Beschreibung des Oberamts Böblingen/Kapitel B 8

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8. Deufringen,
ein Pfarrdorf mit 715 Einwohnern, worunter 1 Katholik, das unfern des Schwarzwaldsaumes 3 Stunden westlich von der Oberamtsstadt| in einem tief eingeschnittenen, engen Thale liegt. Im Allgemeinen ist die Beschaffenheit des mit guten Straßen versehenen Orts freundlich und reinlich, die theils am nordöstlichen, theils am westlichen Abhange, meist aber in der Thalebene gelegenen Gebäude, unter denen sich mehrere ansehnliche Bauernwohnungen befinden, sind von Holz aufgeführt und häufig mit steinernem Unterstock versehen, so daß das Dorf zu den besser aussehenden des Bezirks zu zählen ist. Gutes Trinkwasser, das übrigens nur aus Pumpbrunnen gewonnen wird, ist hinreichend vorhanden. Die bei Gechingen entspringende Würm, auch Sau genannt, fließt mitten durch das Dorf und treibt im nördlichen Theil desselben die obere Mühle mit 2 Mahlgängen und 1 Gerbgang und im südlichen die untere Mühle ebenfalls mit 2 Mahlgängen und 1 Gerbgang. Etwa 1/8 Stunde südlich vom Ort mündet der Bach in die Aid, wo er nahe des Vereinigungspunkts eine Ölmühle – und weiter unten in Gemeinschaft mit der Aid eine ansehnliche Sägemühle mit Hanfreibe in Bewegung setzt. Die Luft ist gesund, das Klima ziemlich rauh, jedoch so, daß in günstigen Weinjahren die Traube an den Kammerzen noch reift; die Sommernächte sind meist kühl und Frühlingsfröste nicht selten, ebenso Gewitter, die, wenn sie sich in das tiefe Thal einkeilen, sehr heftig werden; übrigens dient der nahe gelegene Schwarzwald als ein erwünschter Ableiter derselben. Von Hagelschlag blieb die Markung seit mehreren Jahren verschont. Die am südlichen Ende des Orts etwas erhöht gelegene Kirche war ursprünglich im gothischen Style erbaut, wurde aber vor etwa 60 Jahren namhaft erweitert und verlor bei dieser Veranlassung nicht nur den größten Theil ihres architektonischen Schmucks, sondern wurde auch durch Einbrechung von runden, oblongen und rundbogigen Fenstern gräßlich entstellt. An der westlichen Giebelseite steht der viereckige massive Thurm, ein monströses aus 3 Stockwerken bestehendes Bauwesen, aus dem ein einfaches Zeltdach sitzt. Das unterste Stockwerk hat ein Kreuzgewölbe, dessen Gurten von vier Fratzengesichter bildenden Consolen ausgehen; an ihrer Kreuzung befindet sich ein Schlußstein, auf dem das Lamm Gottes abgebildet ist. An der Westseite dieses Stockwerks führt ein plumpes, rundbogiges Portal in dasselbe und durch dieses zu einem spitzbogigen Eingang in die Kirche; an der Südseite ist ein sehr schönes gothisch gefülltes Fenster angebracht. Ohne Zweifel wurde der rundbogige Eingang erst später eingebrochen oder doch erweitert, und die Halle im Thurm versah die Stelle des Chors, das der gegenwärtigen Kirche fehlt. Etwa 25 Fuß über der Erdfläche befindet sich der ursprüngliche Eingang in den Thurm, der früher zur Vertheidigung gedient | haben mag, wofür auch die Schußscharten an demselben zeugen. Die drei auf dem Thurm hängenden Glocken haben folgende Umschriften und zwar die größte: „unser liben Frowen Glock heis ich Peter zur Glocken zu Spyer gos mich anno dom. 1493,“ die mittlere: „Johann Philipp Magnus gos mich in Stuttgart anno 1757“ und die kleinste: „gegossen von Heinrich Kurz in Stuttgart 1817.“ Außer diesem sind auf letzterer noch die Namen der damaligen geistlichen und weltlichen Behörden angeschrieben. Das Innere der Kirche ist hell, geräumig, weiß getüncht und die Decke flach getäfelt; die Inschriften einiger in ihr aufbewahrten Grabdenkmale lauten: anno dom. 1566 uf Sundag den 1 Dā (Tag) Marcyi starb der edel und vest Jacop von Giltlingen zu Deyferingen Got verley im ayn fraylich Uffersteung amen.“ Auf demselben Grabsteine steht: 1) „Anno dom. 1603 Zinstag den 20 Septembris ist in Gott seliglich entschlaffen die edel ehr- und tugendreich Fraw Agnes von Giltlingen eine geborene Schenk von Winterstetten ehlich Hausfraw der Gott gnad amen.“ 2) „Anno domini 1600 den 16 Octobris endet weiland Jacob von Gültlingen zu Deufringen sein Leben. Anno 1602 starb Felicitas von Gültlingen ein geborne Marschalkin von Ebnit seine ehliche Hausfrau.“ Über der Inschrift sind beide Verstorbene vor einem Kruzifix kniend, über welchem ihre Wappen angebracht sind, sehr gut in Stein gehauen. 3) „Anno dom. 1548 den 1 Tag Januaryi starb der edel und vest Sebastian von Giltlingen. Anno dom. 1517 den 23 Tag Juny starb die edel Fraw Anna geb. von Dallu seyn ehlich Gemahl den Got beiden gnädig sey amen.“ Die Baulast der Kirche hat die Gemeinde und die Stiftungspflege gemeinschaftlich zu tragen, weil aber letztere gegenwärtig zu sehr geschwächt ist, so liegt sie der Gemeinde allein ob. Der Begräbnißplatz umgibt die Kirche, ein zweiter wurde vor etwa 10 Jahren östlich derselben angelegt. Das Pfarrhaus, welches früher ein Schloß der Freiherren von Gültlingen war (s. unten), ist mit allen Bequemlichkeiten versehen und liegt frei und angenehm nur 50 Schritte von der Kirche. An der Vorderseite ist ein runder Thurm angebaut, der als Stiegenhaus dient; das Gebäude selbst wurde vor 4 Jahren namhaft reparirt und ist nun in gutem baulichen Zustande. Die Erhaltung desselben hat der Staat, wobei übrigens die Gemeinde, wenn die Baukosten sich über 20 fl. belaufen, 10 fl. beizutragen hat. Das gegenüber der Pfarrkirche an der Hauptstraße gelegene ansehnliche Rath- und Schulhaus, mit Thürmchen und Glocke, wurde 1834 an der Stelle des alten erbaut. Im untern Stock befinden sich die Schule und die Wohnung des Schulmeisters, im obern Stock die Gelasse für den Gemeinderath. An der Schule unterrichten 1 Lehrer und 1 Lehrgehilfe.| Eine Industrieschule besteht und eine Kleinkinderbewahranstalt ist im Beginnen. Die im Allgemeinen kräftig gebauten Einwohner sind fleißig, sparsam und halten viel auf Ehrbarkeit. Ein Drittheil derselben, der sich von Feldbau und Viehzucht nährt, befindet sich in vermöglichen Umständen, die übrigen weniger Bemittelten treiben Gewerbe, Victualien- und Holzhandel oder leben vom Taglohnen. Die von mehreren Thälern durchzogene Markung ist ziemlich uneben und hat an den Abhängen einen minder ergiebigen Boden als auf der Höhe und im Thal, wo er sehr fruchtbar ist. In den Thälern und theilweise auf der gegen Norden gelegenen Hochebene ist der Boden schwer, im übrigen Theil der Markung aber mehr leicht. Die Unterlage besteht in geringer Tiefe aus Muschelkalk, der in verwitterten Bruchstücken auf einem großen Theil der Markung in solcher Menge umherliegt, daß diese, um den Anbau des Feldes möglich zu machen, zusammengelesen werden müssen, demungeachtet gedeiht in solchen Böden Dinkel und Hafer recht gut. Die Landwirthschaft wird mit vielem Eifer betrieben und einzelne Landwirthe gehen mit gutem Rath und Beispiel voran. Landwirthschaftliche Neuerungen und Verbesserungen finden wegen der verschiedenen Bodenarten, der unebenen Lage der Felder und besonders wegen des steinigen Untergrundes nicht so leicht Eingang wie in andern Gegenden. Als Besserungsmittel werden außer dem natürlichen Dünger Compost, Gyps, in neuester Zeit die Jauche, angewendet. Im üblichen Dreifeldersystem baut man besonders Dinkel, Hafer, Gerste und ziemlich Einkorn und Roggen. Der durchschnittliche Ertrag wird an Dinkel zu 6–7 Scheffel und an Hafer zu 3–4 Scheffel per Morgen angegeben. In der zu 1/3 angebauten Brache werden hauptsächlich Kartoffeln, Futterkräuter, Linsen, selten Flachs, aber desto mehr Hanf angebaut, welcher im Ort versponnen wird; das aus dem Garn verfertigte Tuch kommt auswärts zum Verkauf. Kraut wurde früher keines gebaut und mußte von Außen bezogen werden, erst nachdem die Gemeinde im Jahr 1818 einen Wald ausstocken ließ, der unter die Bürgerschaft zum Feldbau ausgetheilt wurde, machte der damalige Schultheiß Buz einen Versuch mit Krautbau, dieser gelang und fand Nachahmung, so daß jetzt zum großen Vortheil der Gemeinde sogar Kraut auswärts verkauft wird. Zwei Bierbrauer pflanzen Hopfen, den sie auch selbst verbrauchen. Die Preise der Äcker bewegen sich zwischen 100 und 400 fl. per Morgen. Die Wiesen, welche zum Theil bewässert werden können, sind sehr ergiebig und liefern gutes Futter, das meist im Ort selbst verfüttert wird. Der geringste Preis eines Morgens Wiese ist 250 fl. und der höchste 800 fl. Minder| bedeutend ist die Obstzucht, auf welche das ziemlich rauhe Klima besonders aber der steinige Untergrund nachtheilig einwirken, dessen ungeachtet hebt sie sich in neuester Zeit sichtlich. Es werden nur die gewöhnlichen Mostsorten gezogen, von Steinobst Kirschen, Zwetschgen und Pflaumen; Tafelobst gedeiht nicht. Die jungen Stämme zieht man theils in einer im Ort angelegten Baumschule, theils werden sie in Stuttgart und Hohenheim angekauft. An einem südlichen Abhange gegen die Aid, welcher noch der Weingarten genannt wird, wurde früher Weinbau getrieben, der jedoch wegen seines geringen Erzeugnisses wieder aufgegeben werden mußte. Was die Viehzucht betrifft, so ist die der Pferde von geringem Belang und beschränkt sich nur auf eine dauerhafte Landrace. Nachgezogen werden meist gekaufte 1–2 jährige Fohlen, die man im dritten Jahr zum Pflügen einspannt. Der Verkauf der Pferde geschieht auf benachbarten Pferdemärkten, zuweilen auch an das Militär. Die Rindviehzucht ist ziemlich ausgedehnt, sie beschäftigt sich mit einer starken, meist rothbraunen Landrace, zu deren Erhaltung gute Farren gehalten werden. Außer dem Mastvieh, welches gewöhnlich nach Stuttgart, Calw und Pforzheim abgesetzt wird, ist der Viehhandel unbedeutend. Die Schafzucht ist im Abnehmen; es werden nur Bastarde gehalten, die im Ort selbst Überwinterung finden. Der Abstoß geht gegen die Alp und die Wolle wird an Tuchfabrikanten in der Nähe verkauft. Schweine werden von Händlern aus Bayern aufgekauft, gemästet und in nahe gelegenen Städten wieder abgesetzt. Da aber der Aufkauf der auswärtigen Schweine theuer zu stehen kommt, so hat in neuerer Zeit die eigentliche Schweinezucht mehr Eingang gefunden. Geflügel wird ziemlich viel gezogen und zum Verkauf gebracht. Von den Gewerben sind hauptsächlich die schon oben angeführten Mühlen zu nennen, die das ganze Jahr hindurch viel zu thun haben. Die übrigen Gewerbe dienen meist nur dem örtlichen Bedürfniß mit Ausnahme der Nagelschmiede, die mit gutem Erfolg theils auf Bestellung, theils auf den Handel arbeiten; auch einige Schreiner verkaufen ihre Arbeiten theilweise nach Außen. Die Weberei wird stark betrieben, jedoch nur für den Ort selbst; 1 Barchetweber arbeitet auf Bestellung. Früher war die gegenwärtig ganz abgegangene Zeugmacherei sehr im Flor. Im Ort befinden sich 2 Schildwirthschaften, 2 Bierbrauereien und 1 Handlung. Außer den schon oben angegebenen Gegenständen kommen noch Früchte und Holz in Handel, letzteres wird in den nahe gelegenen Kronwaldungen aufgekauft und nach Außen wieder abgesetzt. Vicinalstraßen gehen nach Aidlingen, nach Dachtel und über Gechingen nach Calw. | Die Gemeinde besitzt etwa 240 Morgen Laub- und Nadelwaldungen, aus denen jährlich 64 Klafter und 4180 Stück Wellen geschlagen werden. Hievon erhielt jeder Bürger jährlich 3/8 Klafter und 50 Stück Wellen, seit einigen Jahren aber wird das Holz verkauft und der Erlös an die Bürger à 7 fl. ausgetheilt. Die Weiden tragen einen jährlichen Pacht von etwa 300 fl. und der Pförch die gleiche Summe. Außer diesen Einnahmen bezieht die Gemeindekasse aus einem ausgestockten, nunmehr zu Ländern verliehenen Wald jährlich etwa 100 fl. Das Vermögen des Heiligen (St. Vitus) beträgt 1600 fl. An Schul- und Armenstiftungen sind etwa 1100 fl. vorhanden, deren jährliche Zinsen zu Anschaffung von Schulbüchern und zur Unterstützung der Ortsarmen verwendet werden.

Der große Zehente gehört dem Staat, bis 1807 besaßen ihn die Kronen Württemberg und Baden je zur Hälfte. Der württembergische Antheil rührt vom Kloster Hirschau her. Den kleinen Zehenten hat der Staat erst in neuerer Zeit von der Pfarrei übernommen. Der Heuzehente ist abgelöst.

Als Merkwürdigkeit ist anzuführen, daß im Jahr 1848 beim Graben eines Kellers im Ort eine römische Goldmünze von Gratian gefunden wurde.

Deufringen kommt 1268 Juli 17 erstmals vor, Tvveringen geschrieben, in einer stiftsindelfingischen Urkunde; Herren dieses Dorfes, ohne Zweifel tübingische Dienstmannen, werden nur einmal genannt: 1324 Eberlin von Deufringen, Edelknecht, welcher hiesige Güter an Kloster Bebenhausen verkaufte.

Der Ort war im Besitz der Pfalzgrafen von Tübingen, von denen er im Jahr 1357 mit Böblingen (s. dort) an Württemberg veräußert wurde. Unter Württemberg wurden die Herren von Gültlingen damit belehnt, erstmals 1400 Febr. 3. (Scheffer 37, s. Belehnungsurkunden bis 1521 März 3. bei Lünig 12, 224 – 280). Bei der Theilung unter den Söhnen Jakobs von Gültlingen von 1624 April 8. fiel Deufringen an Jakob Bernhard. Späterhin waren die Rittergüter Deufringen und Pfäffingen Gegenstand eines Prozesses zwischen Württemberg und Gültlingen (Moser Wirt. Biblioth. 184), in dessen Folge die von Gültlingen den 13. Sept. 1690 beide Orte an Württemberg abtraten, dagegen das Dorf Pflummern zu einem neuen Mannlehen und eine Summe Geldes empfingen (Sattler Top. Gesch. 307). Hierauf, im Jahr 1723, wurden von Württemberg die von Schütz mit Deufringen belehnt; die von Gültlingen machten aber noch Ansprüche daran, weil Hans Konrad von Gültlingen den Ort ohne ihre Einwilligung vertauscht hatte, und mußten im Jahr 1753 durch Garweiler und Gaugenwald zufrieden gestellt werden.

| In Andreä’s Landbuch von 1744 erscheint Deufringen als „zur vogteilichen Amtung und Jurisdiction Böblingen gehöriger Kammerschreibereiflecken, welcher aber nicht zur Landschaft collectabel, sondern jährlich die Steuer zur Vogtei Böblingen gibt.“ Nach dem Vergleich von 1769 sollte Deufringen dem Ritterkanton Neckar-Schwarzwald fortwährend steuerbar bleiben. (Cramer Nebenstunden 112,601.)

Das hiesige adelige Schloß erkaufte 1749 Febr. 8. der fürstliche Kirchenkasten und bestimmte es zum Pfarrhaus.

In der Speierer Dekanatsliste aus dem 15. Jahrhundert erscheint eine hiesige Caplanei, Filial von Gärtringen (Würdtwein Subs. 10, 339); über eine Frühmeß hatte vor dem 5. Juni 1473 Markgraf Carl zu Baden die Collatur und vertauschte sie an diesem Tage gegen die zu Mönsheim an das Collegiatstift Baden-Baden. Der älteste bekannte Pfarrer ist erst vom Jahr 1565 (Binder 886). Das Nominationsrecht wurde bis zum Jahr 1807 vom genannten Collegiatstift ausgeübt; im genannten Jahr ging es an die Krone Württemberg über.

Hiesige Einkünfte überließ 1268 Juli 17 Graf Rudolph von Tübingen dem Stifte Sindelfingen, 1333 (Gülten aus der Mühle) Graf Heinrich von Tübingen dem Kloster Hirschau, welches letztere 1387 Antheile am Zehenten von Hans und Werner von Neuhausen, 1489 Aug. 27. 1/12 des Zehenten von Johann Herter Pfarrer zu Berneck und noch 1497 Güter erkaufte. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte Weil der Stadt Theil am Zehenten; es mußte aber im Jahr 1650, in Folge der Lasten, welche ihm durch den 30jährigen Krieg aufgelegt wurden, den vierten Theil des großen Zehenten (um 525 fl.), deßgleichen den kleinen Zehenten (um 10 fl.) veräußern. (Gehres Weil der Stadt 141.)