Beschreibung des Oberamts Ludwigsburg/Kapitel A 3

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III. Einwohner.


1. Bevölkerung.
A. Stand derselben.

Die ortsangehörige Bevölkerung des Bezirks betrug 1850, Dec. 3., 33.531, und zwar 16.455 männliche, 17.076 weibliche Personen. Nach frühern Zählungen war dieselbe

zusammen
1812 Nov. 1. 12.215 männl. 12.720 weibl. 24.935 Pers.
1822 Nov. 1. 13.021 männl. 13.815 weibl. 26.836 Pers.
1832 Nov. 1. 13.984 männl. 15.084 weibl. 29.068 Pers.
1842 Nov. 1. 14.911 männl. 15.799 weibl. 30.710 Pers.
1846 Dez. 3. 15.923 männl. 16.636 weibl. 32.559 Pers.

Von den Ortsangehörigen d. Js. 1822 waren abwesend 1965, Fremde anwesend 2245, es stellte sich daher die ortsanwesende Bevölkerung damals auf 27.116. Im Jahr 1846 betrug diese 36.217, im Jahr 1849 36.184.

Was die Dichtheit oder den relativen Stand der Bevölkerung betrifft, so kommen auf 1 geographische Quadratmeile für 1846 10.473 Angehörige und 11.649 Anwesende, für 1849 10.655 Angehörige und 11.638 Anwesende. Die Dichtheit der Bevölkerung ist hienach eine der stärksten im Lande und übertrifft das Mittel desselben um resp. 112 und 136 Prozent.

Auf 1 Angehörigen treffen für 1850 14/8 Morgen 45 Ruthen Landes.

Die weibliche Bevölkerung übertraf 1850 die männliche um 621, oder auf 1000 männliche Angehörige kommen 1038 weibliche, während im Durchschnitt des Landes auf 1000 männliche 1035 weibliche kommen. Dieses Übergewicht der weiblichen Bevölkerung betrug 1812 505, 1822 794, 1832 1100, 1842 888, 1846 713. Nach Altersstufen vertheilte sich die angehörige Bevölkerung des Jahrs 1846 folgendergestalt:

Davon kommen
auf 10.000 10.000
männl. weibl. männl. weibl.
unter 6 Jahren 2547 2586 1599 1555
von 6 bis 14 Jahren 2665 2727 1674 1639
von 14 bis 20 Jahren 1657 1826 1041 1098
von 20 bis 25 Jahren 1428 1508 0897 0907
von 25 bis 40 Jahren 3454 3689 2169 2217
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Davon kommen auf
10.000 10.000
männl. weibl. männl. weibl.
von 40 bis 60 Jahren 2976 3093 1869 1859
von 60 bis 70 Jahren 0816 0863 0512 0519
von 70 bis 80 Jahren 0321 0303 0202 0182
von 80 bis 90 Jahren 0059 0039 0037 0023
von 90 bis 100 Jahren 000 0002 000 0001
15.923 16.636 10.000 10.000

32.539

Hienach begreifen die Altersklassen der Jüngeren bis zu 25 Jahren nahe die Hälfte (52 Prozent) der ganzen Volkszahl; die schulpflichtige Jugend von 6 bis 14 Jahren zählte 5392 Köpfe oder 17 Prozent, die streitbare Mannschaft von 20 bis 40 Jahren 4882 oder 15 Prozent, das Greisenalter von 70 und mehr Jahren noch 724 oder 2 Prozent der Bevölkerung; auf 1000 Einwohner kommen also nur 22 Personen, die 70 Jahre zurückgelegt hatten.

Die angehörige Bevölkerung des Bezirks vom Jahr 1822 enthielt unter

10.000
männlichen weiblichen
Einwohner.
unter 14 Jahren 03178 03135
von 14 bis 18 Jahren 00865 06865
von 18 bis 25 Jahren 01259
von 25 bis 40 Jahren 02020
von 40 bis 60 Jahren 01928
über 60 Jahren 00750
10.000 10.000

Familienstand. Man zählte im Bezirk:

1846. Dez. 3. 1832. Nov. 1.
Verehelichte 10.461 09533
Wittwer 00569 00465
Wittwen 01112 01053
Geschiedene 00057 00031
Unverehelichte 20.360 17.986
32.559 29.068

Die Familienzahl war im Jahr 1846 7503. Es trafen hienach auf 1 Ehe 6,2, auf 1 Familie 4,3 Angehörige und resp. 6,9 und 4,8 Anwesende.

| Kirchliches Verhältniß:
      Christen: im Jahr 1846 i. J. 1832
evangelisch-lutherische 31.901 28.511
reformierte 7
katholische 461 371
von andern christl. Confessionen       6 4
      Juden 191 175
32.559 29.068

Gewerbs- und Nahrungs-Verhältniß ist in den Listen seit dem Jahr 1822 nicht mehr berücksichtigt; damals wurden gezählt:

Bedienstete:
      in Königl. Militärdiensten 416
      in Königl. Civildiensten 314
      in gutsherrschaftlichen Diensten 13
      in Commundiensten 401
Ohne bürgerliche Gewerbe, von eigenem Vermögen lebend 311
Handelsleute, Wirthe, Handwerker etc. 1711
Bauern und Weingärtner 2298
Taglöhner 547
in Almosen stehend 308
6319
Hienach betrugen die Bediensteten 18 Prozent
die von eigenem Vermögen lebenden 5 Prozent
die Gewerbe und Handel treibenden 27 Prozent
die Acker- und Weinbau treibenden 36 Prozent
die Taglöhner 9 Prozent
die im Almosen stehenden 5 Prozent
100 Prozent
der ganzen Bevölkerung.
B. Bewegung der Bevölkerung.

Nach zehnjährigen Durchschnittsberechnungen von 1812/22 und von 1836/46 betragen die jährlichen

von
Geburten, und zwar: 1812/22 1836/46
      die männlichen 516,8 506,2
      die weiblichen 501,7 423,0
zusammen       1018,5 1290,1
      darunter uneheliche 115,8 140,0
Todt kamen zur Welt:
      männliche 34,6
      weibliche 22,2
zusammen       56,8
|
von
Sterbefälle, und zwar der 1812/22 1836/46
      männlichen 409,2 506,2
      weiblichen 397,6 487,7
zusammen       806,8 993,9
Wanderungen:
Es sind eingewandert: von 1812/22 von 1836/46
männl. weibl. männl. weibl.
aus fremden Staaten 2,3 2,7 3,8 7,9
aus andern Orten des Inlandes 96,4 122,3 216,2 268,9
98,7 125,0 220,0 276,8
Ausgewandert sind:
nach fremden Staaten 31,1 30,0 24,2 17,7
nach andern Orten des Inlandes 78,2 100,6 215,2 270,1
109,3 130,6 239,4 287,8
also mehr aus- als eingewandert 10,6 5,6 19,4 11,0
Betrachtet man aber die Wanderungen
von und nach fremden Staaten für sich,
so übertreffen die Auswanderer die
Einwanderer um
28,8 27,3 20,4 9,3

wonach diese Auswanderungen in der frühern Periode zahlreicher waren, als in der spätern.

Was die Änderungen der Zahl der Ehen betrifft, worüber die neuern Listen keine Notizen enthalten, so wurden in dem Jahrzehnt 1812/22

im Durchschnitt neue Ehen jährlich geschlossen 180,5
Zuwachs durch Hereinziehende 14,0
194,5
Dagegen sind Ehen getrennt worden:
durch Tod 145,4
durch Scheidung 2,6
Abgang durch Hinausgezogene 22,8
170,8

Somit bleibt eine jährliche Zunahme von 23,7 Ehen, und die Gesammtzahl der Ehen, welche sich 1812 auf 3996 stellte, betrug 1822 4233.

C. Wachsthum und Verhältnisse, die angehörige Bevölkerung betreffend.
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von 1812/22 von 1836/46
männl. weibl. männl. weibl.
Die Zunahme betrug 806 1095 1666 1291
Zusammen
001901

002957
oder nach Prozent, jährlich 0,762 0,999
Der Überschuß der Geburten über die Sterbefälle
oder der natürliche Zuwachs belief sich auf
1076 1041 1609 1353
Zusammen
002117

002962
Unter 1000 Seelen der Zunahme überhaupt waren 424 576 563 437
Unter 1000 Seelen des natürlichen Zuwachses waren 508 492 543 457

Das Geburtsverhältniß stellte sich hier von 1812/22 auf 1:24,99 oder auf 10.000 Einwohner kommen jährlich 400,08 Geburten; von 1836/46 auf 1:23,65 oder auf 10.000 Einwohner kommen 422,7 Geburten. Dabei kamen auf 1000 geborene Mädchen von 1812/22 1030,1, von 1836/46 1070,8 geborene Knaben.

Das Verhältniß der unehelich Geborenen beträgt für das Jahrzehnt 1812/22 1:8,79, für das von 1836/46 1:9,21. Unter 100 Geburten überhaupt waren unehelich von 1812/22 11,37, von 1836/46 10,85.

Das Verhältniß der Todtgeburten zu sämmtlichen Geborenen (worüber die Listen seit 1822 keine Auskunft geben) stellte sich von 1812/22 wie 1:17,93 d. h. 1 Todtgeburt kam auf nahezu 18 Geburten, ein Verhältniß, das höchst ungünstig ist, und weit unter dem Durchschnitt des Landes (1:26,0) steht.

Das Sterblichkeitsverhältniß stellt sich von 1812/22 wie 1:31,55, von 1836/46 wie 1:30,70 oder von 10.000 Lebenden starben jährlich resp. 316,9 und 325,6. Mit Unterscheidung der Geschlechter kommen auf 1000 weibliche Verstorbene von 1812/22 1029,2, von 1836/46 1037,9 männliche Verstorbene.

Was die Altersklassen der Verstorbenen betrifft, (worüber die neuern Listen keine Notizen liefern) so starben in dem Jahrzehnt von 1812/22:

unter 10.000 Todesfällen
männliche weibliche
vor der Geburt 845 558
unter 1 Jahr alt 3952 3501
vom 1. bis 7. Jahr 1224 1393
vom 7. bis 14. Jahr 310 375
vom 14. bis 25. Jahr 401 284
vom 25. bis 45. Jahr 826 986
vom 45. bis 60. Jahr 787 994
über 60 Jahre alt 1655 1909
10.000 10.000
| Von sämmtlichen Todesfällen dieser Periode trafen also auf die Neugeborenen, bis zum 1. Lebensjahr 44,3 Prozent oder nahe die Hälfte, während kaum 18 Prozent der Hingeschiedenen das Alter von 60 Jahren erreicht hatten.

Das Verhältniß der Gestorbenen zu den Geborenen war für 1812/22 wie 1000:1262,4 und für 1836/46 wie 1000:1298,0. Mit Unterscheidung der Geschlechter treffen auf 1000 Gestorbene männlichen Geschlechts von 1812/22 1262,9, von 1836/46 1317,8 Geborene gleichen Geschlechts; sondern auf 1000 Gestorbene weiblichen Geschlechts von 1812/22 1261,8, von 1836/46 1277,4 Geborene desselben Geschlechts.

Aus den Durchschnittsberechnungen für das Jahrzehnt 1836/46 ergeben sich für die einzelnen Gemeinden des Bezirks folgende bemerkenswerthe Verhältnisse:

Die meisten Geburten hatten: Schwieberdingen, auf 1000 Einwohner jährlich 54,2; Geisingen 52,0; Eglosheim 51,0; Heutingsheim 49,0; Stammheim 48,9; Zuffenhausen 47,4.

Die wenigsten Geburten zählten: Poppenweiler, auf 1000 Einwohner 35,5; Ludwigsburg 37,9; Aldingen 38,3; Benningen 39,0; Neckarweihingen 39,1; Möglingen 39,2.

Die Ziffer der unehelichen Geburten war am größten in Bissingen, unter 100 Geburten überhaupt 18,6; Osweil 15,1; Geisingen 13,9; Eglosheim 13,5; Asperg 13,1; Aldingen 12,6.

Die wenigsten unehelichen Geburten hatten: Hoheneck, unter 100 Geburten überhaupt 5,7; Stammheim 6,1; Schwieberdingen 6,5; Benningen und Heutingsheim 6,6; Möglingen 7,3.

Die größte Sterblichkeit herrschte zu Schwieberdingen, wo von 1000 Einwohnern jährlich 41,5 starben, sodann in Eglosheim 40,5; Ludwigsburg 34,9; Heutingsheim und Markgröningen 34,6.

Die wenigsten Sterbfälle kamen vor, zu Poppenweiler, unter 1000 Einwohnern 25,1; Benningen 25,1; Osweil 28,1; Aldingen 28,6; Beihingen 28,8; Möglingen 29,3.

Die meisten alten Leute, die das 70. Jahr zurückgelegt hatten, fanden sich bei der Zählung von 1846 zu Neckargröningen, unter 1000 Einwohner 38,3; Kornwestheim 27,4; Möglingen 26,6; Pflugfelden 25,7; Neckarweihingen 25,3.

Am geringsten war die Zahl solcher alten Leute in Heutingsheim, unter 1000 Einwohnern 9,1; Benningen 15,1; Schwieberdingen 16,4; Poppenweiler 16,7; Bissingen 17,2; Eglosheim 18,4.

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2. Stamm und Eigenschaften der Einwohner.

Die Einwohner des Bezirks gehören, abgesehen von Eingewanderten (vorzugsweise in Ludwigsburg), dem schwäbischen Volksstamm an, welcher namentlich in den mit Ackerbau sich beschäftigenden Orten sich sehr rein erhalten hat, und theilen alle diesem eigenthümlichen Charakterzüge.

Der Menschenschlag ist im Allgemeinen gesund, kräftig, von mittlerem Körperbau und in Folge der von früher Jugend an gewöhnten, strengen Arbeit, ausdauernd und abgehärtet. Eine Ausnahme machen die Bewohner von Asperg und Markgröningen, welche einen minder ansehnlichen, kleineren und gedrungenen Körperbau haben. Die meist Ackerbau treibenden Einwohner der auf der Hochebene des Strohgäues und des langen Feldes gelegenen Orte sind ansehnlicher gewachsen, als die der Thalorte, wo auch der beschwerliche Weinbau etwas störend auf die Körperentwicklung einwirken mag.

Nach einer fünfjährigen Durchschnittsberechnung von den Jahren 1829–33[1], stellte sich für den Bezirk Ludwigsburg die Mittelgröße der Conscriptionspflichtigen = 5′ 8,07″ württ. Decimalmaß, so daß dieselbe unter 64 Oberämtern die 47. Stelle einnahm; unter 1000 befanden sich 216 von 6′ und darüber, 179 unter 5′ 5″ und 437 Gebrechliche, 58 Kränkliche oder Körperschwache und 12 Scrophulose; unter 10.000 Einwohnern nur 0,4 Taubstumme. Nach einer Zusammenstellung der Jahre 1837–1843 waren unter 1358 Mann des Contingents 234 unter 5′ 5″ groß, die Zahl der Untermäßigen betrug somit 17,23 Prozent, im ganzen Neckarkreis 18,26, im Donaukreis aber nur 9,87 Prozent[2].

Die Gesundheitsverhältnisse[3] sind in hohem Grade von der Lage der einzelnen Orte abhängig, im Allgemeinen günstig; die auf der Hochfläche gelegenen Orte werden, wie auch die Hauptstadt selbst, weil der Zugluft stark ausgesetzt, hauptsächlich von rheumatischen Affectionen, sodann Catarrhen, Hals-, Brustfell- und Lungenentzündungen heimgesucht, wie denn überhaupt der entzündliche Genius epidemicus oft jahrelang andauert, und auch andere Krankheiten leicht einen entzündlichen Charakter annehmen. Wenn schon das Clima chronische Brustkrankheiten nicht begünstigt, so ertragen doch Menschen, die an schleichender Entzündung der Brusteingeweide und an chronischen| Catarrhen leiden, dasselbe wegen Häufigkeit der Ost- und Nordwinde nicht gut.

Von acuten Fiebern beobachtet man vorzüglich entzündliche, rheumatische und catarrhalische, sodann acute Rheumatismen der Gelenke.

Gastrische und nervöse Fieber sind zwar nicht ganz selten, doch steigern sie sich in der Stadt nicht leicht zur Epidemie. Im Jahre 1813 wurde der Typhus von dem heimkehrenden Militär eingeschleppt und es starben in diesem und im folgenden Jahr im Ganzen 87 Personen daran. An eine 1820 unter dem Militär eingetretene Gesichtsrosenepidemie reihten sich mehrere Typhusepidemien in den Kasernen an: 1835 erkrankten in der Kaserne der reitenden Artillerie allein 129 Mann an einem gastrisch-nervösen Fieber, wovon 22 starben, während alle übrigen Kasernen verschont blieben. Man vermuthet, daß die damalige Ausschlammung des in der Nähe der Kaserne liegenden Feuersees zur Entwicklung der Epidemie beigetragen habe. 1837–39 kam das Schleimfieber in Geisingen und Heutingsheim epidemisch vor. 1841–42 herrschte der Typhus epidemisch in Thamm, wobei von 235 Kranken 24 starben. In demselben Jahre traten kleinere Epidemien in Eglosheim, Möglingen und Aldingen, 1842–43 eine bedeutendere in Osweil auf, wo von 168 Kranken 16 starben. Eine kleine Epidemie erschien 1833–34 in Hoheneck und 1844–45 in Ludwigsburg, eine stärkere 1844–45 in Neckargröningen. Rothlauffieber, besonders Gesichtsrose kommt nicht selten vor, verläuft aber in der Regel glücklich. Die oben erwähnte epidemische Gesichtsrose herrschte 1819–20 unter dem Militär, so daß im Garnisonsspital allein 119 Kranke behandelt wurden. Der Wochentölpel (parotitis) herrschte in Ludwigsburg 1842–43 und 1849–50 epidemisch unter den Kindern.

Die Masern traten 1822 und 1827 in Ludwigsburg, 1840–41 in Ludwigsburg und allen Amtsorten epidemisch auf, jedoch ohne viele Opfer zu fordern. 1842–43 herrschten sie in Benningen, Heutingsheim und Geisingen, waren jedoch ganz gutartig, 1846 in Ludwigsburg, Osweil und Neckarweihingen, 1852 in Ludwigsburg und mehreren Amtsorten, 1857 in Ludwigsburg, 1858 in Kornwestheim.

Das Scharlachfieber erscheint öfters sporadisch, herrschte jedoch im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts öfters epidemisch und forderte 1813 viele Opfer, indem 41 Personen daran starben. Weniger verbreitet war es 1819, 1820 und 1837, jedoch hatte es im letzteren Jahre einen sehr bösartigen Charakter. 1854 herrschte es in Ludwigsburg und Markgröningen epidemisch, wobei einige sehr rasche| Todesfälle (durch Uraemie) vorkamen; 1855–58 kam es sporadisch in der Oberamtsstadt und mehreren Amtsorten, 1857 epidemisch in Möglingen und Asperg vor.

Die Pocken erschienen in der Form von Varioloiden 1840–41 in Asperg, 1842–43 als Varicellen epidemisch in Ludwigsburg; ebenso 1844. Von 1849–50 herrschte eine große Epidemie von Varioloiden und Variola in Beihingen und Asperg, eine kleinere in Ludwigsburg und mehreren Amtsorten.

Eigentliche Frieselfieber kommen in der Stadt selten, auf dem Lande aber häufig vor, wozu heiße Krankenzimmer und sparsames Lüften derselben das Ihrige beitragen mögen.

Die Grippe herrschte in der Stadt in den Jahren 1831, 33 und 36 epidemisch und raffte im letzteren Jahre mehrere Personen, die vorher an Brustübeln litten, schnell hinweg, während sie bei andern langwierige Nachkrankheiten hinterließ; ferner trat sie in den Jahren 1842, 44, 49 und 58 sowohl in der Hauptstadt als in den Amtsorten epidemisch auf.

Der Keuchhusten herrschte 1844, 55 und 56 in Ludwigsburg epidemisch.

Die Ruhr kommt häufig sporadisch vor, epidemisch herrschte sie 1834, wo halb Württemberg davon heimgesucht wurde und raffte von 1584 Kranken 98 hinweg. Ferner herrschte sie epidemisch in Pflugfelden, Möglingen und Neckargröningen, 1856 in Ludwigsburg und 1857 in mehreren Amtsorten.

Die Brechruhr zeigt sich fast alljährlich gegen Ende des Sommers und erreichte 1834 eine gefährliche Höhe, wo namentlich in dem Arbeitshaus zu Ludwigsburg Fälle vorgekommen seyn sollen, welche mit der asiatischen Cholera die größte Ähnlichkeit gehabt haben. So trat sie auch 1848, 49 und 54 sehr heftig auf. In letzterem Jahr kamen 2 kranke Personen aus Ludwigsburg mit der asiatischen Brechruhr aus München zurück, wovon der eine schnell starb, der andere aber genas.

Von chronischen Krankheiten sind Hämorrhoidalübel jetzt viel häufiger als sonst und kommen auch beim weiblichen Geschlecht nicht selten vor, vielleicht in Folge sitzender Lebensweise, zu reizender Diät und wohl auch hereditärer Disposition.

Dagegen ist Steinbildung sehr selten, viel häufiger Gicht, Hypochondrie und Hysterie; grauer Staar kommt wenig vor. Von sonstigen Augenkrankheiten nehmen rheumatische Entzündungen die erste Stelle ein.

| Skropheln, Rhachytis und Kröpfe sind in der Stadt seltener, etwas häufiger auf dem Lande.

Der Cretinismus fehlt in der Stadt, wurde aber früher in einigen Dörfern häufiger beobachtet. So fand Rösch 1841/42 in Asperg bei 12 Familien 15, in Markgröningen in 7 Familien 8 cretinische Subjecte. Auch in Bissingen gibt es cretinenartige Personen, und in diesen sämmtlichen Orten ist das Wasser gypshaltig.

Die Krätze kommt selten vor: die meisten Kranken, welche früher in den Spitälern und im Arbeitshaus behandelt wurden, waren Auswärtige. So kamen 1848–52 viele Krätzige in den Stadtspital und in das Arbeitshaus. In ersterem belief sich die Zahl der Kranken 1853 und 54 jährlich auf 200, nahm dann allmählig ab und betrug 1857 noch 27.

Geistesstörungen und Gemüthskrankheiten kommen nicht häufiger vor, als in andern Oberämtern.

Von seltenern Krankheiten ist zu erwähnen eine Wurstvergiftung, welche im Jahre 1848/49 in Möglingen vorkam, wo 2 Menschen in Einem Hause daran starben, 3 aber gerettet wurden, ferner die Phosphornekrose, welche 1845 und 46 in der Kammerer’schen Zündhölzchenfabrik 3 Personen ergriff, wovon 2 starben und Einer nach Verlust des Oberkiefers genas.

Der moralische Charakter der Bezirksbewohner ist im Allgemeinen gut und zeichnet sich durch Rechtlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit und Sinn für Religion, welcher sich häufig bis zum strengen Pietismus steigert, vortheilhaft aus; auch sind in den bewegten Jahren von 1848 und 1849 keine Störungen der Ordnung vorgekommen. Einzelne Gemeinden, wie Kornwestheim, Möglingen, Pflugfelden etc. dürfen wohl zu den geordnetsten des Landes gezählt werden. Der beständige Verkehr mit der Oberamtsstadt wie mit der Residenz hat bei den Bewohnern der den Städten näher gelegenen Orte eine gewisse Gewandtheit und mitunter Verschmitztheit angezogen, jedoch nicht in dem Grade, wie man sie sonst in Nachbarorten größerer Städte trifft.

Eigenthümliche Gebräuche und besondere Volksbelustigungen nehmen immer mehr ab, sogar der Tanz bei Hochzeiten, Kirchweihen und sonstigen Gelegenheiten wird seltener; auch hat das früher übliche Eierlesen in den meisten Orten längst aufgehört und kommt nur noch in Bissingen und Poppenweiler, jedoch nicht jedes Jahr, vor. Dagegen hat sich das älteste württembergische Volksfest, der Schäfermarkt in Markgröningen, bis auf die| gegenwärtige Zeit noch erhalten; der Ursprung dieses sogen. Schäfermarkts verliert sich in das graue Alterthum und hängt ohne Zweifel mit der Kirchweih, welche früher an dem Bartholomäusfeiertag gefeiert wurde, zusammen, indem die Kirche dem heil. Bartholomäus[4] geweiht ist und mit Kirchweihfesten nicht selten Märkte und Volksfeste verbunden waren. Die erste geschichtliche Spur findet sich in einer Rechnung des Spitals zu Markgröningen vom Jahr 1443/44, wo erwähnt wird, daß der Meister den Conventbrüdern, Knechten und Mägden an Bartholomäi Seckel, Messer und Nestel gekauft habe. Das Fest, mit dem von jeher auch ein bedeutender Markt (Messe) abgehalten wurde, ist früher weit solenner gefeiert und namentlich auch von den Mitgliedern des württembergischen Hauses, wie von Hohen und Niedern aus dem ganzen Lande besucht worden. Wie alle alten Sitten und Gebräuche allmählig verschwinden und dem modernen Gebahren den Platz räumen, so hat auch der Schäfermarkt an seinem ursprünglichen Charakter wie an seiner Großartigkeit verloren; übrigens wird er immer noch von den Landleuten der nächsten Umgegend wie auch von den Bewohnern der näher gelegenen Städte zahlreich besucht. Noch gegenwärtig wecken am Morgen des Festes die Trommeln und Pfeifen der umziehenden Stadtwache die Einwohner, und bald versammeln sich die Behörden, die Schäferobermeister, Kampfrichter, Schäfer etc. auf dem Rathhause; von hier bewegt sich der wohlgeordnete Zug zur Kirche, voraus die Ladenpfeifer und Schäfer, auf ihren Schalmeien und Querpfeifen den bekannten alten Schäfermarsch blasend, nach ihnen ein Zug der Stadtwache, ihm folgt der Stadtschäfer, die Fahne tragend und umgeben von den Obermeistern, nach diesen der Oberamtmann, die Ortsbehörden u. s. w.; den Schluß macht ein Zug der Stadtwache. Nach dem Gottesdienst begibt sich der Zug wieder auf das Rathhaus, wo die Schäferordnung verlesen wird und die Preise, welche die Schäferbursche und Schäfermädchen bei dem Wettlauf bekommen sollen, gezeigt und von den Obermeistern in Empfang genommen werden. Alsdann geht der Zug, den der berittene, mit Schärpe, Bändern und Nesteln gezierte Festordner (Schäfereizahlmeister) anführt, auf ein der Stadt nahe gelegenes Stoppelfeld, wo eine Tribüne die Bezirks- und städtischen Behörden wie die Obermeister, Kampfrichter etc. aufnimmt, während von dieser auslaufend zu beiden| Seiten für die Zuschauer Gerüste errichtet sind, die den Raum begrenzen, innerhalb dessen der Wettlauf der Schäferjugend stattfindet. Am untern Ende der 300 Schritte langen Rennbahn stellen sich die baarfüßigen Springer auf, die, zuerst die Jünglinge, auf ein gegebenes Zeichen über das Stoppelfeld der Tribüne zuspringen, um dort ihre Kampfpreise zu erhalten. Der Schäferbursche und das Schäfermädchen, welche zuerst das Ziel erreichten, erhalten nun den ersten Preis, einen mit Bändern und Blumen geschmückten Hammel, und werden zugleich mit Kronen geschmückt; den übrigen Springern werden minder bedeutende Preise, in allerlei Kleidungsstücken etc. bestehend, ausgetheilt. Das gekrönte Siegerpaar eröffnet nun den Reigen vor der Festtribune, dem sich bald die andern Springer anschließen. Hierauf wirft der berittene Zahlmeister Nestel unter das Volk aus, was große Belustigung hervorruft und womit die Festlichkeit im Freien endet. Die errungenen Nestel werden als Festschmuck getragen und viele der anwesenden Fremden schmücken sich ebenfalls mit diesem altherkömmlichen Schäferzeichen, das zu vielen Hunderten auf dem an diesem Tage abgehaltenen Jahrmarkte gekauft wird. Kaum ist das Mittagsmahl vorüber, so rauscht schon die Tanzmusik und die Schalmei in allen Gasthäusern, und Tanz und Jubel dauern bis zum andern Morgen. Auf dem Rathhause aber wird von den Beamten und Fremden höherer Stände gespeist und später ein Ball gehalten.

Mit diesem altherkömmlichen Schäferfeste ist in neuerer Zeit das landwirthschaftliche Particularfest vereinigt worden, so zwar, daß auf dem Festplatz von dem Oberamtmann nicht nur Preise für die schönsten Viehstücke an die betreffenden Landwirthe, sondern auch Preise an treue Dienstboten ertheilt werden. Den Tag vor dem Feste wird ein viel besuchter Schaf- und Viehmarkt, an dem Festtag selbst aber ein Vieh- und Krämermarkt abgehalten.

Der früher in Beihingen übliche Fechttag ist im Jahr 1808 vollends abgegangen (s. Ortsbesch. v. Beihingen).

Die altübliche Tracht der Dorfbewohner weicht allmälig, jedoch langsam, der städtischen Mode; einzelne, namentlich wohlhabende Bauernorte, wie Kornwestheim, Möglingen, Pflugfelden, Stammheim und Thamm, sind der solideren Tracht ihrer Väter treu geblieben; hier trifft man noch allgemein den Dreispitzhut, den blauen oder grauen Tuchrock, den Sommer über nicht selten den sog. Zwilchkittel, das mit Rollknöpfen besetzte Brusttuch entweder von scharlachrothem Tuch oder von dunklem (schwarz und braun) Manchester, gelbe und schwarze| Lederhosen. Auch in den übrigen Orten, mit Ausnahme der beiden Städte, erscheint diese schöne Tracht nicht selten noch unverdorben neben den verschiedenartigsten Übergängen zu der städtischen Mode, die übrigens meist das Zurückkommen in den öconomischen Verhältnissen bekundet. Bei dem weiblichen Geschlecht weicht die anständige Tracht der Mütter weit schneller, und der vielgefältete Wilfling-Rock, wie der aus eigenem Gespinnst gewobene Barchet-Anzug, wird immer mehr von den leichten zitzenen oder bunten Zeugleskleidern verdrängt. Übrigens trifft man immer noch in guten Bauernorten den alten Anzug und das so gut kleidende deutsche Häubchen ist noch ziemlich allgemein.

Die Mundart ist die breite, gemüthliche, an eigenthümlichen, bezeichnenden Ausdrücken reiche, niederschwäbische, die übrigens in den an der nordwestlichen Grenze gelegenen Orten Markgröningen und Bissingen ganz leise Spuren der pfälzischen Sprechweise verräth.


  1. S. Württ. Jahrbücher 1833 S. 384 ff.
  2. S. Med. Correspondenzblatt 1844 S. 81.
  3. Nach gef. Mittheilungen des Herrn OA.-Arztes Dr. v. Höring.
  4. Der heil. Bartholomäus ist zugleich der Patron der Schäfer und Metzger.
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