Beschreibung des Oberamts Rottweil/Kapitel B 25

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Roßwangen,
Gemeinde III. Klasse mit 462 Einwohnern, worunter 4 Evangelische. Kath. Pfarrdorf; die Evangelischen sind nach Erzingen, O.A. Balingen eingepfarrt. 33/4 Stunden nordöstlich von der Oberamtsstadt gelegen.
Am nordöstlichsten Ende des Oberamtsbezirks hat der Ort am Fuß der Alb eine reizende Lage und ist theils auf den flachen Ausläufern derselben, theils in einem ganz mäßig eingefurchten Thälchen,| das aus dem Sattel zwischen den imposanten Albbergen, Schafberg und Plettenberg, herunter zieht, lang gedehnt hingebaut. Von der Nordseite gesehen gewährt das hinter Obstgärten versteckte Dorf, mit den nahen bewaldeten, felsenbekrönten Albbergen im Hintergrunde, eine wirklich malerische Ansicht. Auch der Ort selbst ist freundlich und die meist kleinen ziegelbedachten Häuser mit angebauten Scheunen stehen in mäßigen Entfernungen von einander, oder etwas gedrängt an den gut gehaltenen Ortsstraßen. Vicinalstraßen nach Dotternhausen, Endingen und Weilheim sichern dem Ort seinen Verkehr mit der Umgegend.

Die am nordöstlichen Rande des Dorfes stehende dem St. Johannes d. T. und St. Dionysius geweihte Kirche wurde im Jahre 1766 erbaut und enthält in ihrem schlichten freundlichen flachgedeckten Innern einen hübschen in einfachem Rococostil gehaltenen Hochaltar mit einem schönen großen Ölbild, worauf Johannes d. T. und Maria, aus derselben Zeit. An den Emporen sind Christus, Maria und die zwölf Apostel gemalt. Der reich verzierte, auf einem Löwen ruhende Taufstein ist gar merkwürdig und urthümlich, scheint ein sehr hohes Alter zu haben, stammt aber auch aus der Zopfzeit. Aus dem ebenfalls mit einem sehr hübschen Ölbild im Rococostil geschmückten linken Seitenaltare sieht man eine halblebensgroße gothische Madonna mit dem Kinde. Der an der Südseite des Chores sich erhebende Thurm ist alt, wird oben achteckig und von einer Zwiebelkuppel bedeckt; von seinen drei Glocken hat die größte folgende Umschrift in gothischen Minuskeln: Ave maria gracia plena dominus tecum. benneticta maria … cristus. 1483; die zweite die Namen der vier Evangelisten und den Spruch: O rex glorie criste veni cum pace. 1482. Auf Kirche und Thurm sitzen schöne Schmiedeisenkreuze. Der alte Friedhof geht noch um die Kirche, der neue, auch ummauerte (angelegt im Jahre 1843), liegt am Wege nach Dotternhausen; beide besitzen wieder schöne schmiedeiserne Todtenkreuze. Die Unterhaltung der Kirche ruht auf der Gemeinde.

Zunächst der Kirche steht das zweistockige ansehnliche Pfarrhaus mit angebauter großer Scheune; es wurde im Jahre 1816 erbaut und ist auch von der Gemeinde zu unterhalten. Das dürftige, im Jahre 1832 erbaute Schulhaus, das früher als Rathhaus diente, enthält nur ein Lehrzimmer; die Wohnung des Schulmeisters befindet sich in einem Privathause, auch das in der Mitte des Dorfs stehende Rathhaus ist minder ansehnlich, und alt. Ein öffentliches Backhaus und ein Armenhaus sind vorhanden.

Trinkwasser liefern hinreichend 3 laufende, 10 Pump- und| 8 Schöpfbrunnen; das Wasser ist gut mit Ausnahme von zwei am Ort befindlichen Brunnen, die schwefelhaltiges Wasser führen. Eine 2000′ lange Wasserleitung in hölzernen Deicheln ist angelegt. Durch den Ort fließt der Biberbach, der weiter unten Wettbach genannt wird, und der Urschbach entspringt auf der Markung; über den ersteren führen eine steinerne Brücke und 3 Stege.

Die im allgemeinen kräftigen Einwohner, von denen gegenwärtig 3 über 80 Jahre zählen, sind betriebsam und ordnungsliebend; ihre Haupterwerbsquellen bestehen in Feldbau und Viehzucht, während die Gewerbe sich nur auf die gewöhnlichsten Handwerker, von denen die Maurer und Schuhmacher auch nach außen arbeiten, beschränken. Als Nebenbeschäftigung wird die Stickerei von der weiblichen Jugend (50–60 Personen) hauptsächlich den Winter über getrieben und die Arbeiten in die Schweiz abgesetzt. Schildwirthschaften sind 3 und ebensoviele Kramläden vorhanden. Die Vermögensverhältnisse sind mittelgut; die vermöglichste Klasse hat 35 Morgen, die mittelbegüterte 15 Morgen und die minderbemittelte 3 Morgen Grundeigenthum; auf angrenzenden Markungen besitzen die Ortsbürger etwa 40 Morgen Güter. Die Markung ist, soweit sie für den Feldbau benützt wird, ziemlich eben und hat einen mittelfruchtbaren Boden, der theils aus Lehm, größtentheils aber aus den Zersetzungsprodukten des Posidonienschiefers und der Opalinusthone besteht. Der südliche, meist für den Waldbau benützte Theil der Markung ist außerordentlich bergig und bildet einen Theil der aus braunem Jura bestehenden, vielfältig von Thälchen und Rinnen durchfurchten Ausläufer und Alb-Vorhügel, über die sich die Albberge, der eigentliche weiße Jura, äußerst steil, zum Theil unzugänglich erheben. Der Boden besteht hier aus den thonigen und sandigen Zersetzungen des braunen Jura, oder auch aus den kalkreichen des weißen Jura; letzterer wird an einigen Stellen zu Straßenmaterial abgebaut. Das Klima ist ziemlich mild und begünstigt die Obstzucht; Frühfröste kommen auch hier zuweilen vor, dagegen ist Hagelschlag selten.

Die Landwirthschaft, bei der neben dem Brabanterpflug der deutsche Wendepflug noch am häufigsten in Gebrauch ist, wird fleißig betrieben und außer den gewöhnlichen Cerealien kommen zum Anbau Kartoffeln, viel dreiblättriger Klee und Hanf. Von den Getreideerzeugnissen können jährlich etwa 210 Scheff. Dinkel und 50 Scheff. Haber auf den Schrannen in Rottweil und Balingen abgesetzt werden. Die ausgedehnten, durchgängig zweimähdigen Wiesen liefern reichlich gutes Futter, von dem etwa 70 Centner nach außen verkauft werden. Wässerungseinrichtungen bestehen keine. Die Obstzucht ist ziemlich beträchtlich und erlaubt in günstigen Jahrgängen| einen Verkauf für 2–300 fl. Man pflegt hauptsächlich Goldparmänen, Luiken, Knausbirnen, Schmalzbirnen, Feigenbirnen und Zwetschgen. Die Jungstämme werden in der Gemeindebaumschule und in einer Privatbaumschule gezogen. Ein besonderer Baumwart ist aufgestellt.

Die Gemeinde besitzt nur 30 Morgen gemischte Waldungen, deren jährlicher Ertrag zu Gunsten der Gemeindekasse um etwa 100 fl. verkauft wird. Die vorhandenen 24 Morgen Weiden werden nebst der Brach- und Stoppelweide an einen fremden Schäfer, der 100–150 deutsche Schafe laufen läßt, um 325 fl. verpachtet; überdieß trägt die Pferchnutzung 280 fl. der Gemeindekasse. Von den vorhandenen Allmanden sind jedem Bürger 3/8 Morgen zur unentgeltlichen Benützung überlassen.

Die Pferdezucht ist unbedeutend und überdieß noch im Abnehmen, dagegen ist die Rindviehzucht in ganz gutem Zustande; man hält eine tüchtige Landrace und hat 2 Landfarren zur Nachzucht aufgestellt. Der Handel mit Vieh wird auf benachbarten Märkten mäßig betrieben. Auch die Schweinezucht (halbenglische Race) ist verhältnißmäßig nicht unbeträchtlich und erlaubt einen erklecklichen Verkauf an Ferkeln und Mastschweinen nach außen; dagegen werden auch Ferkel eingeführt.

Eine Armenstiftung von 600 fl. ist vorhanden.

Auf dem südöstlich vom Ort sich erhebenden Burgbühl stand eine Burg, von der noch geringe Mauerspuren sichtbar sind, und auf dem östlich vom Ort gelegenen Mönchhof findet man noch unbedeutende Mauerreste. Ferner kommen auf der Markung die Flurbenennungen „Leitstätten“ und „Hof“ vor, was auf abgegangene Wohnorte hindeutet.

Der Ort, früher Rossiwanc, Rossiwang geschrieben, erscheint zuerst in der Geschichte den 23. April 1094, als der freie Mann Alker von R. dem Kl. St. Georgen alles übergab was er hier „in villa R.“ besaß (Mone 9, 216). Sonst theilte er seit dem 15. Jahrhundert ganz das Geschick des benachbarten Dotternhausen (s. d.). Insbesondere wird hier der Familie Bubenhofen im Anfange des genannten Jahrhunderts Erwähnung gethan, indem Angehörige derselben den 5. Febr. 1403 mit dem Kloster St. Blasien wegen Streitigkeiten in Betreff von Leuten und Gütern allhier und zu Dürrwangen durch den Grafen Rudolf (VI.) von Hohenberg und den Ritter Volz von Weitingen verglichen wurden (Schmid Monum. Hohenb. 818). – Schon im liber decimationis u. s. w. vom J. 1275 wird ein hiesiger Pfarr-Rektor (s. ob. S. 158), im J. 1335 ein hiesiger Pfarrer Kermbs, sowie den 26. Dec. 1372 der hiesige| Kirchherr Bentz der Nieß, Richter zu Balingen, als Schiedsmann zwischen dem Grafen Burkhard von Schalksburg und dem Kl. Beuron genannt, und den 3. Nov. 1403 wurde der hiesige Kirchensatz mit der Feste und Herrschaft Schalksburg, darunter insbesondere die Stadt Balingen, durch den Gr. Friedrich von Zollern gen. Mülli an den Gr. Eberhard von Württemberg verkauft (Monum. Zolleran. 1, 225. 377. 380).



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