Beschreibung des Oberamts Spaichingen/Kapitel B 21

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Weilen unter den Rinnen,
Gemeinde III. Kl. mit 330 Einw. – Kath. Pfarrei; Ev. sind nach Erzingen, O.-A. Balingen, eingepfarrt. 33/4 Stunden nördlich von der Oberamtsstadt gelegen.

Am nördlichen Fuße des Wochenbergs liegt freundlich der mit Obstgärten umgebene, nicht große Ort, dessen mittelgroßen, meist getünchten und durchaus mit Ziegelplatten gedeckten Wohnungen sich ziemlich gedrängt an den gut unterhaltenen Ortsstraßen lagern.

Die dem h. Nikolaus geweihte Kirche stammt aus dem Jahre 1751, hat einen dreistockigen, mit vierseitigem Zeltdach bedeckten Thurm im Westen und einen vieleckigen Chorschluß. Der Thurm wurde an Stelle des früheren, 1596/97 erbauten, im Jahre 1841 neu errichtet, bei dieser Gelegenheit auch die Kirche verlängert. Im Innern sind die Decken flach, von den drei Altären zwei im Renaissance- und der südliche im Rococostil; in demselben Geschmack ist die Kanzel gehalten. Zu Seiten des Hochaltars stehen 2/3 lebensgroße gothische Holzfiguren, Skt. Nikolaus und Johannes d. T., und an der Chorwand befindet sich ein sehr hübsches, 6 Fuß hohes spätgothisches, mit Wappen geschmücktes Sakramenthäuschen. Den nördlichen Seitenaltar, an welchem geschrieben steht, daß er den 6. Okt. 1682 eingeweiht| worden, schmückt ein schönes modernes Holzbild der betenden Madonna, gefertigt und geschenkt von Johannes Kurr, jetzt Bildhauer in München. Im halbrunden Triumphbogen hängt ein ansprechendes Krucifix. Auf der größeren der beiden Glocken steht: sant lugs, sant marx, sant mathes, sant iohannes. 1571. Auf der andern liest man, auch in Minuskelschrift: o rex glorie criste veni cum pace. hans klain un oswalt. lucas. marcus. matheus. iohannes.

Der Begräbnißplatz wurde im J. 1813 außerhalb des Orts angelegt.

Am Weg nach Rathshausen steht unter uralter großer Linde die ansehnliche Ottilien-Kapelle, die mehrere ganz tüchtige gothische Holzbilder, beinahe in Lebensgröße, darunter Maria, Agatha, Katharina, und die Brustbilder der Anna und Margaretha enthält.

Das gerade nicht sehr ansprechende, im J. 1741 erbaute Pfarrhaus muß, wie die Kirche, von der Stiftungspflege unterhalten werden. Das ansehnliche zweistockige, im J. 1849 erbaute Schulhaus enthält zwei Lehrzimmer und die Wohnung des allein an der Schule unterrichtenden Schulmeisters. Außer diesen sind noch folgende öffentliche Gebäude vorhanden: ein kleines Rathhaus, das im J. 1822 erbaut wurde, ein Backhaus und ein Waschhaus.

Mittelgutes Trinkwasser liefern zwei laufende, 1 Schöpf- und 10 Pumpbrunnen, auch fließt ein kleiner Bach, der Weilenbach, mitten durch den Ort; dessen ungeachtet entsteht bei lange andauernder trockener Witterung zuweilen Mangel an Wasser, so daß dieses aus der etwa 1/4 Stunde entfernten Schlichem theilweise herbeigeschafft werden muß. Die Markung ist nicht reich an Quellen und von Bächen, die jedoch zeitweise eintrocknen, nennen wir noch, außer dem schon angeführten, den Mittelbach und das Brandbächle; sie entspringen sämtlich auf der Markung selbst. Früher bestand auch ein Weiher, der trocken gelegt und Wiesengrund verwandelt wurde. Zwei steinerne, von der Gemeinde zu unterhaltende Brücken sind über die Bäche angelegt.

Vicinalstraßen nach Deilingen, Rathshausen, Schömberg und Schörzingen sichern dem Ort seinen Verkehr mit der Umgegend; im J. 1874 wurde eine neue Steige vom Ort nach Deilingen sehr zweckmäßig angelegt, wodurch die früher dahin führende Vicinalstraße entbehrlich geworden ist.

Die Einwohner, von denen gegenwärtig 2 über 80 Jahre zählen, sind fleißig, geordnet und finden ihre| Hauptnahrungsquellen in Feldbau und Viehzucht, während die Gewerbe sich nur auf die allernöthigsten beschränken; Schildwirthschaften sind drei und Kramläden zwei vorhanden. Die Vermögensverhältnisse gehören zu den mittelmäßigen, indem der wohlhabendste Bürger 30 Morgen, der Mittelmann 10 Morgen und die ärmere Klasse 1/2 Morgen Grundeigenthum besitzt.

Die kleine Markung besteht theils aus der steilen Terrasse des braunen Jura, theils aus den flachen, von vielen Schluchten und kleinen Thälchen durchzogenen Ausläufern desselben und hat einen aus den verschiedenen Schichtenzersetzungen des braunen Jura hervorgegangenen, mittelfruchtbaren, schweren, naßkalten Boden. Ein Steinbruch, aus dem blaue Kalksteine gewonnen werden, ist vorhanden. Das Klima ist rauh, jedoch nicht in dem Grade, wie auf dem Heuberg, und gestattet noch einige Obstzucht, während feinere Gewächse nicht mehr gedeihen; schädliche Frühfröste und kalte Nebel sind häufig und Hagelschlag ist in neuester Zeit öfter vorgekommen als früher.

Die Landwirthschaft ist wegen der kleinen Markung etwas geringer als in den Nachbarorten, sie wird jedoch mit Anwendung des Suppinger Pflugs fleißig, zum Theil mühsam betrieben. Zur Verbesserung des Bodens kommt außer den in gut angelegten Düngerstätten fleißig gesammelten Düngungsmitteln noch Gips und Asche in Anwendung. Man baut vorherrschend Dinkel und Haber, ferner Gerste, Kartoffeln und dreiblätterigen Klee, Futterwicken, Reps und Hanf. Von den Felderzeugnissen kommen nur etwa 150 Scheffel Haber zum Verkauf auf die Schranne in Rottweil, die übrigen werden im Ort selbst verbraucht. Auch der ziemlich gute Futterertrag von den durchaus zweimähdigen, nicht wässerbaren Wiesen findet im Ort seine Verwendung.

Die Obstzucht beschäftigt sich mit späten Mostsorten, Zwetschgen und Kirschen; sie ist von mäßiger Ausdehnung und erlaubt nur in günstigen Jahrgängen einen Verkauf von 2–300 Simri. Eine Baumschule und ein Baumwart sind vorhanden.

Die Gemeinde besitzt 120 Morgen Nadelwaldungen, die jährlich 50 Klafter und 1000 Stück Wellen ertragen; hiervon erhält jeder Bürger 1/2 Klafter und der Rest des Holzertrags wird zu Gunsten der Gemeindekasse um 120–200 fl. verkauft. Weiden sind keine vorhanden und auch die Herbstweide wird nicht verpachtet. Die vorhandenen Allmanden sind unter die Ortsbürger verliehen und tragen der Gemeindekasse gegen 700 fl. jährlich ein.

| Die Pferdezucht ist unbedeutend, die Rindviehzucht aber so gut, als es die Verhältnisse erlauben; man hält die Simmenthaler Race und hat zur Nachzucht 2 Farren von gleicher Race aufgestellt. Herbstaustrieb findet noch statt. Nur das entbehrlich gewordene Vieh wird verkauft. Schafzucht wird nicht getrieben und auch die Schweinezucht (halbenglische Race) ist unbeträchtlich, indem die meisten Ferkel von außen bezogen werden und aufgemästet in namhafter Anzahl zum Verkauf kommen.

Das Vermögen der Stiftung beträgt gegenwärtig 6985 fl. 33 kr.

Von Spuren aus früher Vorzeit nennen wir: eine alte Straße, die, von Dotternhausen herkommend, östlich am Palmbühl vorüber, durch den Wald „Honau“, weiter an die östlich vom Ort gelegene Kapelle, von da über den Bergrücken Eck zu dem sog. „Heidenschlößle“ nach dem auf Deilinger Markung abgegangenen Ort „Weiler“ etc. führte (s. die Ortsbeschreibung von Deilingen). Nach der Volkssage soll die Landkutsche auf dieser Straße gefahren sein, jedenfalls fällt ihre Anlage in die frühesten Zeiten; ihre zweckmäßige Führung und der Umstand, daß sie die gegenwärtigen Orte nicht, dagegen das abgegangene Heidenschlößchen und das ebenfalls abgegangene Weiler berührt, läßt beinahe außer Zweifel in ihr eine ehemalige römische Straße erkennen. Unfern des Heidenschlößchens kommt die Benennung „Burgstall“ vor, was auf eine ehemalige Befestigung oder Burg schließen läßt. Südlich von Weilen wird eine Stelle „Nonnenwiese“ genannt.

Der Ort kommt früher auch als Uilon, Wilen, Wiler vor; der ihn von anderen Orten des Namens unterscheidende Beisatz rührt wohl mißverständlich von Krinne her, was Kerbe, Einschnitt, hier also Thalschlucht bedeutet (Uhland in Pfeiffer Germania 1, 332 und Schriften 8, 371). Er wird das erste Mal genannt, als den 8. Febr. 838 ein gewisser Pabo seinen umfangreichen hiesigen Besitz an Häusern, Gebäuden, Wäldern, Wiesen u. s. w. mit einigen Ausnahmen und unter gewissen näheren Bedingungen an das Kloster St. Gallen übergab (Wirt. Urkb. 1, 111). Im Jahr 1113 wird er mit den nahe gelegenen Orten Ebingen und Thailfingen (O.-A. Balingen) als in des Grafen Friedrich [von Zollern] Grafschaft gelegen aufgeführt und den 7. Apr. d. J. vergabte Walcho von Waldeck hiesigen Besitz an das Kloster St. Blasien (Mone Zeitschr. 2, 195). In der Folge aber erscheint Weilen als hohenbergisch-österreichisch und zwar als| Bestandtheil der oberen Grafschaft und als in die Delkhofer Mühle bannpflichtig (vrgl. oben S. 279). Die österreichische Jurisdiktionstabelle vom J. 1804 nennt alle Hoheitsrechte allhier österreichisch. – Hinsichtlich des Bezugs des großen und kleinen Zehenten galt im Allgemeinen dasselbe wie bei Rathshausen.

Eine hiesige Kaplanei erscheint schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts; ihr Kollator mit Nominations- und Präsentationsrecht war nach der Hohenberger Erneuerung vom J. 1582 die Herrschaft. Dieselbe wurde den 1. Febr. 1831 durch das Rottenburger Ordinariat im Einverständniß mit der Staatsregierung, welch’ letzterer das Patronat bis heutzutage verblieb, zur Pfarrei erhoben.



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