Beschreibung des Oberamts Eßlingen/Kapitel B 11

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11. Pfauhausen,
Pfarrdorf mit 486 katholischen und 10 evang. Einwohnern, 3 geom. St. (über Plochingen) südöstl. von Eßlingen, hart am rechten Ufer des Neckar und an der Mündung des Boden- oder Steinbachs in denselben. Die Lage des Orts ist äußerst angenehm und freundlich; weniger ist die Beschaffenheit der Luft zu loben, da stagnirende Altwasser in der unmittelbaren Nähe der Wohnungen die Entstehung hartnäckiger Fieber begünstigen. Der Fluß wird bei seinem hier besonders raschen Lauf und seinen ziemlich flachen Ufern bald durch Kiesanschwemmungen, bald durch Ablösen von Grund und Boden verderblich, ungeachtet sowohl von Seiten des Staates als der| Gemeinde auf Correction und Uferbauten bedeutende Kosten verwendet worden sind und fortwährend verwendet werden. S. oben S. 11. In den Jahren 1815-26 hatte allein diese Gemeinde 6375 fl. 19 kr. Wasserbaukosten zu tragen. Eine hölzerne, von der Gemeinde zu unterhaltende Brücke verbindet das diesseitige mit dem linken Neckarufer; da die Straße von Plochingen nach Kirchheim über dieselbe führt, so erhebt die Gemeinde einen Brückenzoll. Über den Steinbach sind im Orte selbst eine größere, und zwei kleinere steinerne Brückchen geschlagen. Das Aussehen des Orts, dem es nicht an besser gebauten, soliden Häusern fehlt, wird immer gefälliger. Zu bedauern ist nur der Mangel an hinreichend guten Brunnen.

Die Pfarrkirche zum h. Erasmus steht erhaben und frei; sie hat eine gute, neue Orgel und eine Reihe von Monumenten der Wernau’schen Familie, sonst aber nichts Ausgezeichnetes, auch ist sie für ihren Zweck nicht geräumig genug. In ihrer jetzigen Gestalt gehört sie dem 17. Jahrhundert an. An sich aber ist sie sehr alt, und der angebaute Kuppelthurm trägt, bis auf den Aufsatz, die Merkmale des vorgothischen Styls. Die Baulast ruht, unter subsidiärer Verbindlichkeit der Gemeinde, auf dem Kirchenfond, der gegen 3500 fl. Cap. und 20 M. Äcker und Wiesen besitzt. Die Pfarrei, deren Patronat landesherrlich ist, gehörte zum Landcapitel Neuhausen, ist aber nun seit 1818 dem katholischen Decanat Stuttgart untergeordnet. Im J. 1321 schenkte Niclas Münch von Schwabach die Kirche dem Stift Stuttgart, dem sie 1366 incorporirt wurde (Cleß Cult. Gesch. III. 267). Ein Frühmeßbeneficium wurde 1414 von Jacob Münch, Edelknecht in Stuttgart (Urk. in der Pfarr-Registr.) gestiftet, das 1804 gegen die Obliegenheit, einen ständigen Vicar zu halten, der Pfarrei incorporirt wurde. Statt dessen wurde aber 1816 der Pfarrei die jährliche Entrichtung von 260 fl. zur neu dotirten kathol. Pfarrei Eßlingen auferlegt. – Der Begräbnißplatz umgiebt die Kirche. – Das niedliche, in einem Garten sehr angenehm gelegene Pfarrhaus ist 1831–32 auf Staatskosten neu erbaut worben. – Die Schule hat einen Lehrer. Eine weibliche Industrieschule besteht mit Unterstützung der Centralleitung des Wohlthätigkeits-Vereins seit 1828.

Auf derselben Anhöhe mit der Pfarrkirche stand das von Hans Veit v. Wernau in den Jahren 1582–90 erbaute Schloß, ein ansehnliches, massives Gebäude, das ein regelmäßiges Viereck mit zwei runden Thürmen bildete. Im J. 1820 wurde es von der Gemeinde dem Staat um 4360 fl. abgekauft, und 1823 zum Leidweisen aller Freunde der malerischen Ansicht dieser Gegend, bis auf den halben Theil eines der vier Flügel abgebrochen, in welchem nun Rathszimmer, Schullokal und Lehrerwohnung eingerichtet sind.

| Die Einwohner standen früher wegen Hanges zur Unmäßigkeit und Mangels an Fleiß und sorgfältiger Benutzung ihres Bodens nicht im besten Credit. Um so erfreulicher ist die Wahrnehmung, daß in neueren Zeiten sowohl Sittlichkeit als Wohlstand bei der Mehrzahl sich merklich gehoben hat. Der Gemeinde kam die bedeutende Unterstützung des Staates in Herstellung des kläglich verwüsteten Neckarufers und später die unentgeltliche Überlassung des dadurch gewonnenen, nunmehr in einer schönen Weidenpflanzung bestehenden Areals, sowie der Ankauf eines Theils des vormaligen v. Gaisbergschen Rittergutes (s. unten) sehr zu Statten. Die Hauptnahrungsquellen sind Viehzucht, Ackerbau und Baumzucht. Die Ärmeren, welchen es an Grundeigenthum fehlt, arbeiten des Sommers als Maurer und Steinhauergesellen in Eßlingen und Stuttgart. Die Tracht der Einwohner, besonders die sonntägliche des weiblichen Geschlechts, ist gefälliger als die ihrer evangelischen Nachbarn gewöhnlich ist, und nähert sich dem Städtischen. – Die Markung hat im Ganzen fruchtbaren Boden; der Morgen erträgt durchschnittlich 6–9 Schffl. Dinkel; die Preise sind in Folge besserer Cultur gegen früher bedeutend gestiegen, und stehen jetzt zu 200–400–600 fl. p. Morgen. Auf vielen Gütern lastete die jetzt abgelöste Abgabe der vierten, ja dritten Garbe. In der Brach werden besonders Reps, Flachs, Hanf, auch Cichorien gebaut. Ein schöner Hopfengarten ist Eigenthum eines Auswärtigen. Die Wiesen sind ergiebig an vorzüglichem Futter (der M. liefert durchschnittlich 20 Ctnr. Heu), so daß jedes Jahr Heu nach Außen verkauft wird. Die Preise sind 250–400–625 fl. pr. Morgen. Die Gemeinde besitzt als Stiftung eines Glieds der Wernau’schen Familie (wahrscheinlich einer Anna von Wernau) eine Wiesenfläche von 128 M. welche gegenwärtig zu 1100 fl. verpachtet ist. Weinbau, der noch bis vor einigen Jahrzehenten in geringem Belang stattgefunden, hat jetzt ganz aufgehört. Große Fortschritte hat seit einiger Zeit die Obstzucht gemacht, für welche durch belehrende Beispiele ein ungemeiner Eifer angeregt worden ist. Alle Wege und alle öden Plätze sind mit Bäumen besetzt, und schlechte Sorten mit edleren vertauscht worden. Seit dem Frühling 1843 hat die Gemeinde eine eigene Baumschule, eine zweite ist in Privatbesitz. Holz hat die Gemeinde bei weitem nicht zureichend; sie sucht diesem Mangel theilweise durch Felbenpflanzungen abzuhelfen, aus welchen jedem Bürger jährlich 30–40 Weidenbüschel gereicht werden. Die Rindviehzucht wird mit Sorgfalt und um so einträglicher betrieben, als zwei Käsereien bestehen, an welche die Milch vortheilhaft verwerthet wird. Die Schafzucht hat zwar abgenommen, doch ist sie noch immer nicht ganz unbedeutend; die Waide wird im Nachsommer beschlagen;| die Winterung geschieht im Ort. Auch die Bienen- und Geflügelzucht verdient Erwähnung; der Handel mit letzterem Artikel wird durch die Neuhäuser Händler vermittelt. Die (vom Staat verpachtete) Fischerei ist nicht von Belang; man glaubt seit der Correction des Neckars eine Abnahme der Fische zu bemerken. Andere Gewerbe, als die gewöhnlichsten für den Localbedarf sind, mit Ausnahme der genannten Käsereien, nicht vorhanden; der wandernden Maurer ist ebenfalls vorhin Erwähnung geschehen. Schildwirthschaften finden sich drei. – Es ist zu erwähnen, daß auf die Verbesserung des Zustandes dieser Gemeinde der verdiente Ortsgeistliche Schmid, Schultheis Zink und Gemeinderath Baumann vornehmlich eingewirkt haben.

Der große und der kleine Zehenten stehen dem Staate zu; der erstere erträgt 1840/48 jährlich Dinkel 68 Schffl. 5 Sri., Haber 20 Schffl. 1 Sri., Gerste 19 Schffl. 3 Sri., Einkorn 5 Schffl. 1 Sri., Ackerbohnen 2 Schffl. 5 Sri., Stroh 1 F. 40 B., Surrog. 3 fl. 44 kr.; den letzteren hat die Pfarrei ums J. 1770 der damaligen Grundherrschaft, dem Fürstbischof von Speier, gegen ein Geldsurrogat von 200 fl. überlassen. Er erträgt 1840/48 an Pachtgeld jährlich 37 fl. 55 kr., der Heu- und Öhmdzehenten ist abgelöst.

Die Frohnen zur Herrschaft sind durch Vertrag vom J. 1764 in ein unwiderrufliches Surrogatgeld verwandelt worden. Die bürgerliche Nutzung s. oben. Die noch vorhandenen Reallasten bestehen in einigen unbedeutenden Hellerzinsen und einer der Schule in Plochingen zustehenden Theilgebühr, deren jährlicher Ertrag in dem Reallasten-Aufnahms-Protocoll zu 65 fl. 42 kr. berechnet ist.

Pfauhausen wird zuerst 1274, und zwar mit dem Namen Pawenhusen[1] genannt, in welchem Jahr Züttelmann von Nürtingen dem Kloster Kirchheim hier eine Wiese schenkt. Im 14. Jahrhundert erscheinen hier verschiedene Adelsfamilien neben einander begütert. Das genannte Kloster erhält 1398 Güter von Agnes v. Niefen; 1367 ist Marquard v. Niefen hier angesessen. Ein Bertold v. Stein versetzt 1328 seine hiesigen Güter an Hans v. Osweil; 1405 aber ist Bertold v. Schilling im Besitz eines Hofes, den vorher Bryde v. Stein hatte. Ebenso finden wir die Hochschliz, und durch Heirath| mit diesem Hause Johann v. Reussenstein und Ulrich Schweler im Besitze einzelner Pfauhauser Güter, 1344, 1348. Fritz v. Hochschliz übergiebt 1379 Güter in Pfauhausen und den Knollenhof in dem jetzt abgegangenen Linghartsweiler (bei Frikenhausen, Oberamts Nürtingen) dem Grafen Conrad v. Helfenstein mit dem Beding, Volmar Mayer und seine Frau Agnes v. Hochschliz damit zu belehnen. Zugleich werden aber auch die Grafen von Württemberg als Lehensherrn hier genannt; 1398 empfängt Reinhard v. Münchingen Burg und Güter im Namen seiner Frau Bryde v. Osweil; Eberhard Burgermeister erhält 1408 von Graf Eberhard eine Fischenz als Mannlehen. Die v. Baldeck erhalten 1413–1438 verschiedene württembergische Lehen, welche sie 1448 alle an Hans v. Werdnau vertauschten, der schon 1425 von Bertold Kayb seinen Theil des Burgstalls erworben hatte. So kam Pfauhausen als Württembergisches Lehen an die v. Werdnau oder Wernau (A. U. Gab. Sattl. Topogr. S. 168). Den 7. Januar 1474 erlaubten Graf Ulrich und Eberhard dem Georg Ulrich v. Werdnau in Pfauhausen, das bisher eine Mundtat, d. h. ein Ort ohne eigenes Gericht gewesen war, ein bestabtes Gericht zu setzen; dafür sollten sie die armen Leute daselbst nicht mehr nach Willkühr schätzen und Württemberg von denselben eine Schätzung empfangen (Sattl. Grafen IV. 87. 247). Zugleich mit dieser Grundherrschaft erhielt sich der Ort der katholischen Kirche getreu. Die Wernau blieben bis zu ihrem Aussterben (mit Johann Georg, den 31. Jan. 1696) im Besitz; worauf die v. Rothenhan als Erben succedirten. Von diesen erkaufte der Fürstbischof von Speier Schloß und Dorf den 23. Nov. 1769. Durch die Säcularisation des Domstifts 1803 ging der Besitz auf Churbaden, durch Staatsvertrag vom 10. Nov. 1806 aber auf die Krone Württemberg über, worauf Pfauhausen dem O.-Amt Köngen, 1808 aber dem O.-Amt Eßlingen zugetheilt wurde. Anfänglich gehörte das Schloß mit dem Schloßgut zur Hofdomänenkammer, ist aber 1814 durch Tausch in das Staatseigenthum übergegangen. Das Schloß verkaufte der Staat, wie vorhin gesagt, an die Gemeinde. Das Schloßgut begriff (außer 153 Morgen Waldungen) 2555/8 M. zerstreut liegende Äcker, Wiesen und Gärten, davon 18 M. benachbarten Markungen angehörten, und 63 M. altsteuerbar waren. Damit war die Schäferei mit der Sommer- und Winterschafwaide zu 200 St. verbunden. Der jährliche Reinertrag dieser Domäne (ohne die Waldungen) belief sich auf 1757 fl. Sie war an 11 Beständer, sämmtlich in Pfauhausen, verpachtet. Den 30. August 1829 veräußerte der Staat diese Güter sammt der Schäferei zehentfrei und mit der Eigenschaft eines Ritterguts um 38.208 fl. an den Präsidenten Freih. v. Gaisberg, und behielt| nur die Waldungen in seinem Besitz. Im J. 1836 aber verkaufte der Freih. v. Gaisberg das Gut wieder an Privaten, worauf es zerstückelt wurde und theilweise in die Hände Ausgesessener kam.
  1. In Beziehung auf die Namen des Orts verdient die A. U. von 1299 Erwähnung, wonach das Eßlinger Hospital hier 4 M. Ackers kauft „das Phauengereut genannt“. Die ältere Schreibart ist gewöhnlich Pfawenhusen. Das Volk spricht Pfohausen mit dem Accent auf der zweiten Sylbe. – Über Römerspuren bei Pfauhausen s. oben.


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