Beschreibung des Oberamts Göppingen/Kapitel B 14

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14 Gemeinde Ganslosen,

evang. Pfarrdorf mit 558 Einw., wor. 17 Kath., liegt südlich 3 St. von Göppingen, an der Grenze des OA. Geislingen, gehört in die III. Classe der Gemeinden und ist dem Forstamt Kirchheim zugetheilt. Am großen Zehenten gehören dem Staate 5/6 und dem heiligen Kreuz zu Deggingen 1/6; in den kleinen Zehenten theilen sich jener und die Pfarreien Ganslosen und Ditzenbach. Die dem Staate zuständigen übrigen grundherrlichen Rechte hat die Gemeinde seit 1817 für 13.574 fl. 27 kr. 2 hl. abgekauft. (S. auch S. 80.)

Ganslosen liegt in einem engen, von Nordwest nach Südost laufenden, Nebenthale des Filsthales, in dem sogenannten Hardtthale, das von drei Seiten mit denselben kahlen Bergreihen der Alp (oben S. 3) umgeben ist, wie das nahe Gruibingen. Dieses Thälchen ist nur gegen Südosten geöffnet, so daß alles Wasser bloß diesen einzigen, ziemlich engen, Abfluß hat; daher bei anhaltendem oder heftigem Regen das von den drei Bergwänden in den tief liegenden Ort herabstürzende Wasser den durch das Dorf fließenden Gansloser Bach (oben S. 16) so sehr anschwellt, daß nicht selten große Noth entsteht. So stand z. B. am 2. Juli 1826 das Wasser 7 bis 10 Fuß tief im Ort, wodurch die Häuser beschädigt und Vieh etc. hinweggeschwemmt wurde. Der Ort zählt 100 Haupt- und 19 Neben-Gebäude; die oben im Orte liegende Kirche bietet nichts Sehenswerthes dar; sie wurde 1618 mit Hülfe einer Bausteuer auf der Stelle der alten baufälligen Capelle, die schon 600 Jahre zuvor gestanden haben soll, errichtet. Die örtlichen Kassen haben die Baulast. Das daneben stehende Pfarrhaus hat der Staat zu erhalten. Das Rathhaus wurde 1842 neu erbaut. Die Häuser sind ärmlich, unreinlich und theilweise mit Stroh gedeckt, daher der Ort gegen seine Nachbarn im Wiesensteiger Thälchen nicht vortheilhaft absticht. Nur der kleinere Theil der Einwohner kann bemittelt genannt werden. Das Clima ist rauh (oben S. 23), aber gesund, der Boden | schlecht und schwer zu bearbeiten und die Fruchtbarkeit gering; viele Äcker liegen daher öde. Hauptnahrungszweige sind Feldbau, Viehzucht und Viehhandel, hauptsächlich Handel mit Ochsen. Der Dinkel ist von geringer Güte, der Haber dagegen vorzüglich und wegen seiner ausgezeichneten Schwere in der ganzen Gegend berühmt. Die Kartoffeln, zumal die blauen, welche in den sogenannten Ländern gebaut werden, sind von sonst unerreichbarer Güte. An Dinkel und Haber werden jährlich je 200 Sch. ausgeführt. Der Obstbau ist von geringer Bedeutung, die Stallfütterung noch nicht eingeführt. An Gewerben sind nur die 1/4 Stunde entfernte Mahlmühle, eine Bierbrauerei und etwa 8 Weber, die jährlich ungefähr 160 Stücke Baumwollenwaaren um den Lohn verfertigen, zu nennen. Um so rühriger sind aber die Leute im Betriebe der kleinen Industrie und der Nebengewerbe. Zwar hat das Flachsspinnen, welches früher Viele ernährte, fast ganz aufgehört, und das Wollspinnen für Göppinger Zeugmacher beschäftigt nur Wenige. Dagegen ist die Bereitung des Holder- und Wachholder-G'sälzes, das aus den auf den Alpgebirgen wachsenden Beeren ausgepreßt und gekocht wird und wegen seiner vorzüglichen Güte nahe und ferne wohl bekannt ist, noch lohnend. Außerdem werden viele gehäckelte Wollenwaaren, namentlich Handschuhe, Schuhe und Kappen, sowie auch viele Litzenschuhe und Endschuhe verfertigt. Die Fabrikation von Peitschenstöcken dagegen, deren früher mehrere tausend Dutzende verfertigt und durch Händler von hier und aus der Nachbarschaft auf die Messen nach Frankfurt, Leipzig und Braunschweig gebracht wurden, hat um neun Zehentheile abgenommen.

Das Patronatrecht steht der Krone zu. Die Pfarrei hatte nie ein Filial. Dieselbe wurde den 28. August 1683 errichtet, bis wohin der evangelische Theil des Ortes, und früher dieser ganz, nach Gruibingen eingepfarrt war. (S. dort.) Die Reformation wurde nämlich zu gleicher Zeit wie in Gruibingen eingeführt, fand aber bei den 7 helfensteinischen Höfen Widerstand, woher nun der katholische Theil der Einwohnerschaft rührt. Dieser war bis 1812 nach Deggingen und ist jetzt nach dem 1 Stunde entfernten Ditzenbach, OA. Geislingen, eingepfarrt. Die Schule besuchen auch die katholischen Kinder; auch ist eine Industrieschule vorhanden. Die Schulstiftungen betragen 100 fl., der Schulfonds 180 fl. Der Begräbnißplatz liegt um die Kirche her.

Die Geschichte des Ortes hängt mit jener von Gruibingen zusammen. In den ältesten Zeiten wird er Gaslosen genannt, so namentlich ums J. 1100, wo, nach Sulzers Chronik I. 30, derselbe Cuno von Lenningen, den wir beim OA. Kirchheim (S. 226) kennen lernten, dem Kloster Zwiefalten »apud Gaslosen sacellum (die vorerwähnte Capelle) et mansus | sex« übergab, »quae tamen postea, utpote in medio nationis pravae et perversae sita« vertauscht worden seyen. [1] Gaslosen und Gaßlosen schrieb sich der Ort noch lange hernach. Der Bericht von 1535 gibt die komische Ableitung des Namens dahin: „weil viel Wirth vnd wenig Gäste daselbst gewesen.“ Die Hohheit über den Ort, der übrigens auch zu der Burg Leinberg, die zwischen Ganslosen und Gosbach lag, in einem Abhängigkeitsverhältniß stand (s. Gruibingen), übten in früheren Zeiten die Grafen von Helfenstein aus, und in demselben Verhältnisse, in welchem sich deren Rechte an Gruibingen verringerten und dieselben auf Württemberg übergingen, änderten sich dieselben auch in Ganslosen, das stets in das Amt und Gericht Gruibingen gehört hat. Nur auf den sogenannten althelfensteinischen 7 Höfen, die am Ende theils den Herrschaften Württemberg und Wiesensteig, und theils dem Stift und dem Hospital zu Wiesensteig mit dem Obereigenthum zustanden, behauptete die helfensteinische Herrschaft Wiesensteig alle hohe und niedere Obrigkeit bis auf unsere Zeit. Im Übrigen war die Grundherrschaft in verschiedenen Händen. Otto von Elchingen und Trut von Scharenstetten, seine Hausfrau, verkaufen 1383 an Eberhard von Leinberg die Hälfte von einem Hofe und von 4 Sölden zu Gaslosen um 30 Pfd. Heller; und 1385 verkauft Ulrich Truchseß von Stöffeln dem Letztern ein Gut zu Gaslosen, 2 Güter zu Gosbach und eines zu Trackenstein um 70 Pfd. Heller. Eberhard von Leinberg, damals »dominus oppidi in Deggingen,« stiftete 1389 eine Messe auf St. Bernhards Altar daselbst und verschafft dahin »feuda quaedam in oppido Gaslousen... et in oppido Romental.« Ulrich von Kochen, in Geislingen gesessen, verkauft 1405 der Pfarrkirche zu Deggingen um 135 Pfd. Heller einen Hof, den er von seinem Oheim Conz von Deggingen ererbt hatte; und 1453 verkaufen die Schenken Stephan und Wilhelm von Geyern um 969 fl. derselben Kirche 19 Höfe, Lehen und Sölden. Außer jenen 7 helfensteinischen Höfen, die aber unter 13 Besitzer vertheilt waren, waren nach dem Lagerbuch von 1700 die Herrschaft Württemberg im Besitze des vertheilten Widdumhofes und von 8 Sölden, die Herrschaft Wiesensteig von 2, das Stift daselbst von 2, die Kirche und 1 Pfründe zu Deggingen von 11 und der Heilige Ganslosen von 1 Lehen. | Die Zehenten wurden, soweit sie dem Staate zustehen, mit dem Pfarrsatze zu Gruibingen erworben. Der nun Deggingen zustehende Antheil wurde von Graf Friedrich von Helfenstein 1482 der Capelle Dotzburg, OA. Geislingen, geschenkt.

Da Ganslosen zwischen den Bergen so versteckt liegt, mag es von kriegerischen Ereignissen weniger zu leiden gehabt haben, als seine Nachbarn. Aber doch wurde es von den Folgen des dreißigjährigen Krieges hart betroffen, da 1640 alle Bürger, welche Güter auf der Gruibinger Markung besaßen, diese sämmtlich an Gruibingen abtraten, weil sie die darauf lastenden Abgaben nicht aufzubringen vermochten. Am 5. Dec. 1597 brannten 14 Gebäude ab. Der althelfensteinische Antheil an dem Orte (d. h. die oben erwähnten 7 Höfe) theilte seine politischen Geschicke mit der Herrschaft Wiesensteig und kam durch die Rheinbundakte 1806 unter württembergische Hohheit.

Auf der Markung lag früher ein See. Als sich Graf Friedrich von Helfenstein 1426 mit dem Stift Wiesensteig wegen des Vogtrechts über die hiesigen Güter verträgt, verspricht er, bei Fortgrabung seines Sees, die Ruchsenwiese des Stifts nicht anzugreifen.


  1. Aus dieser grundlosen Beschimpfung durch die Chronisten mag wohl, wie wir mit Cleß (II. 125) annehmen, der Volkswitz herzuleiten seyn, welcher diesem Dorfe alle erdenklichen Albernheiten, die man sonst in Schilda suchte, aufbürdet. Denn die geistigen Anlagen der Einwohner sind keineswegs vernachlässigt, wie sich im Wandel und Handel mit ihren Nachbarn gar wohl erkennen läßt.
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