BLKÖ:Weiß, Theodor

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 54 (1886), ab Seite: 140. (Quelle)
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Weiß, Theodor (Techniker, geb. zu Braunschweig 1833, gest. gegen Ende 1886). Die Lebensgeschichte dieses in seinem Fache ausgezeichneten Technikers ist bald erzählt. Seine Studien legte er an dem Martini-Gymnasium in seiner Vaterstadt, dann an den Hochschulen Berlin und Leipzig zurück. Im Jahre 1865 wurde er am königlich sächsischen Polytechnicum in Dresden Assistent, dann aber ordentlicher Professor für Maschinentechnik und Theorie der Feuerungsanlagen. 1874 an die technische Hochschule in Brünn berufen, hielt er an derselben Vorlesungen über Maschinenbau. Als er in letzterer Zeit zu kränkeln begann und seines Leidens, das sich als eine Rückenmarkskrankheit entpuppte, trotz aller Curen nicht Herr werden konnte, ward der sonst so heitere lebensfrohe Mann verschlossen, zuletzt tiefsinnig, bis er sich nach mehreren schlaflos und qualvoll verbrachten Nächten mit einem Pistolenschusse das Leben nahm. Diesem ganz einfachen Verlaufe eines Menschenlebens möge noch ein Ueberblick seiner Thätigkeit im Gebiete seines Faches, in welchem er als eine Autorität galt, folgen. Vor Allem, noch als Assistent am königlichen Polytechnicum zu Dresden wendete er seine Aufmerksamkeit den Feuerungs- und Ventilationsanlagen zu und veröffentlichte als solcher das Werk: „Allgemeine Theorie der Feuerungsanlagen. Mit 2 lithogr. Tafeln (in 4°.) und 68 in den gedr. Holzschnitten“ (Leipzig 1862, J. O. Weigel, gr. 8°., XXIV und 423 S.), in welchem eine mathematisch-physicalische Theorie dieser Anlagen und überhaupt der caloritechnischen Constructionen abgehandelt ist. Diesem Werke folgten und waren auch bereits vorangegangen die Veröffentlichungen vieler demselben verwandten, und unter ihnen eine über die Rauchverhütungsfrage, welche sich zerstreut. in mehreren technisch-wissenschaftlichen und mathematisch-physicalischen Zeitschriften vorfinden. Im Jahre 1862 erschien von ihm noch ein zweites Werk über Dimensionirung der Dampfgeneratoren, unter dem Titel: „Regeln und Formeln zur Construction und Berechnung der Grössenverhältnisse von Dampfgeneratoren abgeleitet aus den Experimenten und Beobachtungen in Mühlhausen und Wasserling. Mit 7 lithogr. Tafeln (in Fol.)“ (Leipzig 1862, J. O. Weigel, gr. 8°., IV und 319 Seiten), in demselben prüft er die im ersten Werke entwickelte Theorie an den im Elsaß an verschiedenen Dampfkesselsystemen mit wissenschaftlicher Genauigkeit erhobenen Beobachtungen und bringt dieselbe auf alle anderen Systeme behufs deren Dimensionirung zur Anwendung. Gleichzeitig schrieb er über Ventilation und Ventilationsanlagen und wurde aus diesem Grunde von der königlich sächsischen, sowie später auch von der königlich preußischen und k. k. österreichischen Regierung beauftragt, die Projecte einer langen Reihe von größeren Ventilationsanlagen für Krankenhäuser, Museen, Theater, Universitäts- und sonstige Staatsgebäude zu überprüfen, beziehentlich selbst zu verfassen und zum Theile unter eigener Verantwortung ausführen zu lassen. Zu den letzteren gehören namentlich diejenigen für das königlich sächsische Entbindungsinstitut, [141] für die Grundpläne des neuen Dresdener Hoftheaters, für das neue königliche Polytechnicum zu Dresden und für die königliche technische Hochschule zu Hannover, wo, nebenbei bemerkt, eine Dampfmaschine von 30 Pferdestärken zum Betriebe zweier Ventilatoren von je vier Meter Flügelraddurchmesser wirksam ist. Die Freundschaft, mit welcher der unweit Dresden, an der Bergakademie zu Freiberg, wirkende, zu jener Zeit schon in der technischen Wett als Autorität anerkannte Bergrath Prof. Dr. Weißbach, auf dem Gebiete der experimentellen Hydraulik unstreitig die erste Größe in Deutschland, den damaligen Assistenten am Dresdener Polytechnicum an sich zog, lenkte das Interesse des Letzteren lebhafter auch auf die Behandlung hydrotechnischer Probleme. Unter Weißbach’s Leitung oft an dessen sinnreichen Apparaten thätig, erhielt Weiß zugleich mit Ersterem den Auftrag, zum Behufe der Vorarbeiten für die neue Dresdener Wasserversorgung die erforderlichen Vermessungen der verwendbar erscheinenden Quellen, Bäche und Flüßchen vorzunehmen, worüber später von Seite der Stadt Dresden in den Berichten über deren Wasserversorgung zum Theile Veröffentlichung erfolgte. Aus gleichem Anlasse untersuchte er die Vorgänge der natürlichen und künstlichen Filtration im Großen mittels des Experimentes, stellte hierüber eine, später von Prof. Grashof in Karlsruhe vervollkommnete und dann von ihm selbst erweiterte und auch auf die Permeabilität der Mauern für Luft und Gase ausgedehnte Theorie auf und veröffentlichte beides, Untersuchung und Theorie, in Verbindung mit einer Zusammenstellung der in der großen Praxis über Filtration gesammelten Erfahrungen in der Zeitschrift „Der Civilingenieur“ unter dem Titel: „Studien über Filtration im Großen“. Ebenso führte er mit Professor Schneider im Auftrage der sächsischen Regierung und einiger Privaten die Untersuchung der Leistungsfähigkeit vieler Wasserräder und Turbinen aus, wobei außer den dynamometrischen Erhebungen die Wassermessung eine hervorragende Rolle spielt, und worüber Mehreres in Journalen und Sonderschriften veröffentlicht ist. Auf dem engeren Gebiete des von ihm an der Brünner technischen Hochschule vertretenen Faches, nämlich des Maschinenbaues, zu welchem die letzterwähnten Arbeiten übrigens auch gehören, erschien die von ihm in Gemeinschaft mit dem Professor der mechanischen Technologie am Dresdener Polytechnicum Dr. Hartig verfaßte Schrift: „Attas der mechanischen Technik“, welche die im Gebiete der Technologie und Maschinentechnik vorkommenden Maschinen und Apparate in leicht faßlicher und übersichtlicher Form behandelt. Unter seinen vielen in verschiedenen wissenschaftlichen Journalen zerstreuten Arbeiten über maschinentechnische Gegenstände, theoretische und experimentale Untersuchungen von Dampfmaschinen, hydraulischen Motoren, Maschinenorganen, Triebwerken u. s. w. findet sich der Versuch zur Einführung einer neuen, für genauere Dimensionirung der Maschinen und technischen Anlagen verwendbaren Methode, welche unstreitig äußerst rationell und im Princip eminent praktisch ist. Dieselbe besteht darin, daß die bisher sehr unzulänglich und nur auf Grund annähernd abschätzender Erwägungen berücksichtigte Finanzfrage, im gleichen Maße wie die physicalischen Gesetze genau dargestellt nach mathematischen Grundsätzen, der Untersuchung einverleibt und daher die [142] vorteilhafteste Dimension als eine solche festgestellt wird, bei deren Ausführung die für einen technischen Endzweck aus Anlagecapitalszinsen und Betriebskosten sich zusammensetzenden periodischen (jährlichen) Gesammtausgaben einen mathematischen Minimalwerth annehmen. Leider steht die in allen Fällen nicht ohne Zeitaufwand mögliche Verwendbarkeit dieser Methode deren Weitervermehrung in der Praxis hindernd entgegen. Sie hat aber mindestens den idealen Werth, viele empirische Regeln, Erfahrungssätze und sogenannte Kunstfertigkeits- oder Gefühlsentscheidungen theoretisch zu begründen und in genau umschriebenen Grenzen einzuschließen, was sie thatsächlich in überraschendem Grade leistet. Projecte von hydraulischen Motoren, Dampfmaschinen, Transmissionen, Dampfkesseln, Fabrikanlagen u. s. w., welche Weiß im Auftrage Privater verfaßte, sind zumeist in Sachsen und Preußen, aber auch in Schweden und in Indien zur Ausführung gekommen, wohin er die Pläne zu eigenartig construirten, ganz aus Holz leicht herstellbaren Turbinen lieferte. Ueber seine Instructionsreisen, die sich insbesondere über die Industriegebiete des Königreichs Sachsen, dann über das gesammte Deutschland, Oesterreich, Nord-Italien, die Schweiz, Nord-Frankreich, England erstreckten und auch auf Buda-Pesth, Warschau und Umgebung ausgedehnt wurden, hat er nur Einzelnes veröffentlicht, während das Meiste in ungedruckten Berichten niedergelegt ist. Die Resultate seiner Betheiligung an den technisch-wissenschaftlichen Untersuchungen auf den Weltausstellungen zu London, Paris und Wien 1862, 1867 und 1873 finden sich in den gedruckten Berichten und Journalen vor, und seine mehrjährige Thätigkeit als Referent über Maschinenwesen und Ventilationstechnik für die Zeitschrift des hannoverschen Architecten- und Ingenieurvereines, wobei einige fünfzig deutsche, französische, englische und amerikanische Fachjournale quartaliter zu berücksichtigen waren, trug ihm die Anerkennung und Ernennung zum correspondirenden Mitgliede jenes Vereines ein, wie er denn auch in dieser Eigenschaft in Beziehung zum sächsischen Ingenieur- und Architectenvereine blieb, nachdem er als dessen langjähriges Mitglied durch Vorträge, Veröffentlichungen und Vereinsthätigkeit gewirkt hatte. Auf Grund der Ueberzeugung, welche sich ihm durch seine Forschungen in den Documenten und Druckschriften der reichhaltigen königlichen Bibliothek zu Dresden aufdrängte, ist er auch in belletristischen Journalen, z. B. in Westermann’s Monatsschrift, als Mitstreiter für den documentarisch erbrachten Beweis aufgetreten: daß die Deutschen an der immer nur stückweise zu Stande gebrachten Erfindung der meisten Epoche machenden Maschinen, als der Turbine, der Wasserdruckmaschine, der Dampfmaschinen, und allgemeiner, der thermodynamischen Motoren in bedeutend höherem Grade, als jede der anderen Nationen mitgewirkt haben, während es durch fachunkundige und nationalindifferente Nachbeter der chauvinistischen und nationaldünkelhaften, jedenfalls unwahren oder nur einseitig wahren Auslassungen französischer, englischer und amerikanischer Schriftsteller leider dahin gekommen ist, daß die große Masse des Laienpublicums, sogar in Deutschland selbst, die genannten fremden Nationen für die eigentlichen Erfinder ansieht und den Deutschen im Erfinden von Maschinen eine lächerlich [143] linkische unpraktisch philosophirende Eigenart völlig ungerechtfertigter Weise andichtet. Neben seinem Lehramte bekleidete Weiß die Stellung des Präses der Brünner zweiten Staats-Prüfungscommission für das Maschinenbaufach und leitete also die Staatsprüfungen für die absolvirten Maschinentechniker; er war 1877 bis 1880 Decan der Maschinenbauschule, und 1880/81 Rector der k. k. technischen Hochschule. Eine an ihn im Jahre 1878 ergangene Berufung an die neu organisirte technische Hochschule in Berlin hatte er abgelehnt. In einem ihm gewidmeten Nachrufe heißt es über ihn: „In seinem Fache war Weiß eine Capacität ersten Ranges; ein durch und durch edler Charakter, war er gemüthvoll und von liebgewinnendem Temperamente; tiefes Wissen und heiterer Sinn waren in ihm in glücklichster Weise vereinigt; in Gesellschaft unerschöpflich an launigen Geschichten und voll sprudelnden Witzes, war er als Gelehrter geistreich, scharfsinnig, ernst und rastlos in seiner Arbeit. Seine Krankheit störte wohl in den letzten Monaten zeitweilig seinen Humor; sein freundliches Wesen, seine Energie und sein Zartgefühl blieben ihm jedoch bis zur letzten Stunde. Die technische Hochschule in Brünn verliert an ihm einen vorzüglichen Lehrer und eine hervorragende Kraft.“

Allgemeine Zeitung (Augsb. Cotta, 4°.) 11. Juli 1880, Nr. 197, in den Universitätsnotizen. – Autographische Mittheilungen des Verblichenen. Geschrieben in seinen letzten Tagen. – Mährisch-schlesischer Correspondent (Brünn) 1. März 1886 und 6. März 1886. – Tagesbote aus Mähren und Schlesien (Brünn, 4°.) XXXVI. Jahrg. (1886), Nr. 48 und 49.
Porträt. In der Nummer vom 6. März 1886 des „Mährisch-schlesischen Correspondenten“.