Baldomero Espartero

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Baldomero Espartero
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 420–423
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Baldomero Espartero.

Es giebt unter den Staatsmännern unserer Zeit kaum einen, der an Größe und Edelsinn Espartero an die Seite zu stellen wäre. Was auch dem frühern „Regenten“ Menschliches passirt sein mag, es giebt keinen trefflicheren Beweis für seine Verdienste und seinen Werth, als daß Spanien, nachdem es ihn eilf Jahre lang in Verbannung vergessen zu haben schien, ihn jetzt gleichsam einstimmig als seinen Retter begrüßt von einer gewissen- und tugendlosen Camarilla- und Unterrocks-Regierungskunst, die ihres Gleichen nur selten auf einem civilisirten, „christlichen“ Throne gehabt haben mag.

Dieser Mann des Volks, grade in einem Moment, wo es sich in sittlicher Entrüstung für sein Recht und seine Moralität erhebt, verdient nähere Beachtung. Wir geben deshalb mit seinem wohlgetroffenen Porträt zunächst eine Skizze seines Lebens.

Espartero wurde 1792 in Granatula, einem Dörfchen der Provinz la Mancha, dem Geburtsorte Don Ouixote’s, geboren. Er war das neunte und jüngste Kind des Zimmermanns, Pantoffel- und Karrenmachers, auch Boten und Factotums von Granatula: Antonio Espartero. Baldomero, „das neunte,“ war zu schwach zu der harten Arbeit, womit der Vater sein Brot und das Olivenöl dazu verdiente, und sollte deshalb Priester werden. Ein Bruder von ihm, Caplan in einem benachbarten Dorfe, übernahm seine Vorbildung. Die Nachricht, daß Napoleon in Spanien eingefallen sei, trieb auch ihn patriotisch empor und weg von seinen geistlichen Büchern. Er schloß sich einem Freiwilligen-Corps, das sich ausschließlich aus Geistlichen bildete und das „heilige Bataillon“ genannt ward, an, und hier zeichnete sich der sechzehnjährige Vaterlandsvertheidiger bald so aus, daß er erst in ein ordentliches Regiment und dann in die Militärschule von Leon befördert ward. Zwei Jahre später finden wir ihn als Seconde-Lieutenant des Ingenieur-Corps von Cadix und 1814 eines Linienregiments in Valladolid. Nach dem Falle Napoleon’s brachen Streitigkeiten des Mutterlandes mit den [421] südamerikanischen Colonien aus, besonders in Chili. General Murillo, der eine Expedition hinüber machen sollte, bekam kurz vor seinem Aufbruche einen Besuch von einem stillen, ernsten, schwermüthigen Seconde-Lieutenant, um seine Betheiligung an dem Chili-Zuge anzubieten. Murillo wurde sofort so für ihn eingenommen, daß er ihn zu seinem Privat-Secretär und zum Capitän erhob. Drüben (in Peru) brachte er’s bald zum Infanterie-Major.

Die Gartenlaube (1854) b 421.jpg

Baldomero Espartero.

Mehr als acht Jahre lang focht er drüben wie ein echter Held des Schwertes und erntete nicht nur den üblichen Ruhm der Offizierehre, sondern auch den eines tüchtigen, ehrenfesten Charakters. Er wurde fünf oder sechs Mal verwundet und immer wieder zur Leitung der gefährlichsten Unternehmungen gegen die Insurgenten bereitwillig gefunden. Doch hatte diese Tapferkeit selbst weiter keinen sittlichen Werth, da es eben nur galt, die Leute in Chili, Peru und Bolivia, also wahre Antipoden Spaniens, wieder der spanischen Krone zu unterwerfen. Nach dem Siege des Insurgenten-Generals Sucre 1824, mußte Mutter Spanien ihre südamerikanischen Töchter durch die Capitulation von Ayacucho freigeben. Espartero kehrte mit Narvaez, Maroto, Valez, Rodil, Alaix und dem durch sein Cuba-Märtyrerthum berühmt gewordenen Lopez nach Spanien zurück. Die Regierung zeichnete ihn aus, das Volk aber auch, nämlich durch den Spottnamen „Ayacucho“. Die Helden, welche Südamerika verloren hatten, mußten überhaupt viel Spott und Schimpf erfahren, so daß sie sich zu einer besondern Freundschaftsgesellschaft verbanden, um gemeinsam zu tragen und sich zu unterstützen. Im spanischen Bürgerkriege fanden sich mehrere dieser „Freunde“ zuweilen gegenüber, ohne daß dieses ehemaligen Bundes vergessen ward. Espartero namentlich trug dieser Freundschaft gegen Maroto edelmüthig Rechnung, als er die Convention von Bergara schloß. Später fand Espartero eine militärische Stellung in Logrono, das auch in der jetzigen Insurrektion eine Rolle spielt. Hier entwickelten sich seine beiden Haupteigenthümlichkeiten, Trägheit und Gleichgültigkeit nach aufregenden Thaten und Anstrengungen und Spielsucht. Letztere mit der Nebeneigenthümlichkeit, daß er fast immer gewinnt. Im südamerikanischen Kriege hatten die Herren auch mehr gespielt als gekämpft, und von Espartero hieß es, daß er sich ein bedeutendes Vermögen damit gemacht habe. In Logrono verliebte er sich in die schöne Tochter eines reichen Kaufmanns, Signorita Jacintha Santa Cruz, aber der Vater wollte von dem „Spieler“ nichts wissen. Doch brachte er ihn so weit, daß er mit ihm um die Tochter spielte, wobei er, wie gewöhnlich, gewann, so daß der Vater Ja sagen [422] mußte, um seine „Ehrenschuld“ abzutragen. Als junger Ehemann wurde er nach der Insel Majorca geschickt, wo er bis zum Tode Ferdinand’s VII. blieb. Der nun folgende Bürgerkrieg stellte ihn als General-Commandeur der Provinz Biscaya an die Spitze der Christino’s. Als solcher war er gegen Zumala Carreguy (1815) sehr unglücklich, da er drei Schlachten verlor. Nach Cordova’s Rücktritt (1836) übernahm er das General-Commando über die ganze Christino-Armee, ward später Vicekönig von Navarra und Chef der baskischen Provinzen, nach dem Siege von Luchana Graf von Luchana, Deputirter der Cortes und Vertreter nach der von ihm beschwornen Constitution von 1837, die er freilich aus Haß gegen das Calatrava-Ministerium stürzen half. Gegen rebellische Soldaten seiner Armee bewies er den tollsten Muth, da er die Haupträdelsführer persönlich aus der Menge herausriß, und dann erschießen ließ. Nachdem er 1838, 27. April, den Carlisten-General Negri bei Burgos, 15,000 Carlisten bei Penacerrada geschlagen und Sieg auf Sieg erfochten, gelang ihm die größte That. Am 30. August 1838 ging er ganz allein an den Truppen seines jetzigen Feindes (ehemaligen Ayacucho-Genossen) Marato hinunter, und rief: „Wollt Ihr Alle zusammen leben als gute Spanier unter Einer Fahne, so geht und umarmt meine Soldaten, wie ich Euren General jetzt umarme!“ – Allgemeiner Enthusiasmus, allgemeine Umarmung – Ende des Bürgerkriegs. Ein Beweis mehr, daß edele Thaten des Herzens mächtiger sind, als die größten Heroenthaten der Gewalt.

Nach diesem dramatischen Verbrüderungsakte blieb nur noch übrig, den Rest der Armee des Don Carlos zu unterwerfen. Espartero trieb ihn (am 14. September) auf französisches Gebiet, und nachdem er auch im Beginn des folgenden Jahres Cabrera’s Truppen in Arragonien besiegt hatte, war das Ende des furchtbaren Bürgerkrieges und die Rückkehr des Friedens allgemeine, historische Thatsache. Hierin liegt die eigentliche Quelle der hohen, nationalen Popularität Espartero’s. Er war der Held der Fortschrittsprinzipien, der bürgerlichen, constitutionellen Freiheit gegen das absolutistische Prinzip und den Bürgerkrieg, der Friedensfürst, der wahre Vaterlandsretter.

Hiermit endigte seine blos militärische Laufbahn. Er begann die des Staatsmanns, um, was er mit dem Schwerte zum Siege gebracht, in das Leben auch wirklich einzuführen. Weder Christine, die Königin, noch ihre Minister zeigten große Lust, die Constitution von 1837 zu respektiren. So zwang er z. B. Narvaez aus dem Ministerio zu treten und erhob seinen Adjutanten und sein Factotum Linage, von dem seine Feinde sagten, daß er eigentlich die Seele aller seiner Verdienste sei, zum General. Vor Allem galt es, die französische Centralisationssucht Christine’s und ihrer Minister zu unterdrücken. Espartero hielt es mit der englischen Freiheit, welche hauptsächlich in der Selbstverwaltung der einzelnen Städte und Gemeinden besteht. Die Königin suchte Espartero in Barcellona auf, um sich seine Unterstützung für ein Bischen Constitutionsbruch auszubitten. Er weigerte sich standhaft und bat endlich um seine Entlassung, die aber nicht angenommen ward. Barcelona, nach Madrid die lebendigste und intelligenteste Stadt, gerieth in große Aufregung, welche zu einer Insurrection anzuwachsen schien. Die Bildung eines neuen Ministeriums stellte die Ruhe etwas her, aber im September 1840 war beinahe das ganze Land rebellisch, weil die Königin hartnäckig auf ihre Centralisationspläne bestand. Espartero, commandirt, gegen die Rebellen zu marschiren, weigerte sich. Die Königin, bisher trotzig und tyrannisch, ward jetzt feig und machte den – Rebellen Espartero zum ersten Minister mit unumschränkter Gewalt. Am 3. October bildete er sein neues Ministerium. Dessen liberales Programm ward von der Königin verworfen. Sie sagte, lieber wolle sie abdanken. Bei dieser Gelegenheit rief sie in ihrem Zorne aus: „Ich habe Ihnen Alles gegeben, Espartero! Ich habe Sie zum Grafen von Luchana erhoben, zum Grafen von Morilla, zum Herzog von Victoria, zum Granden von Spanien; aber es ist mir nicht gelungen, Sie zum „Cavalier“ zu machen.“

Kaum hatte das Volk diese Scene erfahren, holte es ihn überall, wohin er kam, mit den glänzendsten Demonstrationen ein, besonders in Valencia, wie er auch schon im September 1840, als er als neuer Premierminister in Madrid einzog, eben so jubelnd empfangen worden war, wie neulich, vierzehn Jahre später. Christina, zu stolz zum Nachgeben, dankte wirklich ab und begab sich nach Frankreich. Am 8. Mai 1841 wurde Espartero zum alleinigen Regenten Spaniens erwählt, der arme Zimmermannssohn vom Dorfe, freilich bei Weitem nicht einstimmig, was in dem parteizerrissenen Lande auch nicht zu erwarten stand. Unter diesen Verhältnissen war seine gleichsam absolute und zugleich constitutionell beschränkte Stellung der nicht parlamentarischen, sondern soldatisch gewaltsamen Parteien gegenüber, ungemein schwierig; doch entwickelte er während dieser seiner Regentschaft eben so viel parlamentarische Mäßigung als Energie gegen Parteiaufstände, Alle Emeuten, republikanische wie absolutistische (z. B. eine von dem ersten Helden der jetzigen Revolution, O’Donnell zu Gunsten – Christine’s!), alle Eingriffe von Außen warf er mit soldatischer, dictatorischer Strenge nieder und ließ schon im October 1841 den Häuptling einer Verschwörung, welche auf Raub der jungen Tochter Christine’s (der jetzigen Königin Isabella) ausging, Diego Leon Concha erschießen. Für Spanien, wie es war und wohl noch ist, war es im Uebrigen aber mehr ein Fehler, als eine Tugend, daß Espartero mehr ein Washington, als ein Cromwellsein wollte. In seinen Ministern fand er schlechte Freunde seiner municipalfreien, englischen Richtung der Administration. Eine solche hatte auch unter dem fortwährenden Auflockern wilder politischer Parteileidenschaften, zum Theil zurechtgekocht in dem Hexenkessel Christine’s, der immerwährend in ihrem Hotel Rue de Courcelles zu Paris, brodelte, wenig Aussicht auf gedeihliche Entwickelung. Nachdem er im November 1841 eine republikanische Insurrektion in Barcelona unterdrückt hatte, hielt er am 30. wieder einen Triumphzug durch die Straßen von Madrid. Ein Ausbruch derselben Art in derselben Stadt im folgenden Jahre war sein Sturz, nicht weil die Republikaner siegten, sondern sich mit den absolutistischen Christino’s gegen ihn verbanden und er sich gegen diese Verbindung bei der Schwäche seiner Minister, besonders seines ersten, General Rodil, zu schwach zur Consequenz fühlte. So willigte er am 9. Mai 1843 in eine allgemeine Amnestie. Seine Feinde wollten ihn nun zwingen, Männer des Fortschritts und der Constitution zu entlassen. Das war ihm zu arg. Er entließ sein Ministerium und löste das Parlament, die Cortes. auf (26. Mai). Zugleich ward das Gerücht verbreitet, daß Espartero einen für Spanien nachtheiligen Handelsvertrag mit England abschließen wolle. Seine verschiedenen Feinde gossen Oel in’s Feuer, und so loderte bald eine allgemeine Empörung gegen den Friedensfürsten, Landesretter und Volksmann durch Catalonien, Arragonien, Andalusien und Galicien hin. Am 13. Juni erklärte eine revolutionäre Junta von Barcellona aus die Prinzessin Isabella für mündig und zur Königin und den Sturz Espartero’s. Eine provisorische Regierung unter Lopez Caballero und Serrano octroyirte ihm den Titel „Hochverräther am Lande“ und beraubte ihn aller seiner andern Titel und seines ganzen Vermögens. Narvaez, stets sein principieller Gegner, marschirte an der Spitze der Insurgenten gegen Madrid, wo Alles durch Corruption und Geld vorbereitet war, und wo er deshalb am 22. Juli 1843 die beste Aufnahme fand, während Espartero, der Held so vieler Triumphzüge und Volksdemonstrationen, eiligst von Cadiz nach Lissabon und von da nach England floh. Hier ward er am 19. August fast eben so jubelnd empfangen, als später Kossuth. Espartero ist entschieden englisch in seiner Politik, insofern sie das gesunde Element aller Freiheit, das freie Gemeindewesen, am Ausgebildetsten darbietet. Seine Politik, die Spanier dahin zu bringen, daß sie die Freiheit vertragen, war, mißlungen. Ob sie jetzt „reif“ sind, muß die Zukunft erst noch beweisen.

Nachdem Espartero bis 1847 still in England gelebt, wo er viele Verbindungen und Freunde zurückließ, begab er sich in Folge einer Art von Amnestie für seine Freisinnigkeit auf dem Throne, wieder nach Spanien, wo er in Logrono, dem Orte seiner Liebe und Hochzeit, eben so still fortlebte, bis die neue Revolution ihn, den Hochverräther, abermals als Vaterlandsretter im glänzendsten Triumphe durch das Alcala-Thor von Madrid herein- und heraufzog auf die Höhe des spanischen Lebens durch jauchende, jubelnde, Hüte schwenkende Massen, unter Damen-, Tapeten- und Blumen geschmückten Balconen hin, hin unter unabsehbaren Flaggen und Wimpeln, wedelnder Batisttaschentücher, Fahnen von rothem Sammet und goldenen Franzen und goldenen, beschwingten Hoffnungen, welche die kindische, bornirte, leidenschaftliche, soldatische prätorianische Politik und Regierungsweisheit abermals in Blei [423] und Pulver verwandeln wird, wenn es jetzt dem alten Friedensfürsten nicht gelingt, parlamentarische Mäßigung und Selbstbeherrschung als Oel über das Meer der stürmischen Parteileidenschaften zu gießen. Espartero hat das beinahe Unmögliche zu schaffen, zwischen republikanischen und absolutistischen Parteien, Gemäßigten und Exaltirten, rangneidischen Generalen und Stellenjägern und Verschwörungsmachern einen Thron aufrecht zu erhalten, der durch die eigene Schuld derer, die ihn aufrecht zu erhalten das meiste Interesse hatten, tief erschüttert ist.