BLKÖ:Torma, Sophie von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Torma, Andreas
Band: 46 (1882), ab Seite: 144. (Quelle)
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Torma, Sophie von (Alterthumsforscherin, geb. zu Csicsó-Keresztur im Szolnok-Dobokaer Comitate Ungarns um 1840). Eine Tochter Joseph Tormas [siehe diesen S. 142], der als Geschichtsforscher in seinem Vaterlande bekannt ist, und eine Schwester Karls [siehe diesen S. 143, im Texte], der als Forscher in die Fußstapfen seines Vaters trat. Der Umstand, daß Letzterer, auf dem Grund und Boden seines Besitzthums römische Alterthümer vermuthend, in der That eine römische Wohnstätte entdeckte und den Ausgrabungsarbeiten seine beiden Kinder Karl und Sophie beiwohnen ließ, mag wohl den nächsten Anstoß für Beide gegeben haben, diesem Gegenstande in der Folge ihre besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Während aber Karl sich auf die römische Alterthumskunde beschränkte, griff seine Schwester Sophie tiefer in die Zeit zurück und berücksichtigt in ihren Forschungen speciell die Neolithzeit, d. i. jene jüngere Periode, in der die Menschen ihre Steinwerkzeuge bereits zu schleifen begannen, primitiven Ackerbau trieben und seßhaft waren. Um auf Sophiens Bildungsgang zurückzugehen, erwähnen [145] wir, daß sie den Grund zu ihrer Bildung im elterlichen Hause unter Leitung ihrer Mutter Josepha geborenen Daniel, einer begabten und allgemein hochgeachteten Frau, legte. Nach deren frühem Tode kam sie in ein Erziehungsinstitut zu Szathmár und setzte nach dem Austritte aus demselben ihre Studien fleißig fort. Als auch ihr Vater im Jahre 1861 gestorben, begab sie sich zu ihrer Schwester Louise vermälten Ladislaus Makray, mit welcher sie durch siebzehn Jahre nicht nur in die Leitung des Hauswesens sich theilte, sondern auch deren Kinder erzog und mit Hilfe von Lehrern und Lehrerinen unterrichtete. Um immer in der Nähe ihrer geliebten Verwandten zu sein, verließ sie ihren Heimatsort und kaufte sich im Hunyader Comitate zu Broos (magyarisch Szászváros, römisch Orestia) ein Haus, welches sie während der Sommermonate bewohnt. Nachdem sie die Kinder ihrer Schwester großgezogen hatte, gab sie sich ganz ihrer wissenschaftlichen Forschung, nämlich der Durchsuchung der tertiären Niederlassungen des Hunyader Comitates hin. So brachte sie mit der Zeit aus der Fauna der Textiärbecken der verschiedensten Orte eine ungemein reichhaltige Sammlung zu Stande; dabei faßte sie auch geologische und archäologische Nachforschungen ins Auge und hatte in ihren Ausgrabungen so viel Glück, daß diese Funde gegenwärtig die achtunggebietende Summe von 153.000 Stück übersteigen. Um aber eine solche Sammlung zu Stande zu bringen, dazu gehört nicht nur seltene Ausdauer, Forschersinn und wissenschaftliche Hingabe, sondern bei den Verhältnissen, wie sie dort zu Lande obwalten, auch eine ungewöhnliche Thatkraft. Von Seite der rumänischen Bevölkerung, welche eben den für die Wissenschaft ergiebigsten Theil des Landes bewohnt, findet sie nicht nur keine Förderung, sondern bei den primitiven Culturverhältnissen dieser Bewohner eine Unmasse Hindernisse aller Art, wobei eine in hohem Grade unwirthliche Natur mit im Bunde ist, mit ihrer Rauhheit und Wildheit die Durchführung der Aufgabe zu erschweren. Es kann also, schreibt ihr Biograph, nur ein der Wissenschaft von ganzem Herzen ergebener Mann es wagen: gegen Naturereignisse und gegen den tief gewurzelten Aberglauben der Bauern anzukämpfen, die Jeden als den Verderber ihrer nächstjährigen Ernte ansehen, der es unternimmt, mit Karst und Spaten in den Eingeweiden ihrer Erde zu wühlen. Aber Sophie Torma, die kühne Forscherin, schreckte vor keinem Hindernisse zurück. Wichtig sind die archäologischen Untersuchungen, welche sie durch Ausgrabungen der Niederlassung von Tordas bei Broos machte. Diese Alterthumsschätze würden spurlos verschwunden sein, weil die am Ufer der Maros gelegene Niederlassung von den Wellen des Flusses immer mehr und mehr ausgewaschen wird. Da trat Sophie Torma rechtzeitig als Retterin dazwischen. Als sie aber die Ausgrabungen genau prüfte, war sie auch keinen Augenblick noch im Zweifel, daß diese Niederlassung der jüngeren Steinzeit angehöre und nicht, wie man bis dahin angenommen, eine römische Grabstätte sei. Nun mehrte sich durch die dort gemachten Funde ihre Sammlung immer fort und fort, und Karl Goos, ein tüchtiger Fachmann und Mitglied des Vereins für Siebenbürger Landeskunde, wies in einem besonderen Berichte auf die bedeutenden Errungenschaften der unermüdlichen Forscherin hin. Aber Sophie Torma blieb [146] nicht beim Sammeln der prähistorischen Funde stehen, ihr forschender Blick richtete sich auf die Zeit des Ursprungs der gefundenen Gegenstände, und auf dem Congreß der deutschen anthropologischen Gesellschaft welcher vom 5. bis 12. August 1880 zu Berlin tagte und welchem auch mehrere Damen beiwohnten, so Frau Sophie Schliemann, die Gattin des berühmten Archäologen, Fräulein Adele Virchow, die Tochter des berühmten Arztes, Naturforschers und Parlamentariers, Fräulein Johanna Mestorf, die Custodin des Kieler Museums, wies unsere Sophie Torma, welche im Dienste der Wissenschaft im äußersten Osten der österreichisch-ungarischen Monarchie forscht und schafft, auf die in ihren Funden, Geschirren, Thonidolen und einem Trachyttuffcylinder entdeckten Schriftzeichen hin und sprach dabei, die Erste, die Ansicht aus: daß auch die prähistorische Zeit ihre Schriftzeichen hatte. Da aber dieselben ganz identisch mit dem kleinasiatischen Syllabarium sind, das aus Schliemann’s Ausgrabungen nachgewiesen werden kann, so schloß sie, entgegen der bisherigen Annahme einer römischen, auf das Vorhandensein der orientalischen Cultur jener einstigen Bewohner Siebenbürgens. Die kühne und auf Grund sorgfältiger Prüfung und Vergleichung von ihrer Ansicht überzeugte Dame blieb damals auf sich selbst angewiesen und fand für ihre Schlußfolgerungen keinen Anhang; aber das beirrte sie nicht weiter, sie arbeitete auf ihrem Gebiete rüstig fort und will nun, unterstützt durch ähnliche Errungenschaften anderer Gelehrten und durch die Aussprüche des gewiegten Fachmannes Sayce in Oxford, in einer Monographie den Beweis liefern, daß sich an der thrakischen Abstammung der Völker Trojas und des alten Dacien nicht zweifeln lasse, und daß die Symbole auf den Funden ihrer Sammlung thatsächliche Schriftzeichen sind, die, wenn sie sich nicht als kyprisches Syllabarium herausstellen, jedenfalls das originelle kleinasiatische Syllabarium bilden, aus welchem sich nicht nur das Schriftsystem der Völker von Kypros, sondern auch das der verschiedensten Bewohner Kleinasiens, der trojanischen und wohl auch der dacischen entwickelte. Dieser zu erwartenden Schrift Sophie Torma’s ruft Professor Sayce die schwerwiegenden Worte zu: „Welch’ ein Gewinn für die Wissenschaft!“ „Ein neuer Horizont für dieselbe!“ Die Thätigkeit Sophie von Torma’s ist bereits in wissenschaftlichen Kreisen hoch gewürdigt, und bei Gelegenheit der XII. allgemeinen Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Regensburg (8. bis 10. August 1881) verlas Professor Dr. Johannes Ranke ein von ihr gesandtes Begrüßungstelegramm und fügte demselben die Worte bei: „Wir knüpfen an diesen von der Versammlung freudig aufgenommenen Gruß den Wunsch, daß es Fräulein Torma bald gelingen möge, die Publication ihrer für die Urgeschichte Mittel-Europa’s hochwichtigen Funde und Forschungen zu vollenden“. Dieser kurzen Schilderung des Wirkens und der Errungenschaften unserer unermüdlichen Forscherin fügen wir noch hinzu, daß sie als Frau der Stimme ihres Herzens folgt, daß sie als feingebildete Dame an Allem regen Antheil nimmt, was dem Fortschritte huldigt, daß sie nach Maßgabe ihres Vermögens zum Baue von Schulen und Bildungsanstalten das Ihrige beiträgt, und daß sie der Thätigkeit heimatlicher Frauenvereine nicht fern steht, also nicht blos [147] eine Gelehrte, sondern eine Frau im schönsten Sinne des Wortes ist.

Neue Illustrirte Zeitung. Illustrirtes Familienblatt (Wien, Verlag der „Steyrermühl“ [vormals L. C. Zamarski], kl. Fol.) X. Jahrg., 4. Juni 1882, Nr. 36, S. 567.
Porträt. Holzschnitt ohne Angabe des Zeichners und Xylographen in vorbenannter Zeitung, S. 565.