Beschreibung des Oberamts Nagold/Kapitel B 35

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Walddorf,
Gemeinde III. Kl. mit 950 Einw., a. Walddorf, Pfarrdorf, b. Mohnhardt, Weiler, c. Chausseehaus, – Evang. Pfarrei.


Der ansehnliche, 13/4 Stunden nordwestlich von der Oberamtsstadt gelegene Ort, hat auf der Hochfläche zwischen der Nagold und der Waldach eine angenehme, ringsum geschützte Lage; die meist freundlichen, mäßig von einander entfernten Wohnungen lagern sich in einem schönen Bogen um eine wiesenreiche, mit Obstbäumen bepflanzte Mulde, welche sich unterhalb des Dorfs zu einem freundlichen Waldthälchen ausbildet, das bei Rohrdorf unter dem Namen Walddorfer Thälchen in das Nagold-Thal eingeht. Der Ort ist durch Vicinalstraßen mit Rohrdorf, beziehungsweise mit Nagold und Altensteig in Verbindung gesetzt; eine weitere Vicinalstraße führt auf die 1/4 Stunde südlich vom Ort vorbeiziehende Nagold-Freudenstadter Landstraße, kreuzt diese bei dem Chausseehaus, einem zu der Gemeinde gehörigen Gasthaus, und führt weiter nach Ober-Schwandorf.

Die am südlichen Ende des Dorfs gelegene Pfarrkirche (Johanniskirche) wurde im Jahr 1840 mit einem Aufwand von 20.000 fl. von dem Staat an der Stelle der alten, zu klein gewordenen, neu erbaut. Sie ist in einem ganz einfachen Style ohne Chor erbaut und enthält zwei über einander hinziehende, geradlinige Fensterreihen, mehr einer Fabrik als einem Gotteshause gleichend. Das Innere der Kirche ist geräumig, hell und weiß getüncht; auf dem Altar steht ein Bild des Gekreuzigten, das noch aus früherer Zeit stammt und erst in neuerer Zeit renovirt wurde. Der mit einem Bohlendach versehene Thurm ist noch alt und bei der Erbauung der Kirche erneuert worden. Auf demselben hängen zwei Glocken, von denen die größere die 4 Evangelistennamen und die Jahrszahl 1400 enthält, während die kleinere, der Form nach ältere, nur die 4 Evangelistennamen in sehr alten Majuskeln trägt. Die Unterhaltung der Kirche liegt dem Staat ob.

Der um die Kirche gelegene Begräbnißplatz wurde im Jahr 1838 aufgegeben und dagegen ein neuer hinter der Kirche angelegt.

Das wohl unterhaltene Pfarrhaus, welches Eigenthum des Staats ist, liegt mit seinem 32/8 Morgen großen Garten unfern der Kirche und erlaubt eine freundliche Aussicht in das Freie.

Das dem Pfarrhaus gegenüber gelegene Schulhaus wurde zu Ende des vorigen Jahrhunderts erbaut und im Jahre 1827 namhaft | vergrößert; es enthält die Gelasse für den Gemeinderath, 2 Lehrzimmer, die Wohnung des Schulmeisters und des Unterlehrers.

Ein öffentliches Waschhaus und ein Armenhaus ist vorhanden.

Mit gutem Trinkwasser, das 3 laufende und ein Pumpbrunnen liefern, ist der Ort hinreichend versehen; außerhalb des Dorfs befinden sich mehrere Quellen, namentlich in dem Walddorfer Thälchen, von denen der Ursprung des Walddorfer Bachs die bedeutendste ist; auch kommen an der südlichen Seite des Orts mehrere periodisch fließende Quellen vor. Im Ort ist eine kleine Wette angelegt.

Die Einwohner sind im Allgemeinen kräftige, biedere Leute, welche sich durch Fleiß, Sparsamkeit und kirchlichen Sinn vortheilhaft auszeichnen und auch in bewegten Zeiten, wie in den Jahren 1848/49 in den Schranken der Ordnung geblieben sind. Die Haupterwerbsquellen sind Feldbau und Viehzucht; die früher stark betriebene Zeugmacherei, hat in neuerer Zeit nachgelassen und gegenwärtig arbeiten nur noch 10 Meister auf eigene Rechnung und etwa 30 Personen um den Lohn. Die Fabrikate beschränken sich vorzugsweise auf wollene Zeuge und Hemdenflanell. Überdieß befinden sich die gewöhnlichen Handwerker und eine Ziegelhütte im Ort. Was die Vermögensumstände betrifft, so sind diese nicht besonders günstig und der begütertste Bürger besitzt 30–40 Morgen, der sog. Mittelmann 18–20 Morgen und die ärmere Klasse 1–2 Morgen.

Die verhältnißmäßig nicht große Markung, von der überdieß ein namhafter Theil aus Wald besteht, ist ziemlich hügellig und hat im Allgemeinen einen fruchtbaren, steinreichen Boden, der in feuchten Jahrgängen einen höheren Ertrag liefert, als in trockenen. Er besteht aus den Zersetzungen des Wellenmergels, Wellendolomits, der Anhydritgruppe und auf den Anhöhen aus denen des Muschelkalks; er bedarf keiner starken Düngung, bei der außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln auch der Gyps, die Hallerde, der Compost etc. in Anwendung kommen.

Das Klima ist gesund, die Luft etwas rauh und Nebel, wie auch Frühlingsfröste, kommen seltener vor als im Thal; an Hagelschlag kann sich der älteste Mann nicht erinnern.

Der westlich vom Ort gelegene hohe Bergrücken Hagen soll eine Wetterscheide bilden; daselbst genießt man eine ausgebreitete, schöne Aussicht, die sich über den Schwarzwald und an die Alp (vom Lupfen bis zum Hohen-Neuffen) erstreckt.

Die Landwirthschaft wird im Allgemeinen gut und den natürlichen Verhältnissen angemessen betrieben, bei dem in dreizelgiger | Flureintheilung betriebenen Ackerbau kommen übrigens meist noch die älteren Ackergeräthe in Anwendung. Bei einer Aussaat von 6–8 Sri. Dinkel, 5–6 Sri. Haber und 2–4 Sri. Gerste wird eine durchschnittliche Ernte von 8–10 Scheffel Dinkel, 6–7 Scheffel Haber und 4 Scheffel Gerste per Morgen erzielt. In der Brache zieht man Kartoffeln, die hier sehr gut gedeihen und sogar zur Zeit der Kartoffelkrankheit verschont blieben, dreiblättrigen Klee, Luzerne Esparsette, Wicken unter dem Haber gepflanzt, Linsen, etwas Reps und sehr viele Rauhkarden, von denen man in günstigen Jahren schon 2–3 Millionen Stück erntete. Von den Getreideerzeugnissen werden etwa 300 Scheffel Dinkel und 200 Scheffel Haber nach Außen abgesetzt. Die höchsten Ackerpreise belaufen sich auf 7–800 fl., die mittleren 400 fl. und die geringsten 50–60 fl. per Morgen.

Der Wiesenbau ist verhältnißmäßig ausgedehnt; die durchgängig 2–3 mähdigen Wiesen, von denen etwa der vierte Theil Wässerung erhält, ertragen durchschnittlich 25 Ctr. Heu und 15 Ctr. Öhmd per Morgen. Die besten Wiesen werden mit 900 fl., die mittleren mit 500 fl. und die geringsten mit 300 fl. per Morgen bezahlt.

Die Obstzucht ist bedeutend und wurde von dem verstorbenen Schultheiß Gänsle und dessen Sohn, dem dermaligen Ortsvorstand, auf’s Beste gehoben; man pflegt vorzugsweise Luiken, Goldparmäne, Reinetten, Zippereräpfel, Rosenäpfel, Knausbirnen, welsche Bratbirnen, Bogenäckerinnen, Harigelsbirnen und ziemlich viel Zwetschgen. Eine Baumschule hat Schultheiß Gänsle nach Hohenheimer Vorschrift anlegen lassen; sie liefert die Jungstämme nicht nur für den Ort und die nächste Umgegend, sondern auch für weitere Entfernungen. In guten Jahrgängen wird ziemlich viel Obst nach Außen verkauft.

Die beträchtliche Rindviehzucht beschäftigt sich mit einer tüchtigen, mit Simmenthaler gekreuzten Landrace, welche durch 3 Simmenthaler Bastardfarren verbessert und nachgezüchtet wird. Die Zuchtstiere hält, nebst 2 Schafböcken, einem Ziegenbock und einem Eber, ein Ortsbürger gegen jährlich 150 fl. und der Nutznießung von einigen Morgen Feldern. Mit Vieh wird einiger Handel auf benachbarten Märkten getrieben.

Die Brach- und Stoppelweide ist an einen fremden Schäfer um 100 fl. jährlich verpachtet und die Pferchnutzung trägt der Gemeindekasse etwa 500 fl. ein.

Neben der nicht bedeutenden Schweinezucht werden viele Ferkel von Außen bezogen und nach 1/4 oder 1/2 Jahr wieder verkauft.

| Die Zucht der Ziegen ist ziemlich beträchtlich, dagegen die der Bienen gering.

Die Gemeinde besitzt 556 Morgen Waldungen, von deren Ertrag jeder Bürger 1/2 Klafter jährlich bezieht; der Rest des Holzertrags wird verkauft und sichert der Gemeindekasse eine Einnahme von etwa 1600 fl. Gemeindeschaden wird keiner umgelegt.

Auf dem 1/4 Stunde südwestlich gelegenen Weilerberg soll nach der Sage eine Burg gestanden sein.

W. scheint ursprünglich Calwisch gewesen zu sein. Uta, die Wittwe des letzten Calwer Grafen Gottfried, schenkte 1262 dem Kloster Allerheiligen hiesige Güter (in villa et banno Walthorf. Schannat Vind. 1, 145). Es kam mit der Calwer Erbschaft an die Pfalzgrafen von Tübingen, von ihnen an die Grafen von Hohenberg.

Die erste Nennung des Orts fällt um das Jahr 1100, als Rudolf von „Waltorf“, Dienstmann Adelberts von Altensteig das Kloster Reichenbach mit zwei Huben und einem Theil der Kirche in Leinstetten beschenkte (Wirt. Urk.-Buch 2, 403).

Im Jahr 1399 kam der Kirchensatz von Hug von Berneck kaufweise an die Markgrafschaft Baden und 1453 erscheint W. überhaupt im Testament Markgraf Jakobs von Baden, (Schoepfl. Hist. Zar. Bad. 6, 280). In den Jahren 1300, 1303, 1309 und 1321 gelangte übrigens ein Haupttheil an den Johanniterorden zur Commende Rohrdorf; im letztgenannten Jahr gab dahin Vogt Billung (von Wildberg) gegen ein Leibgeding „für ein frei Eigen das Dorf W. in allen den Rechten, als er es bisher gehabt hatte“ (Schmid Grafen von Hohenberg Urk. 232).

Die geistliche Gerichtsbarkeit stund Württemberg zu. Es trat aber den 14. Juni 1738 der Orden das Dorf an Württemberg ab für Rechte in Rohrdorf und Dätzingen. Sonach wurde W. 1752 der Landschaft incorporirt und dem Oberamt Nagold, 1788 dem O.A. Altensteig, bei welchem es bis zu dessen Auflösung blieb, zugetheilt. An hiesiger Kirche erscheinen 1279 Berhtoldus rector ecclesiae (Kloster Walder Urkunde), 1312 „Herr Cunrat Kilchherre ze Waldorf“ (Kl. Reuthiner Urkunde).

Die lutherische Lehre wurde nach der Mitte des 16. Jahrhunderts hier eingeführt. (s. Rohrdorf). Der bis 1587 hier wirkende Joh. Speidel ist der erste evangelische Pfarrer. Der Pfarrsatz ist landesherrlich.

Außer dem schon angeführten Chausseehaus gehört noch zur Gemeinde:

| Monhardt ein kleiner Weiler, welcher 1/4 Stunde nördlich vom Mutterort an der Vicinalstraße von Wöllhausen nach Altensteig liegt.

Trinkwasser ist hinreichend vorhanden und die natürlichen, wie die landwirthschaftlichen Verhältnisse sind beinahe die gleichen wie im Mutterort, nur der Boden besteht hier durchgängig aus den Zersetzungen des bunten Sandsteins.

Der Weiler gehörte früher zur Gemeinde Ebhausen bis er im Jahr 1834 der Gemeinde Walddorf zugetheilt wurde.

Am 31. Mai 1297 übergab Hug der Vogt von Wöllhausen mit „seines Herrn Hand Graf Burkhards von Hohenberg“ sein Gut Monhart dem Kloster Reuthin, welches auch 1300 einen hiesigen Hof erhielt (Schmid Grafen von Hohenberg 146).

Nach einer Urkunde vom 1. Nov. 1330 hatte das Enzklösterle 30 Schill. Heller jährlicher Einkünfte auf dem Hofe M.

Am 11. Juli 1628 verkaufte Herzog Johann Friedrich von Württemberg den Monhardtshof an den vorherigen Bestandmeier Georg Spären für 2900 fl.


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