vahot’s Trauerspiel die Prachtfigur des „Zach“, als welcher der Künstler auch durch Barabás abgebildet worden. Edel, wie er es in seinem innersten Wesen selbst war, blieben unter allen Umständen seine Gestalten, er schuf sie wahr, aber nie gemein, er warf über alle seine Figuren, mochten sie komisch oder tragisch sein, die künstlerische Patina des Idealismus. Er ließ sich nie herbei, nach Effect zu haschen, und wenn ihm dieser auf der Hand lag, er verschmähte ihn. um wahr zu bleiben, und dadurch erzielte er dann die höchsten Effecte. Wie treffliche Künstler die ungarische Nationalbühne auch besaß, über allen stand er, Ungarns Anschütz und Wilhelmi in einer Person. Szentpéteri hat auch mehreres aus fremden Sprachen für die ungarische Bühne übersetzt und bearbeitet. Er starb zu früh für das Institut, das er wie Wenige zierte, im Alter von erst 60 Jahren, nachdem er seit seinem siebzehnten, im Ganzen also 43 Jahre auf der Bühne thätig, in der letzten Zeit aber immer leidend gewesen.

Vasárnapi ujság, d. i. Sonntagsblatt (Pesther illustr. Zeitung, 4°.) 1856, Nr. 14: „Szentpétery mint „Zach“, d. i. Szentpétery als „Zach“. – Magyar irók. Életrajz-gyüjtemény. Gyüjték Ferenczy Jakab és Danielik József, d. i. Ungarische Schriftsteller. Sammlung von Lebensbeschreibungen. Von Jacob Ferenczy und Joseph Danielik (Pesth 1856, Gustav Emich, 8°.) Bd. I, S. 549. – Válkai (Imre), Irodalmi és művészeti Daguerreotypek, d. i. Literarische und artistische Daguerreotypen (Wien 1858, Leop. Sommer, 8°.) S. 123.
Porträte. 1) Lithographie mit dem Facsimile seines Namenszuges, ohne Angabe des Zeichners (Barabás?). – 2) Szentpétery in der Rolle des „Zach“, in ganzer Figur, in altungarischer Magnatentracht, mit der Rechten den Ungarsäbel über seinem Haupte schwingend, mit der Linken die Scheide haltend. Schöner kräftiger Holzschnitt ohne Angabe des Xylographen (4°.).