Beschreibung des Oberamts Ludwigsburg/Kapitel B 15

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Neckarweihingen,


Gemeinde II. Kl. mit 1134 Einw., worunter 3 Kath. – Evang. Pfarrei; die Kath. sind nach Ludwigsburg eingepfarrt.

Das sehr ansehnliche, in die Länge gebaute Pfarrdorf hat eine äußerst freundliche Lage in dem Neckarthale auf der rechten Seite des ganz nahe am Ort vorüberfließenden Flusses, der hier einen großen hufeisenförmigen Bogen beschreibt und auf der linken Seite von sehr steilen amphitheatralischen Thalgehängen begleitet ist, während sich auf der rechten ein flach auslaufender Terrainrücken in den Bogen des Flusses hineinzieht. Gerade an den Fuß dieses flachen Ausläufers ist das Dorf hingebaut, von dem der untere Theil in der Thalebene selbst liegt und daher beim Austreten des Neckars zuweilen von den Fluthen erreicht wird; auch den im Thale gelegenen Wiesen und Äckern schadet der Fluß, indem er Sand und Kies ablagert. Diese Gerölleablagerungen sind, namentlich in der Nähe der Schiffbrücke, sehr beträchtlich und bilden für die Gemeindekasse eine besondere Einnahmsquelle, indem die Kiesbank daselbst um 330 fl. jährlich verpachtet wird. Jedoch verursacht der Fluß, welcher auf eine große Strecke die Markung berührt, wegen der vielen zu bestreitenden Uferbaukosten der Gemeindepflege auch namhafte Ausgaben und ist mitunter die Ursache von dem 1000–1100 fl. betragenden Gemeindeschaden, welchen die sonst nicht unvermögliche Gemeindepflege alljährlich umlegen muß.

Der Ort selbst hat eine ziemlich regelmäßige Anlage und wird beinahe in seiner ganzen Länge von der reinlich gehaltenen, breiten Ludwigsburg–Marbacher Poststraße durchzogen, auf die mehrere, meist nur kurze Seitenstraßen eingehen. Die größtentheils mit steinernen Unterstöcken versehenen Gebäude sind meist von freundlichem Aussehen und theilweise in einem städtischen Style erbaut. Außer der Hauptstraße besteht noch eine Vicinalstraße nach Poppenweiler, die| dem Ort den Verkehr mit der Umgegend herstellt. Auch führt nächst dem Ort über den Neckar eine auf 8–10 Schiffen ruhende Brücke, welche im Jahr 1753 statt der bis dahin bestandenen Fähre errichtet wurde. Ein angestellter Schiffmann hat gegen freie Wohnung mit dem Recht zu wirthschaften und gegen etwa 550 fl., welche der Staat reicht, die Schiffbrücke zu unterhalten. Brückengeld wird nicht mehr bezogen. Vor etwa 200 Jahren bestand ungefähr 100 Schritte unterhalb der jetzigen Schiffbrücke eine steinerne Brücke.

An dem östlichen Ende des Dorfs steht die ansehnliche Pfarrkirche mit ihrem massiven, aus fünf Stockwerken bestehenden Thurme, von dem im Jahr 1835 nicht nur das Dach und die zwei obersten hölzernen Stockwerke abbrannten, sondern auch der hölzerne Einbau vom Feuer verzehrt wurde. Letzterer ist inzwischen wiederhergestellt und dem Thurm ein schlankes, mit Schiefer gedecktes Zeltdach aufgesetzt worden; auch wurden die beiden Glocken in den Jahren 1835 und 1836 von Neubert in Ludwigsburg umgegossen. Über dem nördlichen Eingange in den Thurm ist die Jahrszahl 1480 angebracht, welche ohne Zweifel die Zeit der Erbauung angibt. Von dem Thurme genießt man zwar keine ausgedehnte, aber doch eine sehr anziehende Aussicht in das Neckarthal, welches in der Nähe des Orts einen besonders freundlichen Charakter annimmt. Besonders schön nimmt sich das dem Dorf gegenüber liegende Schloß Harteneck aus, hinter dem noch die Spitzen der Kirchthürme von Ludwigsburg und ein namhafter Theil des Schlosses daselbst sichtbar sind; auch die Aussichten in der Richtung gegen Poppenweiler, wie gegen Hoheneck sind sehr freundlich. Das Langhaus der Kirche ist im Laufe der Zeit verändert und mit stylwidrigen oblongen Fenstern versehen worden, dagegen hat sich der Chor mit seinen Strebepfeilern und seinen spitzbogigen, mit schönem Maßwerk gefüllten Fenstern in seiner ursprünglichen germanischen Bauweise noch erhalten. Das Innere hat eine weiße Tünchung, welche frühere Wandgemälde deckt und enthält außer einem gut geschnittenen Holzbild des Gekreuzigten und einer neuen im germanischen Geschmack gefaßten, 1836 gefertigten Orgel, nichts Bemerkenswerthes. An den spitzen Chorbogen ist die Jahrszahl 1468 angebracht. Der mit einem halben Achteck schließende Chor hat ein schönes Kreuzgewölbe, dessen scharfe Gurten von Köpfen etc. ausgehen, an deren Kreuzungspunkte zwei Schlußsteine sich befinden, der eine eine menschliche Maske, der andere einen Christuskopf vorstellend. Die Kirche ist dem heil. Laurentius geweiht und muß von der Stiftungspflege unterhalten werden.

Von dem früher um die Kirche gelegenen Begräbnißplatz besteht| noch die Umfriedigungsmauer; derselbe wurde im Jahr 1836 aufgegeben und dagegen ein neuer außerhalb (östlich) des Orts angelegt.

Das in der Nähe der Kirche angenehm gelegene, wohlerhaltene Pfarrhaus, welches Eigenthum des Staats ist, bildet mit seinen Ökonomiegebäuden, Hofraum und Garten einen freundlichen Pfarrsitz.

Das ziemlich in der Mitte des Dorfs gelegene Schulhaus wurde zu Ende des vorigen Jahrhunderts erbaut und im Jahr 1847 durchgreifend verbessert; es enthält im unteren Stockwerk ein sehr geräumiges Schulzimmer, im oberen die Wohnungen der an der Schule angestellten Lehrer (ein Schulmeister und ein Lehrgehilfe). Überdieß wurde im Jahr 1841 in dem zunächst stehenden Rathhaus ein weiteres geräumiges Lehrzimmer eingerichtet. Eine Industrieschule ist vorhanden.

Das Rathhaus mit Thürmchen und Glocke auf dem First ist schon alt, übrigens noch in gutem Zustande. Im Jahr 1839 wurden zwei Gemeindebackhäuser mit je zwei Öfen mit einem Aufwand von 1600 fl. erbaut, und eine herrschaftliche Zehentscheuer ist im Jahr 1852 von der Gemeinde um 700 fl. erkauft worden.

Eine Kelter mit vier Bäumen steht im Ort und ein Schafhaus am nördlichen Ende des Dorfs.

Der Ort bezieht sein Trinkwasser aus zwei laufenden und einem Pumpbrunnen; erstere erhalten ihr ziemlich gutes und reiches Wasser aus einer 1/4 Stunde vom Ort gefaßten Quelle. In heißen Sommern lassen die Brunnen etwas nach, doch ist seit 35 Jahren kein eigentlicher Wassermangel mehr eingetreten. Von den auf der Markung vorkommenden Quellen ist der 1/4 Stunde oberhalb des Orts entspringende Klingenbrunnen der bedeutendste; ein sog. Hungerbrunnen, der Langenbrunnen genannt, befindet sich in den Weinbergen „Langen.“

Die Einwohner sind im Allgemeinen gesunde, kräftige Leute, die sich in befriedigenden Vermögensumständen befinden. Ihre Haupterwerbsquellen sind Feldbau und Viehzucht; der begütertste Bürger besitzt 50 Morgen, der sog. Mittelstand, welcher zahlreich vertreten ist, etwa 18 Morgen, viele acht Morgen und nur etwa zehn Einwohner haben gar keinen Güterbesitz. Minderbemittelte finden als Taglöhner und Maurer theils im Ort, hauptsächlich aber in der nur 1/2 Stunde südwestlich gelegenen Oberamtsstadt Arbeit und Verdienst. Eine besondere Einnahmsquelle bildet der Milchhandel, den 25–30 Personen nach Ludwigsburg betreiben, wodurch eine Summe von 5–6000 fl. dem Ort jährlich zufließt. Die ansässigen Handwerker dienen, mit Ausnahme einiger nach Ludwigsburg arbeitenden Schuster| und Schneider, nur den örtlichen Bedürfnissen. Schildwirthschaften, worunter eine mit Bierbrauerei, sind drei im Ort; überdieß besteht noch eine weitere Brauerei, auch ist ein Kaufmann im Ort ansässig.

Die schön arrondirte, mittelgroße Markung, welche auf drei Seiten (Norden, Süden und Westen) von dem Neckar begrenzt wird und gleichsam einen flach auslaufenden Bergrücken bildet, ist, mit Ausnahme der Steilgehänge gegen den Neckar, ziemlich eben und größtentheils gegen Osten sanft ansteigend; ihr im Allgemeinen fruchtbarer Boden besteht vorzugsweise aus einem tiefgründigen Diluviallehm, dem sich an den flachen Ausläufern gegen den Neckar etwas Gerölle und Sand beimengt. Im Thal selbst lagert ein schwarzer sandiger Alluvialboden, bei dem stellenweise der Sand und zuweilen Gerölle bedeutend vorherrschen. Auf der Anhöhe „im Sold“ kommt ein ziemlich gebundener, sog. Schlaisboden vor, der übrigens nicht unfruchtbar ist. Die Unterlagen bilden die Lettenkohlengruppe und der Hauptmuschelkalk, welch letzterer an den steilen Thalgehängen zu Tage geht und dessen Verwitterung dort einen wärmehaltenden, kalkreichen, dem Weinbau zuträglichen Boden liefert.

Das Klima ist mild und gesund; Frühlingsfröste sind gerade nicht häufig und Hagelschlag gehört zu den Seltenheiten. Die Ernte tritt um acht Tage früher, als in den meisten umliegenden Orten (z. B. in Ludwigsburg) ein.

Die Landwirthschaft wird mit Anwendung verbesserter Ackergeräthschaften, wie des Suppinger Pflugs, der Walze etc., sehr fleißig betrieben und den etwas düngerbedürftigen Feldern durch reichliche Düngung nachgeholfen. Die Düngerstätten sind meist zweckmäßig angelegt; überdieß wird noch viel Pferdedünger, Gülle etc. in Ludwigsburg aufgekauft und zur Besserung der Felder angewendet. Der Ackerbau, welcher in der üblichen Dreifelderwirthschaft mit beinahe ganz angeblümter Brache betrieben wird, beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Anbau von Dinkel, Hafer und Gerste; in der Brache baut man Kartoffeln, Futterkräuter (dreiblättrigen Klee), Angersen, Ackerbohnen, Mischlingfutter, Hanf, in neuerer Zeit Zuckerrüben, etwas Reps und Mohn; Versuche mit Tabak- und Hopfenbau sind gut gelungen. Der durchschnittliche Ertrag eines Morgens wird zu 8 Scheffel – in günstigen Jahren zu 10 Scheffel Dinkel, 5 Scheffel Gerste und 6–7 Scheffel Hafer angegeben. Die höchsten Preise eines Morgens Acker betragen 500 fl., die mittleren 300 fl. und die geringsten 60 fl. An Früchten werden durchschnittlich 4–500 Scheffel Dinkel und 2–300 Scheffel Hafer nach Außen verkauft.

Der ausgedehnte Wiesenbau, bei dem übrigens keine Wässerung| in Anwendung kommt, liefert nach jährlichem Durchschnitt pr. Morgen 20 Centner Heu und 7 Centner Öhmd, indem letzteres in trockenen Jahrgängen, wegen des sandigen Bodens, öfters gänzlich fehlt. Die Preise der Wiesen bewegen sich zwischen 150 und 400 fl. pr. Morgen.

Der Weinbau, welcher sich hauptsächlich mit Elblingen, Silvanern und in den hohen Lagen mit Trollingern beschäftigt, nimmt mehr und mehr ab, indem viele Weinberge ausgereutet und in Ackerfeld umgewandelt werden. Das Erzeugniß, ein sog. Schiller, gehört zu den mittelguten; ein Morgen erträgt durchschnittlich sechs Eimer und der Eimer kostete in den Jahren 1846 48–66 fl., 1847 17–18 fl., 1848 20–25 fl., 1849 16–18 fl., 1850 16–24 fl., 1851 20–25 fl., 1852 20 fl., 1853 25–36 fl., 1854 32–36 fl., 1857 44–61 fl. Der Wein wird meist nach Ludwigsburg abgesetzt. Die Preise eines Morgens Weinberg bewegen sich zwischen 200 und 400 fl.

Die im Zunehmen begriffene Obstzucht wird nicht in so großer Ausdehnung betrieben, wie in andern Orten des Bezirks, z. B. in Oßweil, Thamm etc., indem das Obst nicht besonders gerne gedeiht. Es werden hauptsächlich Mostsorten, wie Luiken-, Fleineräpfel und Knaus-, Palmisch-, Brat- und etwas Wöhrlensbirnen gezogen; von feineren Sorten pflegt man Borsdorfer, Reinetten, Rosenäpfel etc. Von Steinobst ziemlich viel Zwetschgen, auch sind mehrere schönwüchsige Nußbäume vorhanden. Der Verkauf an Obst ist unbedeutend.

Außer dem wenigen Holz, welches aus einigen Buschwäldchen und von den Weiden im Neckarthale gewonnen wird, muß das Holzbedürfniß von Außen bezogen werden.

An Weiden sind etwa 40 Morgen vorhanden, welche nebst der Brach- und Stoppelweide an einen Pachtschäfer gewöhnlich um 300 fl. jährlich verliehen werden; derselbe läßt im Vorsommer etwa 200 Stücke – im Nachsommer 500 Stücke spanische und Bastardschafe auf der Markung laufen. Die Wolle wird nach Kirchheim abgesetzt.

Die mit einem tüchtigen Neckarschlag sich beschäftigende Rindviehzucht befindet sich in gutem Zustande und wird durch drei Farren, welche ein Bürger im Namen der Gemeinde gegen eine jährliche Entschädigung von 190 fl. hält, nachgezüchtet. Mit Vieh, namentlich mit Stieren, wird auf benachbarten Märkten ein ziemlich lebhafter Handel getrieben.

Eigentliche Schweinezucht besteht nicht, indem die Ferkel in| Ludwigsburg aufgekauft und meist nur für den eigenen Bedarf gemästet werden.

Die Zucht der Ziegen, wie die der Bienen ist von keinem Belang.

Das Fischrecht steht dem Staat zu, der es an einen Ortsbürger um 19 fl. jährlich verpachtet hat.

Über das Vermögen der Gemeinde- und Stiftungspflege s. Tab. III. Bei letzterer sind einige, jedoch nicht bedeutende Stiftungen zur Unterstützung der Hausarmen, zu Anschaffung von Schulbüchern für unbemittelte Kinder und zu Bibeln für Brautpaare vorhanden.

Zur Pfarrei gehören als Filialien das herrschaftliche Brückenhaus links des Neckars auf der Markung von Hoheneck und das Schloß Harteneck auf der Markung von Ludwigsburg.

Auf der nahe (östlich) am Ort gelegenen Flur „Au“ ist man früher mehreremal auf Grundmauern von Gebäuden gestoßen und noch findet man daselbst zuweilen Bruchstücke von römischen Gefässen, die einen hier abgegangenen römischen Wohnplatz anzeigen.

Auf dem Schloßberg 1/2 Stunde nördlich vom Ort wurde ein schön gearbeiteter Ring von Bronce gefunden.

Aller Wahrscheinlichkeit nach gehörte der Ort in frühester Zeit zur Herrschaft Hoheneck und gelangte mit dieser an Württemberg. Letztere Herrschaft, nachdem sie noch 1432 allhier von Hansen dem Hacken Zehenden erworben hatte (Steinhofer 2, 771), verpfändete ihn 1436 mit Hoheneck an Albrecht Spät, löste ihn jedoch bald wieder ein.

In früher Zeit hatten hier Güter die Herzoge von Teck, wenigstens verkaufte dergleichen den 12. Juli 1302 Herzog Hermann von Teck an den Grafen Eberhard von Württemberg (St.A., Sattler Gr. 1, 51).

Sonst waren hier noch begütert u. a. die Nothaften, ferner das Stift Stuttgart, der Spital in Eßlingen (schon 1304), das dortige Augustinerkloster (seit 1337); eine Mühle besaß das Kloster Bebenhausen; Weinzehnten erkaufte im Jahr 1457 das Stift Backnang von den von Iberg.

Letzterem Stift überließen die Grafen Eberhard und Ulrich von Württemberg den 19. Juni 1366 den Kirchensatz und Kirche nebst Widemhof, Kirchenzehnten und Gütern in Neckarweihingen gegen die Kirche zu Lendsiedel (O.A. Gerabronn) an das Stift Backnang und mit diesem Stifte kamen Patronats- und Nominationsrechte an Württemberg zurück, wie sie auch heutzutage der Krone zustehen.

| Im 15. Jahrhundert bestunden hier eine Leutpriesterstelle und drei Frühmessereien.

Mit Hoheneck hatte Neckarweihingen bis zum Jahr 1805 Sitz und Stimme bei den Landtagen.


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