Beschreibung des Oberamts Nürtingen/Kapitel B 7

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7. Erkenbrechtsweiler,

evangelisches Pfarrdorf mit Burrenhof, Gemeinde III. Cl. mit 732 Einwohnern (darunter 6 Katholiken, Filialisten von Westerheim, OA. Geißlingen), 33/8 Stunden südöstlich von Nürtingen, der vom Oberamtssitz entlegenste Ort des Bezirks, und der einzige Alport desselben. (Forstamt Urach.)

Auch die ganze Markung liegt auf der Alpfläche und ist rings von dem Rand des Gebirgsvorsprungs begrenzt, welcher das Lenninger Thal von dem Neuffener trennt. Die Luft ist scharf und windig, Hagelschlag nicht selten, der Boden meist leicht und flachgründig, der Grundbesitz stark zerstückelt. Dinkel, Roggen und Haber werden vorherrschend gebaut und gedeihen, besonders letzterer vorzüglich. Der Absatz geschieht auf den Schrannen von Kirchheim, Urach und Nürtingen. Es gibt mitunter sehr geringe Felder, die mit 25–50 fl. pr. Morg. verkauft werden, ja in älteren Zeiten bisweilen umsonst weggegeben wurden. Im Ganzen aber hat sich der Anbau so sehr verbessert, daß die Mittelpreise zu | 100, die höchsten zu 450–500 fl. stehen. Der Wieswachs ist weder ausgedehnt noch ergiebig genug, liefert aber gutes, sehr nahrhaftes Futter; Preise 100, 200–450 fl. Der Ort betreibt auch Obstzucht und zwar für einen Alport mit bemerkenswerthem Erfolg; die Förderung derselben ist ein besonderes Verdienst des Ortsvorstehers. Man bedient sich der Wildlinge, die in den nächsten Wäldern häufig vorkommen und veredelt werden, da junge Bäume aus mildern Gegenden hier nicht gut fortkommen. Eine seltene Erscheinung auf der Alp ist das dem Staat gehörige Stück Forchenwald von 81/2 Morgen bei dem sogenannten Sand, der einzige Nadelwald im Oberamt. Der auf hiesiger Markung angelegte Fohlengarten (s. oben) ist eine Aufmunterung, der Pferdezucht mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden, die auch wirklich seit einigen Jahren im Zunehmen, in Vergleichung mit andern Alporten aber noch immer nicht bedeutend ist. Wichtiger ist die Rindviehzucht, indem verhältnißmäßig viel Vieh nachgezüchtet, auch auf Verbesserung der Race ernstlich gesehen wird. Das Melk- und Zug-Vieh wird im Stalle gefüttert, das junge Vieh aber auf die sehr gesunde und nährende Waide getrieben. Die Schafwaide wird fast durchaus mit fremden Schafen beschlagen und war früher für die Commune einträglich, wirft aber jetzt, da 30 Morgen zu Allmandtheilen verwendet wurden, nur 170 fl. Pacht ab. Ziegen werden in ziemlich großer Anzahl gehalten, da sie bei der guten Waide sehr leicht fortzubringen sind. Von Gewerben sind hauptsächlich die zahlreichen Leinwandweber (30 Stühle), Ziegler, Maurer und Zimmerleute, die Sommers viel auswärts arbeiten, zu nennen. Schildwirthschaften bestehen 3. Nebenbeschäftigungen sind das Spinnen (früher sehr stark, jetzt immer mehr beschränkt), das Kräutersuchen, das Schneckensammeln; eine Person treibt Schneckenhandel nach Oberschwaben. Außer den entbehrlichen Boden-Erzeugnissen werden auch thon- und marmorartige Kalksteine und Kalk zum Brennen in beträchtlicher Menge ausgeführt. Die sehr gut hergestellte Vicinalstraße, welche von Beuren herauf durch den Ort nach den Alporten und Oberschwaben führt, belebt den Verkehr zum sichtlichen Nutzen des Ortes.

Die Einwohner (bis auf 8–9 Stammfamilien aus neuen Ansiedlern seit dem 30jährigen Krieg bestehend) stehen hinsichtlich ihrer Sitten, Tracht, Lebensweise etc. zwischen den Thalbewohnern und den weiter hin wohnenden Älplern mitten inne. Fleiß und Genügsamkeit bezeichnen durchschnittlich ihren Charakter. Es gibt darunter 10–12 wohlhabende Bauern, die übrigen sind mehr oder minder unbemittelt. In Erkenbrechtsweiler wurde am 3. Sept. 1794 der Departementschef der Justiz, Staatsrath von Römer geboren.

| Die Corporation besitzt unter andern Vermögenstheilen 250 Morgen Laubwald, der übrigens wie auch die Privatwälder, zum größten Theile aus Buschholz besteht. Den Groß-, Heu- und Öhmd-Zehnten bezieht der Staat, den kleinen die Pfarrei; das Zehntstroh gehört den Widdumhofsbesitzern, welchen die Faselviehhaltung obliegt.

Erkenbrechtsweiler (s. hienach) wird im Munde des Volks selten gehört; man sagt Hinterweiler oder Weiler schlechtweg. Es ist ein freundlicher Ort, in einer sanften Eindachung der Alpfläche unweit des steilen Nordrandes gelegen. Sehr viele neue Ziegeldächer statt der alten Strohdächer kündigen ihn schon aus der Ferne vortheilhaft an, wie sich denn auch im Innern das Aussehen des Dorfes sehr verbessert hat. Die Pfarrkirche ist aus einer jetzt nicht mehr sicher zu ermittelnden Zeit, da der alte Charakter des Gebäudes durch die 1756 vorgenommene Erneuerung und Erweiterung verwischt wurde. Die Baulast wird von der Gemeinde getragen. Erst 1472 erhielt der Ort einen Pfarrcaplan, nachdem er früher ein Filial von Ober-Lenningen gewesen war; von 1560–1706 aber war er wieder Filial der Diakone von Neuffen, zwischenein auch der Pfarrer von Beuren und Ober-Lenningen; 1706–38 waren eigene Pfarrvikare hier, welchen 1726 die Festung Hohen-Neuffen als Filial angewiesen wurde. 1739 erfolgte endlich die Errichtung einer wirklichen Pfarrei, mit welcher die Festung bis zu deren Aufhebung im Filialverband blieb. An der Kirche befindet sich der Begräbnißplatz. Das vom Staat zu erhaltende Pfarrhaus ist alt (erbaut 1744), das Rath- und Schul-Haus aber ein sehr ansehnliches, 1836 mit einem Aufwand von 10.000 fl. von der Gemeinde ganz neu aufgeführtes Gebäude. Die Schule hat 2 Lehrer; auch besteht eine 1823 mit Unterstützung der Frau Herzogin Henriette Hoheit gegründete Industrieschule. Der Ort hat hinlängliches Quellwasser in 2 Brunnen und die nöthigen Cisternen für das Vieh.

Es fehlt den Umgebungen des Dorfes nicht an manchfaltigem Interesse. Der merkwürdigen Überreste aus hohem Alterthum, des Burgwalds, der alten Straße, der Schanzen, Heidengräben, Grabhügel und antiquarischen Funde auf diesem abgeschnittenen Gebirgsast ist oben ausführliche Erwähnung gethan worden. Hier gedenken wir nur der unübertrefflichen Aussichten, welche man von mehreren vorspringenden Punkten des Felsenkranzes genießt, der den Alptrauf rings umgibt. Unter diesen verdient vorzugsweise einen Besuch der Brucken-Felsen oder die Scheurenweite, die äußerste Spitze des Burgwalds, wo senkrecht zu den Füßen des Beschauers das Gebirge in eine schauerliche Tiefe | abstürzt, während das Auge über den reizenden Vordergrund, welchen das Lenninger Thal nach seiner ganzen Ausdehnung bildet, ungehindert in die weitesten Fernen schweift. Die auf der Alp so häufige Erscheinung der Erdfälle findet sich auch hier; doch sind bis jetzt nur deren vier bekannt, sämmtlich von unbeträchtlichem Umfange. Eine unter der sogenannten Burg ins Gebirge sich weit hinziehende Felshöhle wird in der Volkssage genannt, ist aber in der Wirklichkeit noch nicht nachgewiesen worden.

Der Burrenhof, so genannt von dem Burren, einem großen, vor einigen Jahren eröffneten Grabhügel, ist ein im Jahr 1838 am Kreuzpunkt der Straße nach Urach und der von Neuffen nach Grabenstetten erbauter Bauernhof mit einer Wirthschaft.

Im Jahre 1359 versetzte Württemberg Güter in „Erkenbodeswiler“ an Berthold und Heinrich Schilling (Gab.); sonst waren namentlich auch die Herren von Baldeck allhier berechtigt und begütert.[1]

Mit Neuffen ist der Ort im Jahr 1301 von Württemberg erkauft worden.

Fußnote:

  1. Das Lagerbuch von 1526 nennt den Ort „Eltzenbocksweiler.“ Die Verleihung der Caplanei und der große Zehnten stand Württemberg zu; das Dorf gehörte damals in’s Gericht Neuffen. Johann Schwenzlin von Hofen verkauft 1422 mehrere Gülten aus Gütern in Erkenbozweiler an die Präsenz zu Kirchheim u. T.
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