BLKÖ:Weiß, Nathan

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Weis, Nicolaus
Band: 54 (1886), ab Seite: 138. (Quelle)
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Weiß, Nathan (Arzt, geb. im Jahre 1848, gest. in Wien am 13. oder 14. September 1883). Nachdem er die medicinischen Studien an der Wiener Hochschule beendet hatte, habilitirte er sich an derselben als Docent für innere Medicin und verlegte sich theoretisch und praktisch vornehmlich auf das Gebiet der Neurologie; dann gab er den Spitaldienst als erster Secundararzt in der Abtheilung des Primarius Dr. Scholz auf und wirkte mehrere Jahre als Secundararzt des allgemeinen Krankenhauses, bis ihm als Aspiranten an Dr. Bamberger’s Klinik in dieser Anstalt 1883 die Leitung des Ambulatoriums für Nervenkranke übertragen wurde, welches ihm in dem mit Erfolg von ihm bearbeiteten Fache Gelegenheit zu weiteren Leistungen geben sollte, wozu es aber leider nicht kam, da er schon kurze Zeit nach Antritt dieser Stelle infolge eines plötzlich und ohne äußere Veranlassung zum Ausbruch gekommenen Irrwahns in einer Badeanstalt durch Erhängen sich das Leben nahm. In einem Briefe, den er in tiefer Schwermuth geschrieben, nimmt er Abschied von seiner jungen Frau, mit welcher er sich erst vor wenigen Wochen verheiratet hatte. Er bittet dieselbe für den ihr bereiteten Schmerz mit den Worten um Verzeihung: „Ich scheide vom Leben mit dem Bewußtsein, daß ich einer Gemüthskrankheit unterlegen, die meinen Geist vollkommen verwirrte.“ In der That hatte ihn auch schon vor mehreren Jahren der Wahn ergriffen, daß er den Keim eines unheilbaren Leidens, mit dessen Studium er sich gerade vorzugsweise beschäftigte, in sich trage. Obwohl nun diese fixe Idee nach dem Gutachten hervorragender medicinischer Autoritäten ganz unbegründet war, scheint sie doch in seinen letzten Tagen wieder in ihm aufgetaucht und seiner derart Herr geworden zu sein, daß er ihr schließlich zum Opfer fiel. Bemerkenswerth ist es aber, daß kaum vor Jahresfrist ein Bruder Nathans gleichfalls durch Selbstmord seinem Leben ein Ende machte, so daß es fast den Anschein hat, als ob in der Familie diese Monomanie erblich gewesen sei. Weiß, noch ein junger Arzt – er zählte ja erst 35 Jahre – hatte sich in der kurzen Zeit seines öffentlichen Auftretens als Elektrotherapeut und Neuropatholog [139] einen Namen gemacht. In der „Wiener medicinischen Wochenschrift“ finden sich von ihm eine Reihe von experimentellen, sowie praktisch-medicinischen Arbeiten, welche, Zeugniß gebend von seiner ungewöhnlichen Thätigkeit, wie von seiner außerordentlichen Begabung, gleichsam als Vorboten einer glänzenden Laufbahn erschienen. Auch als Lehrer hatte er sich viele Freunde und Gönner erworben. Fremde Aerzte wohnten seinen Vorträgen bei, die überhaupt zu den beliebtesten gehörten und namentlich von Ausländern sehr stark besucht wurden. In seinem Nachlasse fanden sich sehr werthvolle Abhandlungen über Nerven-, Gehirn- und Rückenmarkskrankheiten vor.

Allgemeine Zeitung (4°.) 18. September 1883, Beilage, Nr. 260, S. 3821 [diese bemerkt ausdrücklich: „daß er sich wegen unglücklicher Ehe selbst den Tod gegeben“]. – Neue Freie Presse (Wien, kl. Fol.) Nr. 6843, Abendblatt, 15. September 1883 in der „Kleinen Chronik“; Nr. 6845, Morgenblatt, 17. September 1883 in der „Kleinen Chronik“. – Schwäbischer Merkur (Stuttgart, Fol.) 19. September 1883, Nr. 222, S. 1543.