Beschreibung des Oberamts Heidenheim/Kapitel B 20

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20. Gemeinde Nattheim,
begreifend das evangel. Pfarrdorf nebst den Parzellen St. Stephan, Wahlberg und Ziegelhütte mit 1093 Einw. (worunter 10 katholische Filialisten von Auernheim, Oberamts Neresheim) auf einer Gesammtmarkung von 54544/8 M. Diese Markung gränzt nördlich an das Härdtfeld, zu welchem sie im weiteren Sinn auch schon gerechnet werden kann. Wiewohl nicht so kalt, wie auf dem eigentlichen Härdtfeld, gehört das Klima dieses hügeligen und hoch gelegenen Bezirks, doch zu den rauhesten des Oberamts. Die Früchte reifen 8-10 Tage später als im untern Brenzthal. Durch den Bezirk ziehen zwei Trockenthäler, die sich an der westlichen Markungsgranze vereinigen, das Ländlethal, durch welches die Römerstraße vom Ipf her, und das Kampferthal, durch welches die Staatsstraße von Nördlingen über Nattheim nach Heidenheim führt. An guten Brunnquellen fehlt es nicht, wenn sie gleich in sehr trockenen Sommern nicht vollkommen ausreichen, z. B. der Sachsenbrunnen, | eine kleine Viertelstunde nordöstl. vom Ort, der reiche Badbrunnen im Ort selbst; ein kleiner Bach verfällt gleich unterhalb Nattheim in den Boden. Man gewinnt auf hiesiger Markung sehr viel Bohnerz, auf welches bergmännisch gebaut wird (s. unten), ferner verschiedene Bolusarten, Kalksteine, die hier gebrannt werden, und in den Erzgruben einen großen Reichthum schöner Versteinerungen. Der Boden, ein starker Thonboden, kann gut und fruchtbar genannt werden, Ackerbau wird auf 1974 M. (darunter nicht wenige Holzmäder und Ausbäue) getrieben, die theils eben, theils an Abhängen, und zwar dem größeren Theil nach an nördlichen Abhängen liegen. Die Verbesserung des Anbaus, sorgfältigere Benutzung der Düngungsmittel etc. ist hier noch sehr wenig fortgeschritten. Ganze Bauernhöfe sind gar nicht mehr vorhanden; an ihre Stelle ist eine zum Theil ziemlich dürftige Kleinhäuslerwirthschaft getreten. Dinkel und Gerste werden vorherrschend gebaut, und gerathen gut, wie auch Kartoffeln und Flachs, weniger die leichteren Fruchtarten; der Bracheinbau ist unbedeutend. Der Ertrag des Morgens an Dinkel wird in guten Jahren auf 12 Scheffel geschätzt; der Mittelpreis des M. Ackers auf 135-150. Die Wiesen (nur 200 M.) sind nunmehr sämmtlich zweimähdig und liefern einen nach Güte und Menge vorzüglichen Ertrag, im Durchschnitt von 40 Ctr. Heu und Öhmd p. Morgen. Der Durchschnittspreis eines M. Wiesen ist 260-273 fl. Die Obstkultur steht hier wohl am niedrigsten unter den Orten des Oberamts. Beträchtlich sind die Waldungen (2768 M.), die zum größten Theil (1891 M.) der Gemeinde gehören. 670 M. besitzt der Staat. Sie bestehen meist aus Buchen, Birken und Eichen; Holz wird ziemlich viel nach Außen verkauft. Waldwaide besteht noch. Von Pferdezucht kann bei zertrümmertem Güterbesitz nicht die Rede seyn. Dagegen kann die Rindviehzucht den in dieser Hinsicht bessern Orten des Oberamts gleichgestellt werden, wenngleich ihrer Vervollkommnung manche Hindernisse, namentlich die unzulängliche Wiesenfläche, im Wege stehen. Die Stallfütterung ist noch nicht durchgeführt, und unterliegt großen Schwierigkeiten; ausgetrieben wird von Johannis bis Martini. Schafe werden nicht gezüchtet; die Schafwaide ist von einem Auswärtigen (dermalen noch für jährl. 763 fl.) gepachtet und mit Bastardschafen beschlagen. Noch ist ein Schneckengarten zu erwähnen, dessen Eigenthümer seine Waare ins Bayrische absetzt. Die hiesigen Bürger sind der Mehrzahl nach Bergleute (60) und Weber (40). Erstere sind bei den zahlreichen Erzgruben angestellt, und unter Aufsicht zweier Steiger, Winters mit Graben, Sommers mit Waschen des Bohnerzes für die Hochöfen in Königsbronn und Wasseralfingen beschäftigt, wofür sie angemessen bezahlt | werden. Sie bilden eine förmliche Knappenschaft mit bergmännischer Uniform. Einige Bauern, die Pferde haben, verdienen ein Namhaftes durch Fuhren zu den Gewerken. Man schätzt das Geld, das durch die Erzgruben in Umlauf kommt, auf 8–10.000 fl. Die Weber arbeiten auch hier meistens auf Bestellung für die Fabriken. Von anderen Gewerben verdienen die Schreiner und Schmiede genannt zu werden. Eine Ziegelei liefert ziemlich viel Kalk von besonders guter Qualität, und gebrannte Waare. Eine Schildwirthschaft und eine Bierbrauerei sind begünstigt durch die Frequenz der Landstraße. Die Wohlhabenheit der Einwohner stand früher auf einer höheren Stufe, als Nattheim noch Bauernhöfe hatte; im Ganzen finden sie, bei den genannten Erwerbsquellen ihr angemessenes Auskommen. Man will übrigens eine auffallende Zunahme des Luxus bemerken. Das Gemeindevermögen ist von Belang; einen Hauptbestandtheil desselben machen die Waldungen aus, von welchen jeder Bürger ein Klafter Scheiterholz und 50-75 Stück Wellen als Nutzung zieht. Auf dem Besitz einer eigenen Wohnung ruht das Recht auf ein Kartoffelland und ein Allmandstück (Reute). Den großen Zehenten und sämmtl. grundherrl. Gefälle in Nattheim und St. Stephan bezieht der Staat; nur einige Gülten stehen dem Hospital Giengen, und 3 fl. Hellerzinsen dem Fürsten Taxis zu. Den kleinen Zehenten hat die Pfarrei anzusprechen, auf St. Stephan aber mit der Pfarrei Schnaitheim zu theilen. Wahlberg ist zehent- und gültfrei. Abgelöst wurden bis jetzt an Jagdfrohnen, Gebäudeabgaben, Hundsthaler etc. jährl. 16 fl. 3 kr. Aufgehoben aus den beiden Hirtenämtern etc. 3 fl. 15 kr. 1) Nattheim, Pfarrdorf, Sitz eines Revierförsters, mit 1085 Einw. (worunter 8 Katholiken) in 164 Wohnhäusern. Der Ort ist an eine sanfte, südwärts ansteigende Anhöhe hinangebaut, und bildet beinahe eine einzige, sehr lange und breite Gasse, durch welche die Nürnberg-Nördlinger Staatsstraße nach Heidenheim führt. Die Entfernung von letzterer Stadt beträgt 2 geom. St in nordnordöstlicher Richtung. Das Aussehen dieses Dorfes ist im Ganzen ansprechend und reinlich. Neben mehreren, kleinen, einstöckigen, mit Stroh gedeckten Häusern sieht man auch mitunter ansehnliche, mehr städtische Wohnungen. Am meisten stellt das vor wenigen Jahren neu erbaute Rath- und Schulhaus vor. Desto armseliger nimmt sich die alte, enge, für ihren Zweck ganz unzureichende Kirche aus, besser der angebaute hübsche Kuppelthurm. Die Baulast liegt dem ganz unvermögenden Heiligen (mit c. 100 fl. Einnahmen) ob, für welchen die Gemeinde einzustehen hat. Der Begräbnißplatz liegt auf einer Anhöhe am nördöstl. Ende des Ortes. Das alte, neuerdings hergestellte Pfarrhaus hat der Staat zu unterhalten. Die | Schule hat 2 Lehrer, Schulstiftungen keine. Im Winter wird Industrieschule gehalten.

Von einem Verein christlicher Menschenfreunde wurde im J. 1841 eine Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder zunächst, doch nicht ausschließlich für das Oberamt Heidenheim, mit der Bestimmung errichtet, daß Kinder vom 3-14. Lebensjahr Verpflegung, Erziehung und Unterricht in derselben erhalten. Die Zahl der Kinder ist auf 50 berechnet, für welche jedoch das bisherige Lokal nicht zureichte, weswegen ganz kürzlich das ehem. Kam.-Amtsgebäude in Herbrechtingen käuflich erworben wurde. Für jedes Kind aus dem Oberamt werden jährlich 30 fl., für ein auswärtiges 40 fl., entweder aus Gemeindekassen und Stiftungsmitteln oder von wohlthätigen Privaten bezahlt. Den 24. Juni 1842 feierte die Anstalt mit guten Hoffnungen für die Zukunft ihre erste Jahresfeier. [1] Die Zahl der Kinder belief sich auf 30.

Eine Poststraße führt von Heidenheim über hier und Fleinheim nach Dischingen (Schloß Taxis), welche die Gemeinde auf ihrer Markung zu unterhalten hat. Eine kurze Unterbrechung durch bayrisches Gebiet (s. Fleinheim) steht ihrer vollständigen Herstellung im Wege.

Von Überresten aus alter Zeit ist der Römerstraße durch das Ländlethal schon gedacht worden. Grabhügel fanden sich in der Richtung nach Oggenhausen acht, wurden aber vor einiger Zeit bei Anlage der Vicinalstraße nach diesem Ort abgetragen und geebnet. Ihr Inhalt war außer den gewöhnlichen Scherben und Waffenresten nichts Besonderes. Eine viereckige Schanze, die Schweden-, auch Sachsenschanze genannt, sieht man 3/8 St. östlich vom Ort im Wald Kirchberg. Ihre Dimensionen sind folgende:

Nördl. Seite = 460’ außen;   400’ innen.
Südl.      " = 470’     "   388’     "
Östl.      " = 575’     "   492’     "
Westl.     " = 544’     "   475’     "
 40,29     " 1755’     "

Urkundlich bekannt wird der Ort durch die Pfalz, welche K. Otto I. daselbst hielt, schon im J. 1050 als Natta, Natten (Stälin, Wirt. Gesch. I, 618); mit der Schreibung Natta, welche die Volksaussprache wieder giebt, ist er noch in die homannische Karte eingezeichnet.

Der Kirchensatz gehörte im J. 1365 als Activlehen dem Hause Helfenstein, an das solches, wenn Gabelkhover eine Urkunde von | 1365 richtig ausgezogen hat, von den Späten von Vaymingen gekommen ist. Belehnt war hiemit im J. 1365 Peter von Scharenstetten, der ihn in diesem Jahre um 540 Pfd. Heller an Agnes von Schlüsselberg (geb. von Württemberg, in erster Ehe Gemahlin des im J. 1326 gestorbenen Grafen Ulrich von Helfenstein) und Graf Ulrich von Helfenstein verkaufte. Den 29. März 1365 „geben Agnes von Schlüsselberg und Graf Ludwig von Öttingen der Jüngere, Pfleger Graf Ulrichs von Helfenstein, dem Kloster zu Herbrechtingen den Kirchensatz ze Natten, eine Selde und den Widem zu dem Kirchensazz gehörig, von Graf Ulrichs wegen, wann er zu seinen Tagen noch nicht kommen ist“ (Reg. Boic. 9, 120). Als einverleibt genanntem Kloster wird die Nattheimer Kirche im J. 1497 aufgeführt Besold S. 959).

In frühen Zeiten gehörte der Ort zur Herrschaft Heidenheim, welche laut ältesten Saalbuchs hier einen Amtmann hatte; Nattheim theilte den Wechsel der Herren mit genannter Herrschaft.

Hier bestund eine der Zollstätten des Heidenheimer Gebiets.

Güter allda hatten z. B. die Herren von Wöllwarth (Stuttg. Staatsarch.). Im J. 1430 stiftete Wolf von Westerstetten zu Staufen, Bürger zu Giengen, dem Spital daselbst ein Fruchtgefäll und den halben Theil der Gefälle aus seinem Hofe zu Nattheim, wovon sein Bruder Fritz die andere Hälfte bezog (Zeitschrift für Bayern, 2ter Jahrg. Bd. I. S. 346). – Auf Sirgenstein’schen Besitz deutet der Name eines Walddistrikts „Sirgensteinerhau,“ der auch in die Schnaitheimer Markung eingreift.

Im 30jährigen Kriege wurden in diesem Dorfe 119 Häuser eingeäschert, nur 16 blieben stehen.

Bemerkenswerth ist, daß schon im J. 1792 ein Wirth in Nattheim durch einen Neresheimer Conventual seine Wohnung mit einem. Blitzableiter versehen ließ, ein seltenes Beispiel zu einer Zeit, wo auf dem Lande noch das krasseste Vorurtheil gegen dieses Sicherungsmittel herrschte. Schw. Chron. 1792. N. 78. S. 155.

2) St. Stephan, Hof mit 6 Einw., 3/4 St. nordwestl. von Nattheim, in hoher Lage zwischen Wäldern am Anfang des Ländlethals, dem Hospital Giengen gehörig (schon längst, vor dem J. 1520, aber dem Hause Württemberg mit Erbhuldigung zugethan), mit eigener Markung. Das Volk trägt sich mit der Sage, daß in der Nähe, in dem Wald Ilgensohl, eine große Wallfahrtskirche gestanden habe, die „im Schwedenkrieg“ – denn weiter hinaus datirt das Volk seine Traditionen selten – zerstört, und deren verschüttete große Glocke durch ein Wildschwein aufgewühlt, und später nach Neresheim gebracht worden sey.

3) Wahlberg (Waldberg), Hof mit 2 kathol. Einw., 5/8 St. | südöstl. von Nattheim, an der bayrischen Gränze, rings von Waldungen umgeben, ein ansehnliches Ökonomiegut, mit Schildwirthschaft und Braugerechtigkeit, auf eigener Markung mit 1687/8 M. Gärten, Äckern, Wiesen und Waiden auf württembergischer, und 136 Tagwerken, größtentheils Waldungen, auf bayrischer Seite. Im J. 1843 wurde das Gut mit Ausnahme des bayrischen Theils von seinem letzten Besitzer, dem Freih. v. Ungelter an einen Privaten um 13.275 fl. verkauft. Die ritterschaftliche und neusteuerbare Eigenschaft, welche in Anspruch genommen wird, ist dermalen Gegenstand einer Untersuchung.

4) Ziegelhütte, 1/4 St. südlich von Nattheim. Die Einwohnerzahl ist unter Nattheim begriffen. Von dem Betrieb dieser erst 1830 errichteten Hütte war oben die Rede.

5) Erzhäusle (ohne eigene, bürgerliche Einwohner), bei der Erzgrube 1834 vom Staat erbaut, 1843 auf die gegenwärtige Stelle (s. Oberamts-Karte) transferirt, dient zeitweilig dem bei der Erzgrube beschäftigten Personal.


  1. Erster Jahresbericht der Kinder-Rettungsanstalt in Nattheim. Heidenheim 1842. 8.
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