Beschreibung des Oberamts Nagold/Kapitel B 30

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel B 29 Beschreibung des Oberamts Nagold Kapitel B 31 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Spielberg,
mit der Ziegelhütte,
Gemeinde III. Kl. mit 542 Einw. – Evang. Pfarrei.


Der ansehnliche, freundliche Ort liegt frei auf der Hochebene zwischen den Thälern des Zinsbachs und des Bömbachs an der Landstraße von Altensteig nach Pfalzgrafenweiler; überdieß ist eine Vicinalstraße bis zu der 1/2 Stunde südöstlich vom Ort vorüber führenden Nagold-Freudenstadter Landstraße angelegt. Die Entfernung bis zur östlich gelegenen Oberamtsstadt beträgt 3 Stunden und die von dem nordöstlich gelegenen Altensteig eine Stunde.

Die durchgängig mit Ziegeln gedeckten, häufig an den Wänden verschindelten Gebäude sind nicht selten ansehnliche Baurenwohnungen, die in mäßigen Entfernungen an den ziemlich gut unterhaltenen Ortsstraßen stehen.

| Die in der Mitte des Orts gelegene Pfarrkirche, welche der Staat zu unterhalten hat, ist ursprünglich im germanischen Style erbaut, der übrigens durch spätere Veränderungen, mit Ausnahme des spitzbogigen Eingangs, gänzlich verdrängt wurde; dagegen ist der einfache Thurm bis zu seinem fünften, erst später aus Holz aufgebauten Stockwerke unverändert geblieben. Auf dem Thurme, von dem man eine sehr schöne Aussicht genießt, hängen 2 von Kurtz in Reutlingen in den Jahren 1850 und 1852 gegossene Glocken. Das Innere des mit einer flachen Decke versehenen Langhauses ist weiß getüncht und enthält einen 8eckigen, hohlen Taufstein. Von dem Schiff führt ein runder Triumphbogen in das untere Stockwerk des Thurms, das hier die Stelle des Chors vertritt und allenthalben noch Spuren des romanischen Baustyls an sich trägt. Dasselbe enthält ein Kreuzgewölbe, dessen interessanter Schlußstein, das uralte badische Wappen vorstellend, frei an der Kreuzung hervorsteht. Überdieß enthält der Chor ein romanisches Fensterchen und einen sehr alten steinernen Altar mit dem Sepulchrum; ein im germanischen Styl gehaltenes Sacramenthäuschen stammt aus einer späteren Zeit.

Der außerhalb (östlich) des Orts an der Straße nach Egenhausen gelegene Begräbnißplatz wurde auf Kosten der Staatsfinanzverwaltung im Jahr 1842 errichtet; der frühere lag nördlich vom Ort und der ursprüngliche um die Kirche.

Das in der Nähe der Kirche gelegene, gut unterhaltene und geräumige Pfarrhaus ist Eigenthum des Staats, welcher es auch im Bau unterhält.

Das ansehnliche Schulhaus, welches ebenfalls der Staat zu unterhalten hat, enthält 2 Lehrzimmer, die Wohngelasse des Schulmeisters und des Lehrgehilfen.

Rathhaus ist keines vorhanden und die Gemeinderathssitzungen werden in einem gemietheten Zimmer gehalten; dagegen gehört der Gemeinde der 4te Theil an dem Rathhaus zu Egenhausen und sie muß deßhalb an dessen Unterhaltungskosten an jedem Gulden 17 kr. bezahlen; hiefür hat die Gemeinde den 4ten Theil von den Marktgeldern in Egenhausen zu beziehen.

Ein Gemeindewaschhaus, in welchem sich auch das Ortsgefängniß befindet, ist vorhanden.

Gutes Trinkwasser liefern 2 laufende und 2 Ziehbrunnen, die jedoch in sehr trockenen Jahrgängen nachlassen, so daß ein großer Theil des Wasserbedarfs am Zinsbach geholt werden muß. Im Jahr 1832 wurde eine Quelle in den Ort geleitet und der erste laufende Brunnen errichtet, wodurch dem früher öfters vorgekommenen | gänzlichen Wassermangel abgeholfen worden ist. Eine kleine Wette ist im Ort angelegt.

Die sehr fleißigen und rührigen Einwohner sind trotz ihrer Thätigkeit im Allgemeinen nicht sehr bemittelt; der reichste Bürger besitzt 40 Morgen Feld und 30 Morgen Wald, der sog. Mittelmann 10–12 Morgen Feld und die ärmere Klasse 1–2 Morgen. Etwa 26 Personen erhalten gegenwärtig Unterstützung von Seiten der Gemeinde. Neben dem Feldbau und der Viehzucht bildet die Schindelfabrikation eine Haupterwerbsquelle und liefert einen Reingewinn von jährlich 5–6000 fl.; es werden jährlich gegen 400 Klafter Roth- und Weißtannenholz zu Schindeln verarbeitet. Nachdem die Feldgeschäfte besorgt sind, wie überhaupt in jeder freien Zeit, werden von sämmtlichen Einwohnern Schindeln verfertigt und ein gewandter Arbeiter kann sich hiemit 1 fl. bis 1 fl. 12 kr. täglich verdienen. Die Schindeln werden im Inland und in das Badische abgesetzt. Auch die Fertigung von Floßweiden wird auf 4 Öfen betrieben.

Die ziemlich große, jedoch beinahe zur Hälfte mit Wald bestockte Markung hat im Allgemeinen einen mittelfruchtbaren, rothsandigen Boden, der auf der Anhöhe nördlich vom Ort in die unteren Schichten des Wellenmergels übergeht und hier einen thonigen, dem Getreidebau sehr zuträglichen Boden liefert.

Die klimatischen Verhältnisse sind ziemlich günstig, nur kommen häufig schädliche Frühlingsfröste vor, dagegen gehört Hagelschlag zu den Seltenheiten.

Die Landwirthschaft wird in 3zelgiger Feldereintheilung mit zu 2/3 angeblümter Brache gut betrieben; bei einer Aussaat von 9–10 Sri. Dinkel, 4 Sri. Haber, 4 Sri. Gerste und 4 Sri. Roggen, erntet man von dem Morgen 6–7 Scheffel Dinkel, 4 bis 5 Scheffel Haber, 3 Scheffel Gerste, die jedoch nicht gerne gedeiht. In der Brache werden vorzugsweise Kartoffeln, die sehr gut gedeihen, dreiblättriger Klee, Kohlraben, Kraut etc. gezogen. Die besten Äcker kosten 400 fl., die mittleren 200 fl. und die geringsten 50–100 fl. pr. Morgen. Das Getreideerzeugniß reicht zur Befriedigung des örtlichen Bedürfnisses.

Der Wiesenbau ist ausgedehnt und nimmt beinahe 1/3 der Feldmarkung ein; die Wiesen, von denen nur wenige bewässert werden können, sind durchgängig 2mähdig und ertragen 20–30 Ctr. Heu und 10–15 Centner Öhmd pr. Morgen.

Die mit späten Mostsorten und Zwetschgen sich beschäftigende | Obstzucht ist nicht von Belang und beschränkt sich auf die zunächst am Ort gelegenen Baumgärten.

Der aus einer gewöhnlichen Landrace und Allgäuer Vieh bestehende Rindviehstand ist ziemlich gut und wird durch 2 Farren, die ein Bürger Namens der Gemeinde hält, nachgezüchtet. Der Handel mit Vieh ist unbedeutend.

Was die Schafzucht betrifft, so lassen die Ortsbürger etwa 160 Stück Landschafe auf der Markung laufen, ohne jedoch Weidgeld entrichten zu müssen; die Pferchnutzung trägt der Gemeinde 150–200 fl. jährlich ein.

Schweinezucht wird nicht betrieben, und sämmtliche Ferkel kauft man auswärts für den eigenen Bedarf.

Die Zucht der Bienen wie auch der Ziegen ist von keinem Belang.

Von den Gewerben sind, außer den gewöhnlichen Handwerkern, 3 Schildwirthschaften und 1 Krämer zu nennen.

Die Gemeinde besitzt 100 Morgen Waldungen, deren jährlicher in 41 Klaftern bestehender Ertrag über Abzug des Gemeindeholzes um etwa 400 fl. zu Gunsten der Gemeindekasse verkauft wird.

Die jährliche Gemeindeschadensumlage beträgt 800 fl.

Zu der Gemeinde gehört:

Die Ziegelhütte, welche 1/4 Stunde südlich vom Ort in dem Bömbach-Thälchen liegt.

Mit Altensteig kam Sp. 1603 von Baden an Württemberg, welchem bereits 1396 Hug von Berneck hiesige Güter zu Lehen aufgetragen hatte.

Im Jahr 1491 wurde die hiesige Kapelle von der Pfarrei Haiterbach abgetrennt und zur eigenen Pfarrkirche erhoben.

Die Pfarrei ist königlicher Collatur.


« Kapitel B 29 Beschreibung des Oberamts Nagold Kapitel B 31 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).