Beschreibung des Oberamts Neresheim/Kapitel B 29

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Schweindorf.
Gemeinde III. Kl. mit 348 Einw., wor. 1 Kath. a. Schweindorf, Pfarrdorf, 316 Einw., b. Mörtinger-Höfe, Weiler, 32 Einw. – Ev. Pfarrei; die Kath. sind nach Kösingen eingepfarrt. 2 Stunden nordöstlich von der Oberamtsstadt gelegen.

Der rings von bewaldeten Anhöhen geschützt umgebene große, mit guten Straßen versehene Ort liegt selbst auf leichter Erhebung zwischen Obstgärten sonnig und freundlich und macht trotz seiner meist einstockigen, häufig mit Stroh bedachten Häuser doch den Eindruck eines wohlhabenden und geordneten Bauerndorfes. Das hochgelegene Pfarrhaus und der Kirchthurm gewähren hübsche und ziemlich weite Aussichten.

Die sehr alte aus löcherigem Basalttuff erbaute Kirche steht im westlichen Theil des Orts und trägt noch verschiedene deutliche Spuren ihres hohen Alterthums; so ist an der fensterlosen Westfront noch der ursprüngliche (flachere) Giebel sichtbar, an den vier Ecken des | Schiffes ragen noch weit hinaus die vier steinernen Träger des ursprünglichen (romanischen) Dachgesimses, und der die Stelle des Chors vertretende Thurm zeigt noch an der Südseite ein rundbogiges romanisches Fensterchen mit schöner Kleeblattfüllung. Im Innern ist das erste Geschoß des Thurmes von einem hohen Rippenkreuzgewölbe überspannt, der in ihn führende Triumphbogen halbrund und auf schlichten (aus Platte und Schräge gebildeten) Kämpfern ruhend. Ferner enthält die flachgedeckte Kirche einen Altar im Renaissancestil, einen spätgothischen Taufstein mit gewundenem Stamme, die Holzbilder Christi mit Maria und Johannes und des heil. Nicolaus, sodann ein kleines, hübsches, sandsteinernes, mit Skulpturen geschmücktes Grabmal, die Unterschrift verschmiert, man liest noch: Anno 1622 den 15. Augusti …

Der ein unschönes stumpfes Pyramidendach tragende Thurm besitzt zwei Glocken; die größere, schön gothisch verzierte zeigt in reicher und trefflicher gothischer Schrift: cristof glockengieser zu norinberg gos mich. zu gottes lob gehor ich. Auf der andern Glocke steht: mich gos Klein in Nördlingen 1847. Die Unterhaltung der Kirche ruht auf dem Hospital in Nördlingen.

Der noch stark ummauerte Friedhof liegt um die Kirche.

Das nicht im besten Stand gehaltene, hochgelegene Pfarrhaus samt Nebengebäuden, einen geschlossenen Pfarrhof bildend, wurde 1666 vom Hospital Nördlingen erbaut, dem auch die Unterhaltung desselben zusteht. Das frühere wurde am Tage nach der Nördlinger Schlacht (28. Aug. 1634) mit beinahe dem ganzen Ort niedergebrannt.

Das als ursprüngliches Meßnerhaus an die Kirche vom Hospital Nördlingen gebaute Schulhaus enthält im untern Stock ein Lehrzimmer und im obern die beschränkte Wohnung des Schulmeisters.

Das Rathhaus wurde vor 15 Jahren erbaut; auch ist ein Armenhaus vorhanden.

Bei Mörtinger-Höfe stand eine Kapelle, von der die Kapeläcker noch jetzt ihren Namen haben.

Gutes, mitunter etwas kalkhaltiges Wasser (z. B. der Brunnen im Pfarrgarten) liefern verschiedene Schöpfbrunnen; ganz gutes und sehr reichliches Wasser aber spendet die nie versiegende auf dem Feld gefaßte Quelle, die in neuester Zeit in gußeisernen Röhren in’s Dorf hereingeleitet wurde und hier drei laufende Brunnen speist. Das beste und reinste Wasser aber gewährt der neuerdings von der Hospitalverwaltung in Nördlingen vor der Wohnung des Nördlingischen Försters hier hergestellte Brunnen. Auch die Markung ist reich an guten Quellen, die im Schoos der nahen Wälder sich sammeln. Wetten bestehen drei.

Eine gute, sehr viel benützte Vicinalstraße führt von Dischingen | (Lauingen) herkommend durch den Ort und auf die Staatsstraße nach Nördlingen.

Haupterwerbsquellen der sehr geordneten, körperlich kräftigen Einwohner sind Feldbau, Viehzucht und umfangreiche Holzgeschäfte: Gewerbe werden nur für den örtlichen Bedarf getrieben, dagegen besteht eine gute, ziemlich ausgedehnte Bierbrauerei mit Wirthschaft. Eine Schenkwirthschaft und ein Kramladen sind ebenfalls vorhanden. Getreide und Holz wird viel nach Nördlingen abgesetzt.

Der Ort gehört neben Demmingen und Goldburghausen zu den wohlhabendsten des Oberamts; der begütertste Bauer besitzt 100 Morgen, worunter etwas Wald, ebenso viel besitzen die vier Bauern auf den Mörtinger-Höfen, der Mittelmann hat 25–30, und die ärmere Klasse wenigstens einige Morgen Feld.

Auf Kösinger Markung besitzen hiesige Bürger eine ziemliche Anzahl Äcker.

Die ziemlich große gegen Osten an das Königreich Bayern grenzende Gemeindemarkung hat eine flachhügelige, von Trockenthälchen, in denen sich zuweilen Erdfälle befinden, durchzogene Lage, namentlich greifen in den westlichen Theil der Gemeindemarkung (Markung Mörtinger-Höfe) das Rennthal und das Kannenthal ziemlich kräftig ein.

Der im allgemeinen fruchtbare Boden besteht hauptsächlich aus den Zersetzungen des weißen Jura und ist in nassen Jahrgängen ergiebiger als in trockenen.

Das Klima ist das des Herdtfeldes, jedoch wegen der ringsum liegenden Wälder etwas geschützter, so daß Bohnen noch ganz gut gedeihen, während sich die Gurken auffallend verspäten. Nebel kommen im Herbst und Winter häufig vor, während Hagelschlag zu den Seltenheiten gehört.

Die Landwirthschaft wird mit Anwendung des neueren eisernen Pflugs gut und fleißig betrieben; zum Anbau kommen von den Getreidearten Dinkel, Gerste, Haber, Roggen und nur wenig Einkorn, (hievon gedeihen die drei ersteren vorzüglich,) ferner Kartoffeln, dreiblättriger Klee, Wicken, etwas Esparsette und sehr viel Flachs, der jedoch meist im Ort versponnen wird. Von den Getreideerzeugnissen werden jährlich 600 Scheffel Dinkel, 300 Scheffel Gerste und 100 Scheffel Haber auf der Schranne in Nördlingen abgesetzt.

Der verhältnißmäßig nicht sehr ausgedehnte Wiesenbau liefert ein gutes Futter, das für den örtlichen Bedarf nicht hinreicht, daher auf Futterkräuterbau sehr gedrungen wird.

Die Obstzucht, welche hauptsächlich in den um das Ort zunächst gelegenen Gärten getrieben wird, beschäftigt sich mit verschiedenen Apfel- und Birnsorten, namentlich Roggen- und Leistbirnen, besonders aber mit Zwetschgen und Pflaumen, von denen in günstigen Jahrgängen viel nach außen abgesetzt werden; auch anderes Obst kommt zum Verkauf, | worunter viel Nüsse, die hier von sehr groß gewachsenen und häufig vorkommenden Bäumen gewonnen werden.

Die Gemeinde besitzt keine Waldungen, dagegen sind über 300 Morgen Wald im privatrechtlichen Besitz von 43 Gemeinderechtsbesitzern, wobei auch die Pfarr- und Schulstelle mit ihrem Besoldungsholz betheiligt sind; es werden 80–85 Klafter und 6000 Großwellen jährlich geschlagen, das die Berechtigten unter sich verloosen, wobei einer 11/2–2 Klafter und einen Antheil Wellen erhält. Die Eichen werden im Aufstreich verkauft und der Erlös ebenfalls unter die Berechtigten vertheilt. Auf der Markung liegen ausgedehnte, dem Hospital Nördlingen gehörige Waldungen, die von einem im Ort wohnhaften Nördling’schen Förster verwaltet werden.

Die eigentlichen Weiden sind unbeträchtlich, dagegen hat die Gemeinde Antheil an dem Weidrecht in dem benachbarten ausgedehnten Wald Ohrnberg; überdieß wird die Brach- und Stoppelweide benützt. Die Weide wird an einen fremden Schäfer um 560–70 fl., die auf den Mörtinger-Höfen um 350 fl. von der Gemeinde verpachtet; der Pferch wird nicht verliehen, sondern von den 43 Gemeinderechtsbesitzern, nach der Ordnung der jährlichen Verloosung, unmittelbar benutzt.

Auf Pferdezucht wird nicht blos bei einzelnen Ortsbürgern, sondern namentlich von den Bauern auf den Mörtinger-Höfen viel gehalten; man sieht hauptsächlich auf einen schweren Landschlag und bringt die Stuten deßhalb nicht allein auf die Bopfinger Beschälplatte, sondern läßt sie auch anderwärts von schweren Hengsten belegen.

Die Rindviehzucht beschäftigt sich hauptsächlich mit einer mittleren rothen Landrace, theilweise auch mit starkem Rieservieh; zur Nachzucht sind zwei Farren aufgestellt. Auf benachbarten Märkten und im Ort wird einiger Handel mit Vieh getrieben.

Die Schafzucht wird nur von einzelnen Bürgern in geringer Ausdehnung betrieben; sie übergeben den Sommer über ihre Schafe dem auswärtigen Schafweidepächter, der gegen 500 Stücke feine Bastarde auf der Markung laufen läßt; überwintert werden nur die den Bürgern gehörigen Schafe.

Nicht bedeutend ist die eigentliche Schweinezucht; dagegen werden sehr viele Ferkel (meist halbenglische Race) von außen bezogen und den Winter über in’s Haus geschlachtet, während nur wenige Mastschweine und Ferkel nach außen zum Verkauf kommen.

Was die Zucht des Geflügels betrifft, so ist die der Gänse sehr beträchtlich und bildet einen besonderen Handelsartikel.

Außer der gegen 3000 fl. betragenden Ortsstiftung und dem Schulfonds mit 800 fl. sind keine weitere Stiftungen vorhanden.

Schweindorfs Name erscheint zuerst 1334, wo der bescheidene Mann Heinrich der Strus von Schweindorf einen Hof zu Baldingen | kaufte. Utz Rüchlinger zu Memmingen verkaufte 1380 Äcker zu Swayndorf am Mühlweg nach Ahusen und am Merdinger Weg. Die Hauptgrundherren waren die Herren von Katzenstein; Jose und Herdegen von Hürnheim zu Katzenstein verkauften 1359 an Nördlinger Bürgersleute Höfe, Selden und Güter um 224 und 202 Pfd. Heller; den Rest dessen aber, was zu Katzenstein gehörte, verkauften Lorenz und Berchtold von Westerstetten (? 1501 – 24 Güter) und jedenfalls 1507 Güter, Gült, Vogtei und Obrigkeit, Taferne, Trieb und Weid, Hirtenstab u. s. w. um 145 fl. an den Spital zu Nördlingen. Zwei Neresheimer Huben erwarb derselbe Spital durch Tausch 1576 und ein paar Güter des Nördlinger Karmeliterklosters sollen vom Magistrate nach der Reformation auch dem Spital einverleibt worden sein. Außerdem finden sich Spuren von einem Hof des Klosters Christgarten und von einer Niederhaus’schen Selde.

Der Rath zu Nördlingen handhabte alle Obrigkeit, der Hospitalverwalter besorgte die Administration und die Einwohner mußten zu Recht stehen vor dem Nördlinger Gerichte zu Trochtelfingen. Im Ort waren fünf Untergänger und ein Amtsknecht.

Von besondern Schicksalen sind bekannt: 1585 ermordete ein Weib ihren Mann und zündete nachher das Dorf an; 1634 den 28. August, zündeten die Kaiserlichen an und das Ort brannte ab bis auf Kirche, Pfarrhaus und 3 Häuser; 1796, 5. August, plünderten die Franzosen.

1380 wurde 1 Pfd. Wachs gekauft auf St. Stefansaltar zu Swayndorf. Der Kirchsatz und das Patronat gehörten zur Herrschaft Katzenstein und wurden von den Herren von Westerstetten bei dem Verkauf a. 1507 formell dem Spital geschenkt. Nördlingen reformirte 1535, nach der Nördlinger Schlacht aber blieb die Pfarrei 3 Jahre unbesetzt. Die ganze Gemeinde kam 1803 an Bayern, 1810 an Württemberg.

Zu der Gemeinde gehört:

b. Mörtinger-Höfe, liegt auf einer kleinen Anhöhe 1/4 Stunde nordwestlich vom Mutterort. Im Jahr 1680 brannte der Ort bis auf die Kapelle ab.

Die Mörtinger-Höfe bildeten früher selber ein Dörfchen mit eigener Kirche. Unter der bedeutenden Schenkung der edlen Herren Wolftrigel und Tiemo von Fronhofen c. 1144 zu Frickingen, Iggenhausen, Weihnachten u. s. w., war auch ein Hof zu Märdingen. Späterhin erwarb der Spital Nördlingen den ganzen Ort. 1370 verkaufte Eckard Nell von Aufhausen (a. d. Kessel) seinen Theil des Dorfs Mördingen mit Vogtrecht und Kirchsatz, auch Vogteirecht zur St. Laurenzien-Messe gehörig, um 200 fl. an die Messe zu St. Emmeran in Nördlingen. Georg von Katzenstein verkaufte 1408 seinen | Theil am Dorf mit Vogtrecht und Kirchsatz direkt an den Spital, welcher 1429 auch den Hof des Klosters Zimmern um 80 fl. erwarb.

Wahrscheinlich während der Städtekriege war das Dörflein zerstört worden, denn 1470 wurde eine Schäferei daselbst errichtet, über deren Triebsgrenzen 1551 Verträge mit den Nachbargemeinden abgeschlossen wurden.

In der Nähe war auch ein Gut „Sommerfeld“, welches 1392 Heinrich Frickinger zu Nördlingen von Hans Mayr kaufte um 475 Pfd. Heller; Margarethe Frickingerin verkaufte an’s Spital Nördlingen 1434 ihre Weilerstat Sommerfeld mit allen Zubehörden, darunter 6 Reutäcker im Mördinger Feld um 235 fl.; 1586 wollte Nördlingen die Egarten „das Sommerfeld“ wieder umbrechen lassen, was nun die ötting’sche Jagdherrschaft mit Gewalt hinderte, so daß am Reichskammergericht darüber processirt wurde.

In Mördingen war eine eigene St. Lorenzkapelle mit eigenem Kirchsatz und Meßdotation, jedenfalls nach der Reformation wurde die Kirche mit Schweindorf verbunden und der dortige Pfarrer sollte an vier Aposteltagen in der Kapelle predigen, welche bei einem Brande 1680 erhalten blieb. Ein Krucifix in der Schweindorfer Kirche stammt aus der Mördinger Kapelle.



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