Bei den „Importirten“

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Bei den „Importirten“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 679
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Zigarren- und Zigarettenproduktion in Kuba
Blätter und Blüthen
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[679] Bei den „Importirten“. Acht Tage schon trieb ich mich in der Havanna herum, schon acht Tage lang berauschte ich mich an den echtesten von den echten – Importirten, wie sie bei uns heißen – und noch hatte ich nicht mit eigenen Augen geschaut, wo und wie diese unsere modernen Musen und Egerien das Licht der Welt erblicken. Es war mir daher eine sehr willkommene Botschaft, die mir mein alter Don Domingo, das langjährige Factotum meines Havanneser Bankiers, brachte, als er mich eines Nachmittags einlud, mit seinem Herrn in dessen zierlicher Volante hinauszufahren nach La Honradez, einer der ersten der großen Tabaksfabriken der Havanna, in der man hauptsächlich der Production der eleganten kleinen Cigarretten obliegt, wie sie in gleicher Güte außerhalb Cuba’s und Spaniens uns nur ein exceptionelles Glück einmal erhaschen läßt.

Schon auf eine Viertelstunde Entfernung macht. sich das weitläufige Etablissement, das ehedem ein Kloster gewesen zu sein scheint, durch die Atmosphäre bemerklich, welche es einhüllt. Die ganze Umgebung duftet nach Tabak, als stände man mitten in einer ungeheuern Schnupftabaksdose. Rundum ist die Luft erfüllt mit feinem Tabaksstaub, der uns in Mund, Ohren und Nase und in die Poren unserer Haut dringt, und der erste Gruß, mit welchem ich der Fabrik und ihren Erzeugnissen meinen Respect erweisen konnte, war ein endloses, heftiges Niesen.

Wie bereits erwähnt, befaßt sich La Honradez beinahe ausschließlich mit der Fabrikation von Cigarretten, Cigarritos oder Papelitos oder wie man sonst die mit klargeschnittenem Tabak gefüllten graciösen kleinen Rollen von chinesischem Papier oder Reisstroh nennen will. Es ist dies im Ganzen eine sehr einfache Fabrikation; das Hauptinteresse, welches sich an die Anstalt knüpft, liegt darin, daß diese nicht nur, was die Quantität, sondern auch was die Qualität ihrer Erzeugnisse betrifft, die erste ihrer Art auf der Erde, ein Etablissement von Weltruf ist, für dessen Producte der bloße Name der Firma schon Reclame genug ist. Wie Krupp der Stahl- und Kanonenkönig, Barclay und Perkins die Bierkaiser, Faber der Bleistiftsultan ist, so die Honradez die Königin der Cigarretten; wer sie gesehen, hat etwas gesehen, das nirgends seines Gleichen hat. Was die Fabrik bedeutet, erhellt schon daraus, daß von ihren nahezu achthundert Arbeitern und Arbeiterinnen etwa fünfhundert speciell mit der Verfertigung der Cigarretten beschäftigt sind und im Durchschnitt je tausend Stück den Tag fix und fertig herstellen, die Woche also ungefähr drei Millionen liefern!

Zuerst schritten wir durch eine lange Reihe scheunenartiger Räume, wohl zehn bis zwölf; hier sahen wir zusammen Hunderte von Männern, Weibern und Kindern, sämmtlich Wollköpfe, auf dem Boden kauern und den Tabak sortiren, die Blätter von den Stengeln trennen und in große Körbe verpacken, in denen sie nach den Tabaksschneidemaschinen geschafft werden. Im Allgemeinen stehen die Cigarretten nicht im besten Renommée; man pflegt sich einzubilden, daß jede Sorte von Tabak, jeder Ausschuß sonst unverwendbarer Blätter für sie eben gut genug ist, etwa so wie jegliche Gattung von Fleisch, das von Katzen und Hunden nicht ausgeschlossen, gewissen großstädtischen Wurstfabriken willkommenes Material liefert. Zu meiner Beruhigung und Freude mußte ich mich hier in der Honradez überzeugen, wie ungegründet jener Vorwurf und wie die Cigarrette mit so manchen Dingen dieser Erde das Schicksal theilt, besser zu sein, als ihr Ruf. Man liest vielmehr die meist virginischen Tabake, die hier verarbeitet werden, mit der allerscrupulösesten Sorgfalt aus und füllt nur die feinsten und zartesten Blätter in die kleinen Papierrollen. Die Cigarretten von La Honradez sind wirklich die Creme der Creme, gewisser maßen der Champagnerschaum der Cigarren, werth also des Vorzugs, von schönen spanischen und französischen Lippen geraucht zu werden. Die Fabrik ist sich auch ihrer Leistungen bewußt, sie verschmäht darum jeden Posaunenstoß der Reclame. Auf den buntgedruckten Papierenveloppen, welche jedes Paketchen von fünfundzwanzig Stück umhüllen, steht nichts als das stolze „Mis hechos mi justificaran“ (Meine Thaten werden von mir zeugen), während die Devisen anderer Etablissements sich in echt spanischen Floskeln von Selbstlob ergehen. „Alle Welt preist mich,“ liest man auf den Umschlägen des einen; „Ich bin weltberühmt,“ ruft ein anderes aus, obschon ich eine Hand voll Goldfüchse wetten möchte, meine Leser und Leserinnen haben von diesen gefeierten Weltberühmtheiten noch niemals ein Sterbenswörtchen vernommen.

Die Havannapapiercigarren haben keine vollkommen cylindrische Form, auch kein Mundstück von Pappe, wie die bekannten Papyros, welche man in Moskau und St. Petersburg aus türkischen, {{Syrien|syrischen]] und bessarabischen Tabaken fabricirt. Die spanische Cigarrette besteht einfach aus einer gewissen Quantität ganz feingeschnittenen Tabaks, der in die Mitte eines viereckigen Stückes von chinesischem Papier gelegt wird, welches man dann zu anderthalb Zoll langen und ein Achtel Zoll dicken „Stäbchen“ (bâtons) zusammenwickelt und an beiden Enden mittels eines besondern Kunstgriffes zusammendreht. So simpel wie diese Manipulation erscheint, so erfordert sie doch eine außerordentliche Uebung und ist eigentlich das Hauptgeheimniß der Fabrikation. Die Schwierigkeit derselben besteht darin, daß an beiden Enden genau so viel Papier frei bleibt, wie man braucht, das Ganze fest zusammenzudrehen, aber keine Linie mehr noch weniger, und daß der Tabak durch die ganze Länge der Cigarrette vollkommen gleich dicht verbreitet ist. Sobald diese zu fest oder der Tabak nicht gleichmäßig vertheilt, stellenweise zu locker ist, an andern Stellen sich stopft, ist das Fabrikat werthlos. Es muß daher mit der allergrößten Sorgfalt und kann nur von den geschicktesten Arbeitern gemacht werden, da es sonst keine Käufer findet, denn der Spanier, der einzig nennenswerthe Abnehmer der Waare, ist selbst gewissermaßen geborner Cigarrenwickler und in dieser Beziehung unerbittlich kritisch. Zwar ist’s jetzt von Paris aus fashionabel geworden, Mode der jeunesse dorée, sich mittels eines besonders präparirten Papiers und eines Beutelchens voll zerschnittenen Tabaks seine Cigarretten selbst zu bereiten, allein weder Franzosen noch Deutsche noch sonst wer erlangen in dieser subtilen Kunst jemals nur die Fertigkeit, wie sie jener halbschürige spanische Bauerjunge besitzt, der sich im schütterndsten Eisenbahnwaggon, ohne nur einen Blick darauf zu werfen, mit sicherer Hand seine Papelitos zu wickeln versteht. Die unvernünftige spanische Politik hat überdies der eigentlichen Havannacigarre durch hohe Zölle den Eingang im Mutterlande versperrt, und so greift in Spanien alle Welt zur Cigarrette.

In einem andern Departement der Fabrik kamen wir wieder durch weite Säle. Auch hier waren Hunderte von Menschen bei der Arbeit, vorwiegend Mädchen und Frauen. Sie handhabten die Maschinen, welche das dünne Cigarrettenpapier zu den erforderlichen Quadraten zerschneiden, packten die Cigarretten in die Pakete zusammen und klebten die bunten Enveloppen darum. Die Anfertigung dieser Enveloppen nimmt ihrerseits in La Honradez einen vollständigen Industriezweig in Anspruch, ja setzt die Kunst selbst in Bewegung. Wir wurden in ein großes, helles Atelier geführt, wo wir ein Dutzend Creolen emsig über den Zeichentisch und die Holzplatten gebückt sahen, um die phantastischen Mottos und niedlichen kleinen Vignetten zu erfinden und in Holz zu schneiden, mit denen geschmückt die Papelitos der Honradez ihre Weltfahrten antreten. Gleich daneben besichtigten wir die Druckerei, welche diese Hüllen druckt, eine Officin, die selbst Leipzig Ehre machen dürfte, von zwei Dampfmaschinen in Gang gebracht und mit verschiedenen Schnellpressen versehen, die in der That einen sehr anerkennenswerthen Buntdruck herstellen. Das Merkwürdigste dieser Officin sind aber nicht die Maschinen und nicht ihre Maler und Xylographen, es sind die Drucker selber, ein ganz absonderliches Völkchen, keine Neger und keine Mulatten, noch weniger Creolen oder eingewanderte Spanier, auch nicht eigentlich Sclaven, und doch nicht vollkommen freie Menschen. Es sind hagere, safrangelbe Gesellen, mit vorstehenden Backenknochen, kleinen schiefstehenden Augen und langen, herabfallenden schwarzen Haaren, mit einem Worte Kinder des himmlischen Reichs, von denen auf Cuba die beträchtliche Anzahl von zweimalhunderttausend als sogenannte chinesische Kulis auf den verschiedensten Gebieten menschlicher Thätigkeit sich nützlich machen, als Gärtner, als Köche, als Lakaien, als Handwerker und Tagelöhner. Diese Kulis sollen die Sclaven ersetzen, die wenigstens gesetzlich nicht mehr eingeführt werden dürfen, obschon man allerhand Hinterthüren hat, durch die man ungestraft Neger zu importiren weiß. Man „kauft“ sich in der Regel den Kuli um drei- oder vierhundert Dollars auf einen Zeitraum von acht Jahren und hat ihn während der Dauer dieses „Contractes“ zu ernähren, zu kleiden und ihm einen Monatslohn von vier spanischen Thalern zu bezahlen. Der chinesische Arbeiter der Havanna ist somit nichts Anderes, als ein Sclave auf Zeit, den gut zu behandeln im Interesse seines Brodherrn liegt. Denn seltsam, während daheim in seinem Himmelsreiche der Sohn der Mitte ziemlich reichliche Gelegenheit bat, mit dem Bambusrohre Bekanntschaft zu machen, will er sich von Nichtchinesen nicht die mindeste körperliche Züchtigung gefallen lassen. Wird er geschlagen, so giebt er sich unfehlbar selbst den Tod.

Nach spanischer Etikette durften wir La Honradez nicht verlassen, ohne daß man uns ein Gast- und Ehrengeschenk darbot. Dies geschah in der zartesten und passendsten Weise. Nachdem wir unsere Namen und Adressen in das Fremdenbuch des Etablissements hatten einzeichnen müssen und eben uns beim Oberwerkmeister, der uns in Person durch alle Räumlichkeiten der Fabrik geführt hatte, dankend verabschiedeten, trat ein Kuli zu uns heran und überreichte mit einer tiefen Verbeugung und einem ganz unnachahmlichen Lächeln Jedem von uns ein Paket Cigarretten, auf deren Enveloppen in Buntdruck unsere Vor- und Zunahmen in ihrer vollen Ausdehnung zu lesen standen. Die ganze Operation hatte nicht sechs Minuten in Anspruch genommen und die Gabe war jedenfalls ein sinniges Andenken an die Heimath der „Importirten“.