Beschreibung des Oberamts Geislingen/Kapitel B 23

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23. Reichenbach,
mit Gaiern, Pulvermühle und Wasserberg. Gesammt-Einwohner 659.
a) Reichenbach, katholisches Pfarrdorf mit 639 Einwohnern, worunter 17 Protestanten, liegt 2 Stunden westlich | von der Oberamtsstadt, südlich von der Fils in einem engen tiefen Seitenthale, ganz von Bergen und Felsen umlagert. Das Dorf ist sehr reich an Quellwasser, auch fließt durch dasselbe der von seinen Forellen so benannte Fischbach. Der Ort gehört zum Kameralamt Wiesensteig, Dekanat Eybach, Forstamt Kirchheim.

Den großen Zehnten (an die Gemeinde mehrjährig verpachtet) bezieht zu 2/3 die Herrschaft (ehmals das Kollegiatstift und das Frauenkloster zu Wiesensteig), zu 1/3 die h. Kreuzpflege in Deggingen, den kleinen Zehnten die Ortspfarrei. Geld und Fruchtgefälle beziehen die Herrschaft, der Spital in Wiesensteig, die h. Kreuzpflege in Deggingen, der Graf Degenfeld in Eybach und die Ortspfarrei.

Der Ort zählt 86 Hauptgebäude.

Die Gebäude sind meist einstockig, und theilweise noch mit Stroh gedeckt, und unregelmäßig durcheinander geworfen; das im Jahr 1835 neuerbaute Schul- und Rathhaus zeichnet sich durch gute Bauart und schöne Lage aus.

Die Einwohner suchen außer dem Feldbau, welcher sie nicht nähren würde, ihr Brod als Maurer und Gipser, durch Spindeldrehen, Flechten von Körben (jährlich etwa 5000), welche durch Hausiren, meist im Inland verwerthet werden, Bürstenbinden, Handel mit Kümmel und Wachholderbeeren, daher das männliche Geschlecht vom 14ten Jahre an vom Februar bis November sich auf der Wanderschaft befindet. Dieses Wanderleben gibt ihnen zwar eine gewisse Gewandtheit, ist aber der Ordnung und Sittlichkeit nicht zuträglich und befördert durch das baare Geld, das sie nach Hause bringen, den Luxus in der Lebensweise und besonders auch in der Kleiderpracht beim weiblichen Geschlecht.

Um den Ort machte sich durch bedeutende Stiftungen zur Kirche und für Arme im Jahr 1787 der von hier gebürtige und als Kaufmann in Fürth gestorbene Johann Georg Weiler sehr verdient.

Die Ortsmarkung befaßt 2.328 Morgen meist lettigen und weniger fruchtbaren Bodens; ein ziemlicher Theil liegt | öde und auf den Bergen, wohin kein Dünger gebracht werden kann. Neuerer Zeit hebt sich der Futterbau, und wird viel Esper angepflanzt. Die einzelnen Bürger sind nicht wohlhabend, dagegen steht die Gemeinde, besonders durch den Ertrag der Schafweide und des Pförchs gut, und hat 1000 fl. Aktivkapitalien. Als Holzgaben werden jährlich 40 Klafter und 1300 Wellen vertheilt.

Die Kirche liegt auf einer kleinen Anhöhe und ist geschmackvoll gebaut; sie wurde im Jahr 1449, wo sie mit sammt dem Ort abbrannte, neu gebaut, und im Jahr 1728 bedeutend erweitert, die Baulast hatte früher die Heiligenpflege Deggingen, jetzt die Ortskirchenpflege, welche 1800 fl. Kapitalien und einige Grundzinse besitzt. Das Pfarrhaus hat die Pfarrstelle selbst zu bauen. Das Patronat ist landesherrlich.

Als für sich bestehende Kuratie kommt der Ort im Jahr 1449 vor, es war allda eine Frühmesserei zum h. Pantaleon – stand jedoch unter Aufsicht des Pfarrers zu Deggingen; in der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde sie von der Mutterkirche getrennt, und zur selbstständigen Pfarrei erhoben. Im Jahr 1433 hat Graf Friedrich von Helfenstein zu Reichenbach in der Kapelle einen Altar aufgerichtet zu Ehren der hochbegabten Jungfrau Mariä, der h. 3 Könige und St. Jörgen des heil. Märtyrers und dahin eine [heil?]ige Meß gestiftet.

In früherer Zeit war das Wengenkloster zu Ulm allhier begütert, im Jahr 1515 kaufte Graf Ulrich von Helfenstein von dem dortigen Probst und Konvent ihre Güter bei Reichenbach um 1200 fl.

Laut Urkunden des K. Staatsarchivs verpfändete Walter von Scharenstetten im Jahr 1373 an Peter Ammann zu Geislingen verschiedene Güter und 1/4 des Gerichts zu Reichenbach für 150 Pfd. Würzburger Pfenninge und verkaufte dieselben später im Jahr 1375 an denselben um 546 Pfd., worauf Graf Ulrich von Helfenstein der Alt und Graf Konrad von Helfenstein sein Vetter dem Peter Ammann diese Güter freien.

| Der Ort selbst litt in den Jahren 1449 und 1798 durch Feuer, in den Jahren 1824 und 29 durch Wolkenbruch und Hagelschlag.

Reichenbach kam im Jahr 1806 mit der Herrschaft Wiesensteig von Baiern an Württemberg.

In die Schultheiserei gehören:

b) 2 Häuser in Gaiern mit 10 evangelischen Einwohnern, im Jahr 1804 erbaut, 3/4 Stunden entfernt, am Fuße des Wasserbergs unweit Schlath.

c) Die Pulvermühle, eine Fruchtmühle mit 5 evangel. Einwohnern, am Einflusse des Fischbachs in die Fils.

d) 1 Haus auf dem Wasserberg, mit 5 katholischen Einwohnern, 3/4 Stunden entfernt, im Jahr 1790 erbaut, mit einer schönen Aussicht.


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