Beschreibung des Oberamts Rottweil/Kapitel B 12

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Flötzlingen,
Gemeinde III. Kl. mit 643 Einwohnern, worunter 5 Katholiken. Ev. Pfarrdorf; die Katholiken sind nach Stetten eingepfarrt. 13/4 Stunden westlich von der Oberamtsstadt gelegen.

Flötzlingen liegt an der Eschach und hat theils in dem hier schon ziemlich stark eingefurchten, nicht breiten Thal, theils an den rechten Thalgehängen desselben eine freundliche, wohlgeschützte, sommerliche Lage; der größere Theil des Orts zieht sich lang gestreckt, nur eine Straße bildend, leicht bergan bis zur Anhöhe westlich des Dorfs, während eine minder bedeutende Häusergruppe durch die Thalebene getrennt vom übrigen Ort auf der linken Seite der Eschach seine Stelle gefunden hat. Die Gebäude, unter denen manches ansehnliche Bauernhaus, lagern sich mäßig von einander entfernt an den gut unterhaltenen Ortsstraßen; sie sind hier seltener getüncht als in den Nachbarorten, sondern mehr mit sichtbarem Balkenwerk, theilweise auch mit Verschindelung aufgeführt. Wohnhaus und Scheune stehen meist unter einem Dache, das nicht selten noch aus Schindeln besteht. Die zwischen den Gebäuden frei gelassenen Räume sind mit Obst- und Gemüsegärten, zu denen sich schönwüchsige Waldbäume (Linden, Eschen etc. etc.) gesellen, ausgefüllt und vermehren die Freundlichkeit des ohnehin schönen langgedehnten Orts. Vicinalstraßen über Zimmern nach Rottweil, über Fischbach nach Königsfeld, nach Weiler und nach Stetten sichern dem Ort den Verkehr mit der Umgegend.

Die hart am Abhang stehende Kirche bietet ein merkwürdiges Beispiel einer sehr verspäteten Gothik, sie stammt nämlich, mit| Ausnahme der unteren Geschosse des östlich stehenden älteren Thurmes, an den sich eine vieleckige Chornische anlehnt, aus dem J. 1717. Die Fenster des Schiffes sind schwach spitzbogig, ebenso die Eingänge, der westliche hat antik geformte Kämpfergesimse und einen Schlußstein, auf dem das Jahr der Erbauung der Kirche 1717, der Name des Baumeisters, Heinerich . Arnoldt . Steinmez . zu . Rosenfelt, und das Steinmetzzeichen desselben angebracht ist.

Das Innere zeigt flache Decken mit bemalten rechteckigen Feldern, und über dem noch (altgothischen) spitzen Triumphbogen, der in das unterste Geschoß des Thurmes als Chor führt, eine hübsche Renaissancemalerei; daneben das herzogl. württembergische Wappen. Die Kanzel, woran die Bilder Christi und der vier Evangelisten, ist auch in ansprechender Renaissance ausgeführt. Dann enthält die Kirche noch ein gutes, fast lebensgroßes Krucifix und ein sehenswerthes hölzernes Epitaphium mit einem Ölgemälde, Elias und die Engel in sehr tüchtiger Landschaft; es gehört der „Frau Anna Barbara, geb. Schmidin, † 23. Dec. 1699, Ehegattin des Daniel Heder von Weissenburg im Nordgaw, der Zeit Pfarrer allhie“. In der Nähe steht auch angeschrieben: Johann Jacob Kraft, der erste Pfarrer in dieser Kirche. Anno 1717. Auf dem gegen oben bedeutend schmäler werdenden und mit achtseitigem Zeltdach bedeckten Thurme hängen drei Glocken, die größte gegossen von A. Hugger in Rottweil 1859, und mit der Inschrift: Jauchzet Gott mit fröhlichem Schall; die zweite goß Meinrad Grieninger; auf der dritten steht: Paulus Zwolfer gos mich in Rotweil. 1657. Die Unterhaltung der Kirche ruht auf der Gemeinde.

Der ummauerte, 1863 vergrößerte Begräbnißplatz liegt außerhalb des Orts an der Straße nach Stetten.

Unfern unterhalb der Kirche steht das 1808 erbaute freundliche und gut unterhaltene Pfarrhaus, dessen Baulast dem Staat zusteht. Das ansehnliche frei gelegene Schulhaus wurde 1831 erbaut; es enthält 2 Lehrzimmer, die Wohnung des Schulmeisters und die Gelasse für den Gemeinderath. Ein Armenhaus ist vorhanden.

Gutes Trinkwasser liefern reichlich 15 laufende und 14 Pumpbrunnen. Quellen sind namentlich am Ort viele vorhanden; die bedeutendsten, die Sulzbachquelle und der Reutenbrunnen, treiben je eine Mühle (s. unten). Überdieß fließt die Eschach durch den Ort, die oberhalb desselben den Sulzbach aufnimmt; außer diesen berührt noch der Teufenbach die Markung im Nordwesten. Die Eschach und der Teufenbach treten öfters aus und verursachen Schaden an den Thalwiesen. Im Ort ist eine steinere Brücke über die| Eschach und außerhalb desselben eine hölzerne über den Teufenbach angelegt; die Unterhaltung beider hat die Gemeinde. Zum Betrieb der Mühlen sind zwei Weiher angelegt.

Die körperlich kräftigen, gut gestalteten Einwohner, von denen gegenwärtig 8 Personen 80 und darüber Jahre zählen, sind sparsam, fleißig und gutmüthig; ihre Haupterwerbsquellen bestehen in Feldbau, Viehzucht und einigem Gewerbe, von dem letzteren sind die nöthigsten Handwerker vertreten, von denen die Schuster und Uhrenmacher auch nach außen arbeiten; überdieß sind vorhanden innerhalb des Orts eine Mühle mit 3 Mahlgängen, einem Gerbgang, einer Hanfreibe und einer Sägmühle; außerhalb des Orts an der Sulzbachquelle eine Mühle mit 2 Mahlgängen und einem Gerbgang und die Hirschmühle am Reutenbrunnen mit 2 Mahlgängen und einem Gerbgang. Auch bestehen im Ort zwei Schildwirthschaften, eine Bierbrauerei mit Wirthschaft und 2 Kramläden. Die Vermögensverhältnisse der Einwohner gehören zu den besseren des Bezirks, indem der vermöglichste Bürger 100, die mittelbegüterte Klasse 40–50, die ärmere 6–10 M. Grundeigenthum besitzt. Auch auf angrenzenden Markungen haben viele Ortsbürger Güterstücke. Gegenwärtig bedarf nur eine Person Unterstützung von Seiten der Gemeinde. Die im Verhältniß zur Einwohnerzahl nicht große, von Ost nach West in die Länge gezogene Markung, grenzt im Westen an das Großherzogthum Baden und hat im allgemeinen eine hügelige, theilweise etwas bergige Lage, die von dem nicht unbeträchtlichen Eschachthale und von Seitenthälchen desselben vielfältig durchfurcht wird. Bei der sog. „Stelltanne“ genießt man eine schöne Aussicht auf den Schwarzwald, und auf dem „Hörenbühl“ eine vollkommene Rundsicht an den Hohenzollern und Heuberg, an die Schweizeralpen, an den badischen Schwarzwald und Kniebis.

Der im allgemeinen mittelfruchtbare, häufig steinige Boden besteht meist aus den kalkhaltigen Produkten des Hauptmuschelkalks, des Muschelkalkdolomits, der Anhydritgruppe und des Wellenmergels; letzterer ist weniger ergiebig, dagegen haben sich in den Thalebenen fruchtbare tiefgründige Alluvionen abgelagert. Zwei Muschelkalksteinbrüche liefern Straßenmaterial, das nach Rottweil abgesetzt wird. Das Klima ist rauh und feinere Gewächse, wie Gurken, Bohnen etc. gedeihen nicht mehr, auch ist die Markung den Winden ausgesetzt und wird von Frühfrösten zuweilen heimgesucht; Hagelschlag war früher sehr selten, in neuerer Zeit ziemlich häufig und kam in den letzten 10 Jahren 5mal vor.

Die Landwirthschaft wird mit Anwendung verbesserter Ackergeräthe (Hohenheimer Pflug, eiserne Egge, Walzen und gußeiserne| Dreschwalzen) gut und fleißig betrieben; zum Anbau kommen Dinkel, Haber, Gerste, Mengfrucht, Kartoffeln und Futterkräuter (dreibl. Klee, Esparsette und nur wenig Luzerne). Von den Getreideerzeugnissen werden jährlich etwa 1200 Schffl. Dinkel und 800 Schffl. Haber auf der Schranne in Rottweil abgesetzt. Der verhältnißmäßig nicht ausgedehnte, sich nur auf die Eschachthalebene beschränkende Wiesenbau liefert gutes Futter, welches jedoch das örtliche Bedürfniß nicht vollständig deckt, daher noch Futter von außen zugekauft werden muß. Wässerung besteht keine. Die Obstzucht wird nur für den örtlichen Bedarf getrieben und erlaubt ganz selten einen kleinen Verkauf nach außen; man pflanzt nur rauhere Mostsorten, vorherrschend Junkersbirnen und viele Zwetschgen. Die Jungstämme bezieht man aus der Gemeindebaumschule und zur Pflege des Obstbaus ist ein besonderer Baumwart aufgestellt.

Die Gemeinde besitzt 470 Morgen Nadelwaldungen, von deren jährlichem in 300 Klftr. und 12.000 Stück Wellen bestehendem Ertrag jeder Bürger 1 Klafter erhält, das übrige Holz wird verkauft und der Erlös mit etwa 2000 fl. fließt in die Gemeindekasse. Außer dieser Einnahme bezieht die Gemeinde aus der Brach- und Stoppelweide 400 fl. Pacht, aus der Pferchnutzung 200 fl. und aus wenigen an Ortsbürger verliehenen Allmanden 150 fl.

In gutem Zustande befindet sich die Rindviehzucht, die sich mit einer Kreuzung von Neckarschlag und der Simmenthalerrace beschäftigt und zu deren Verbesserung 3 reine Simmenthalerfarren aufgestellt sind. Handel mit Vieh wird nicht getrieben und nur das entbehrlich gewordene kommt zum Verkauf auf benachbarten Märkten. Auf der Markung läßt ein fremder Schäfer den Sommer über 200 Stück Bastardschafe laufen. Schweine werden nicht selbst gezogen, sondern als Ferkel (meist halbenglische Race) in Rottweil aufgekauft und für den eigenen Bedarf wie auch zum Verkauf aufgemästet.

Das Fischrecht in der Eschach, die hauptsächlich Forellen und Rauhfische führt, hat der Staat von der nördlichen Markungsgrenze an bis an die Einmündung des Herrenwiesbachs, den übrigen kleinen Theil die Gemeinde; letztere verpachtet ihren Antheil um 1 fl. 12 kr., der Staat den seinigen um 2–3 fl. jährlich.

Von Spuren aus früher Vorzeit führen wir an: die an der östlichen Markungsgrenze schnurgerade hinziehende Römerstraße, welche einst die römischen Niederlassungen bei Rottweil und Waldmössingen in Verbindung setzte; unfern westlich dieser Straße wird ein zwischen 2 Schluchten hinziehender Flachrücken „Guckenhausen genannt“, was vermuthen läßt, daß hier einst die Römer irgend einen Wachposten angelegt hatten, indem das volksthümliche Gucken so viel als sehen,| spähen bedeutet. Auch der sog. Hörenbühl, von dem man eine weitgehende Aussicht genießt, scheint von den Römern als Späh- und Lauschpunkt benützt worden zu sein. Die zunächst der Römerstraße vorkommende Flurbenennung „Lothsäuläcker“ deutet auf ein Monument, das hier aufgestellt war. Etwa 1/8 Stunde südlich von dem westlichsten Theile des Orts soll bei dem „spitzigen Stein oder Schloßgarten“ ein Schloß gestanden sein, daselbst fand man Grundmauern von Gebäuden und im Jahre 1830 zwei gemauerte Gräber, die neben den menschlichen Skeletten ein kurzes Schwert und, römische Münzen enthalten haben sollen. In dem sog. hinteren Häuble (Häule) wurde im Jahr 1857 ein Grabhügel aufgedeckt, und in demselben unter Steinplatten in schiefer Stellung zwei übereinander liegende Skelette, mit dem Kopf gegen Süden, Bruchstücke von Gefässen und ein Broncering nebst Kohlen aufgefunden.

Der Ort erscheint in der Geschichte das erste Mal den 10. Mai 779, als ein gewisser Erlobald alles, was er „in villa quae dicitur Fluzoluestale in pago Bertolipara“ hatte, mit Ausnahme eines Leibeigenen an das Kl. St. Gallen übergab (Wirt. Urkb. 1, 23). Den 24. Apr. (festivitate scti Georgii, scilicet IX. Kal. Maii) 1094 erscheint ein Wolfrat von Flezelingen in einer Urkunde des Kl. St. Georgen (Mone 9, 216) und den 2. Sept. 1234 bestätigte der Kanoniker Sigeboto zu Weißenburg im Elsaß die Schenkung aller ihrer Güter zu Vlezilingen durch seine Mutter an das Kloster Wald (hohenzoller- O.Amt – Mone 6, 405).

Im Anfange des 14. Jahrhunderts war der Ort im Besitze der Herrn von Falkenstein. Den 13. Sept. 1328 verglichen sich Erkinger Aigelwart von Falkenstein und die Gebauerschaft zu Flözlingen einerseits und Dietrich Bletz, zu Rottweil seßhafter Bürger, und die Gebauerschaft zu Horgen andererseits wegen der Gränzen der beiderseitigen Waide; Berthold von Falkenstein und sein Sohn Hans verkauften im J. 1410 53 fl. und 40 Hühner Gülten allhier und in Schwenningen an Württemberg. Allein den 26. Sept. 1444 verkaufte Konrad von F. gegen ein Leibgeding von 300 fl. jährlich mit der Feste Unter-Falkenstein und seinem Antheil an der Vogtei über das Kl. St. Georgen unter Anderem die halben Dörfer Flözlingen und Schwenningen, ferner was die Falkenstein an diesen Orten versetzt, die Lehenschaft der Kirche zu Fl. und diejenige der oberen und niederen Kirche zu Schwenningen an den Grafen Ludwig von Württemberg, und im J. 1449 verkauften die Söhne Aigelwarts von Falkenstein, die Gebr. Jakob, Wilhelm und Hans, unter Anderem weitere Antheile an Fl. und Schwenningen an denselben Grafen (Steinhofer 2, 865. 907. Sattler, Grafen 2, 141.| 162, Martini Gesch. des Klosters etc. St. Georgen 37). Der Ort wurde dem württ. Amte Rosenfeld zugetheilt, allein da er in der Rottweiler freien Pürsch gelegen war, wurde „die malefizische Obrigkeit mit der Stadt zu ungeraden Jahren alternirt“.[1]

Nach einer Urkunde vom 18. März 1603 gehörte an dem hiesigen wie an dem Stettener großen Zehenten die Hälfte Württemberg, an der anderen Hälfte Hans Georg von Ifflinger, nunmehr der Stadt Rottweil 1/3, dem Kl. St. Georgen 2/3 (Ruckgaber 2b, 443). – Das Kl. Rottenmünster kommt hier im J. 1405 mit Besitz vor; Gr. Heinrich von Fürstenberg eignete im J. 1421 dem Konrad Bock ein hiesiges Lehengut.

Der Ort war in älterer Zeit Filial von Rosenfeld; eine eigene Pfarrei wurde im J. 1571 errichtet (Binder S. 453); der hiesige Pfarrer war während des 30jährigen Krieges zugleich Garnisonsprediger zu Rottweil.



  1. So sagt wenigstens das württ. Landbuch von 1624. Über die Pürschstreitigkeiten zwischen Rottweil und Württemberg wegen Flötzlingens im 16. Jahrhundert s. ob. S. 308. Nach dem Landbuch wäre somit der Ferdinandische Bescheid vom 9. Febr. 1544 wenigstens hier später nicht mehr in Geltung gewesen.


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