Beschreibung des Oberamts Rottweil/Kapitel B 30

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel B 29 Beschreibung des Oberamts Rottweil Kapitel B 31 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Villingen,


Gemeinde III. Klasse mit 693 Einwohnern, worunter 3 Evangelische. Kath. Pfarrei; die Evangelischen sind nach Rottweil eingepfarrt. 11/2 Stunden nord-nordwestlich von der Oberamtsstadt gelegen.
Der große, sehr hübsche, etwas weitläufig angelegte Ort liegt frei und gesund auf der Hochebene, westlich von dem nur 1/4 Stunde entfernten Neckarthale, in einer sanften Mulde gerade an dem Anfang eines kurzen, aber schroff eingeschnittenen Seitenthälchens des Neckarthales. Durch den schönen Ort führt die Rottweil–Oberndorfer Landstraße, von der im Dorf selbst die Vicinalstraße nach| Herrenzimmern abzweigt; an ihnen, wie auch an den übrigen gut unterhaltenen Ortsstraßen lagern sich freundlich die meist ansehnlichen, getünchten Bauernhäuser mit den angebauten Scheunen, die theilweise noch mit Stroh – oder Schindeln gedeckt – und an den Giebelseiten verschindelt sind. Die Räume zwischen den Gebäuden füllen Gemüse- und Baumgärten aus; auch haben sich mitunter kräftige Waldbäume in dem Ort eingebürgert.

Die dem h. Gallus geweihte Kirche steht frei im südöstlichen Theile des Dorfes, rechts von der breiten Hauptstraße, und wurde im vorigen Jahrhundert (1786) im Zopfstil neugebaut. Der vierstockige Thurm, der an der Ostseite des mit dem Schiffe gleich breiten Chores steht, ist noch alt, hat oben vier spätgothisch gefüllte spitzbogige Schallfenster und trägt ein Satteldach mit schönem Schmiedeisenkreuze; sein unterstes Geschoß ist kreuzgewölbt und öffnet sich gegen Osten mit einem Rundbogenfensterchen. Das Innere der Kirche zeigt hübsche flache Stuckdecken im Rococogeschmack und bemerkenswerthe aus Rottweil stammende spätgothische Holzskulpturen: so den nördlichen, noch bemalten Seitenaltar. In seiner Mitte thront Maria mit dem Kinde, hinten und zu Seiten schöne vergitterte Maßwerksfenster. Auf den Flügeln (innen) sieht man Geburt und Beschneidung Christi, sowie die Anbetung des Kindes und den Tod der Maria (die Außenseiten der Flügel nicht sichtbar). Sämtliche Figuren sind noch bemalt. Ferner befindet sich an der Nordwand des Schiffes eine große sehr treffliche noch ganz bemalte Relieftafel, die trauernden Frauen mit Salbgefässen; auch das schöne Krucifix auf dem im Zopfstil gehaltenen Hochaltar scheint noch alt zu sein.

Bei der von der Stiftungspflege zu unterhaltenden Kirche erhebt sich eine Linde, auch schließt sich der frühere Gottesacker daran; der neue, von einer Mauer umgebene, wurde im Jahre 1846 südöstlich vom Ort angelegt.

An der Landstraße von Rottweil nach Villingen steht bei einer großen Linde die St. Oswaldskapelle, mit der Jahreszahl 1672 über dem Eingang.

Zunächst der Kirche liegt das 1806 erbaute, wohlerhaltene, zweistockige Pfarrhaus, dessen principale Baulast der Gemeindepflege, die subsidiäre dem Staat obliegt. Das ansehnliche Schulhaus, zwei Lehrzimmer, die Wohnung des Schulmeisters und die Gelasse für den Gemeinderath enthaltend, wurde 1833 erbaut. Ein öffentliches Backhaus und ein Farrenhaus sind vorhanden.

Mit gutem Trinkwasser, das 2 laufende, 60 Pump- und 2 Schöpfbrunnen liefern, ist der Ort hinreichend versehen, auch besteht eine Wette. Die Markung ist arm an Quellen und die einzige| von Bedeutung ist die des am Ort beginnenden Lichtgrabens; außer dem Lichtgraben greift nur noch der erste Anfang des unbedeutenden Erlenbachs in die Markung ein. Die östliche Markungsgrenze wird etwa 1/4 Stunde lang vom Neckar berührt.

Die Einwohner, von denen gegenwärtig 2 über 80 Jahre zählen, sind im allgemeinen fleißige, sparsame und geordnete Leute, deren Haupterwerbsquellen in Feldbau und Viehzucht bestehen; die Gewerbe beschränken sich, mit Ausnahme einer mit gutem Erfolg betriebenen Gipsfiguren-Fabrik, auf die gewöhnlichen Handwerker, von denen nur einige Schreiner auch nach außen arbeiten. Als Nebengewerbe wird den Winter über das Strohflechten für die Fabrik in Schramberg getrieben.

Was die Vermögensverhältnisse der Einwohner betrifft, so gehören diese zu den besseren des Bezirks, indem der wohlhabendste Bürger 105 Morgen, der sog. Mittelmann 30–40 Morgen und die minder bemittelte Klasse 3–4 Morgen Grundeigenthum besitzt. Auf angrenzenden Markungen haben die Ortsbürger im Ganzen etwa 40 Morgen Felder.

Die ziemlich ausgedehnte Markung hat, mit Ausnahme der Steilgehänge gegen den Neckar und den Lichtgraben, eine flachwellige Lage und einen fruchtbaren Boden, der hauptsächlich aus Lehm und aus den Zersetzungsprodukten der Lettenkohlengruppe und des Muschelkalkdolomits besteht. Einige Steinbrüche sind im Muschelkalkdolomit angelegt. Erdfälle kommen mehrere in den Waldungen vor. Das Klima ist wegen der hohen Lage und der Nähe des Schwarzwaldes mehr rauh als mild und feinere Gewächse, wie Gurken, Bohnen etc. gedeihen nicht; auch ist die Gegend den Winden sehr ausgesetzt und von Frühfrösten öfters heimgesucht. Hagelschlag kam früher selten, in neuerer Zeit aber häufig vor.

Mit Anwendung verbesserter Ackergeräthe (Hohenheimer-, Brabanter- und amerikanischer Pflug, eiserne Egge, Feld- und Dreschwalze) wird die Landwirthschaft gut betrieben und außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln benützt man auch Gips, Kompost und Asche. Zum Anbau kommen die allgemein üblichen Getreidearten und von diesen vorherrschend Dinkel und Haber, ferner Kartoffeln, viel Futterkräuter (dreibl. Klee, Luzerne, Esparsette, Schwedenklee), Linsen, wenig Reps, Flachs und Hanf. Von den Felderzeugnissen können jährlich über den eigenen Bedarf etwa 1600 Scheffel Dinkel, 200 Scheffel Haber, 180 Scheffel Gerste und 160 Scheffel Weizen verkauft werden. Der ausgedehnte Wiesenbau liefert größtentheils gutes Futter, das im Ort selbst verbraucht wird. Die Wiesen, von denen etwa 24 Morgen bewässert werden können, sind durchgängig| zweimähdig. Von einiger Bedeutung ist die mit späten Kernobstsorten, Zwetschgen und Pflaumen sich beschäftigende Obstzucht, zu deren Pflege ein besonderer Baumwart aufgestellt ist. Die Jungstämme bezieht man aus den vorhandenen zwei Gemeindebaumschulen. In günstigen Jahrgängen können 6–800 Simri Obst nach außen abgesetzt werden.

Die Gemeinde besitzt 5224/8 Morgen Nadelwaldungen, von deren jährlichem in 230 Klaftern und 2000 St. Wellen bestehendem Ertrag jeder Bürger 25–50 St. Wellen, und von dem Erlös aus dem übrigen Holz 10 fl. erhält; überdieß fließen noch 15 bis 1700 fl. in die Gemeindekasse. Aus der verpachteten Brach- und Stoppelweide bezieht ferner die Gemeinde 4–500 fl., aus der Pferchnutzung 3–400 fl. und aus den an die Bürgerschaft verliehenen Allmanden 700–750 fl.

Die Pferdezucht und Pferdehaltung ist nicht von Bedeutung; man züchtet vorzugsweise einen mittelstarken Landschlag und bringt die Stuten auf die Beschälplatte in Rottweil zur Bedeckung. In recht gutem Zustande befindet sich dagegen die mit einer Kreuzung von Landschlag und Simmenthalerrace sich beschäftigende Rindviehzucht, zu deren Nachzucht 4 gekreuzte Farren aufgestellt sind. Der Handel mit Vieh beschränkt sich auf das entbehrlich gewordene und theilweise auch auf gemästetes Vieh. Auf der Markung läßt ein fremder Schäfer den Sommer über etwa 300 Rauhbastardschafe laufen; der Abstoß der Schafe und der Wolleverkauf geht in das In- und Ausland. Eigentliche Schweinezucht besteht nicht und die Ferkel (halbenglische Race) werden von außen eingeführt und größtentheils für den eigenen Bedarf, 1/4 etwa zum Verkauf aufgemästet.

Neben einem Stiftungsvermögen von 26.000 fl. besteht eine Armenstiftung mit 1200 fl. Kapital.

Die römische Heerstraße (Hochstraße) von Rottweil gegen Dunningen, auf welche die Rottweil–Schramberger Landstraße großentheils gegründet ist, berührt den westlichen Theil der Markung.

Etwa 1/4 Stunde nordöstlich von Villingen stand oben an dem Thalabhang gegen den Neckar ein Waldbruderhaus.

Mag es auch zweifelhaft sein, ob die in den öfters genannten Urkunden vom 27. März 793, 4. Juni 817 und 28. Febr. 1139 (W. Urkb. 1, 44. 86. 90) vorkommenden Orte Filisninga et alia Filisninga, ad Filingas und Villigen dieses Villingen betreffen, so ist es doch sicher hierher zu beziehen, wenn den 25. Sptbr. 1278 zu Rottweil der St. Gallische Pförtner H. den Konrad Bletz, Trautwein Bletzen Sohn, den letzteren selbst und seinen Bruder Ulrich, sämtlich Rottweiler Bürger, mit Zehenten zu Villingen und| Neckarburg belehnte, welche zum Pförtneramt des Klosters gehörten (Orig. Urk. in St. Gallen).

Der Ort war zuerst im Besitze der Familie Rüti, allein ums J. 1350 verpfändeten Albrecht von Rüti, der schon genannte Herr der Neckarburg, und seine Söhne Albrecht und Reinhard denselben mit seiner Zugehörde an Wernher von Zimmern, welcher ihn bald auch definitiv erwarb. Vermöge eines durch Graf Jos. Nicolaus von Zollern den 17. Juni 1456 bewirkten Vergleiches verzichtete Gr. Johann von Sulz, der längere Zeit hindurch an die betreffenden Besitzungen Anspruch gemacht hatte, gegenüber von Gottfried von Zimmern für 120 Mltr. Korn und 100 Mltr. Haber, auf Villingen und Hohenstein mit den genannten Zugehörden, an dem letzteren Burgstall selbst jedoch sollte beiden Theilen ihre Gerechtigkeit verbleiben. Den 26. März 1495 verkaufte Villingen Gottfried von Zimmern vorübergehend, den 11. Okt. 1513 Johann Wernher von Z. definitiv an die Stadt Rottweil, in deren Besitze es von nun an verblieb. Übrigens hatte auch nach der Aufzeichnung der hohenbergischen Lehen aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts Ulrich von Trochtelfingen einen Hof zu Villingen dem Dorf als solches Lehen inne (Schmid, Monum. Hohenb. 917) und das Kl. Rottenmünster erscheint hier im 14. Jahrhundert als begütert.

Als hiesiger Pfarr-Rektor wird im J. 1275 der Straßburger Kanoniker Rudolf von Zimmern genannt (s. ob. S. 158). Albrecht von Rüti hatte im 14. Jahrhundert von Wernher von Zimmern den hiesigen Ruprechtshof, „da der Kirchensatz der Kirche zu Villingen inhöret, mit Wydemen, mit großem Zehenten, mit kleinem Zehenten“ zu Lehen, allein auf seine Bitte eignete Wernher diese Lehen der Johanniterkommende zu Rottweil, wofür Albrecht den 8. Mai 1360 Wernhern seine Hälfte an der Burg Hohenstein mit Zugehörden, den Adelhardshof und sonstige Rechte in Bieringen am Neckar zu Lehen auftrug. Die Kommende ließ die hiesige Pfarrei von Rottweil aus excurrendo durch einen Vikar versehen.



« Kapitel B 29 Beschreibung des Oberamts Rottweil Kapitel B 31 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).