Beschreibung des Oberamts Spaichingen/Kapitel B 12

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Gosheim,
mit Mühle und Ziegelhütte,
Gemeinde III. Kl. mit 745 Einwohnern, wor. 3 Evangelische. Kath. Pfarrei; die Ev. sind nach Aldingen eingepfarrt. 2 Stunden nördlich von der Oberamtsstadt gelegen.

Der Ort liegt nahe dem Rande der vom braunen Jura gebildeten hohen und steilen Terrasse, in dem hier flach beginnenden gegen Osten ziehenden Beerathal, frei und gesund, und wird großartig überragt von den im Norden sich erhebenden, schroff ansteigenden, und schön geformten (weißen) Jurabergen, dem Lemberg und dem Hochberg, von dessen Gipfeln aus man die herrlichsten Fernsichten an die Alpen, den Schwarzwald, sowie tief hinein in das Unterland genießt. – Der sehr freundliche Ort hat breite, reinlich gehaltene Straßen, seine stattlichen Bauernhäuser sind mit Ziegeln gedeckt und werden von hochwipfeligen Linden und anderen Waldbäumen, wie auch von Obstbäumen, beschattet.

Die dem h. Cyriakus geweihte große, hochgelegene Kirche erhebt sich am nordöstlichen Saum des Dorfes und wurde mit Ausnahme des westlich stehenden gothischen Thurmes im J. 1753 neu erbaut, im J. 1842 erneuert; der Chor schließt vieleckig. Das geräumige, mit flachen Decken versehene Innere besitzt einen sehr ansprechenden, im J. 1856 von Meintel in Horb verfertigten Hochaltar mit den in Holz geschnitzten Gestalten Christi am Kreuz, unten Maria und Johannes, oben schweben zwei das Blut des Erlösers auffangende Engel herbei. Auf den Seitenaltären (ebenfalls von Meintel) steht Joseph und eine äußerst liebliche Madonna. Auch die Kanzel ist neu und mit den hölzernen Relieffiguren der vier Evangelisten geziert, der hohle runde Taufstein dagegen alt und mit gothischem Maßwerk umzogen; ferner ist zu beachten eine in Holz geschnitzte Pieta von eigenthümlich freier und lebendiger Auffassung, Maria schließt den Leichnam des Herrn liebend ans Herz, eine schöne Renaissancearbeit in über 2/3 Lebensgröße. Der oben mit vier spätgothisch gefüllten Schallfenstern| belebte und mit zwei Staffelgiebeln bekrönte Thurm hat drei Glocken; auf der größten steht: Meinrad und Benjamin Grüninger gossen mich in Villingen 1842. Auf der zweiten Glocke: Paulus Zwolfer gos mich in Rotweil. Anno 1653. Die dritte Glocke ist uralt und ohne Inschrift. Die im Besitz der Kirche befindlichen schönen Meßgewänder, sowie zwei silberne, mit Steinen besetzten Kelche und eine Monstranz, stammen aus den im Anfang dieses Jahrhunderts im Breisgau aufgehobenen Klöstern.

Der östlich von der Kirche sich ausdehnende ummauerte Friedhof wurde im J. 1773 neu angelegt, im J. 1845 vergrößert; er ist mit Blumenbeeten und vielen Eisenkreuzen geschmückt und gewährt eine schöne Aussicht.

Das südlich bei der Kirche stehende freundliche Pfarrhaus wurde schon im J. 1672 erbaut und ist, wie die Kirche, von der Stiftungspflege zu unterhalten.

Eine Feldkapelle wurde im J. 1858 auf dem Heuberg errichtet.

Das dreistockige Schulhaus, in den Jahren 1829/30 erbaut, enthält 2 Lehrzimmer und die Wohngelasse für den Schulmeister und den Lehrgehilfen; außer der Volksschule besteht noch eine Industrieschule und eine Winterabendschule.

Das 1842 erbaute Rathhaus befindet sich in gutem baulichem Zustande.

Von öffentlichen Gebäuden sind ferner noch vorhanden ein Backhaus, 4 Waschhäuser, ein Armenhaus und ein Schafhaus.

Durch den Ort führt die Vicinalstraße von Spaichingen nach Wehingen und eine weitere Straße ist neuerer Zeit nach Wilflingen angelegt worden.

Gutes Trinkwasser liefern hinreichend 6 laufende und 4 Pumpbrunnen; auch die Markung hat mehrere Quellen, von denen die Beeraquelle, die Schwellbachquelle, die Tannquelle und die Hinterhaldenquelle die bedeutendsten sind. Eine schwefelhaltige Quelle entspringt am Fuße des Lembergs. Etwa 1/8 Stunde nördlich vom Ort entspringt die Beera, die bald den in Gosheim beginnenden Schwellbach aufnimmt; außer diesem entspringt noch auf der Markung am östlichen Fuß des Lembergs ein unbedeutender Bach, der ebenfalls in die Beera mündet, während der auf eine kurze Strecke die Markung berührende Wettbach in die Prim fließt. Da die Beera in die Donau, der Wettbach aber durch Vermittlung der Prim und des Neckars in den Rhein geht, so haben wir es hier mit der europäischen Wasserscheide zu| thun, die über die Markung und ganz nahe (westlich) am Ort hin führt. Früher bestand in dem Beera-Thal unterhalb des Orts der sog. Klosterweiher, der trocken gelegt wurde und jetzt als Gemeindewiese benützt wird.

Die im allgemeinen fleißigen und geordneten Einwohner, von denen gegenwärtig zwei über 80 Jahre alt sind, finden ihre Haupterwerbsquellen in Feldbau und Viehzucht; von den Gewerben sind außer den gewöhnlichen Handwerkern, von denen die Zimmerleute und Maurer am zahlreichsten vertreten sind und auch nach außen arbeiten, noch zu nennen: 5 Uhrenmacher, eine Mühle mit 2 Mahlgängen, einem Gerbgang und einer Hanfreibe, eine Sägmühle, eine Ziegelei, 4 Schildwirthschaften, eine Bierbrauerei mit Wirthschaft, und 3 Kramläden. Die Uhrenmacher setzen ihre Waren nach außen ab. Von den weiblichen Einwohnern wird die Stickerei auf Bestellung betrieben. Die Vermögensverhältnisse der Einwohner gehören zu den mittelguten; der vermöglichste Bürger besitzt 40 Morgen Feld und 5 Morgen Wald, der Mittelmann 14 Mrg. Feld und 2 Mrg. Wald und die am wenigsten bemittelte Klasse 2–3 Mrg. Feld. Unterstützung von Seiten der Gemeinde erhalten gegenwärtig 2 Personen.

Die ziemlich große Markung ist zum Theil sehr bergig, indem außer dem freistehenden Lemberg auch der südliche Steilabfall des Hochbergs und ein Theil des Heubergs in dieselbe eingreifen; das übrige zwischen diesen hohen Bergen liegende Land ist flachwellig, die Hochebene des Heubergs sehr hügelig. Der Boden ist mittelfruchtbar und besteht im Allgemeinen aus den Zersetzungsprodukten des braunen und weißen Jura, welch’ ersterem meist eine Bedeckung von ziemlich schwerem und naßkaltem Lehm zukommt. Die kalkreichen, mit Gesteinstrümmern erfüllten Zersetzungen des weißen Jura dienen meist dem Waldbau. Das Klima ist ziemlich rauh, übrigens erlaubt dasselbe immer noch eine ziemlich ausgedehnte Obstzucht; wegen der hohen Lage ist die Gegend starken Winden ausgesetzt und Frühfröste kommen zuweilen vor, dagegen gehört Hagelschlag zu den Seltenheiten.

Die Landwirthschaft wird fleißig und so gut, als es die natürlichen Verhältnisse gestatten, betrieben; zur Verbesserung des Bodens wird außer des in zweckmäßig angelegten Düngerstätten gesammelten Düngers und des Pferchs auch Asche und Gips angewendet. Neben dem noch allgemein eingeführten Wendepflug| sind viele Walzen, einige eiserne Eggen und Dreschmaschinen, wie auch eine Reps-Säemaschine im Gebrauch. Man baut Dinkel, Gerste, Haber, der besonders gut gedeiht, viel Futterkräuter, Kartoffeln, Rüben und für den eigenen Bedarf Flachs und Hanf. Von den Getreidefrüchten werden jährlich etwa 200 Scheffel Dinkel und eben so viel Haber nach Rottweil und Spaichingen verkauft. Die in namhafter Ausdehnung vorhandenen Wiesen, von denen etwa 30 Morgen Wässerung haben, sind zweimähdig mit Ausnahme der auf dem Heuberg gelegenen, die nur einen Schnitt erlauben. Das Futter ist gut und nur theilweise etwas sauer; es wird mit geringer Ausnahme im Ort verbraucht.

Die im Zunehmen begriffene Obstzucht ist in gutem Zustande und erlaubt in günstigen Jahrgängen einen Verkauf über den eigenen Bedarf von etwa 260 Simri nach außen; man pflanzt Goldparmäne, Luiken, Süßäpfel, Kugelbirnen, Junkersbirnen, Bratbirnen, ziemlich Zwetschgen und Pflaumen. Die Jungstämme werden aus den zwei der Gemeinde gehörigen Baumschulen bezogen. Ein Baumwart ist aufgestellt.

Die Gemeinde ist im Besitz von 570 Morgen Waldungen (meist Nadelholz), die jährlich 360 Klafter und 2500 St. Wellen ertragen; hiervon erhält jeder Bürger 172 Klafter samt dem dazu gehörigen Reisach. Ein Theil des Holzertrags wird verkauft, was der Gemeindekasse eine durchschnittliche Rente von etwa 700 fl. sichert. Überdies bezieht die Gemeinde aus etwa 300 Morgen eigentlicher Weide nebst der Herbstweide die Pachtsumme von 570 fl., aus der Pferchnutzung 200–250 fl., aus Allmanden, von denen jeder Bürger 11/2 Morgen gegen 2 fl. 45 kr. benützen darf, 240 fl. und aus Gemeindegütern 300 fl.

Pferdezucht wird nicht getrieben und auch die Pferdehaltung ist ganz unbedeutend, um so beträchtlicher ist die mit einer Kreuzung von Simmenthaler- und Landrace sich beschäftigende Rindviehzucht, die durch 4 Simmenthaler Farren nachgezüchtet wird, und auch einigen Handel mit Vieh zuläßt. Auf der Markung läßt ein fremder Schäfer den Sommer über 500 Stück Bastardschafe laufen. Von Bedeutung ist die Schweinezucht (halbenglische Race), so daß die meisten Ferkel im Ort selbst gezogen werden und viele aufgemästete Schweine, theilweise auch Ferkel, nach außen zum Verkauf kommen. Ziegen befinden sich etwa 25 Stück im Ort.

Die zu der Gemeinde gehörige Mühle (s. oben) liegt 1/4 Stunde südlich vom Ort an dem Wettbach.

| Die Ziegelhütte ist nur 10 Minuten östlich von Gosheim gelegen.

Im Allgemeinen wird die Geschichte des Ortes, des kl. reichenau-alpirsbachischen und hohenberg-österreichischen Besitzes an demselben unten bei der Geschichte Wehingens ausführlich dargestellt werden und es ist hier nur zur Ergänzung noch Einiges beizufügen.

Der Ort, auch Gosen, Goshaim geschrieben – ein auf den Eigennamen Gozo zurückzuführender Name –, wird das erste Mal genannt, als im J. 1295 Gr. Albert (II.) von Hohenberg, den Friedrich von Ebingen mit 2 hiesigen Huben belehnte, welch’ letzterer hinwiederum im J. 1319 Annen, Johannsen und Catharinen den Bäsgin (von Rottweil) 2 Güter mit 6 Mltr. Kernen und 1 Mltr. Haber Gülten, 10 Schill. Heller, 4 Hühnern und 30 Eiern allhier verkaufte; im J. 1344 ging dieser Besitz um 95 Pfd. Heller an das Kl. Rottenmünster über, welches noch nach der Mitte des 18. Jahrhunderts mit einem hiesigen Erblehengute vorkommt. Zu Anfang des 14. Jahrhunderts hatten die Gebr. Konrad und Erkinger Aigelwart von Falkenstein hiesiges Gut inne, welches 12 Scheffel Kernen, 8 Hühner, 1/4 Eier giltete; mit ihrer Einwilligung setzte der Rottweiler Bürger Heinrich Zürich den 27. März 1305 seine Gemahlin Junte und Tochter Margarethe in dasselbe ein; den 1. Febr. 1317 eignete es Erkinger Aigelwart von Falkenstein auf Bitte des seitherigen Lehensinhabers, des Villinger Bürgers Heinrich Hemberger, dem Käufer Staimer dem Näter, Bürger zu Rottweil, von dessen Familie es den 21. März 1354 in den Besitz der Rottweiler Bürgerin Gertrud Kanzler und ihrer Familie kam. – Gr. Rudolfs (III.) von Hohenberg Gemahlin Ida von Toggenburg vermachte den 9. Aug. 1387 hiesige Gültgüter an die Frauenkapelle zu Rottweil. Das sog. Richtersgut (Hofstatt, Gärtlein u. s. w.) allhier hatte der Heilige und das Gotteshaus daselbst in den J. 1483–1712 von Österreich zu Lehen. – Das Kl. Allerheiligen zu Schaffhausen verkaufte eine hiesige Leibeigene den 18. Mai 1469, die Kirchenpflege Nusplingen vertauschte eine solche den 17. Mai 1472 an das Kl. Alpirsbach.

Die Noth des J. 1817 trieb manche Ortsangehörige zur Auswanderung, insbesondere wandten sich den 11. Aug. d. J. 11 Haushaltungen, bestehend aus 78 Personen mit Weibern und Kindern, nach Panhora, 20 Std. von Temeswar, doch lauteten die von ihnen in der Folge einkommenden Nachrichten nicht sehr erfreulich. –| Im J. 1834 suchte bei der stark anwachsenden Bevölkerung der Kaufmann Besenfeld von Schömberg den mangelhaften Ertrag der Landwirthschaft durch Einführung der Seidenweberei zu ersetzen, eine Industrie, die aber bald wieder erlahmte. (Orts-Chronik.)

Ein hiesiger Weiher, zehen Tagwerk ungefähr Weihers und trockenen Feldes, dereinst dem Kl. Alpirsbach gehörig, wurde den 20./30. Sept. 1649 mit dem hiesigen Kirchensatz (s. Wehingen) von Herz. Eberhard III. von Württemberg an das Kl. St. Blasien vertauscht, von letzterem den 26. Okt. 1700 mit Zugehörden um 1000 fl. an die Gemeinde verkauft, von dieser hinwiederum den 19. Febr. 1744 an den Bergwerksverwalter Joh. Konr. Zimmermann im Bärenthal. Heutzutage ist derselbe in Wiesen umgewandelt. (Ortsregistr.)

Was die kirchlichen Verhältnisse betrifft, so war der Ort früher Filial von Wehingen. Den 24. Juni 1499 regelte der Abt Gerhard Münzer von Alpirsbach die Art der Versehung des Gottesdienstes in der hiesigen Kapelle durch den Wehinger Pfarrer, welcher wöchentlich, insbesondere am Freitag, in eigener Person oder durch einen anderen Priester, der jedoch nicht Kaplan zu Gosheim sei, die Messe halten sollte. Den 30. März 1514 sprach Bischof Hugo von Constanz die Trennung der Gemeinde G. von der Pfarrei Wehingen und Erhebung Gosheims zu einer eigenen Pfarrei aus (Freiburger Diöces. Archiv 9, 135); auch weihte den 12. Dez. d. J. sein Generalvikar die neue hiesige, dem h. Ciriakus und seinen Genossen gewidmete Pfarrkirche samt drei Altären, sowie den neuen Kirchhof und gewährte für die Besucher der Kirche zu gewissen Zeiten Ablaß, allein vollzogen wurde die Errichtung der selbstständigen Pfarrei allhier erst den 25. Sept. 1696. Den 26. Okt. 1722 wurden langjährige Streitigkeiten zwischen den Gosheimer und Wehinger Pfarreien wegen Zehenten, Allmanden, Wüst- und Stockfeldern, Neugereuth und Novalien in Gosheimer Bahn und Pfarrbezirk verglichen und der Vergleich den 3. Nov. des Jahres durch das bischöfliche Offizialat zu Constanz bestätigt.



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