Beschreibung des Oberamts Oberndorf/Kapitel B 28

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Winzeln,
Gemeinde II. Kl. mit 969 Einw., wor. 28 Ev. a. Winzeln, Pfarrdorf, 940 Einw. b. Kirchentannen, Weiler, 15 Einw. c. Staffelbach, Weiler, 6 Einw. d. Untere Mühle, Hof, 8 Einw. – Kath. Pfarrei; die Ev. sind nach Fluorn eingepfarrt.


Der 11/2 Stunde von Oberndorf entfernte Ort liegt angenehm und freundlich in dem von Süden nach Norden ziehenden Thälchen des Heimbaches, da wo dieses sich etwas tiefer in die Hochebene zwischen Neckar- und Schiltachthal einzufurchen beginnt. Die mitunter stattlichen Bauernhäuser des Dorfes sind theilweise noch mit Schindeln| oder mit Stroh gedeckt und auf der Wetterseite verschindelt und lagern sich weitläufig an den breiten, unregelmäßig sich hinkrümmenden, zum Theil etwas ansteigenden Straßen; die Lücken sind durch Wiesengründe ausgefüllt, auf denen hohe Waldbäume, meist Linden, Eschen und Eichen emporwachsen, welche dem Dorfe sowohl Schutz als auch ein sehr freundliches Ansehen geben. Östlich vom Orte, auf der sog. „Röthe,“ hat man eine schöne Aussicht an die Alb bis in das Spaichinger Thal hinein; auf dieser Seite der Markung kommen auch Erdfälle vor.

Die dem h. Moriz geweihte Kirche ist mitten im Dorf angenehm und frei gelegen. Ihr Schiff wurde 1866 bedeutend verlängert; dieser Anbau hat moderne Spitzbogenfenster, dagegen stammt der Osttheil des Schiffes, Chor und Thurm aus der spätesten gothischen Zeit. Der Thurm steht frei nördlich am Chore, hat drei hohe Stockwerke, im dritten gefüllte Schallfenster und darauf ein hübsches Satteldach. Der Chor ist halbachteckig geschlossen und mit gefüllten Spitzbogenfenstern geschmückt. Unter ihm fließt aus tiefem Tonnengewölbe eine Quelle, der sog. Kirchbrunnen, hervor; einem starken Bache gleich strömt das herrlich klare Wasser, außerhalb des Gewölbes von großen Quadersteinen gefaßt, in den ganz nahe vorbeifließenden Heimbach; am Schlußstein des Stirnbogens des Quellgewölbes steht 1760. Die alterthümlich gefaßte Quelle giebt zusammen mit dem gothischen Chor und Thurm ein gar anmuthiges Bild.

Auch das Innere der Kirche spricht an; die Decke ist flach, im Westen steht eine weit herein gehende Empore mit der Orgel, erbaut 1819 von Anton Braun in Spaichingen. Der Triumphbogen ist halbrund, gothisch; ein Krucifix hängt darin herab. Im Chore steht ein großartiger Zopfaltar mit einem Ölgemälde, die heil. Familie vorstellend. An der linken Chorwand ist eine sehr alte und sehr schöne aus Holz geschnitzte Maria mit dem Leichnam des Herrn und daneben ein steinernes spätgothisches Sakramenthäuschen, verziert mit Astwerk und Genien, angebracht. Die hübschen, von Maintel in Horb gefertigten Seitenaltäre sind der h. Maria und dem h. Mauritius geweiht. Die hölzerne Kanzel ist samt Schalldeckel in reichem Zopfstile gehalten, an ihrer Brüstung stehen die Holzbilder der vier Evangelisten; außerdem schmücken noch schöne Kirchenfahnen den freundlichen feierlichen Raum. Von den Glocken ist die größte mit dem Bilde des St. Mauritius verziert und gegossen von Benjamin Grüninger in Villingen 1861; die zweite von schöner schlanker Form hat in gothischen Minuskeln die Umschrift: ave. maria. lucas. marcus.| matheus. S. iohannes. o. rex. glorie. criste. veni. cum. pace., auf der dritten Glocke steht: Meinrad Grüninger goß mich in Villingen 1848. Den Neubau und die Unterhaltung der Kirche hat die Gemeinde zu tragen.

Der südlich am Ort gelegene Begräbnißplatz wurde 1809–10 angelegt.

Das einfach hübsche, von der Gemeinde zu unterhaltende Pfarrhaus ist 1820–21 erbaut worden.

Das Schulhaus wurde 1819 an das 1807 aus einem Bauernhaus hergerichtete Rathhaus gebaut und beide bilden jetzt ein zusammenhängendes einstockiges, gut unterhaltenes Gebäude, das neben den Gelassen für den Gemeinderath 3 Lehrzimmer enthält; die beiden Lehrer erhalten Hausmietheentschädigung.

Im Jahre 1837 wurde ein öffentliches Backhaus mit 2 Öfen erbaut.

Ein Armenhaus, ein Farrenhaus und eine Holzremise mit Schafstall sind vorhanden.

Der Ort wurde durch Brandunglück mehreremal heimgesucht, und zwar im Jahr 1540 den 12. Juli ganz niedergebrannt, 1800 den 3. April brannten 17, 1807 den 25. März 32, und 1832 den 27. März 20 Gebäude ab.

Gutes Trinkwasser liefern hinreichend 28 Pumpbrunnen und 1 laufender; es ist dieß der schon genannte Kirchbrunnen, eine unter der Kirche hervorsprudelnde starke Quelle, die sich durch ihr frisches klares Wasser auszeichnet. Auch die Markung ist reich an guten Quellen; die bedeutendsten sind der Aubrunnen und die Weiher- und die Staffelbachquelle; eine einzige Quelle ist schwefelhaltig; auf den Öschfeldern und Langbarten finden sich Hungerbrunnen. Über die Markung fließen der Heimbach, der Staffelbach und die Eschach, die zuweilen austreten. Zum Betrieb einer Sägmühle wurde ein Weiher angelegt; bis zum Jahr 1863 bestand südlich am Ort ein 317/8 Morgen großer See, der Rottweil gehörte; er wurde von der Gemeinde angekauft und in Wiesengrund verwandelt.

Eine Wette ist am Heimbach angelegt.

Die Staatsstraße von Oberndorf nach Freudenstadt berührt die Markung; Vicinalstraßen gehen von hier nach Beffendorf, Waldmössingen, Röthenberg und Fluorn.

Über den Heimbach führen im Ort 2 steinerne Brücken und 1 Steg, außerhalb eine kleine steinerne Brücke; über den zeitweise| von den Wannenwiesen herfließenden Bach führen 3, über den Staffelbach 1 steinerne Brücke; die Unterhaltung hat die Gemeinde.

Die Einwohner sind meist kräftig und gesund, stark und gut gewachsen; 2–3 Ortsangehörige zählen über 80 Jahre; im Charakter der Leute herrscht, verbunden mit leichtem fröhlichem Sinne, Offenheit, Derbheit, Gelehrigkeit, Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Religiosität; ihre Volkstracht wird nach und nach von der städtischen verdrängt.

Haupterwerbsquellen sind Ackerbau, Viehzucht und Gewerbe. Auf der Markung befinden sich unbedeutende Muschelkalksteinbrüche, Thon- und Torfgruben; Spuren von früheren Erzgruben sind noch vorhanden.

Unter den Gewerbetreibenden sind Weber, Linnenspinner, Stroh- und Palmflechter am meisten vertreten und arbeiten auch nach außen, letztere für Haas u. Co. in Schramberg; ferner wird etwas Frucht- und Holzhandel getrieben.

Im Orte besteht 1 Ölmühle, 1 Walkmühle, 1 Gerstenstampfe und 1 Getreidemühle mit 2 Mahlgängen und 1 Gerbgang; außerhalb des Ortes befindet sich eine weitere, die sogenannte untere Mühle mit 2 Mahl- und 1 Gerbgang, dann 1 Säg-, Öl- und Schleifmühle mit Hanfreibe. Vier Schildwirthschaften, wovon 2 mit Bierbrauereien verbunden, und 3 Kramläden sind vorhanden. Eine Ziegelei und eine Töpferei mit Drainirröhrenfabrikation wird mit Erfolg betrieben.

Die Vermögensverhältnisse sind im allgemeinen gut, der begütertste Bürger besitzt 80–90, der Mittelmann 20–40, die weniger bemittelte Klasse 2–10 Morgen Grundeigenthum; auf angrenzenden Markungen haben hiesige Bürger Güter von je 2–5 Morgen. Gemeindeunterstützung erhalten gegenwärtig 10 Personen.

Die große, von Ost nach West 2 Stunden lang gedehnte Markung zerfällt in 2 ganz verschiedene, von dem Heimbachthal getrennte Gruppen; rechts des Thals ist die Markung hügelig und hat einen warmen kalkreichen, theilweise lehmigen Boden; links des Thals ist sie flachwellig, leicht gegen Westen ansteigend und der Boden besteht hier aus tiefgründigem Lehm, in den sanft hinziehenden Thälchen aber zuweilen aus Mohr- und Torfgrund, letzterer wurde in dem westlich vom Ort gelegenen Winzler-Moos früher abgebaut, jedoch der Abbau wegen zu geringer Mächtigkeit bald wieder aufgegeben. Im allgemeinen ist der Boden mit wenigen Ausnahmen ein fruchtbarer.

| Das Klima ist auch hier ziemlich rauh, die Luft rein und gesund, jedoch meist bewegt, oft windig; Frühlingsfröste sind häufig und Hagelschlag kam in den Jahren 1832, 1843, 1845, 1852 und 1853 vor.

Der landwirthschaftliche Betrieb ist gut und zweckmäßige Neuerungen, wie die Einführung des Schwerz’schen Pflugs, der eisernen Egge, der Walze, hat Eingang gefunden; auch befindet sich eine Dreschmaschine im Ort. Die landwirthschaftliche Winterabendschule und Winterabendversammlung übt sichtlich einen erfolgreichen Einfluß auf den Betrieb der Landwirthschaft. Zur Besserung des Bodens kommen außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln noch Gips, Hallerde, Kompost, Asche, Dungsalz und hauptsächlich die fleißig gesammelte Jauche in Anwendung.

Die Güter werden theils im Dreifeldersystem, theils willkürlich bewirthschaftet; zum Anbau kommen vorzugsweise Dinkel, Haber, Gerste, Linsengerste, Roggen und Kartoffeln, weniger Weizen, Erbsen, Wicken, Ackerbohnen etc.; der Futterkräuterbau (dreibl. Klee, Luzerne, Esparsette) gewinnt immer mehr an Ausdehnung, auch wird weißer Klee mit Grassamen vermischt gezogen, um allmählig künstlich Wiesen zu erzielen. Von Handelsgewächsen zieht man viel Flachs, der sehr gut gedeiht und in namhafter Ausdehnung zum Verkauf kommt, etwas Reps und auf etwa 20 Morgen Hopfen. Von den Getreideerzeugnissen können jährlich etwa 1500 Scheffel Dinkel, 600 Scheffel Haber und 60–80 Scheffel Gerste nach außen abgesetzt werden.

Der nicht ausgedehnte Wiesenbau liefert ein mittelmäßiges, theilweise saures Futter, so daß trotz des bedeutenden Futterkräuterbaues noch Futter von außen bezogen werden muß.

Die mit späten Mostsorten, weniger mit Steinobst sich beschäftigende Obstzucht ist im Zunehmen, gewährt aber selten einen erheblichen Ertrag, der auch in den günstigsten Jahrgängen das örtliche Bedürfniß nicht befriedigt.

Die Gemeinde besitzt 1700 Morgen Nadelwaldungen, die jährlich 6–700 Klafter und 25.000 Stück Wellen ertragen; hievon erhält jeder Bürger 1 Klafter und das dazu gehörige Reisach; der Rest wird verkauft, was des Gemeinde eine jährliche Rente von etwa 3000 fl. sichert.

Eine Schafweide ist vorhanden, die nebst der Brach- und Stoppelweide 120–150 St. Schafe ernährt und an einen fremden Schäfer| um 450–480 fl. jährlich verpachtet wird; auch trägt die Pferchnutzung der Gemeindekasse 270–280 fl. ein.

Die Gemeinde-Waldwiesen werden vom 1. Mai bis Ende Juni mit dem Rindvieh befahren und später dann abgemäht; der Futterertrag wird verkauft, was der Gemeindekasse eine jährliche Einnahme von 800–1500 fl. abwirft; auch besitzt die Gemeinde eigene Güter, deren jährlicher Ertrag über Abzug der Unterhaltungskosten für die Zuchtstiere um etwa 300 fl. verwerthet wird.

Von den vorhandenen Allmanden erhält jeder Ortsbürger 17/8 Morgen zur Benützung, wofür er 1 fl. jährlich an die Gemeinde zu entrichten hat, was dieser etwa 200 fl. einträgt.

Die im Zunehmen begriffene Pferdezucht ist nicht bedeutend, dagegen die Pferdehaltung von Belang; man sieht hauptsächlich auf einen gewöhnlichen Landschlag. Eine Fohlenweide, die aber nicht viel benützt wird, ist vorhanden.

In ganz gutem Zustande ist die Rindviehzucht, welche sich vorherrschend mit einem Simmenthaler Schlag, der durch 4–5 sehr schöne Zuchtstiere (Simmenthaler Race, theilweise auch Kreuzung mit einer tüchtigen Landrace) stets verbessert und nachgezogen wird. Außer dem Viehaustrieb im Frühjahr (s. oben) ist auch der Herbstaustrieb noch üblich. Der Handel beschränkt sich auf den Absatz des entbehrlich gewordenen Viehs und nur wenig auf Mastvieh.

Eigentliche Schweinezucht findet nicht statt; die Ferkel werden von außen eingeführt und meist für den eigenen Bedarf gemästet.

Die Geflügelzucht treibt man fürs eigene Haus und die Bienenzucht bringt wenig Vortheil.

An Stiftungen sind vorhanden, das in 3000 fl., ursprünglich in 100 fl. bestehende Vermögen der Heiligenpflege, meist von Ortsbürgern gestiftet zur Bestreitung der Kultkosten. Ein Schulfonds, ursprünglich 60 fl., jetzt 5000 fl. betragend, zu Anschaffung von Schulbüchern und anderen Schulbedürfnissen, meist von dem verstorbenen Pfarrer Schwaibold gestiftet, wie auch der Armenfonds von 3000 fl., ursprünglich 60 fl., zur Unterstützung der Armen. Ein Kirchenbaufonds wurde erst in neuerer Zeit von der Gemeinde gegründet.

Wo jetzt die Weiherwiesen, war früher ein beträchtlicher See, welcher in den Heimbach auslief; seine schönen Karpfen wurden von den Herren in Rottweil gefischt; 1762 wurde er trocken gelegt.

Über die Markung führte von Röthenberg her eine Römerstraße auf die Burghalde bei Waldmössingen (siehe die Ortsbeschr. von| Waldmössingen); sie ist noch leicht erkennbar, besonders in dem eine Stunde westlich vom Ort gelegenen Wald Götzenstruht, wo auch eine römische Niederlassung, von der noch deutliche Überreste vorhanden sind, stand. Auch auf der 1/4 Stunde südlich von Winzeln gelegenen Flur „im Weiler“ finden sich Grundreste eines römischen Wohnplatzes, ebenso auf dem sog. Kalkofen.

Der Eselgeist läßt sich hier als Licht sehen.

W. (Winzagel 1341, 1434, 1439, Winzlen 1535, Winzlow, Winzlaw in der Zimmerischen Chronik 3, 181. 1, 466.[WS 1]) war ein Ort der Freiherrschaft Zimmern, in welchem auch die Herzoge von Teck einiges besaßen. Am 24. Oct. 1341 verwilligte K. Ludwig, daß die Brüder Kuno, Berthold, Konrad und Erkinger von Falkenstein die Lehen in diesem Dorfe, welche ihnen Werner von Zimmern zugedacht, nutzen möchten.

Der Verkauf Winzelns von den Herren von Zimmern an die Stadt Rottweil 1535 und die Niederbrennung des Dorfes 1540 ist bei Hochmössingen erzählt. Wie letzteres kam W. 1802 mit Rottweil an Württemberg.

Ehemals Filial von Waldmössingen, wurde W. 1809 von der Mutterkirche getrennt und zur eigenen Pfarrei erhoben. Zu unterscheiden ist der Ort von dem abgegangenen gleichnamigen bei Thieringen O.-A. Balingen, welchem der im 11. Jahrhundert vorkommende Landold von Winzelau anzugehören scheint.

Zu der Gemeinde gehören:

b. Kirchentannen, ein auf der Hochebene, 1/4 Stunde südöstlich vom Mutterort gelegener Weiler.

c. Staffelbach, Weiler, liegt 1/4 Stunde nordwestlich von Winzeln am Staffelbach.

d. Untere Mühle (s. oben).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. In der zweiten verbesserten Auflage: Zimmerische Chronik 1, 363. 1, 486.
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