Beschreibung des Oberamts Böblingen/Kapitel B 6

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6. Darmsheim,
Pfarrdorf mit 968 evangelischen und 4 nach Dätzingen eingepfarrten katholischen Einwohnern. Etwa 11/4 Stunde westlich von Böblingen liegt in dem engen, aber nicht sehr tief eingefurchten Schwippe-Thal, der ziemlich regelmäßig gebaute, mit reinlichen Straßen versehene Ort, durch dessen Mitte die Landstraße von Böblingen nach Calw führt. Der größere Theil des Dorfs hat auf der linken Seite der Schwippe eine gegen Norden sanft geneigte Lage und nur eine Häuserreihe jenseits des Flüßchens liegt eben. Am südöstlichen Ende des Dorfes steht die geräumige helle Pfarrkirche, die nach einer, an der Westseite angebrachten Inschrift im Jahr 1600 erweitert und verbessert wurde, eine weitere bedeutende Veränderung erhielt sie 1804 und ist nunmehr in gutem baulichen Zustande. Durch diese Veränderungen wurde die ehemalige Bauweise beinahe ganz verdrängt, so daß das Gebäude, dem sogar der Chor fehlt, alles architektonischen Schmucks entbehrt. Innen hat die Kirche, außer einem Ölgemälde, Luther in Lebensgröße vorstellend, und einem ziemlich gut geschnitzten Bild des Gekreuzigten, nichts Erwähnenswertes. An der westlichen Giebelseite steht der viereckige Thurm, ein aus drei steinernen Stockwerken bestehendes monströses Bauwesen, auf dem ein einfaches Zeltdach sitzt. Das unterste Stockwerk hat ein Kreuzgewölbe mit spitzbogigem Durchgang, durch den man zum westlichen Portal der Kirche| gelangt. Im zweiten Stockwerk befindet sich 25 Fuß über der Erdfläche der ursprüngliche spitzbogige Eingang und im dritten, wo die Glocken hängen, sind rundbogige, etwas gedrückte Fenster (Schalllöcher) angebracht, die ohne Zweifel erst später eingebrochen wurden, da sie mit dem Baustyl des alten Thurms nicht übereinstimmen. Von den drei Glocken hat die größte die Umschrift: „in. sant. Lux. und. sant. Marx. und. sant. Johannes. und. in. sant. Mateus. gos. mich Pantlion. Sydler. zuo. Esslingen. im 1510 Jar. amen.“ Auf der mittleren steht: „Lucas. Marcus. Johannes. Mateus. Pantlion Sidler von Esslingen gos mich do man zahlt 1485.“ Die kleinste trägt die Inschrift: anno 1609 gos mich Georg Lehner in Stuttgart. Die Baulast der Kirche hat die Stiftungspflege. Der neue Begräbnißplatz wurde 1839 außerhalb des Orts angelegt, der frühere um die Kirche gelegene, dient gegenwärtig zum größten Theil als Baumschule. Etwa 100 Schritte nordöstlich von der Kirche liegt an der Hauptstraße das 1703 neu erbaute und 1836 namhaft verbesserte Pfarrhaus, welches gemeinschaftliches Eigenthum des Staats und der Universität Tübingen ist. Das in der Nähe der Kirche gelegene Schulhaus mit Lehrerwohnung, dessen Bau und Unterhaltung dem Heiligen zusteht, wurde 1839 bedeutend erweitert und verbessert. An der Schule unterrichten 1 Lehrer und 1 Lehrgehilfe. Eine Industrieschule, die aber nur den Winter über besucht wird, ist vorhanden. Das ansehnliche, sehr freundliche Rathhaus mit Thürmchen und Balkon, an der Hauptstraße, gegenüber dem Pfarrhaus auf einem freien Platz gelegen, wurde 1843 neu erbaut. Ein Gemeindebackhaus besteht schon seit langer Zeit. Gesundes Trinkwasser, das in ganz trockenen Sommern und in kalten Wintern etwas spärlich fließt, ist vorhanden. Die Luft ist rein und trocken, aber etwas scharf; Frühlingsfröste sind nicht selten, auch ist die Ernte um 8 Tage gegen das Unterland zurück. Von Hagelschlag wird die Gegend selten heimgesucht. Die Einwohner sind gesunde, kräftige Leute, höflich, fleißig, ordnungsliebend, haben viel häuslichen Sinn und Religiosität, ihre Vermögensumstände sind im Allgemeinen befriedigend, ihre Hauptnahrungsquellen bestehen in Feldbau und Viehzucht. Die Feldgüter, welche im üblichen Dreifeldersystem nach alter Erfahrung recht gut bewirthschaftet werden, haben, mit Ausnahme der Abhänge gegen das Schwippethal und dessen Seitenthäler, eine flachwellige Lage und einen fruchtbaren zum Theil tiefgründigen Lehmboden, der gegen die Abhänge hin und an den Abhängen selbst, viel Kalkerde enthält, da der Muschelkalk hier in ganz geringer Tiefe ansteht, während auf dem Plateau die Mergel- und Sandsteine der Lettenkohlengruppe| die Unterlage bilden. Von den Getreidearten gedeihen Dinkel und Hafer sehr gerne, daher auch diese vorzugsweise gebaut werden. Im Durchschnitt säet man aus den Morgen 7 Simri Dinkel, 4 Simri Hafer, 3 Simri Gerste, 31/2 Simri Roggen und erntet 8 Scheffel Dinkel, 41/2 Scheffel Hafer, 31/2 Scheffel Gerste und 3 Scheffel Roggen per Morgen. In der Brache werden Kartoffeln, Kraut, Hanf, Kohlraben, Repsdotter und Futterkräuter gezogen. Die Früchte kommen im Ort selbst an auswärtige Abnehmer zum Verkauf. Die Ackerpreise sind 150, 250–400 fl. per Morgen. Die ergiebigen, durchgängig zweimähdigen Wiesen, von denen 1/8 bewässert werden können, liefern ein gutes Futter, das größtentheils im Ort selbst verbraucht wird. Ihre Preise bewegen sich von 300–600 fl. per Morgen. Die nicht sehr ausgedehnte Obstzucht beschäftigt sich meist mit Mostsorten; zwei Baumschulen, die eine um die Kirche, die andere auf dem neuen Begräbnißplatz, sind angelegt und werden von einem besonders dazu aufgestellten Aufseher behandelt. Der aus einer reinen Landrace bestehende gute Rindviehstand wird durch tüchtige Farren, welche die Gemeinde anschafft und verpflegt, immer noch verbessert. Einen kleinen Farren, so wie den Eber haben die Brennerhöfer auf ihre Kosten anzuschaffen und zu unterhalten. Der Handel mit Vieh, besonders auch mit Mastvieh, ist ziemlich lebhaft. Minder bedeutend ist die Schweinezucht; es werden Schweine gemästet und zum Verkauf gebracht. Die Gewerbe dienen, mit Ausnahme einer am östlichen Ende des Dorfs gelegenen Mühle mit 2 Mahlgängen und 1 Gerbgang, nur dem örtlichen Bedürfniß. Es bestehen 3 Schildwirthschaften und 1 Bierbrauerei. Außer der Hauptstraße, die durch den Ort und in denselben über eine steinerne Brücke führt, sind noch zwei Vicinalstraßen, die eine nach Sindelfingen, die andere nach Maichingen, angelegt, welche dem Ort seinen Verkehr sichern. Ganz in der Nähe des Orts befinden sich an dem rechten, kahlen Thalabhange zwei Muschelkalksteinbrüche, aus denen Kalk zum Brennen und vortreffliches Straßenmaterial gewonnen wird. Die Gemeinde ist im Besitz von 530 Morgen gut bestockter Waldungen, welche meist aus Laubhölzer und nur ein kleiner Theil aus Forchen bestehen. Hievon werden jährlich 16 Morgen geschlagen, die im Durchschnitt einen Ertrag von 100 Klaftern und 11.300 Stück Wellen liefern. Bisher hatten holzberechtigte Bürger das Gabholz oder Unterholz, welches auf gewissen Häusern ruhte, anzusprechen und sämmtliche Bürger bezogen am Oberholz gleichen Antheil. Diese Gerechtigkeiten wurden den 20. Oktober 1848 von Seiten der Gemeindepflege mit 11.650 fl. abgelöst. Die Schafweide, welche mit fremden Schafen beschlagen | wird, trägt einen durchschnittlichen Pacht von 500 fl.; die Allmandwiesen ertragen jährlich etwa die gleiche Summe. Außer diesem besitzt die Gemeinde noch ein Capitalvermögen von 1300 fl. Das Vermögen der Stiftungspflege beträgt nach der Rechnung von 1847/48 1583 fl. 14 kr. Capitalien. Die Zinsen einer Stiftung von 898 fl. 30 kr. werden jährlich unter die Ortsarme vertheilt. Die Zinsen einer Schulstiftung von 60 fl. fließen in die Schulkasse. Für Schulbücher werden 3 – 6 fl. verwendet und überdieß ganz armen Kindern das Schulgeld aus der Gemeindekasse bezahlt.

Die grundherrlichen und Zehentverhältnisse sind hier dieselben wie bei Dagersheim.

Statt des Heuzehntens werden hier lagerbuchmäßig nur unbedeutende Surrogatgelder gereicht.

Die Pfarrei wird abwechslungsweise von der Krone und von der Universität Tübingen besetzt.

Über die Spuren ehemaliger Verschanzungen und Grabhügel im Darmsheimer Gemeindewald, welche nachweisen, daß diese Gegend schon in den frühesten Zeiten bewohnt war (s. den allgemeinen Theil.)

Der Name des Orts erscheint als Darmishan in der Sindelfinger Chronik zu den Jahren 1282, 1291.

In Beziehung auf die Herren, unter denen es stund, hatte Darmsheim ganz denselben Wechsel wie Dagersheim, und ist namentlich auch im Jahr 1357, beziehungsweise schon 1344 württembergisch geworden (s. Böblingen und Dagersheim). Noch im Jahr 1423 erkauften die Grafen Ludwig und Ulrich von Württemberg hiesige Leute von Heinrich von Gärtringen (Steinhofer 2, 721).

Von hiesigem Ortsadel kommt vor: Diemo de Darmsheim, welcher um 1140 das Kloster Hirschau mit Liegenschaften bei Döffingen beschenkte (Cod. Hirs. 68); ein gleiches that mit Gütern in Darmsheim, Döffingen und Dätzingen um 1150 Sigeboldus de Darmsheim homo liber cum filio suo Conrado (ib. 81).

Genanntes Kloster war schon um 1130 hier begütert (ib. 65), das Stift Sindelfingen seit 1260. Letzteres Stift erkaufte von Friedrich von Renningen 1/8 des hiesigen Zehenten, wozu 1272 Juli 23. die Grafen Ulrich von Tübingen und Simon von Eberstein Erlaubniß ertheilten, und von Gotfried von Renningen gleichfalls 1/8 des hiesigen Zehenten, wozu 1273 Dec. 27. die Grafen Ulrich von Württemberg und Ulrich von Asperg Einwilligung gaben; auch erwarb es im Jahr 1342 die Kirche, welche ihm 1426 Juli 26. einverleibt wurde.

In den Jahren 1639–1642 war die Pfarrei ein Filial von Dagersheim (vergl. über die hiesige Kirche auch Dagersheim).