Beschreibung des Oberamts Geislingen/Kapitel B 31

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel B 30 Beschreibung des Oberamts Geislingen Kapitel B 32 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
31. Überkingen,

(in älteren Urkunden Uberchingen, Ubrichingen) evangelisches Pfarrdorf mit 509 Einwohnern, 1 Stunde südwestlich von Geislingen, an der Fils, welche hier den von Süden her einfließenden Röthenbach aufnimmt, ringsum von hohen Bergen und Felsen umschlossen, in einem anmuthigen, abwärts sich immer weiter öffnenden Thale, in welches südlich das herrliche Authälchen mit seinem Obstwald und seinen grasreichen Wiesen einmündet und in welches die Kirchthürme der benachbarten Dörfer Türkheim und Aufhausen freundlich herabblicken. Auf Anhöhen und Bergen stehen rings die schönsten Buchwälder und majestätisch hervorragende schroffe Felsen. Überkingen gehört zum Dekanat und Kameralamt Geislingen, Forstamt Kirchheim.

Den Groß- und Kleinzehnten, so wie einige Gülten und Gefälle beziehen die Herrschaft und die Stiftung Geislingen; den kleinen Zehnten bezog früher die Pfarrei, bis in Folge der Einkommensverwandlung er die jetzige Bestimmung für den Staat erhielt.

Der Ort enthält 130 Gebäude und ist sehr uneben; die Ortsmarkung begreift 20216/8 Morgen. Die Äcker sind meist steinig, desto fruchtbarer die mit Obstbäumen besetzten Gärten und Wiesen, welche durch die Fils und zahlreiche Quellen gewässert werden und geschätztes Obst tragen.

Die Einwohner, wenn gleich dem größeren Theile nach nicht wohlhabend, haben doch ihr ziemlich gutes Auskommen und nähren sich außer dem Feldbau von Leinweberei; auch werden hier viele Spindeln gedreht.

Von bekanntern Männern, welche in Überkingen geboren sind, ist zu nennen: Matth. Wagner, Stifter der im Jahr 1677 errichteten Wagner’schen Buchdruckerei in Ulm, | geboren 1648, gestorben 1694 in Leipzig beim Besuche der dortigen Messe.

Die Gemeinde, welche vor 20 Jahren noch 20.000 fl. Schulden hatte, hat diese Last, ob sie gleich nur ein geringes Gemeindeeinkommen hat, abgetragen. Die Stiftung hat 1500 fl. Activkapitalien, welche aber für Kirche und Schule, deren Baulast sie hat, bei weitem nicht zureichen. Die Baulast des Pfarrhauses so wie die Kollatur der Pfarrei hat der Staat.

In der Kirche sind die Wappen von Badgästen aus dem Ende des 16ten Jahrhunderts mit beigefügten Namen derselben gemalt. Die Kirchenorgel ist eine Stiftung aus dem Jahr 1826 von Dr. Hoffmann aus Augsburg, einem dankbaren Kurgast.

Überkingen hatte früher eigene Adeliche, welche Vasallen der Grafen von Helfenstein waren; urkundlich erscheinen namentlich im Jahr 1259 H (einricus) Ul (ricus) A (lbertus?) milites de Uberchingen, Zeugen in einer Urk. Graf Ulrichs von Helfenstein für Kl. Söflingen (Orig. im Stuttg. Staatsarchiv); 1267 Ulricus de Ubrihinhe und noch einmal Vol. de Ubrichingen, Zeuge in Pfalzgraf Rudolfs von Tübingen Urk. für Kl. Blaubeuren. Besold Doc. S. 917 u. 920; 1268 Heinrich de Ubrichingen, Zeuge in Graf Ulrichs von Berg Übergabsurkunde und Freiung der Güter des Kl. Pfullingen in Mittelstadt; 1270 Gossoldus de Ubrichingen, Zeuge in einer Urk. Graf Ludwigs von Spitzenberg. Sattler Graven 1ste Forts. Beil. Nr. 36; 1276 Vl. miles de Uberchingen, Vermittler eines Streites, betreffend den Ort Setzingen (von Ritter von Lang an Prälat v. Schmid mitgetheilte Urk.); 1277 H. et Vol. dicti de Ubrichingen, Zeugen in Graf Ulrichs von Helfenstein Verkaufsbrief von Oberdillingen an Augsburg. Mon. Boic. 33, 143; 1278 Ulrich von Überkingen, Zeuge in einer Urk. Graf Ulrichs des ältern von Helfenstein, betreffend die von dessen Bruder Ludwig, Domprobst in Augsburg gemachte Schenkung eines Hofs zu Gunderemmingen an das Stift St. Gertrud in | Augsburg; 1281 Heinrich von Überkingen, Zeuge in einem Verkaufsbrief Sigfrieds von Weißenstein, Orig. in Stuttg.; 1287 Ulrich von Überkingen, in einer Neresheimer Urk.; 1289 Dns. Ulricus de Uberchingen, Zeuge in einem Übergabsbrief des Grafen Ulrich und Ulrich von Helfenstein an Kl. Kaisersheim. Orig. in Stuttg.; 1291 Machtildis relicta Heinrici quondam de Uberchingen. Lang Reg. 4, 505; 1292 Ulricus miles de Ubrichingen, Zeuge in einer Urk. Graf Ulrichs von Helfenstein für Kl. Adelberg; 1323 Heinricus de Uberchingen, in einer Urk. des Kl. Adelberg, vielleicht eine und dieselbe Person mit dem Wohlthäter des Klosters Blaubeuren, Henricus de Ubrichingen eques auratus, welcher die Mühle zu Überkingen und 3 Pfd. Heller an genanntes Kloster stiftete. Sattler Graven. 2te Aufl. 4, 305; 1338, 1340 und 1343 Friedrich von Überkingen; 1352 Ulrich von Überkingen, Vogt zu Scharenstetten; 1359 Rudolf von Überkingen; 1371, 1382 Ruland von Überkingen; 1425 Ulrich von Überkingen. Auf einem majestätischen Felsenvorsprung des südlichen Berges, noch jetzt der Burgberg genannt, stund die Burg Überkingen, jetzt meist Burg Bühringen (Böhringen) genannt; sie wurde im Bauernkriege zerstört, so daß man nur noch an den zwiefachen Gräben, welche von der Alp her um sie gezogen waren, ihre Stelle erkennt. Auf dieser Burg wohnte am Schluß des 14ten und im Anfang des 15ten Jahrhunderts die Gräfin Maria von Helfenstein, geb. Herzogin von Bosnien (S. 151). Sie vermachte der Gemeinde ein Allmand, Steinle genannt, und es wird noch jetzt nach der Morgen- und Abendglocke mit einem besondern Glöcklein ihr zu Ehren ein Zeichen gegeben, bei welchem die Ältern vom Volke sprechen: Sie hat uns das Steinle geben, Gott geb ihr das ewig Leben. Sie starb den 5. April 1405 und soll in der Kirche zu Überkingen begraben seyn. Vor dem Altar befindet sich noch ein großer Grabstein, welcher auf sie bezogen wird; die Inschrift desselben ist aber völlig verwischt. Die Volkssage von dem Aufenthalte der | ungarischen Königin Maria auf der Burg Bühringen beruht auf Verwechslung.

In Bühringen, vermuthlich auf der Feldung, die von der Burg Bühringen den Namen führt, bezog das Kl. Ursperg einen Zehnten noch im Jahr 1507, in welchem es denselben für 68 fl. rhein. an den Spital zu Geislingen verkaufte (Rink Geislingen S. 61).

Überkingen gehörte wohl von den ältesten Zeiten her zur Grafschaft Helfenstein, doch mag der dortige Besitz einzelner Adelichen nicht unbedeutend gewesen seyn. Begütert waren, außer den Herren von Überkingen, die von Weißenstein, Nellingen, von Uffenloch (Rink S. 58. 59), von Rietheim, von welchen sich Wilhelmus de Riethain im Jahr 1373 selbst de Ubrachingen schrieb (s. Veesenmayer in der unten angeführten Schrift S. 4), und welche Ulm erst im Jahr 1412 auskaufte. In der Mitte des 14ten Jahrhunderts war die Burg des Ortes noch im Besitze solcher Adelicher, derer von Obenhausen (Ogenhausen). Im Jahr 1363 kaufte Graf Ulrich d. ä. von Helfenstein von Hansen von Obenhausen und seiner Ehefrau von Orsenhausen die Burg zu Überkingen und den Kirchensatz daselbst um 1218 Pfund, desgleichen im Jahr 1364 Graf Ulrich d. ä. und seine Gemahlin Maria, Herzogin von Bosnien, von Hansen von Ogenhausen (vermuthlich dasselbe, was im Vorhergehenden Obenhausen heißt) seinen Baumgarten und Wismad in Überkingen um 215 Pfd. (von Prälat von Schmid excerpirte Urkunden).

Als im Jahr 1396 das Dorf Überkingen an Ulm übergieng, blieb der Herzogin Maria von Bosnien die Burg Bühringen nebst ihren Gütern, und kam erst nach ihrem Tode im Jahr 1405 an Ulm, von welcher Zeit an ganz Überkingen die Schicksale der im Jahr 1396 ulmisch gewordenen halben Grafschaft Helfenstein theilte. – Im 30jährigen Kriege wurde der Badewirth, Steph. Fink von den Kaiserlichen am Feuer gebraten. Im Jahr 1689 litt der Ort viel von den Franzosen; wegen des Pfarr-, Amt- und | Badhauses wurde er besonders hoch gebrandschatzt; die Gemeinde erhielt deshalb von Ulm 100 Thlr. Unterstützung. – Unter Ulm bildete Überkingen zuerst ein besonderes Amt, hernach kam es an das Amt Stötten.

Von den Naturmerkwürdigkeiten Überkingens, dem Kahlenloch und dem Mineralwasser, war oben S. 14 und S. 16 die Rede. Hier nur noch einige Notizen über letzteres.

Das Überkinger Heilwasser wird zum Trinken und Baden benützt, aber wenig versendet. Die sehr ergiebige Quelle, welche nicht weit vom Eingange in das Dorf entspringt, hat einen einfachen Überbau. Gefaßt ist sie in einen 7 Schuh tiefen, mit Backsteinen ausgemauerten Behälter, auf den ein 5eckigtes Thürmchen, welches mit einem eisernen Thürchen verschloßen wurde, erbaut war. Dieses Thürmchen wurde im Jahr 1829 abgetragen und der dortige freie Platz, 51′ lang und 19′ breit, überbaut, so daß jetzt die Kurgäste bei jeder Witterung in freier Luft das Wasser trinken und sich dabei bewegen können. Gebadet wird in dem, von der Quelle etwas entfernten Badhaus, wohin das Wasser in Teicheln geleitet wird, in Wannen; die Badgäste müssen auf ihren Zimmern baden.

Überkingen wird vorzugsweise von Ulmern, dann auch aus andern Gegenden des südlichen Schwabens, namentlich Augsburg, Dillingen, Memmingen, ferner aus der Schweiz, besucht. Die Anzahl der zu gleicher Zeit das Bad Besuchenden ist gegenwärtig etliche Zwanzig, welche sehr bequemen Raum haben. Im Jahr 1822 war die Zahl der Kurgäste 52 Personen, worunter 11 Ausländer. Gäste kann das aus älterer Zeit stammende, aber vor mehreren Jahren erweiterte Bad- und Wirthschafts-Gebäude, welches zwei, an einander stoßende, sehr geräumige Säle enthält, gegen 40 fassen. Die Zimmer haben besondere Namen: Sonne, Stern, Löwe, Hase, Taube, Lamm, Petrus, Schiff etc. Das Badhaus, jetzt Privateigenthum, gehörte ursprünglich der Stadt Ulm, welche es verpachtete. Im Jahr 1673 zahlte | Badwirth Hans Wilhelm Ilgen jährlich 50 fl. Bestandgeld. In der Nähe des Badhauses auf der s. g. Badwiese gibt eine uralte Lindenallee, durch einen patriotischen Ulmer Kaufmann Joh. Alb. Cramer i. J. 1724 angelegt, den Badgästen erquickenden Schatten.

Was die Geschichte der Benützung des Bades betrifft, so wurde solches seit der Mitte des 15ten Jahrhunderts von den ulmischen Ärzten Würker, Mynner, Steinhövel, Joh. Stockar, mit gutem Erfolge empfohlen. Glückliche Kuren werden aus den Jahren 1457 und 1470 angeführt; der bekannte Felix Fabri erfuhr auch die heilsame Wirkung des Sauerbrunnens. Im Jahr 1531 schrieb Ambrosius Blarer, welcher die Reformation im Ulmischen einführte, von diesem Orte aus: Man möchte statt des alten Pfarrers (Jörg Aichelin) einen neuen nach Überkingen thun, weil an diesem Orte der vielen fremden Badgäste wegen mehr gelegen sey, als an andern unleutbaren Orten. Besonders im 16ten Jahrhundert wurde das Bad häufig von vornehmen Herrschaften besucht, wie unter anderem die auf dem Laubengange des Badhauses aufgehängten Familienwappen von 1555 bis 1792, verzeichnet bei Burger S. 86, und die ins Taufbuch des Ortes eingeschriebenen Taufpathen von dem Jahr 1560 und den folgenden (bei Burger S. 22) beweisen. In den 60ger und 70ger Jahren des 16ten Jahrhunderts brauchte hier eine Kur Herzog Albrecht von Baiern; damals gab es in dem Bade allerhand Auftritte mit den Jesuiten, die sich im Gefolge des Herzogs befanden, dessen Gemahlin, eine österreichische Prinzessin, sehr jesuitisch gesinnt war. Einer derselben predigte einst in diesem lutherischen Orte vom Gange des Badhauses herab, daß ein Jünger unter dem Apostel Paulus Messe gehalten habe. Ein anderer warf ein abgenagtes Bein in die Wiege, worin des Pfarrers Kind lag, wofür er auf Befehl des Herzogs, der den Jesuiten nicht gewogen war, dem Pfarrer knieend auf der Straße Abbitte thun mußte. Oft gab es Disputationen zwischen dem lutherischen und diesen katholischen Geistlichen. (Kern Schwäbisches Magazin 2, 749. Veesenmeyer S. 10.) –

| Die Literatur über Überkingen und sein Bad ist folgende:

Eckholt, Jak., Physikus in Memmingen, Kurtze Beschreibung des Sauerbronnens zu Überkingen. Ulm, Joh. Görlin. 1651. 4°.

Riedlin, Vitus, der in ulmischer Herrschaft Geislingen liegende Sauerbrunnen zu Überkingen, nebst dessen Kräften, Wirkungen und nützlichem Gebrauch. Augsburg Gtli. Göbel. 1681. 12°. – Neue Aufl. 1722. 8°.

Frank, Joh., Hydriatria Ulmana, d. i. natürliche Beschreibung des weltberühmten Sauerbrunnen zu Überkingen. Ulm. 1710. 8°.

Roth, Veit Eberh., Medicinisches Sauerbrunnen-Reglement, oder kurzer Bericht, wie der Sauerbrunnen insgemein mit Nutzen soll getrunken und darinnen gebadet werden; auch in specie von der Fontaine deß Sauerbrunnens zu Überkingen eigentlicher Beschaffenheit etc. Ulm 1719. 8°.

Frauendiener, Joh. Matth., – aus dessen Manuscript, Haßfurth, Joh. Geo., – Neue Beschreibung des berühmten Überkinger Sauerbrunnens. Ulm, J. G. Vogel. 1750. 4°.

Veesenmeyer, Georg, Historische Miscellen von Uiberkingen. Ulm gedruckt bei Wagner. 1808. 4°. (Ulmer Gymnasial-Programm).

Burger, Wilhelm Friedrich, Pfarrer zu Überkingen, Historisch-statistisch-topographische Beschreibung des Dorfes Überkingen und des daselbst befindlichen Sauerbrunnens und Bades. Ulm, Stettin 1809. 8°.

Beschreibung des Dorfes Überkingen und der daselbst befindlichen Mineral-Quelle. Dillingen, Roßnagel. 1830. 8°.

Rueß, Anton, Dr., Beschreibung des Bades zu Überkingen. Ulm, Ebner 1839. 8°.

« Kapitel B 30 Beschreibung des Oberamts Geislingen Kapitel B 32 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).