Beschreibung des Oberamts Saulgau/Kapitel B 32

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel B 31 Beschreibung des Oberamts Saulgau Kapitel B 33 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
32. Herbertingen; 1171 G. Einw.

1) Herbertingen, ein kath. Pfarrdorf mit Marktgerechtigkeit, an der Landstraße, 11/2 St. nordöstlich von Saulgau mit 1171 Einw., einschließlich der Zugehörungen. S. 89. Die Zehnten sind zwischen dem Standesherrn, der Pfarrey, der St. Catharinen-Caplaney etc. vertheilt, in voriger Zeit hatten auch die Klöster Salmannsweiler, Heiligkreuzthal, Hödingen und Habsthal, wie an dem Grund-Eigenthum, so auch an dem Zehnten Theil; den Heuzehnten von den Öschwiesen, den Obst- und Blutzehnten hat die Pfarrey, die Riedwiesen sind zehentfrey.

Der Name des Orts wird in ältern Schriften auch Herbrechtingen (wie Albert und Albrecht) geschrieben gefunden. H. liegt nahe am Donauriede, an und auf einer fruchtreichen Anhöhe, von dem Krähebach bewässert. Der Ort ist nach Saulgau und Mengen der größte im Oberamt. Er hat eine schöne und große Pfarrkirche, zum h. Oswald, mit 2 Orgeln und mehreren Altären und mit einem stattlichen Thurme, nach Art des Ennetachers. Ein päpstlicher Ablaßbrief vom J. 1300 läßt vermuthen, daß die Kirche in diesem Jahre erbaut worden sey. Eine Capelle zum h. Niklaus, worin Wettermessen gelesen werden, steht am Ende des Orts, 3 andere kleine Capellen, die aber sämmtlich blos zur Zuflucht bey Sturm und Wetter dienen, befinden sich auf dem Felde. Die Baulast der Kirche und der Niklaus-Capelle, so wie auch des Pfarrhauses hat die Kirchenpflege. An der| Kirche stehen neben dem Pfarrer 2 Caplane, zu h. Catharina und St. Maria, deren Stellen aber seit einiger Zeit unbesetzt sind. Die eine Caplaney, die Frühmeß, wurde im J. 1444, die andern i. J. 1477 gestiftet. Filiale der Pfarrey sind: Burg und Riedmühle.

H. ist ein Haupt-Flachsort; es hat nicht unbedeutende Waldungen, 6 Schildwirthschaften, 3 Mahlmühlen, 1 Sägemühle, 1 Öhlmühle und 4 Vieh- und Krämermärkte. Unter den Handwerkern befinden sich 2 Wachszieher. Der Ort hatte schon in alten Zeiten sein eigenes Gericht, und „der Schultheiß oder Amman durfte Stock und Degen tragen.“ Auch wurde dem Gerichte durch Wappenbrief v. J. 1682 von K. Leopold ein eigenes Sigel und Wappen verliehen. Der Ort ist sehr alt und kommt unter dem Namen Heriprehtinga schon in einer Urkunde K. Ludwigs des Deutschen v. J. 854 vor. S. S. 8.

Die Grundherrschaft war ehemals, wie sich noch urkundlich nachweisen ließe, unter eine Menge Edelleute, Klöster und Körperschaften vertheilt; die Landesherrschaft war immer Friedbergisch. Die Edlen von Beuren hatten ihren Sitz in H. S. Beschr. des OA. Riedlingen. S. 116. Von ihnen kamen mehrere Höfe und Güter zu H. an das Kloster Habsthal, von dem die Sigmaringischen Gefälle herrühren. An jenes Kloster hatte auch schon 1286 Graf Heinrich von Veringen auf einer Hochzeit zu Grüningen einen Hof geschenkt.

2) Die Riedmühle, eine Mahlmühle, 1/8 St. unterhalb H. und auf dessen Markung im Ried gelegen.

3) Burg, auch „Burg im Thiergarten“ und im Gegensatz von Hagelsburg, „die untere Burg“ gemeiniglich aber auch blos Thiergarten genannt, ein Jägerhaus und Sitz eines Revierförsters, 1/2 St. südlich von Herbertingen. Vormals befand sich hier ein Thiergarten mit einem Jagdschlosse. Der Thiergarten wurde 1812 aufgehoben, und das Jagdschloß 1813 abgebrochen. – Nicht weit| von Herbertingen, mitten in dem obern Donauriede, befindet sich ein auffallender runder Hügel, der Bettelbühl genannt, auf welchem, der Sage nach, ein Schloß gestanden haben und eine der Kirchenglocken zu H. ausgegraben worden seyn soll.

Eine weitere Merkwürdigkeit ist die Ried-Capelle, eine kleine Capelle, welche noch vor kurzer Zeit still und einsam in dem weiten Donauriede auf der Grenze der H. und Hundersinger Markung stand, und zum Andenken an den Erbtruchseßen, Grafen Andreas von Sonnenberg, Herrn zu Scheer, der hier als Opfer unedler Rache gefallen ist, erbaut worden war[1].


  1. Es hatte nämlich der Graf Felix von Werdenberg, durch beleidigten Ehrgeiz bey der Vermählung des Herzogs Ulrich zu Stuttgart gereizt, dem Grafen Andreas blutige Rache geschworen. Als nun eines Abends, den 11. May 1511, Andreas mit seinem Caplan und drey Knechten vom Bussen nach Scheer zurückritt, fiel ihn Felix, der ihm mit einer bewaffneten Schaar aufgelauert hatte und zu dem Ende von Heiligenberg herbey gekommen war, an. Andreas war unbewaffnet und suchte sich durch die Flucht zu retten, stürzte aber in dem sumpfigen Riede mit seinem Pferde und wurde nun von Felix und seinen Helfern, obgleich der treue Caplan sich flehend auf seinen Herrn geworfen hatte, ermordet. Der Leichnam des Erschlagenen ward nach Scheer gebracht und auf der blutigen Stätte wurde die kleine Capelle erbaut. Zu der Capelle wurde eine eigene Caplaney zu Herbertingen gestiftet, deren Caplan zum Gedächtniß des Ermordeten wöchentlich eine Messe in der Capelle halten sollte. Allein die Stiftung ward in der Folge mit der Pfarrkirchenpflege vereinigt, die Messen hörten auf, und vor 2 Jahren wurde selbst die Capelle zu großem Leidwesen der Nachbarn und aller Freunde von Denkmählern der Geschichte abgebrochen. Wenige Jahre vor dem Abbruche hatte sich in der Capelle selbst noch eine traurige Geschichte zugetragen. Es hatte nämlich ein Eremite die Capelle zu seinem stillen Aufenthalt gewählt; nachdem er viele Jahre darin gelebt und sein Gärtchen daneben gepflanzt hatte, wurde er eines Tages ermordet in der Capelle gefunden. S. Würt. Jahrbücher 1822. S. 425 u. ff.