Beschreibung des Oberamts Maulbronn/Kapitel A 3

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III. Einwohner.


A. Bevölkerungsstatistik.[1]
1. Bewegung der Bevölkerung im Allgemeinen.
Nach den hienach beigefügten Übersichten I, II, in denen die ortsangehörige und ortsanwesende Bevölkerung des ganzen Bezirks sowohl als der einzelnen Bezirksorte für verschiedene Zeitabschnitte dargestellt ist, hat sich die ortsangehörige Bevölkerung des Oberamts von 1812–1852 von 19.641 auf 24.515 Personen vermehrt, also um 25 % oder nach jährlichen Durchschnitten um 0,625 %; | von 1854–1858 sank dieselbe sodann herab auf 23.498 Personen, was einer Verminderung des Standes von 1854 um 4 % gleichkommt oder per Jahr um 0,69 % und vermehrte sich von 1858 bis 1867 wieder auf 25.652 Personen oder um 9 %, also jährlich um 1 %. Die ortsanwesende Bevölkerung hat sich im Ganzen in den 18 Jahren 1834–1852 von 21.246 auf 23.523 oder um 10,7 % vermehrt, also jährlich um 0,6 %; in den 6 Jahren 1852–58 dagegen auf 21.492 vermindert, im Ganzen also um 8,63 und jährlich um 1,44 %; während von 1858–67 eine Vermehrung auf 22.351 eingetreten ist, also um 4 % oder durchschnittlich jährlich um 0,44 %. Die ganze Periode von 1834–67, während welcher eine Zählung der ortsanwesenden oder faktischen Bevölkerung Statt fand, zusammengefaßt, ist diese von 21.246 auf 22.351 Personen gestiegen, somit in 33 Jahren um 5,2 %, per Jahr um 0,158 %, was einer Verdoppelung in erst 634 Jahren entspricht.

1

|
I. Übersicht über die Bevölkerung des Oberamtsbezirks im Ganzen und zwar:
in den Jahren I. der orts-
angehörigen
II. der ortsanwesenden nach der 3jährigen Zollvereinszählung.
a) Personen über b) Personen unter c) Im Ganzen
14 Jahren
männl. weibl. zus. männl. weibl. zus. männl. weibl. zus. männl. weibl. zus.
1812[2] 1. November 09.624 10.017 19.641
1823 (1822[3]) 09.834 10.431 20.265
1828 10.288 10.993 21.281
1831 10.611 11.122 21.733
1832 a) nach der jährl. Zählung. 10.658 11.117 21.775
1832 b) nach der 10jähr. Zählung 10.426 11.020 21.446
1834 15. December 10.501 11.020 21.521 6859 7377 14.236 3420 3590 7010 10.279 10.967 21.246
1837 10.772 11.266 22.038 7040 7473 14.513 3331 3541 6872 10.371 11.014 21.385
1840 11.101 11.507 22.608 6853 7442 14.295 3420 3546 6966 10.273 10.988 21.261
1842 11.392 11.678 23.070
1843 11.417 11.770 23.187 7142 7743 14.885 3532 3665 7197 10.674 11.408 22.082
1846 3. December
1846 a) nach der jährl. Zählung. 11.806 12.015 23.821 6945 7567 14.512 3907 3848 7755 10.852 11.415 22.267
1846 b) nach der 14jähr. Zählung 11.655 11.916 23.571
1849 11.970 12.180 24.150 7102 7593 14.695 3907 3860 7767 11.009 11.453 22.462
1852 12.144 12.371 24.515 7894 7779 15.673 3970 3880 7850 11.864 11.659 23.523
1855 11.774 12.074 23.848 6780 7405 14.185 3576 3763 7339 10.356 11.168 21.524
1858 a) nach der jährl. Zählung. 11.895 12.080 23.975 6996 7618 14.614 3396 3482 6878 10.392 11.100 21.492
1858 b) nach der 12jähr. Zählung 11.593 11.905 23.498
1861 12.004 12.345 24.349 7156 7779 14.935 3532 3539 7071 10.688 11.318 22.006
1862 12.119 12.441 24.560
1864 12.394 12.705 25.097 7173 7743 14.916 3645 3698 7343 10.818 11.441 22.259
1867 12.699 12.983 25.652 6996 7658 14.654 3808 3889 7697 10.804 11.547 22.351
|
II. Übersicht über den Stand der Bevölkerung in sämtlichen Gemeinden des Bezirks und zwar auf
Gemeinden. 1. Nov. 1812. 1. Nov. 1823. 15. Dec. 1834. 3. Dec. 1846. 3. Dec. 1858. 3. Dec. 1867.
Ortsange-
hörige.
Ortsange-
hörige.
Ortsange-
hörige.
Ortsan-
wesende.
Ortsange-
hörige.
Ortsan-
wesende.
Ortsange-
hörige.
Ortsan-
wesende.
Ortsange-
hörige.
Ortsan-
wesende.
01) Maulbronn 463 472 533 640 771 880 831 858 852 867
02) Derdingen 1887 1737 1796 1723 1945 1766 2089 1764 2232 1902
03) Diefenbach 702 735 772 720 827 683 792 659 787 669
04) Dürrmenz 1981 2099 2151 2105 2369 2341 2470 2248 2728 2570
05) Enzberg 945 1016 1149 1164 1279 1168 1246 1123 1389 1242
06) Freudenstein 666 729 774 873 845 838 862 731 910 785
07) Gündelbach 764 709 724 756 795 755 781 738 819 726
08) Illingen 1246 1323 1346 1339 1472 1424 1361 1255 1475 1193
09) Klein-Villars 194 206 209 216 247 219 253 211 254 221
10) Knittlingen 2512 2580 2771 2760 3025 2706 2718 2463 2907 2538
11) Lienzingen 677 743 889 860 930 870 986 937 1024 902
12) Lomersheim 750 746 747 749 817 752 816 746 822 759
13) Ölbronn 737 783 879 832 888 818 847 751 853 764
14) Ötisheim 1241 1297 1253 1190 1373 1289 1451 1281 1624 1393
15) Pinache 343 318 367 362 434 389 469 387 474 427
16) Schmie 425 409 430 401 499 468 533 510 613 532
17) Schönenberg 172 160 147 147 165 157 198 165 199 168
18) Schützingen 733 828 818 819 853 738 841 695 829 710
19) Serres 179 164 208 202 224 222 223 232 273 263
20) Sternenfels 685 728 838 812 1012 930 1035 869 1184 967
21) Wiernsheim 851 923 977 989 1129 1099 1120 1051 1203 1029
22) Wurmberg 875 941 1110 1056 1171 1031 1235 1106 1403 1078
23) Zaisersweiher 613 619 633 531 751 724 818 712 798 646
Oberamtsbezirk 19.641 20.265 21.521 21.246 23.821 22.267 23.975 21.492 25.652 22.351
| Die anfangs der 50er Jahre über Württemberg hereingebrochene wirthschaftliche Krisis äußerte sich, wie überhaupt beinahe im ganzen Land, so namentlich auch im Oberamt Maulbronn durch einen Rückgang der Bevölkerung, der hauptsächlich in den Zahlen der ortsanwesenden oder faktischen Bevölkerung von 1852–58 ersichtlich ist, welche ungeachtet des seit 1858 wieder eingetretenen Zuwachses den Stand von 1852 noch nicht wieder erreicht hat. Auch aus der Übersicht II ist dieß ersichtlich, indem es nur 5 unter den 23 Gemeinden des Oberamtsbezirks sind, die in der Periode von 1846–58 nicht eine Verminderung ihrer ortsanwesenden Bevölkerung erlitten hätten, nämlich Lienzingen, Schmie, Schönenberg, Serres und Wurmberg. In den einzelnen Jahrzehnten war der Bevölkerungszuwachs folgender:

Auf je 1000 Personen betrug derselbe durchschnittlich jährlich

in der Periode im ganzen
Land
im Neckar-
kreis
im O.A.-Bezirk
Maulbronn
O.Z.
1812–22 5,50 5,80 2,30 63
1822–32 9,16 9,34 8,33 40
1832–42 8,58 8,50 7,32 41
1842–52 5,59 6,44 6,26 22

sodann der natürliche Zuwachs oder der Überschuß der Geburten über die Todesfälle war:

1812–22 6,14 07,52 08,11 19
1822–32 9,54 10,72 11,73 14
1832–42 8,92 09,46 08,61 36
1842–52 9,05 10,42 10,49 15

Nach dem 40jährigen Durchschnitt von 1812–52 gehört der Bezirk Maulbronn zu denjenigen des Landes, welche mit 109,73 Geborenen auf 100 Gestorbene (O.Z 19) einen starken, natürlichen Bevölkerungszuwachs zeigten. Der Rückgang der Bevölkerung in den Jahren 1852–58 ist daher um so sicherer auf Rechnung jener bekannten, damals in Folge der Kartoffelkrankheit und der Bewegungsjahre über das ganze Land gekommenen wirthschaftlichen Krisis zu setzen, als Maulbronn in den Jahren 1852–58 in Beziehung auf die Zahl der Auswanderer, den meisten andern Bezirken voranging, und dieselben Wirkungen auch in den andern Bezirken der Neckargegend und des Schwarzwalds hervorgetreten sind.

Von 1842–52 war nämlich der Überschuß der Auswanderer über die Einwanderer im O.A. Maulbronn durchschnittlich jährlich 96.

Von 1852–53 betrug derselbe   354
1853–54 653
1854–55 116
1855–56 86
1856–57 89
1857–58 79
von 1852–58 durchschnittl. jährlich 1377 = 229.
6
| mithin in diesen 6 Jahren mehr als das Doppelte des Durchschnitts von 1842–52. Auch in frühern Zeiten war die Auswanderung im Bezirk sehr stark und zwar von 1812–22 (Theuerung und gesunkene Güterpreise) so, daß das Oberamt ungeachtet eines starken Überschusses der Geburten doch unter allen den geringsten Volkszuwachs zeigte. Ebenso zählte Maulbronn von 1822–32 die meisten Auswanderer.

Berechnungen über die Verhältnisse des natürlichen Zuwachses bei den einzelnen Bezirken in den auf 1852 folgenden Jahren fehlen zwar noch; indessen ist nicht zu bezweifeln, daß dieser, wie im ganzen Land, so auch im Bezirk Maulbronn in damaliger Zeit erheblich geringer war als vorher; denn während die absolute Zahl des Überschusses der Geborenen über die Gestorbenen von 1842–52 durchschnittlich jährlich 247 war und im Jahr 1852–53 sich noch auf 256 Personen berechnete, war dieselbe 1853–54 : 170 und 1854–55 nur noch 7, im Jahr 1855–56 zwar wieder 204, im Jahr 1856–57 dagegen nur 103 und 1857–58 – 81.

2. Geburten insbesondere.

Die Zahl der Geborenen verhält sich zur Einwohnerzahl nach jährlichen Durchschnitten

von im ganzen
Land
im Neckar-
kreis.
im Oberamt
Maulbronn.
O.Z.
1812–22 1 : 26,25 1 : 26,03 1 : 25,62 21
1822–32[4] 1 : 26,10 1 : 26,10 1 : 26,30 35
1832–42 1 : 23,12 1 : 22,90 1 : 23,80 38
1842–52 1 : 24,85 1 : 24,59 1 : 25,60 39
1846–56[5] 1 : 26,30 1 : 26,64 1 : 25,97 28.

Nach diesen Zahlen erscheint die Geburtenziffer, was die Periode 1812–52 anbelangt, im Oberamt Maulbronn nur von 1812–22 größer als das Landesmittel und das des Neckarkreises, in der 30jährigen Periode von 1822–52 aber geringer, im Ganzen als eine mittelmäßige; wenn daher oben in Beziehung auf den natürlichen Zuwachs gesagt ist, daß dieser bei Maulbronn ein verhältnißmäßig starker sei, so ist der Grund hievon hauptsächlich auch in der sehr geringen Sterblichkeit der Jahrzehnte 1822–32 und 1842–52 gelegen, wie dieß aus der dem Abschnitt 3 beigegebenen Zusammenstellung ersichtlich ist.

| Das Verhältniß der unehelich Geborenen zu den Geborenen überhaupt war:
von in Württemberg im Neckarkreis im Oberamt
Maulbronn.
O.Z.
1812–22 1 : 9,08 1 : 10,6 1 : 09,17 29
1822–32 1 : 8,10 1 : 09,2 1 : 09,80 17
1832–42 1 : 8,68 1 : 10,1 1 : 10,00 23
1842–52 1 : 8,35 01 : 09,69 1 : 07,95 41

In Beziehung auf das Vorherrschen der männlich Geborenen nahm der Bezirk von 1842–52 eine hervorragende Stelle ein, denn es kommen in dieser Periode auf 100 weiblich Geborene männlich Geborene:

in Württemberg im Neckarkreis im Oberamt Maulbronn O.Z.
106,28 106,33 110,30 2

Die Extreme waren die Oberämter Neresheim mit 101,89 und Herrenberg mit 111,27; dagegen zeigt sich bei Maulbronn dieses Verhältniß nicht so günstig für die Periode 1846–56, denn nach den im Jahrgang 1856 auf Grund der Aufnahmen des Medicinalkollegiums veröffentlichten Tabellen kommen für diese Zeit auf je 100 weiblich Geborene männlich Geborene:

in Württemberg im Neckarkreis im Oberamt Maulbronn O.Z.
106,31 105,67 106,03 36

Den größten Überschuß an männlich Geborenen hatte von 1846 bis 1856 das Oberamt Waldsee mit 112,10, den geringsten das Oberamt Aalen mit 101,48.

Es kamen ferner von 1842–52:

1) Auf 100 ehelich weiblich Geborene, ehelich männlich Geborene:

im ganzen Land im Neckarkreis im Oberamt Maulbronn O.Z.
106,51 106,53 110,57 3

2) Auf 100 unehelich weiblich Geborene, unehelich männlich Geborene

104,57 104,61 108,47 19

Außerdem sind aus den im Jahrgang 1856 der württembergischen Jahrbücher von Finanzassessor v. Sick bearbeiteten Aufnahmen des Medicinalkollegiums von der 10jährigen Periode 1. Juli 1846–56 noch folgende Verhältnißzahlen über Zahl und Verlauf der Geburten im Bezirk Maulbronn vorzumerken:

Die Zahl der Geburten verhielt sich zu der Zahl der über 14 Jahre alten Personen weiblichen Geschlechts:

im ganzen Land im Neckarkreis im Oberamt Maulbronn O.Z.
1 : 9,39 1 : 9,36 1 : 8,87 21

Dabei sind unter 100 Geburten

im ganzen
Land
im Neckar-
kreis
im Oberamt
Maulbronn
O.Z.
Zwillings-Geburten
1,28 1,23 1,02 61
Drillings- u. s. w. Geburten
0,01 0,01 0,01 26
| Es kamen ferner vom 1. Juli 1846–56 unreif Geborene:
im ganzen
Land
im Neckar-
kreis
im Oberamt
Maulbronn
O.Z.
auf 100 Geborene überhaupt
3,43 3,75 2,28 1
auf 100 männlich Geborene
3,70 3,94 2,68 4
auf 100 weiblich Geborene
3,16 3,54 1,86 1
Todtgeborene
auf 100 natürliche Geburten
2,90 3,46 3,64 57
auf 100 künstliche Geburten
26,250 31,700 39,620 59
auf 100 Geborene überhaupt
4,07 4,82 4,71 44
     Von 100 Gebärenden wurden künstlich entbunden:
5,26 5,01 3,10 3
     Von 100 Gebärenden starben Mütter:
bei natürlichen Geburten
0,14 0,15 0,05 8
bei künstlichen Geburten
0,22 0,22 0,15 9
unentbunden
0,03 0,03 0,02 22
bei Geburten überhaupt
0,39 0,40 0,22 5
Auf 100 Geburten kamen:
Kaiserschnitte
0,02 0,01
Zerstückelungen
0,04 0,04 0,03 37
Zangengeburten
2,09 1,80 0,92 3
Manuelle Operationen
2,09 2,12 1,51 8
Nachgeburtslösungen
1,98 2,07 1,30 9
Geburtshilfliche Operationen
     überhaupt
6,22 6,04 3,76 3

Das sehr günstige Verhältniß der künstlichen Geburten zu den natürlichen, welch erstere im Oberamt Maulbronn vergleichungsweise selten vorkommen, wird auch durch neuere Beobachtungen bestätigt. (S. unten S. 64).

3. Todesfälle.

Das Verhältniß der Gestorbenen zu der Bevölkerung nach jährlichen Durchschnitten der Gestorbenen (einschließlich der Todtgebornen) mit der Bevölkerung war

in der Periode im ganzen
Land
im Neckar-
kreis
im Oberamt
Maulbronn
O.Z.
1812–22 1 : 31,30 1 : 32,43 1 : 32,30 32
1822–32 1 : 34,20 1 : 35,40 1 : 37,30 16
1832–42 1 : 28,81 1 : 29,00 1 : 26,60 54
1842–52 1 : 31,78 1 : 33,05 1 : 34,99 12
1846–56[6] 1 : 31,64 1 : 33,50 1 : 33,58 19
wobei der Einfluß, den die geringe Sterblichkeit des Bezirks in den | Jahrzehnten 1822–32 und 1842–52 auf den natürlichen Zuwachs äußerte, hervorzuheben ist.

In Beziehung auf das Geschlecht der Gestorbenen ergeben sich für die zwei Perioden 1842–52 und 1846–56 folgende Verhältnißzahlen:

Es kamen:

a) in Württemberg b) im Neckarkreis c) im Oberamt
Maulbronn
O.Z.
  v. 1842/52 v. 1846/56 v. 1842/52 v. 1846/56 v. 1842/52 v. 1846/56
1) auf 100 weibliche Gestorbene männliche Gestorbene 104,66 103,08 107,61 103,70 107,55 95,81 55
2) auf 1 männlich Gestorbenen männliche Einwohner 30,46 30,18 31,75 32,13 33,39 33,70 16
3) auf 1 weiblich Gestorbene weibl. Einwohner 33,15 33,16 34,42 33,96 36,72 33,47 8

Die Zahlen zu 2 und 3 zeigen in Übereinstimmung mit der vorhergehenden Übersicht, wonach die Sterblichkeitsziffer im Verhältniß zu den Lebenden für die Periode 1842–52 im Oberamte Maulbronn überhaupt eine geringe ist, sowohl bei der männlichen, als bei der weiblichen Bevölkerung des Bezirks relativ günstige Proportionen im Verhältniß zur Einwohnerschaft überhaupt; während jedoch nach den zu 1 gegebenen Ziffern die Sterblichkeit der männlichen Bevölkerung, verglichen mit der der weiblichen, eine weit größere ist, entsprechend der oben dargestellten größern Zahl männlich Geborener in diesem Zeitraum.

Überhaupt aber war in den längs der westlichen Landesgrenze gelegenen Bezirken von Oberndorf bis Maulbronn, Heilbronn, Neckarsulm die Sterblichkeit des männlichen Geschlechts von 1842 bis 1852 verhältnißmäßig die größte und es zeigt sich im Oberamte Maulbronn auch für 1846–56 eine relativ große Sterblichkeit unter der männlichen Bevölkerung, obgleich nach dieser Aufnahme die männliche Geburtsziffer nicht so günstig erscheint.

Über das Alter der Gestorbenen in der Periode 1. Juli 1846 bis 1856 geben folgende Zahlen Aufschluß:

Von 100 Lebendgeborenen starben im ersten Lebensjahr:

1) in Württemberg 2) im Neckarkreis 3) im Oberamt Maulbronn O.Z.
34,78 30,25 27,14 6

Maulbronn gehört also zu denjenigen Bezirken, wo die Kindersterblichkeit verhältnißmäßig nur schwach auftritt, denn diese ist hauptsächlich auf der Alb und in Oberschwaben verbreitet (s. auch unten S. 65).

Unter 100 Gestorbenen inclusive Todtgeborenen standen ferner in der Periode 1. Juli 1846–56

|
1) in Württem-
berg
2) im Neckar-
kreis
3) im Oberamt
Maulbronn
im 01. 00Lebensjahr 42,18 38,55 35,52
02–07. 09,99 10,74 11,65
08–14. 02,39 02,63 03,25
15–20. 01,91 02,15 02,56
21–45. 10,83 12,10 10,68
46–70. 20,69 22,13 25,14
über dem 70. 12,01 11,70 11,20

Während hienach im Oberamt Maulbronn die Sterblichkeitsziffer für das erste Lebensjahr verhältnißmäßig sehr nieder erscheint, ist sie für das 2–20. Lebensjahr eine viel größere als im Neckarkreis und im ganzen Land, im 21–45. Jahr dagegen abermals geringer.

Bei der Zählung im Jahr 1846 befand sich Maulbronn unter denjenigen westlich von einer Linie Maulbronn, Calw, Rottweil gelegenen Bezirken, in denen die wenigsten über 70 Jahre alten Personen gezählt worden sind, und da nach obiger Übersicht die Sterblichkeitsziffer für die 46–70 Jahre alten eine verhältnißmäßig hohe ist, so dürfte dieß dafür sprechen, daß die Bevölkerung des Bezirks in früheren Perioden ein hohes Lebensalter nicht erreichte, woraus zugleich erklärlich ist daß die Altersklassen der über 70 Jahre alten bei ihrer schwachen Besetzung von 1846–56 ein geringeres Procent zur Gesamtzahl der Verstorbenen beitrugen. Dagegen scheint die Lebensdauer nach den unten (S. 65) gegebenen weiteren Notizen aus neuerer Zeit in dieser allerdings erheblich zugenommen zu haben.

Von 100 Gestorbenen inclusive Todtgeborenen starben ferner in den Monaten

April bis Juni Juli bis Sept. Okt. bis Dec. Jan. bis März
in Württemberg
23,63 24,16 24,76 27,45
im Neckarkreis
22,45 24,59 25,26 27,70
im Oberamt Maulbronn
21,46 24,90 25,54 28,10

Von 100 Gestorbenen exclusive Todtgeborenen haben im Zeitraum von 1. Juli 1846–56

in Württem-
berg
im Neckar-
kreis
im Oberamt
Maulbronn
ärztliche Hilfe genossen
45,36 50,95 42,08
keine solche genossen
54,64 49,05 57,92

Ferner waren unter 100 Gestorbenen exclusive Todtgeborenen:

in Württem-
berg
im Neckar-
kreis
im Oberamt
Maulbronn
Verunglückte
0,85 0,90 0,63
Selbstmörder
0,36 0,44 0,27
und kamen Einwohner
auf 1 Unglücksfall
3872 3944 5611
auf 1 Selbstmord
9270 8082 13.2020.
| und es trifft
in Württem-
berg
im Neckar-
kreis
im Oberamt
Maulbronn
1 Selbstmord auf
6291 5451 8686

über 14 Jahre alte Einwohner.

Die Verhältnißzahlen bezüglich der Selbstmorde und Unglücksfälle sind somit für den Bezirk Maulbronn durchaus günstige.

4. Trauungen.

Die Zahl der getrauten Paare war in den 20 Jahren von 1838–57 nach der im Jahr 1858 veranstalteten Aufnahme im Oberamte Maulbronn 2907, welche sämtlich von der evangelischen Kirche getraut worden sind. Es waren hierunter nur 22 gemischte Ehen und zwar 14 bei denen der Bräutigam evangelisch und 8 bei denen er katholisch war. Über das Alter der Brautpaare ist folgendes erhoben worden:

Es waren unter 2907 getrauten Paaren oder 5814 getrauten Personen

  Übersicht der
Bräutigame
welche alt waren
weniger als
Summe der
Bräutigame
die alt waren
weniger als
1. a) Bräutigame von weniger als 25 Jahren 238
1. b) Bräute
weiger a 20 Ja 152 25 J. 86
2. a) Bräutigame von 25–300 Jahren 1529 30 J. 1615
2. b) Bräute
20–25 Ja 1175 30 J. 440
3. a) Bräutigame
30–40 Ja 800 40 J. 1240
3. b) Bräute
25–30 Ja 933 40 J. 307
4. a) Bräutigame
40–50 Ja 236 50 J. 543
4. b) Bräute
30–40 Ja 513 50 J. 30
5. a) Bräutigame von über 500 Ja 104 134
5. b) Bräute
0 400 Ja 134 0

Nach dem Civilstand klassificiren sich diese Trauungen folgendermaßen:

Es waren:

a) Jung-
frauen
b) Wittwen c) geschiedene
Frauen
zus.
1) Trauungen von Junggesellen mit 2184 138 15      2337
2) Trauungen von Wittwern mit 468 60 6      534
3) Trauungen von geschiedenen Männern mit 27 6 3      36
2679 204 24      2907
| Das Lebensalter der mittleren Verheirathungswahrscheinlichkeit ist nach der vorgenommenen besonderen Zählung der ortsanwesenden Bevölkerung Württembergs pro 3. December 1861 nach Altersklassen und den hienach gefertigten Berechnungen:
für männliche
Personen
      für weibliche
Personen
im Bezirk Maulbronn     
das 29. Jahr das 27. Jahr
im Neckarkreis
31. 29.
in Württemberg
31. 29.

Es waren ferner damals unter 1000 Einwohnern verheirathet oder verheirathet gewesen

in Württemberg im Neckarkreis im Oberamtsbezirk
Maulbronn
375 360 370

Es waren verheirathet unter 100 25–30 Jahre alten

männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl.
Personen Personen Personen
31,3 44,7 34 47 41 54

und waren unverheirathet unter 100 40–45 Jahre alten

männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl.
Personen Personen Personen
12,2 17,4 11 17 09 16

Das mittlere Lebensalter der Verheiratheten war bei den

männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl.
Personen Personen Personen
46,4 42,8 45,9 41,9 45,1 41,4

und die Altersdifferenz der Verheiratheten betrug somit

3,6 4 3,7

Schließlich folgt eine Tabelle über die Häufigkeit der Ehen in der 20jährigen Periode von 1838–57, worin sich die Abnahme der Trauungen im Oberamtsbezirk Maulbronn in der Periode 1851 bis 1854 als eine Wirkung der Eingangs erwähnten wirthschaftlichen Krisis bemerklich macht, während der Bezirk nach den voranstehenden Zahlen, wie die meisten anderen Oberämter der Schwarzwald- und Neckargegend zu denjenigen gehört, in welchen im allgemeinen häufig und frühzeitig geheirathet wird.

|
Es war: I. in der 8jährigen Periode
von 1838–1845

die durchschnittliche Zahl der
jährlichen
II. in der 5jährigen Periode
von 1846–1850

die durchschnittliche Zahl der
jährlichen
III. in der 4jährigen Periode
von 1851–1854

die durchschnittliche Zahl der
jährlichen
IV. in der 3jährigen Periode
von 1855–1857

die durchschnittliche Zahl der
jährlichen
Trauun-
gen.
orts-
angehörigen
Einwohner.
das Verhältniß
beider.
Trauun-
gen.
orts-
angehörigen
Einwohner.
das Verhältniß
beider.
Trauun-
gen.
orts-
angehörigen
Einwohner.
das Verhältniß
beider.
Trauun-
gen.
orts-
angehörigen
Einwohner.
das Verhältniß
beider.
im
Oberamt
Maulbronn
157 22.947 1 : 146 153 23.770 1 : 155 118 24.419 1 : 207 139 23.894 1 : 172
im
Neckar-
kreis
3547 473.759 1 : 134 3479 495.926 1 : 143 2487 505.115 1 : 203 2725 498.530 1 : 183
in
Württem-
berg
12.737 1.705.431 1 : 134 11.921 1.776.671 1 : 149 9077 1.803.066 1 : 199 9660 1.788.170 1 : 185
|
5. Vertheilung der Bevölkerung nach Religion, Familien-Verhältniß, Alter, Geschlecht, Beruf etc.

Die Vertheilung der Bevölkerung unter die verschiedenen Religionsbekenntnisse war folgende. Es wurden gezählt:

Lutherische. Reformirte. Zusammen
Evangelische.
Katholiken. Von andern
christlichen
Bekenntnissen
Israeliten. Zusammen
Ortsange-
hörige.
1. Nov. 1812 18.387 1203 19.590 26 25 19.641
1. Nov. 1832 20.981 0403 21.384 48 14 21.446
3. Dez. 1846 23.502 66 03 23.571
3. Dez. 1858 23.410 62 26 23.498
3. Dez. 1867 22.245 99 07 Ortsanwesende
22.351.

In ganz Württemberg wurden 1812 2246 und im Jahr 1834 noch 1338 Reformirte gezählt, wovon also auf das Oberamt Maulbronn wegen der Ende des 17. Jahrhunderts in den Orten Groß- und Klein-Villars, Serres, Pinache etc. angesiedelten Waldenser 54, beziehungsweise noch 30 % kamen. Solche wurden jedoch schon 1823 dem Organismus der evangelischen Kirche einverleibt und daher 1832 letztmals besonders aufgenommen. Von da an wurden sie wie die übrigen Reformirten des Landes mit den Lutherischen zusammen als Evangelische gezählt.

In Beziehung auf den Familienstand vertheilte sich die Bevölkerung nach den 4 letzten Zählungen zu Zollvereinszwecken folgendermaßen. Es wurden gezählt:

am Unverheirathete Verheirathete Verwittwete Geschied. Zusammen.
3. Dez. männl. weibl. männl. weibl. m. w. m. w. männl. weibl.
1858 6542 6957 3333 3345 508 767 09 31 10.392 11.100
1861 6741 7089 3440 3438 493 752 14 39 10.688 11.318
1864 6688 7007 3620 3627 494 767 16 40 10.818 11.441
1867 6593 6988 3714 3745 484 785 13 29 10.804 .11.547.

Nach der Aufnahme der ortsanwesenden Bevölkerung pro 3. Dezember 1861 war Maulbronn nächst Freudenstadt derjenige Bezirk, in welchem am wenigsten Wittwen gezählt worden sind.

Es kamen nämlich auf 1000 Ortsanwesende

die meisten die wenigsten
auf das Oberamt
Tübingen mit 42. Freudenstadt mit 31.
Balingen mit 41. Maulbronn mit 34.

Das Verhältniß der männlichen und weiblichen Einwohner war folgendes: Es kamen auf je 100 männliche ortsanwesende Einwohner weibliche:

|
in Württemberg im Neckarkreis im OA. Maulbronn
1858 107,48 106,01 106,81
1861 107,30 106,50 105,90
1864 107,00 105,00 105,00
1867 107,00 106,00 107.00

Die Zahl der Ausländer war verhältnißmäßig im Oberamt Maulbronn immer gering. Sie betrug

      in Württemberg im Neckarkreis im OA. Maulbronn
auf je 1000
Einw.
auf je 1000
Einw.
auf je 1000
Einw.
1861 19.006 11 6110 12 091 04
1864 20.881 12 7707 15 198 09
1867 34.457 19 11.1380. 21 224 10.

Der Bezirk gehört zu den dichter bevölkerten des Landes, denn es kamen ortsanwesende Einwohner auf eine geographische □Meile:

in Württemberg im Neckarkreis im OA. Maulbronn
1858 4773 8054 5678
1861 4851 8230 5814
1864 4935 8474 5880
1867 5020 8671 5905.

Die Vertheilung der Bevölkerung über den Bezirk ist ausnahmsweise derartig, daß gerade der Sitz des Bezirkamtes, Maulbronn, nicht zu den bevölkertsten Orten des Oberamts gehört und daß dasselbe überhaupt gar keine Gemeinde besitzt, die auch nur 3000 Einwohner zählt. Die verhältnißmäßig bevölkertsten Orte des Bezirks sind nach der Zählung von 1867:

Das Pfarrdorf Dürrmenz mit 2570 Einwohnern,
und die Stadt Knittlingen mit 2538
     sodann folgen
6 Gemeinden mit 1000–2000, zusammen 7837
11 Gemeinden, worunter Maulbronn, mit 500 bis 1000 Einwohnern, zusammen mit 8327
4 Gemeinden mit weniger als 500 Einwohnern, zusammen mit 1079
Zusammen     
22.351 Einwohner.

Es kamen also auf die 8 größern Gemeinden mit mehr als 1000 Einwohnern 12.945 Personen oder 58 %, auf die kleinern von weniger als 1000 Einwohnern 9406 Personen oder 42 % der Bevölkerung des Bezirks.

Nach den angeordneten besondern Zählungen der ortsanwesenden Bevölkerung Württembergs vom 3. Dezember 1861 und 1867 nach Altersjahren war im Oberamtsbezirk Maulbronn:

|
im Alter
von Jahren
am 3. December 1861
die Zahl der
      am 3. December 1867
die Zahl der
      Ledigen Verheiratheten od.
Verheirathetgewes.
Ledigen Verheiratheten od.
Verheirathetgewes.
männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl.
0–05 1685 1665 1582 1592
5–10 1100 1091 1363 1371
10–15 1144 1199 1079 1132
15–20 1144 1178 11 906 973 2 6
20–25 761 757 22 232 689 713 44 180
25–30 392 366 269 432 434 387 354 542
30–35 147 200 483 520 163 196 448 590
35–40 133 172 526 550 98 147 517 517
40–45 57 104 548 532 73 136 530 546
45–50 64 104 448 461 67 103 514 512
50–55 28 81 480 464 64 64 417 444
55–60 34 65 391 381 40 74 438 409
60–65 24 39 329 272 19 50 350 337
65–70 12 46 212 183 19 41 264 202
70–75 8 16 127 91 8 20 175 130
75–80 3 7 62 52 4 11 88 68
80–85 4 28 18 2 23 19
85–90 7 4 1 6 7
über 90 1
6736 7094 3932 4203 6608 7013 4170 4510

21.965.

22.301.

Auf je 10.000 Einwohner kamen ferner Personen nach der Zählung vom

3. December 1861: 3. December 1867:
von
Jahren
zus. in
Württemberg
zus. im Ober-
amt Maulbronn
zus. in
Württemberg
zus. im Ober-
amt Maulbronn
0–05 1261 1525 1212 1423
5–10 939 998 1027 1226
10–15 1028 1067 906 992
15–20 1090 1062 940 846
20–25 910 807 897 729
25–30 718 664 832 770
30–40 1244 1243 1277 1200
40–50 1100 1055 1116 1113
50–60 944 876 908 874
60–70 535 508 630 575
70–80 199 167 217 226
80–90 31 28 36 26
über 90 0,6 2
| Auch in der aus der Zählung von 1867 im Vergleich mit derjenigen von 1861 ersichtlichen schwachen Besetzung der Altersklasse der 15–20jährigen, oder der in den Jahren 1848–1852 Geborenen, ist der Einfluß des anfangs der 1850er Jahre vorhanden gewesenen Nothstandes ersichtlich, sofern derselbe eine Abnahme der Geburten zur Folge hatte.

Bei der angeordneten besondern Zählung der ortsanwesenden Bevölkerung pr. 3. December 1864 nach Familienstand wurden 4786 Haushaltungen gezählt, während die Zollvereinszählung 4791 Familien ergibt, von denen somit einige in eine Haushaltung vereinigt sind. Unter jenen 4786 Haushaltungen sind nun begriffen:

1) Solche, die nicht mehr als 5 Personen umfassen 3250 oder 68 %,
2) Solche, deren Vorstände verheirathete Männer sind 3517
73 %,
3) Haushaltungen mit Kindern unter 14 Jahren 3008
63 %,
4) Haushaltungen mit nicht mehr als 2 Kindern unter 14 Jahren 1774
37 %,
5) Haushaltungen mit Personen über 14 Jahren, ausgenommen den Hausherrn und die Hausfrau 3148[7]
66 %,
6) Haushaltungen mit nicht mehr als 2 solcher Personen über 14 Jahre 2261
47 %,
7) Haushaltungen mit Dienstboten 667
14 %,
8) Haushaltungen mit nicht mehr als 2 Dienstboten 593
12 %.

Ferner kamen nach dieser Zählung auf 100 Haushalte im Oberamtsbezirk Maulbronn:

Personen überhaupt 464, OZ. 41,
Vorstände nebst Ehefrauen 176,
Kinder (Personen unter 14 Jahren) 153, OZ. 10,
Erwachsene Hausgenossen (Personen über 14 Jahren) 135, OZ. 55.

Im Vergleich mit andern Bezirken kommen im Oberamt Maulbronn bei einer im ganzen nicht starken Zahl der Haushaltungsmitglieder auf diese relativ viele Kinder und wenig Erwachsene, wozu die geringe Zahl der Dienstboten vieles beiträgt, wie folgende Vergleichung zeigt:

Unter 4329 Haushaltungen im Oberamt Waldsee und 4786 im Oberamt Maulbronn sind solche

im Oberamt
Waldsee
im Oberamt
Maulbronn
mit 1 Dienstboten 608 497
2 300 096
|
3 191 046
4 105 016
5 068 009
6 025 001
7 010 00.2.

Schließlich ist noch der im Jahr 1853 veranstalteten Aufnahme der Irren, Kretinen, Taubstummen und Blinden zu erwähnen, wornach sich für den Oberamtsbezirk Maulbronn folgende Verhältnißzahlen ergeben.

Es wurden gezählt:

in Württemberg im Neckarkreis im OA. Maulbronn
auf Einwohner O.-Z.
1 Irre
0943 0871 1114 21
1 Kretine
0484 0462 0395 51
1 Taubstummer
0962 0906 0766 46
1 Blinder
1194 1165 1226 31.

Die Zahl der Kretinen war somit verhältnißmäßig nicht unbedeutend; es kamen nämlich

in
Schützingen
1 Kretine auf 071 Einwohner,
Ötisheim
1 145
Derdingen
1 204

Die Ursache soll namentlich auch in den mit Gips durchsetzten Keupermergeln liegen, welche das Trinkwasser ungesund machen.

Nach der mit der Zollvereinszählung im Jahr 1861 verbunden gewesenen Aufnahme wurden gezählt:

Irrsinnige 5, Blödsinnige 40, Taubstumme 32, Blinde 5.

Dagegen war im Jahr 1853 die absolute Zahl derselben

Irrsinnige 22, Blödsinnige 62, Taubstumme 32, Blinde 20.


B. Stamm und Eigenschaften der Einwohner.[8]
Von welchem Einfluß die Verhältnisse des Landes in Bezug auf Erhebung über das Meer, auf Beschaffenheit des Bodens und des Klimas auf die Beschaffenheit der Bevölkerung, besonders in Absicht auf Körperkraft und Gesundheit sind, zeigt sich in dem Bezirk Maulbronn, der oberflächlich betrachtet keine besondern Gegensätze darbietet, in sehr bestimmter Weise. Wie das Klima durch Meereshöhe, Terrain- und Gebirgsformations-Verhältnisse bedingt ist, so ist der körperliche Zustand der Bewohner, ihre Leistungsfähigkeit, Gesundheit, selbst ihre äußere Kultur zu einem großen Theile | abhängig von dem Klima. Während dieses in dem hochgelegenen südlichen Theile des Bezirks (bis auf 1446 par. F. über dem Meer) in der unmittelbaren Nachbarschaft des sog. Hagenschießes ziemlich rauh und schneereich ist, zeichnet sich die nördliche, östliche und besonders die westliche Grenze des Bezirks durch mehr oder weniger mildes, dem Weinbau günstiges Klima aus. Der Bezirk Maulbronn zerfällt von diesem Gesichtspunkt aus in folgende natürliche Gruppen: 1) Die Bewohner der sog. Platte, d. h. der nordöstlichen Abdachung der Muschelkalkhöhen jenseits der Enz (Wurmberg, hart am Hagenschieß, Wiernsheim, Pinache mit Parzellen); 2) die Bewohner des Enzthales von Enzberg bis Lomersheim, wozu geographisch die Orte Ötisheim mit Parzellen, Lienzingen, Illingen und Schmie gehören; 3) die des Metterthales von Zaisersweiher bis Gündelbach, mit dem seitwärts liegenden Diefenbach; 4) die des südwestlichen Theiles des Kraichgaus, von Sternenfels bis Knittlingen, mit Derdingen, Großvillars, Freudenstein und Parzellen; 5) die Bewohner der dem kleinen Flußgebiet des in den Rhein mündenden Flüßchens Salza (Salbach) angehörigen Thalabhänge, Maulbronn, Ölbronn mit Kleinvillars. Während die Bewohner der Gruppe unter 1) und zum Theil von 2) und 5) sich durch kräftigeren Körperbau, mehrentheils auch durch höhere Statur und frischere Gesichtsfarbe auszeichnen, sind die, welche den unter 2), 3) und 4) genannten Gegenden angehören, und großentheils Weinbau treiben, mit wenigen Ausnahmen von mittlerer Statur, von weniger kräftigem Bau und lassen, nicht selten schon in jüngern Jahren die Folgen anstrengender Arbeit, welcher eine entsprechende Nahrung und Kost nicht zur Seite steht, erkennen. Belege für die Einwirkung des Klimas auf verschiedene Verhältnisse des Lebens werden sich noch im Folgenden finden.

1

Mit Ausnahme der 3. Gruppe hat sich, zwar sehr zerstreut, in allen Gegenden des Bezirks eine nicht zu verkennende Stammesverschiedenheit bis auf den heutigen Tag erhalten. Es ist nicht die zwischen dem schwäbischen und fränkischen (Pfälzer) Stamm, welche hier sehr verschmolzen sind, sondern zwischen dem germanischen und romanisch-keltischen Stamm. Der letztere findet sich unter den in den Oberämtern Calw, Leonberg und Maulbronn zerstreuten Nachkommen der zu Ende des 17. Jahrhunderts nach Württemberg eingewanderten Waldenser Gemeinden, welche aus jenen westlichen Alpenthälern Piemonts (zwischen dem Monte Génèvre und Monte Viso) herüber kamen, wo französische und italienische Bevölkerung sich vermischt und durchdrungen hatte. So vielfach die körperliche Stammesart durch fast 200jähriges Zusammenleben mit den deutschen Einwohnern sich modificirte und der einheimischen sich näherte, so hat sie sich doch noch nicht völlig verwischt, sie tritt vielmehr in manchen Familien jener | Abstammung unverkennbar hervor. Dies ist vornehmlich in denjenigen Gemeinden der Fall, wo die Vermischung des romanisch-keltischen Stammes mit dem germanischen mehr nur ausnahmsweise stattgefunden hat, so in Serres, Großvillars, Corres etc. Die Gestalten sind meist mittlerer Statur, selbst klein, etwas weniger eckig als die von germanischer Race, die Gesichtsform mehr oval, die Gesichtsfarbe nicht sowohl wettergebräunt, als bräunlich, die Augen und das Haupthaar meist dunkelbraun oder schwarz (die Regenbogenhaut bisweilen bläulich-schwarz) die Nase selten stumpf, mehr länglich, die Wangen weniger voll; im Ganzen mehr Leichtigkeit und Geschmeidigkeit als Ausdruck von Kraft und Ausdauer, wie er dem deutschen Stamme zukommt.

Die Bevölkerung deutscher Abstammung gehört zwar nicht zu dem sehr kräftigen, meist in den obern Gegenden des Landes wohnenden, allemannisch-schwäbischen Schlag, darf aber mit wenigen Ausnahmen einzelner Orte als ein guter Mittelschlag bezeichnet werden; sie ist sehr rührig und dabei sehr ausdauernd. Was Körpergröße, körperliche Leistungsfähigkeit (insbesondere wie sie sich in den im Laufe der Entwicklung, auf den verschiedenen Lebensstufen, und in Überwindung der denselben eigenthümlichen Gefahren kundgibt), was Lebensdauer und Sterblichkeit betrifft, so finden sich im Bezirk nachstehende, durch mehrfache Vergleichung erhobene Verhältnisse vor:

Unter dem männlichen Geschlecht das Maß der Tüchtigkeit zum Militärdienst. Nach den von Generalsstabsarzt Dr. v. Klein im Corr.-Blatt des Württemb. ärztl. Vereins vom Jahr 1865 mitgetheilten Tabellen, welche einen Zeitraum von 6 Jahren umfassen, nimmt der Bezirk Maulbronn 1) was die Procentzahl der Tüchtigen betrifft, unter den 17 Oberämtern des Neckarkreises mit 42,74 Procent die 13. (welcher 4 minder günstige Bezirke folgen), unter den 64 Oberämtern des Landes die 49. Stelle ein. Die Extreme sind Saulgau mit 61,70 und Freudenstadt mit nur 33,09 Proc. Tüchtigen. Was 2) die Zahl der Untüchtigen betrifft, nimmt Maulbronn mit 52,36 unter den 17 Oberämtern des Neckarkreises die 3. ungünstigste, unter den 64 Oberämtern des Landes die 55. Stelle ein, so daß sonach nur 9 Oberamtsbezirke noch weniger günstige Verhältnisse zeigen. Dieses ungünstige Verhältniß ist theils allgemeiner Schwächlichkeit, Neigung zu Lungentuberkulose etc., theils aber auch Lokalfehlern, dem Kropf, der Deformität des Brustkorbs, Brüchen, und den Deformitäten der untern Gliedmassen zuzuschreiben. Extreme sind, mit dem günstigsten Verhältniß Stuttgart Amt mit 30,97, und mit dem größten Procent Untüchtiger Freudenstadt mit 58,73 Proc. Was 3) die Zahl der unter dem Maß (von 5′ 4″ bis 5′ 5″) befindlichen Konscriptions-Pflichtigen betrifft, so nimmt Maulbronn mit 3,25 Proc. mangelnder Größe unter den 17 Bezirken des Neckarkreises | die 6. beste, unter den 64 Bezirken des Landes die 23. Stelle ein. Das beste Verhältniß hat das Oberamt Rottenburg mit 0,429 Proc. unter dem Meß, das schlimmste Oberndorf mit 10,513.

1

Unter dem weiblichen Geschlecht ist das Verhältniß der künstlichen (d. i. operative Hilfe fordernden) Geburten zu den natürlichen für die im Körperbau und der körperlichen Ausdauer liegenden mehr oder weniger günstigen Verhältnisse ziemlich maßgebend. In dem Zeitraum der letzten 141/2 Jahre, in welchem der Verfasser für seinen Bezirk detaillirte Aufzeichnungen machte, von 1856–69 hat sich Verhältniß gestaltet wie folgt: Auf Eine künstliche Geburt kommen dieses 22,69 natürliche Geburten, oder auf 100 natürliche Geburten kommen 4,49 künstliche. Dies ist im Vergleich zu andern Oberamtsbezirken ein entschieden günstiges Verhältniß. Mit dem sonst in manchen Beziehungen sehr günstig gestellten Oberamt Kirchheim, über dessen Verhältnisse durch die jährlichen Mittheilungen des Oberamts-Arztes Dr. Hauff im Corr.-Blatt des Württemb. ärztlichen Vereins seit längerer Zeit die genauesten Nachrichten zu Gebot stehen, verglichen, ist das Verhältniß der künstlichen Geburten zu den natürlichen im Oberamt Maulbronn durchweg ungleich günstiger. Dort sind z. B. im Jahr 1866 auf 1 künstliche Geburt nur 13,0, im Jahr 1867 13,56, im Jahr 1868 nur 11,66 und im Jahr 1869 nur 11,4 natürliche Geburten gekommen; während im Jahr 1869, wo das Verhältniß im Bezirk Maulbronn am wenigsten günstig war, auf 1 künstliche Geburt 15,75 natürliche, im Jahr 1855/56, wo eine ungewöhnlich kleine Anzahl künstlicher Geburten, nämlich 18 auf 770 natürliche Geburten vorkam, auf 1 künstliche Geburt 42,77 natürliche Geburten kamen. Aber auch im Vergleich zu der Procentzahl der künstlichen zu den natürlichen Geburten im ganzen Lande Württemberg ist das Verhältniß im Bezirk Maulbronn günstig, indem nach Nr. 5 des Württemb. ärztl. Corr.-Blatts vom Jahr 1870 die Procentzahl der künstlichen Geburten im ganzen Lande 6,78 ist, so daß auf 1 künstliche 14,7 natürliche Geburten kommen. Mag nun gleich das relativ seltene Vorkommen künstlicher Geburten im Oberamt Maulbronn zu einem großen Theil dem Überwiegen der ländlichen Bevölkerung zuzuschreiben sein, so scheint jenes doch auch nicht die nächste Folge überwiegend städtischer Bevölkerung zu sein, wie sie es im Ort Maulbronn ist; denn selbst hier kamen in den letzten 101/2 Jahren unter 303 Geburten nicht mehr als 25 künstliche vor, somit kamen auf 1 künstliche Geburt 11,12 natürliche oder auf 100 natürliche 8,95 künstliche Geburten. Ein merkwürdiger Gegensatz zeigt sich in dieser Beziehung zwischen der Stadt Knittlingen, deren Bevölkerung größtentheils städtisch ist und dem ebenso großen Marktflecken Dürrmenz-Mühlacker, dessen Bevölkerung der großen Mehrzahl nach ländlich ist; während nämlich in Knittlingen | auf 1 künstliche Geburt 10,60 natürliche Geburten oder auf 100 natürliche Geburten 9,43 künstliche kommen, hat Dürrmenz-Mühlacker auf 1 künstliche Geburt 14,85 natürliche, somit auf 100 natürliche nur 6,73 Procent künstliche Geburten.

Sterblichkeitsverhältnisse. Da dieselben in der Bevölkerungs-Statistik bereits abgehandelt sind, so wird hier nur über die Sterblichkeit unter den Kindern im ersten Lebensjahr und über das Maß der Lebensdauer Einiges beigefügt.

1. Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahr. In den letzten 141/2 Jahren, über welche etwas genauere Notizen vorliegen, sind im Oberamt Maulbronn lebend geboren worden: 13.086 Kinder, also per Jahr 902,48 und hievon im ersten Lebensjahr gestorben: 3736, pr. Jahr 256,96; es sind also im Lauf dieser 141/2 Jahre von 100 lebend Geborenen im ersten Lebensjahr gestorben 28,47 Proc. Hiernach gehört, wenn man die Eintheilung des Landes Württemberg auf der im Jahr 1858 herausgegebenen Landeskarte über die Grade der Kindersterblichkeit (siehe Beschreibung von Württemberg im Jahr 1863) in 6 Abtheilungen zu Grunde legt, der Oberamtsbezirk Maulbronn in die 2. beste Klasse, die sich zwischen 25,00 und 29,99 Procent bewegt. Nach der in obigem Werke S. 325 mitgetheilten Übersicht vom Decennium 1846–56 stellt sich das Verhältniß für das ganze Land auf 34,78 Procent. Das Verhältniß der im ersten Lebensjahr gestorbenen Kinder zu der Gesamtzahl der Gestorbenen, ohne die Todtgeborenen, war in obigen 14 Jahren im Oberamt Maulbronn 39,76, in dem Decennium 1846/56 in Württemberg 42,18 und dieses letztere steigerte sich nach der von Obermedicinalrath Dr. Cleß im Jahr 1863 gegebenen Zusammenstellung (s. Corresp.-Bl. des Württemb. ärztl. Vereins, 1863, S. 309) im Jahr 1861/62 sogar auf 45,02. – Das Procent-Verhältniß würde sich im Bezirk Maulbronn ohne Zweifel noch besser gestalten, wenn dem günstigen Umstand, daß weitaus die Mehrzahl der Kinder gesäugt wird, nicht durch die Zunahme der nicht ganz geringen Anzahl unehelicher Kinder, welche krank (namentlich syphilitisch) zur Welt kommen, oder aber in schlechte Pflege gebracht werden, ein nicht unerheblicher Theil seines Einflusses entzogen würde.

2. Verhältniß der Lebensdauer. Hierüber sind in den letzten 101/2 Jahren (1859 Juni – 1869 Dec.) genauere Notizen gesammelt worden, insofern sich diese auch über die Zahl derjenigen erstrecken, welche das 80. und 90. Jahr erreicht oder überschritten haben. Das Verhältniß der in der Altersstufe von 46–70 Jahren Verstorbenen und der über 70 und über 80 Jahre alt gewordenen zur Zahl der Verstorbenen (nach Abzug der Todtgeborenen) geht aus folgender Übersicht hervor.

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Jahrgang. Zahl der
Sterbfälle.
Altersstufe
von 46–70 Jahren.
über 70 J. über 80 J.
1859/60
598 115 57 11
1860/61
475 120 58 15
1861/62
648 136 85 23
1862/63
606 144 67 14
1863/64
671 142 65 20
1864 2. Hälfte des
     Kal.-Jahres
351 059 39 14
1865 Kal.-Jahr
784 158 64 17
1866
649 130 65 13
1867
600 138 65 21
1868
668 146 78 11
1869
776 192 81 20
68260 14800 7190 179.0

Das 90. Jahr haben erreicht oder überschritten 7. und zwar im Jahr 1859/60, 2 im Jahr 1860/61, 3 im Jahr 1866 und 1867 je 1 Person, von da bis 1869 incl. 0.

Aus dieser Übersicht geht hervor, daß auf 4,64 Gestorbene 1 Person der Altersklasse von 1846/70, auf 9,49 Gestorbene 1 Person über 70 und auf 38 Gestorbene 1 Person über 80 Jahren kommt. Auf 100 Personen über 80 Jahren kommen 3,91 Personen, welche das 90. Jahr erreicht oder überschritten haben.

Wird die Höhe der Lebensdauer im Oberamt Maulbronn mit der vom Neckarkreis und mit der vom ganzen Lande verglichen, so findet sich, daß der Bezirk Maulbronn nach der obengenannten Übersicht des Obermedicinalraths Dr. Cleß in Bezug auf die Altersstufe über 70 unter den 17 Oberämtern des Neckarkreises, zugleich mit Canstatt auf der obersten (günstigsten) Stufe von 12 Procent steht, während die andern 15 Bezirke von 11 bis auf 6,3 Proc. herabgehen. Unter den 64 Oberämtern des Landes nimmt Maulbronn mit Canstatt, Balingen, Horb, Tübingen, Riedlingen die 5. oberste Stufe ein, indem seine Procentzahl nur von denen der Oberamtsbezirke Tuttlingen und Leutkirch (mit 13), denen von Ellwangen und Waldsee (mit 14), der des Oberamts Nürtingen (mit 15) und denen der Bezirke Gerabronn, Künzelsau und Mergentheim (mit 16 Procent) übertroffen wird.

Krankheiten des Bezirks. Auf die Bezeichnung „endemische“ Krankheiten kann im Oberamtsbezirk Maulbronn nur der Kropf, von welchem keine Ortschaft ganz frei zu sein scheint, diejenigen Orte aber, wo sich Kretinen finden, vorzugsweise heimgesucht sind, und der Kretinismus Anspruch machen. Jetzt sind es nur noch 5 Ortschaften, wo der Kretinismus durch eine nicht ganz kleine Zahl der Kretins repräsentirt ist; Halbkretinen, Taubstumme finden | sich in etwa 10 Orten, aber in ganz geringer Anzahl. Wenn man, mit Griesinger (Pathol. und Therap. der psych. Krankheiten 1861) unter Kretinen nicht blos Blödsinnige (idiotische) Menschen versteht, was ein zu allgemeiner, darum vager Begriff ist, sondern solche, wo die Hemmung der psychischen Entwicklung mit einer erheblichen körperlichen Mißgestaltung, besonders des Schädels verbunden ist, so steht fest, daß der Bezirk Maulbronn bei weitem nicht mehr so viel kretinische Menschen zählt, als die früheren Zählungen, namentlich die von Dr. Rösch im Jahre 1844, angenommen haben. Während damals 95 Kretins (an Blödsinn und Stumpfsinn Leidende) aufgezeichnet worden sind, außerdem aber noch eine Anzahl von Halbkretins, Taubstummen etc., lassen sich jetzt höchstens 48–50 wirklich kretinische Personen, meist schon bei Jahren, nachweisen, nämlich 1) wirkliche Kretins: in Derdingen (9–10), in Enzberg (5–6), in Knittlingen (9–10), in Ötisheim (5–6), in Schützingen (9–10); 2) dem Kretinismus sich nähernde Menschen, in Freudenstein, Lomersheim, Sternenfels und Zaisersweiher, im Ganzen höchstens 6–8. Im Ort Maulbronn sind dermalen keine Kretins, dagegen einige Taubstumme, in der geistigen und körperlichen Entwicklung verkürzte Menschen, und einzelne mit Kropf behaftet.

In Ötisheim und Knittlingen, wo die Zahl der Kretinen am wenigsten in Abnahme zu sein scheint, sind diejenigen Momente, welchen mit Ausnahme von Terrain- und klimatischen Verhältnissen die Erzeugung, beziehungsweise Fortpflanzung des Kretinismus vorzugsweise zugeschrieben wird, nämlich stehende Wasser, versumpfte Stellen in der Nähe des Orts, enge Straßen, ärmliche (d. h. kleine, niedere, enge, feuchte, dunkle) Wohnungen und mangelhafte Ernährung mit ihren mannigfachen Einflüssen auf Erziehung und Entwickelung des Geistes und Körpers, noch immer ziemlich einheimisch. Auch Schüzingen hat noch eine nicht gar kleine Anzahl kretinischer, taubstummer und mit Kropf behafteter Personen; hier ist außer den geringen Wohnungen und der mehr sparsamen als geradezu mangelhaften Ernährung und Lebensweise gewiß auch der Lage und Bauart des Orts, welcher mit Ausnahme der kleinen „Vorstadt“ aus Einer langen, westöstlich sich hinziehenden Straße besteht, deren gegen Norden stehende Häuser nach Süden an einen ganz nahen Bergvorsprung (Anhöhe) stoßen oder unmittelbar angebaut und dadurch kalt und feucht sind, ein Antheil an dem endemischen Vorkommen des Kropfs und des Kretinismus zuzuschreiben. – Die Ursachen des letztern in dem weitgebauten Derdingen sind noch nicht hinreichend aufgedeckt.

Hieran schließen sich die Geisteskrankheiten und die Krankheiten der Nervencentra überhaupt, welche, namentlich erstere, im Bezirk keine Seltenheit, doch auch nicht unverhältnißmäßig stark verbreitet | sind; am verbreitetsten ist die Fallsucht, aus welcher sich häufig Geistesstörung entwickelt. Einen weiteren Beitrag zu der Entstehung letzterer liefert der in einigen Ortschaften nicht seltene Säuferwahnsinn, eine Form der chronischen Alkoholvergiftung, deren Ursache der Mißbrauch spirituoser Getränke ohne Unterschied ist.

Das Wechselfieber, welches in früherer Zeit in einzelnen Ortschaften endemisch gewesen sein mag, ist es jetzt thatsächlich nicht mehr, vielmehr fast ohne Ausnahme aus Gegenden, besonders der Rheinebene, hereingeschleppt, wo Wechselfieberformen das ganze Jahr herrschen. Larvirte Fieber kommen in einzelnen Orten, z. B. Ötisheim, Sternenfels, Schmie etc. hin und wieder vor, doch neuerer Zeit entschieden seltener wie früher.

Von epidemischen Krankheiten, die den Bezirk Maulbronn von Zeit zu Zeit heimsuchen, sind vornämlich die fieberhaften Hautausschläge, die Ruhr und etwa noch die Grippe zu erwähnen, indem der Typhus, wenigstens in seiner schweren Form (Nervenfieber) seit einer Reihe von Jahren (8–10 Jahren) epidemische Verbreitung nicht mehr erlangt hat. Dagegen treten die Masern, das Scharlachfieber sehr oft, etwa alle 2–3 Jahre epidemisch auf und durchziehen dann beinahe den ganzen Bezirk. Heftige, sogar verheerende Scharlachepidemien kamen im Jahr 1863 und 1864 (wobei Wiernsheim und Wurmberg besonders heftig befallen wurden) und im Winter 1868/69 vor. Die Menschenpocken kehren beinahe alle Jahre in einigen Ortschaften ein, finden aber nur ausnahmsweise das Terrain für eine kleine Epidemie, wie z. B. im Jahr 1862 in Knittlingen, im Jahr 1865 in Illingen, im Jahr 1869 in Derdingen, und im Jahr 1870 in Folge wiederholter Ansteckung von Stuttgart aus in Illingen, und mehr isolirt in Schützingen, Sternenfels etc.

Die Ruhr bekommt in den spätern Sommermonaten heißer und feuchter Jahrgänge hin und wieder epidemische Verbreitung, doch meist nur auf wenige Wochen und bis jetzt noch nie in schlimmeren Formen.

Die Grippe herrschte in weitester Verbreitung und mit großer Intensität im Winter 1858, seither nie mehr mit gleicher Heftigkeit.

Von chronischen, d. i. langwierigen, schleichenden Krankheiten sind, sofern sie im blühenden und im höhern Lebensalter ein starkes Kontingent zur Sterblichkeit der betreffenden Altersstufen liefern, die Lungentuberkulose und das Lungenemphysem (vorzugsweise dem höhern Alter eigen) anzuführen. Jede dieser Krankheiten hat einige Orte des Bezirks zu ihrem Hauptsitz gewählt, wobei in Bezug auf jene (die Lungenschwindsucht) die häufige Vererbung aus einer Familie in die andere, von einer Generation zur andern, in Bezug auf das Lungenemphysem die Eigenthümlichkeit der mit dem | Beruf des Mannes, der vorzugsweise davon heimgesucht wird, verbundenen Arbeit und Anstrengung (z. B. dem Weinbau in steilgelegenen Weingärten) die Hauptschuld der Verbreitung tragen mag.

Die Skrophelkrankheit und die ihr verwandten krebshaften Übel sind im Vergleich mit anderen Landesgegenden im Bezirk Maulbronn nicht sehr häufig.

Die Lustseuche mit ihren Varietäten wird nicht sehr oft, am meisten noch bei Arbeitern und Dienstboten beobachtet. Die Kräze ist zeitweise, besonders in den Wintermonaten ziemlich stark verbreitet, was zum Theil dem Zusammengedrängtsein in warmen Wohnräumen, zum Theil aber auch dem Mangel an Reinlichkeit in der Leib- und Bettwäsche, wie er in manchen ländlichen Wohnungen sich einnistet, zuzuschreiben ist.

Was die Sitten und Gebräuche der Einwohner betrifft,[9] so bedarf es kaum der Erwähnung, daß die Bevölkerung des kleinen Landstrichs der Hauptsache nach auch in dieser Rücksicht den Stammgenossen im Württembergischen Niederschwaben gleicht. Erinnert mitunter ihre Sinnesart, und im westlichen Theil des Oberamts manche Eigenthümlichkeit ihres Dialekts, an die Pfalz, so erklärt sich dies aus der Lage des Bezirks und aus dem geschäftlichen Verkehr seiner Angehörigen, welcher zu einem guten Theil nach Westen gerichtet ist. Die Einflüsse, durch welche das geistige und sittliche Leben seine besondere Farbe erhält, sind unsrem Grenzstrich ganz vorwiegend aus Altwürttemberg zugekommen, seit sich dieses im Jahr 1504 bis an die Rheinebene vorschob. Einen städtischen Wohnplatz, welcher das erforderliche Gewicht hätte, sich als Vorort geltend zu machen, schließt der Bezirk nicht ein; dagegen wird Maulbronn (Sitz der Bezirksstellen) wegen seiner Baudenkmale von Freunden der Kunst viel besucht, und dient als Bildungsstätte künftiger evangelischer Geistlicher den Interessen weiterer Kreise. Die übrigen Gemeinden desselben, von welchen übrigens keine volle 3000 Einwohner zählt, nähren sich hauptsächlich vom Feldbau, von der Viehzucht und vom Weinbau; jedoch ist die Weinproduktion nur für wenige Gemeinden Hauptfaktor, für die meisten macht sie ein mehr oder minder belangreiches Nebengeschäft aus. Gewerbliche Unternehmungen mit ausgedehnterem Betrieb sind im Ganzen wenige vorhanden. Was das kleine Gewerbe anlangt, welches in der Regel auch in Verbindung mit Feldbau und Viehzucht betrieben wird, so sind besonders die Steinhauer, Maurer und Zimmerleute, welche häufig nach außen arbeiten, in mehreren Orten zahlreich vertreten. Die Bewohner von Sternenfels treiben in der Umgegend und weiterhin | Handel mit Stubensand, Strohgeflechten etc. und sind in Folge dieses gewandter als der gewöhnliche Bauer oder Weingärtner.

Die Gemeinden an der langgestreckten Westgrenze des Oberamts stehen mehrfach in engerer wirthschaftlicher Verbindung mit dem Nachbarland Baden. Daselbst setzt der Landwirth zu einem guten Theil seine Produkte ab, von etlichen Grenzorten herüber greifen auch die dort wohnhaften israelitischen Händler rührig in den Verkehr ein; andererseits wird aus den ansehnlichen Städten Pforzheim und Bretten manches bezogen, was der Landbewohner in der Stadt sucht. Bei der Pforzheimer Goldwarenindustrie mit ihrem ausgedehnten Betrieb sind ziemlich viele Bezirksangehörige beschäftigt, als ansäßige Mitglieder der dortigen württembergischen Kolonie wie als ab und zu gehende Arbeiter; bei größerer Entfernung seiner Heimatgemeinde von der Fabrikstadt kehrt der diesseitige Geschäftsgehilfe wohl auch erst nach beendigter Wochenarbeit in der ersteren ein. Junge Leute, welche in einer der Pforzheimer Fabriken lernen, bringen es bald zu einigem Verdienst, geschickte Arbeiter beziehen ansehnliche Löhne. Allerdings kann es bedenklich erscheinen, daß eine namhafte Anzahl der daselbst eintretenden Lehrlinge frühzeitig vom häuslichen Leben halb oder ganz abgelöst wird, und, mehr oder weniger sich selbst überlassen und für Veranstaltungen, welche geistigen Interessen dienen, schwer erreichbar, der Versuchung ausgesetzt ist, die baaren Mittel, die der Zahltag bringt, in sinnlichen Genüssen aufzuzehren, und die Gewohnheit anzunehmen, von der Hand in den Mund zu leben. Andererseits ist nicht außer Acht zu lassen, daß mißliche Erscheinungen in dem Kreis, auf welchen sich der Einfluß einer bedeutenden Industrie erstreckt, ihrer Natur nach leicht in die Augen fallen, während der mit Sparsamkeit geparte Fleiß in der Stille vorwärts kommt. Auch von den Bezirksangehörigen hat sich mancher in der benachbarten Fabrikstadt zu Wohlstand emporgearbeitet.

Doch nicht nur Pforzheim bezieht Arbeitskräfte aus dem Oberamt, seine Jugend, insbesondere seine weibliche Jugend wendet sich, soweit sie Dienste in fremden Familien sucht, gerne den Städten namentlich im Badischen zu.

Nicht selten lassen sich die mit der Absicht etliche Jahre unter Fremden zuzubringen Weggegangenen auf die Dauer im Ausland nieder. Überhaupt ist der Trieb des Schwaben in der Ferne sein Glück zu versuchen, den Bewohnern unseres Bezirks, welchen von Alters her vielgebrauchte Straßen durchschneiden, in nicht geringem Grad eigen. Das Ziel der Auswanderung ist hier wie anderwärts in den meisten Fällen Nordamerika.

In Folge des Abzugs der Arbeitskräfte in die Städte und der Auswanderung finden sich für den landwirthschaftlichen Betrieb bei | Löhnen, welche gegen früher namhaft gestiegen sind, nicht immer Gehilfen genug.

Vor der Erbauung der Eisenbahnen waren ein belebendes Element im Bild des Bezirks die zwei Hauptstraßen, welche ihn, die eine Pforzheim zu, die andere Mannheim und Frankfurt zu führend, durchschneiden. Zahlreiche häufiger Rast bedürftige Frachtfuhrwerke benützten die Straßen, und verschafften den an denselben gelegenen Ortschaften manchen Erwerb. Auf den Eisenschienen drängt sich jetzt der Strom des Weltverkehrs rasch durch die Gegend, und bringt die Massen, welche er in Bewegung setzt, fast nur bei der bedeutenden Station Mühlacker in minder flüchtige Berührung mit seinem Ufer.

Die wichtigen Straßen, welche durch den Bezirk führen, sind ihm mehr als einmal verhängnißvoll geworden. Kaum wurde im dreißigjährigen Krieg eine andere Gegend Schwabens grausiger verwüstet als das Maulbronner Amt, und nachdem es sich seit 1649 zu erholen angefangen hatte, durch die Mordbrennereien der Franzosen ähnlich wie die benachbarte Pfalz heimgesucht (s. hier. den historischen Abschnitt). In Folge dieser Schicksale bot das Maulbronner Amt fremden Ansiedlern Raum. Schon nach dem dreißigjährigen Krieg muß sich die Bevölkerung auch durch solche, die übrigens mit den Resten der früheren Einwohner, welche aus ihren Zufluchtsstätten zurückkamen, bald zusammenwuchsen, wieder ergänzt haben. Der Nachweis über den Umfang und die Herkunft dieses fremden Einschusses ist freilich im Einzelnen nicht leicht; aber in Schützingen z. B. hat sich nach dem westphälischen Frieden eine Anzahl von Familien aus Oberöstreich niedergelassen, und auch sonst finden sich in den Kirchenbüchern aus derselben Zeit Namen, welche auf Einwanderung hindeuten. Der alten Einwohnerschaft standen ferner gegenüber die am Schluß des 17. Jahrhunderts in Württemberg aufgenommenen und großen Theils im Maulbronner Amt angesiedelten Waldenser. Ihre Nachkommen haben einiges Eigenthümliche bis auf die Gegenwart bewahrt, wenigstens soweit sie noch in den von den Vorfahren gegründeten und in der Regel nach den Wohnsitzen in der alten Heimat benannten Dörfern in größerer Anzahl beisammen sind. Sie heißen im Volksmund noch jetzt Welsche. Kleinere Gruppen romanischer Nationalität, welche sich in Folge der waldensischen Einwanderung deutschen Gemeinden des Bezirks angeschlossen hatten, sind im Lauf der Zeit vom überwiegenden Bevölkerungstheil aufgesogen worden, und haben fast nur in eingesprengten französischen Familiennamen und im leiblichen Typus Einzelner Spuren zurückgelassen. Pinache mit dem Filial Serres und Groß-Villars sind jetzt die bedeutendsten ihrer Gemeinden im Bezirk, aber in beiden haben sich schon früh auch Deutsche angesiedelt. Luzern, die Waldenserniederlassung bei Wurmberg, ist in dieser Gemeinde | aufgegangen. Ebenso bildet das sogenannte welsche Dörfchen bei Dürrmenz jetzt nur noch einen Theil der letzteren Ortschaft, welcher seinen besonderen Namen behalten hat. Außerdem gehören hieher: Klein-Villars, Corrés, Sengach und Schönenberg, letzteres mit einigen Waldenser Familien unter einer Mehrzahl von Deutschen. Neu-Bärenthal bei Wurmberg wurde 1722 von Reformirten gegründet, die aus dem Thal des in die obere Donau mündenden Flüßchens Bera ihres Glaubens wegen vertrieben worden waren. Seit das Französische in der Kirche und Schule nicht mehr gebraucht wird, – in Pinache wurde 1808/12 abwechselnd deutsch und französisch gepredigt, von 1812 an nur deutsch, in Groß-Villars ist seit 1. Juli 1829 durchaus deutscher Gottesdienst eingeführt, – ist die Kenntniß der französischen Schriftsprache den Leuten abhanden gekommen. Auch das mit deutschen Wörtern gemischte Patois hat sich meist verloren, und ist nur noch zu Serres in allgemeinerem Gebrauch. Die Union der ursprünglich reformirten Gemeinden mit der evangelischen Landeskirche wurde im Jahre 1824 ohne Schwierigkeiten vollzogen. Das Abendmahl wird in den ersteren nach reformirtem Ritus gefeiert. Außerdem finden sich in den kirchlichen Gebräuchen noch einige Eigenthümlichkeiten, die jedoch nicht in eine sehr alte Zeit zurückzuweisen scheinen. Die Voreltern unsrer Waldenser brachten wohl einen nach schweizerischem Muster geformten Cultus mit nach Württemberg. – Ihre Ortschaften sind regelmäßig gebaut und sauber gehalten, die Wohnhäuser haben häufig ein freundliches Ansehen. Die Kirchen lassen erkennen, daß sie im Gedränge einer dürftigen Zeit errichtet wurden. In Pinache wurde vormals die Gemeinde mit Trommelschlag zum Gottesdienst gerufen. Im allgemeinen sind sie aufgeweckt, betriebsam, häuslich und gewandt. Auswärtigen gegenüber halten sie zusammen. Ihre Rechte und ihr Herkommen pflegen sie mit Eifer zu wahren. In 170 Jahren harmloser Ackerwirthschaft ist ihnen zwar die mündliche Überlieferung einzelner geschichtlicher Züge versiegt, aber gerne gedenken auch jetzt noch die Enkel des standhaften Muths der Vorfahren. Immerhin mag es schon geschehen sein, daß die nach entbranntem Streit schwer verglimmende Gluth eines südlichen Temperaments sie nöthigte, sich um ländliche Montagnes und Capulets zu scharen, jedenfalls aber sind diese aus der lateinischen Völkerfamilie stammenden aber auf schwäbischem Boden längst heimisch gewordenen Angehörigen des Bezirks wegen ihres Fleißes, ihres kirchlichen Sinns und ihrer Gewandtheit im Verkehr ein schätzbarer Bestandtheil seiner Bevölkerung.

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Was die große Mehrzahl der Gemeinden anlangt, so vertheilen sie sich freilich nicht in Gruppen, welche mit ähnlicher Deutlichkeit abgegränzt wären, wie die eben erwähnte; vielmehr sieht sich, wer eigenthümlichen Zügen nachgeht, zumeist an die einzelnen Gemeinden gewiesen. | Der Versuch die letzteren nach ihrer Individualität mit einiger Genauigkeit zu beschreiben, würde hier zu weit führen. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Verhältnisse, welche jedesmal in einer solchen Individualität ihren Ausdruck finden, theils auf die Dauer wirksam, theils dem Wechsel innerhalb kürzerer Zeitfristen unterworfen sind. Dabei müssen namentlich auch die engen Beziehungen zwischen den ökonomischen und den sittlichen Zuständen zu Tage treten. Eine glückliche Vertheilung des Grundbesitzes, welche den Familien fast durchweg mäßigen Wohlstand gewährt, kommt in einigen Orten vor; hiedurch sind schon deswegen, weil unter solchen Umständen die gänzlich Unbemittelten fehlen oder nur schwach vertreten sind, auch manche sittliche Mißstände fern gehalten. Anderwärts findet sich neben einer Reihe begüterter Bürger eine Mehrzahl wenig vermöglicher. Da es in diesem Fall den Unbemittelten nicht an Arbeitsverdienst fehlt, sie auch bei umfangreicher Markung nicht allzuschwer einige Grundstücke erwerben, und den Hausbedarf an Nahrungsmitteln nur theilweise kaufen müssen, so ist es hier mit dem ökonomischen Faktor des sittlichen Lebens immer noch einfach genug und auch in normalen Zeiten nicht eben ungünstig bestellt. Ein wesentlicher Vortheil, dessen sich mehrere Ortschaften erfreuen, ist hiebei der Besitz eines erklecklichen Gemeinde- oder Stiftungsvermögens. Eine dritte Klasse mit allzuenger oder minder ergiebiger Markung befaßt nur wenige Gemeinden des Oberamts. Daß auch die Gewerbsthätigkeit, selbst in ihrem fabrikmäßigem Betrieb, neben dem für den Bezirk im Ganzen in erster Linie wichtigen Feldbau auf den Zustand einzelner Gemeinden erheblichen Einfluß hat, ist oben angedeutet worden.

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Wenden wir uns etlichen andern Faktoren zu, welche für den Charakter der Einwohnerschaft eines Distrikts in Betracht kommen, und dabei auch solchen von mehr ideeller Beschaffenheit, so ist von vorn herein sicher, daß eine Zeichnung über ziemlich unbestimmte Striche schon deswegen nicht hinausgelangen kann, weil dabei die Oberamtsgrenzen blos eine sehr relative Bedeutung haben. Die Zusammengehörigkeit der Ortschaften des Bezirks schreibt sich zwar mit wenigen Ausnahmen von alten Zeiten her, sofern die kompakte Masse des Gebiets der Abtei Maulbronn, nachdem sich das Kloster mit Besitz an Land und Leuten gesättigt hatte, ungefähr mit dem jetzigen Oberamt zusammenfiel, aber mit den Verbindungsfäden dieser Art hat die Zeit aufgeräumt. Nur den alten Anspruch auf die Maulbronner Armenfrucht, welche vom Rechtsnachfolger der Äbte lange gereicht wurde, haben die Gemeinden nicht vergessen. – Auch die Bevölkerung unseres Grenzstrichs beweist den ausdauernden Fleiß, mit welchem der schwäbische Landwirth, meist auf die Arbeitskraft seiner Familie angewiesen, den vielfach getheilten Boden zu bauen gewohnt | ist. Einfachheit in der Lebensweise bildet die Regel, ab und zu ist Manchem ein Tag, welcher reichlicheren Genuß bringt, willkommen. Im Geschäft rührige, anstellige und gefällige Leute sind häufig anzutreffen; erregbare Gemüther, welche zugleich der Gefühlsstimmung lebhaften Ausdruck geben, öfter als zugeknöpfte Naturen. Ein scharfkantiges Wesen wird durch die dem Verkehr offen liegende Landschaft nicht begünstigt. Daß jeder größere Volkstheil auch in sittlicher Hinsicht krankhafte Erscheinungen aufzuweisen hat, und jeder eine Anzahl von verfehlten Existenzen in sich schließt, für diese ausnahmslose Erfahrung kann auch wer sich in unsrem Bezirk umsieht unschwer Belege finden. Namentlich Leichtsinn und Genußsucht richten im Einzelnen nicht selten Schaden an. Aber das Vorwiegen der gesunden Elemente dürfte die Annahme rechtfertigen, daß mit dem Wachsen des materiellen Gedeihens die sittlichen Lebensmächte bei den Bezirksangehörigen im Ganzen an Geltung nichts nur nichts verlieren, sondern ihren veredelnden Einfluß auf Grund der natürlichen Anlagen in steigendem Maß bewähren werden.

An kirchlichem Sinn fehlt es nicht, auch nicht an Bethätigung desselben in Werken christlicher Liebe. Für Sektirerei ist der Bezirk gegenwärtig im Vergleich mit manchen andern Gegenden Schwabens kein sonderlich empfänglicher Boden. Methodistensendlinge haben sich da und dort einigen Anhang zu verschaffen gewußt, im Ganzen scheint ihre Weise unsrer Bevölkerung fremd zu bleiben. Gegen Ende des vorigen und am Anfang dieses Jahrhunderts hat die Separatisten-Bewegung, an deren Spitze der Bauer Rapp aus Iptingen stand, Viele aus der Gegend in ihre schwärmerische Bahn gezogen. Sie lief bekanntlich in die Gründung einer Kolonie Eheloser mit Gütergemeinschaft in Amerika aus. Am religiös sittlichen Leben der Bewohner des Bezirks lassen sich Nachwirkungen des unter der Führung eines willenskräftigen Originals unternommenen Sturmlaufs jener nach handgreiflichen Wundern begierigen Mystik nicht mehr erkennen.

Kirchen und Rathhäuser, welche in den letzten Jahren in einigen Gemeinden des Oberamts theils neu errichtet wurden, theils mehr oder weniger belangreiche Verbesserungen erfahren haben, bekunden, daß Sinn für das Schöne vorhanden ist, und daß die Mittel, welche für würdige und stilgemäße Herstellung solcher Bauten zur Verwendung kommen, nicht unter die unfruchtbaren Ausgaben gerechnet werden. An und in den Wohngebäuden darf dem Schönheitssinn immerhin noch da und dort mancher Sieg über die Formlosigkeit und ihr Gefolge gelingen, ehe die Linie erreicht wird, jenseits welcher ein zu den Verhältnissen der Bewohner nicht passender Luxus anfangen würde. An ältern Gebäuden nicht allein in Maulbronn, sondern auch in den Landorten läßt sich der in frühern Zeiten mehr ausgebildete Sinn für architektonische Schönheit und der Einfluß, den in | dieser Richtung die kunstsinnigen Mönche von Maulbronn ausübten, nicht verkennen, namentlich findet man noch manches Gebäude mit hübsch verziertem Balkenwerk. Aus der Volkstracht ist fast alles Eigenthümliche verschwunden und an ihre Stelle ein unschönes Gemenge von französischer Mode und der ehemaligen anständigen Volkstracht getreten. Indessen trifft man immer noch Einzelne, die wenigstens theilweise der Tracht ihrer Väter treu geblieben sind und den dreieckigen Hut, wie die gelben Lederhosen, den blauen Oberrock oder das blaue Wamms tragen. In den Orten Illingen, Klein-Villars, Ölbronn und Ötisheim ist diese Tracht, zu der sich sogar zuweilen noch das rothe oder dunkle Manchester-Brusttuch gesellt, noch ziemlich allgemein. Von bemerkenswerthen Volksgebräuchen ist nicht viel auf unsere Zeit gekommen. Im Mai sind Gänge in den Wald in der ersten Morgenfrühe unternommen beliebt, wie angegeben wird, weil Luft und Thau in diesem Monat sich durch heilsame Eigenschaften auszeichnen. So lange neugeborne Kinder noch nicht getauft sind, wird das Licht die Nacht hindurch brennend erhalten, um schädlichem Einfluß aus finstern Regionen den Zugang zu verwehren. Der vielverbreitete Gebrauch bei Taufen und Hochzeiten mit Pistolen zu knallen, findet auch im Bezirk manche Verehrer. In Derdingen, wo ehedem das Kloster Herrenalb begütert war, und eine Niederlassung besaß, wird um Lichtmeß den Ersten des Orts eine in Kuchen bestehende Gabe durch Berittene dargebracht, eine Sitte, die sich von der Obliegenheit herschreibt, welche vormals die Inhaber einer Bannmühle hatten, ähnliche Viktualien ins Kloster zu liefern (s. hier. die Ortsbeschreibung von Derdingen). In Dürrmenz tragen Mädchen, welche Pathenstelle vertreten, einen Blumenkranz auf dem Kopf. In Lienzingen wird an der Kirchweih von den ledigen Burschen noch das sogenannte Gassenmachen geübt; sie ziehen mit Musik im Dorf herum und lassen vor dem Pfarrhaus, dem Schulhaus etc., auch vor den Häusern ihrer Geliebten, Musik machen. Das früher allgemeine Eierlesen am Ostermontag ist längst abgegangen und wird nur zuweilen noch in Ötisheim ausgeführt. Der Tanz ist selten geworden und in den meisten Orten nur noch an der Kirchweihe, noch viel seltener bei Hochzeiten, die ohnehin meist einfach abgehalten werden, üblich.

Die Mundart bildet einen leichten Übergang von der schwäbischen in die pfälzische; das Breite der schwäbischen Sprachweise wird hier durch das Annähern des pfälzischen Dialekts, welcher sich namentlich im westlichen Theil des Bezirks ziemlich bemerklich macht, wesentlich gemildert, ohne jedoch das gemüthlich Kräftige und die bezeichnenden eigenthümlichen Ausdrücke des schwäbischen Dialekts zu verdrängen.


  1. Von Finanzassessor Kull.
  2. Von 1812–1840 inclus. ist die Bevölkerung von Groß-Glattbach und Iptingen in Abzug gebracht, welche Gemeinden durch das Gesetz vom 6. Juli 1842 dem Oberamtsbezirk Vaihingen einverleibt worden sind.
  3. Die Bevölkerung des Oberamts Maulbronn pro 1. November 1822 beträgt 21.642 Personen, (männl. 10.543, weibl. 11.099) worunter aber die Orte Groß-Glattbach und Iptingen begriffen sind, deren Bevölkerung nicht bekannt ist. Werden nach Maßgabe der Bevölkerungszahl von 1823 und 1828 820 männl. und 810 weibl. Personen abgerechnet, so beträgt solche annähernd 20.012 Personen, nämlich 9723 männl., 10.289 weibl.
  4. Es ist zu bemerken, daß bei den für die Perioden 1812–22 und 1822–32 berechneten Verhältnißzahlen die 1842 eingetretene veränderte Bezirkseintheilung nicht berücksichtigt werden konnte, da eine nachträgliche Abänderung sämtlicher Proportionen nicht thunlich ist.
  5. Bei den Verhältnißzahlen von 1846–56 ist die ortsanwesende Bevölkerung zu Grunde gelegt, bei den übrigen die ortsangehörige.
  6. Für diese Periode sind die Verhältnißzahlen durchaus auf die ortsanwesende Bevölkerung berechnet, sonst auf die ortsangehörige.
  7. Hierunter ist das evangelische Seminar mit 40 Personen nicht begriffen.
  8. Von Oberamtsarzt Dr. Bengel in Maulbronn.
  9. Nach reichhaltigen Mittheilungen des Diaconus Ellwanger in Knittlingen.
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