Beschreibung des Oberamts Tübingen/Kapitel B 15

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Kilchberg,

Gemeinde III. Klasse mit 365 Einwohnern, worunter 9 Kath. – Evangelische Pfarrei; die Kath. sind nach Bühl O.-A. Rottenburg eingepfarrt. 5/4 St. südwestlich von Tübingen gelegen.

In der weiten von schönen Gehängen begrenzten Neckarthalebene liegt zwischen Obstbäumen der kleine freundliche Ort und gewährt mit dem alten, ursprünglich den Herren von Ehingen gehörigen Schlosse einen malerischen Anblick. An den gutgehaltenen, größtentheils gekandelten Straßen gruppiren sich unregelmäßig, von Gärtchen und Hofräumen unterbrochen, die hübschen mittelgroßen Bauernhäuser. Die noch ummauerte Kirche steht am Westende des Dorfes und hat die Gestalt eines griechischen Kreuzes. Ihr Äußeres ist einfach, gegen die Ecken des nördlichen und östlichen Kreuzarmes stemmen sich schlichte Strebepfeiler und die Wände werden sparsam| von spätgothisch gefüllten oder modernen Fenstern durchbrochen. Durch die westliche Giebelwand führt ein spätgothischer spitzbogiger Eingang, im Scheitel das Ehingen’sche Wappen, und durch die nördliche Giebelwand ein gradgestürzter mit der Jahreszahl 1756. Der südliche Kreuzarm wird gebildet durch das untere Geschoß des Thurmes, der sich in drei steinernen übereinander zurückspringenden Stockwerken erhebt und mit vierseitigem Zeltdache bekrönt ist; sein drittes Geschoß hat spätgothisch gefüllte Spitzbogenfenster. Das bis auf Chor und Thurm flachgedeckte Innere ist sehr sehenswerth; der rechteckige Chor oder der östliche Kreuzarm wird von einem großen Rippenkreuzgewölbe überspannt, dessen Schlußstein eine Rosette ziert. Das untere Geschoß des Thurmes ist als Grabkapelle behandelt und gewährt einen überraschenden Anblick; ein breiter tiefer Rundbogen trennt sie vom Schiffe, ihr schönes Rippenkreuzgewölbe ruht auf den vier großen trefflich gearbeiteten Brustbildern der vier Kirchenväter, und rings an den Wänden stehen die prächtigen steinernen Grabmäler der Edlen von Ehingen, durch das große Maßwerkfenster der südlichen Wand kräftig beleuchtet. Diese Denkmäler sind sämtlich in frühem Renaissancestil gehalten; das älteste steht an der Südwand und stellt Dorotea vor, die Tochter des berühmten Georg von Ehingen, Gemalin Wolfgangs von Ahelfingen (gest. 1527); sie ist in Nonnentracht, mit dem Rosenkranz in den gefalteten Händen; zu ihrem Haupte halten zwei Engelchen die Inschrifttafel. An der Ostseite steht Johann von Ehingen, ein herrlicher Ritter mit mächtigem Schnurrbart; über sich hat er eine große Inschrifttafel, er war Deutschordens-Kommenthur zu Blomathal und starb 1562; weiterhin sieht man das große prachtvoll umrahmte Grabmal Burckhardts von Ehingen, gest. 1596; unten am Denkmal rechts befindet sich ein kleines zartes Marmorrelief, die Himmelfahrt Christi; an der Wand gegenüber erheben sich die Grabmäler des Jerg von Ehingen, gest. 1561 und des Jacob von Ehingen, gest. 1576. Die noch wohlerhaltenen Standbilder sind sämtlich in der Tracht ihrer Zeit in voller Rüstung, betend, mit unbedecktem Haupt und stehen auf steinernen Löwen. Die Denkmäler aus den 60 und 70er Jahren stammen ohne Zweifel von der Hand des schon bei Tübingen (S. 224) genannten Leonhard Baumhawer, desselben, der das im Nebenthurm der Stiftskirche in Stuttgart stehende Grabmal eines Hans Herter von Hertneck, † 1562, verfertigte. – Am Gewölbe der Thurmkapelle schimmert alte Bemalung durch die Tünche, auf dem Schlußstein ist das Ehingen’sche Wappen ausgehauen; der in die Kapelle führende Rundbogen spricht dafür, daß das Untergeschoß | des Thurmes noch aus romanischer Zeit stammt. Außerdem befinden sich noch verschiedene Grabmäler an den Wänden der Kirche umher, wovon die wichtigsten das an der Westwand in der südwestlichen Ecke stehende Grabmal des Stifters der Gruft, des Rudolf von Ehingen, auch eines Sohnes des Georg, geb. 1463, gest. den 15. Mai 1538, dessen Platte das groß ausgehauene Wappen des Geschlechtes, den aufwärts gebrochenen Balken, zeigt; sodann das in die Ostwand des nördlichen Kreuzarmes eingefügte marmorne Grabmal aus späterer Zeit, gewidmet einem Georg von Ehingen und seiner Gemalin Magdalena, Freiin von Preising, leider stark beschädigt und von der Emporkirche in der Mitte durchschnitten; dann eines der Maria Salome von Closen aus dem Jahr 1621.

Am Ende des vorigen Jahrhunderts wurde die alte Gruft in die Ruhestätte der jetzigen Besitzer des Schlosses umgeschaffen.

Auch der Chor, durch den spitzen Triumphbogen von der übrigen Kirche getrennt, hat einen Emporeneinbau, darauf steht die im Zopfgeschmack gefaßte große Orgel; die hölzerne Kanzel ruht auf einem starken steinernen Stamm im Renaissancestil. An der nördlichen Wand des Chores stehen auf einer Predella drei treffliche Holzfiguren: Maria zwischen Florian und Martin, zwei schöne Jünglingsgestalten, Martin zu Fuß mit dem Bettler neben sich; die Figuren sind noch ganz bemalt und vergoldet und der Rest eines alten Flügelaltares; auf der Predella steht in prachtvoller goldener Minuskelschrift: In. dem. iar. als. man. zalt. von. der. geburt. cristi. MCCCCLXXVIII iar, und mitten zwischen die Worte ist ein Ecce homo gemalt. Über dem Rundbogen, der in die Thurmkapelle führt, hängt ein großes, frühgothisches, sehr schönes Krucifix, großartig aufgefaßt, von schlanker und reiner Körperbildung und ergreifendem Gesichtsausdruck; die Beine sind noch ungekreuzt. Die Sakristei, in den nordöstlichen Winkel des Kreuzes hineingebaut, ist auch alt und hat ein Tonnengewölbe. Unter dem Boden der Kirche liegt die Gruft, ein mit eisernem Ringe versehener Stein neben dem Taufsteine bezeichnet ihren Eingang. – Beide Glocken stammen aus gothischer Zeit; auf der größeren steht: i. n. r. i. ave. maria. gracia. plena. dominus. tecum. o. jesu. veni. nobis. cum. pace. amen; auf der kleineren, noch älteren, stehen die Namen der vier Evangelisten, beide Inschriften sind in gothischen Minuskeln. Die Baulast der Kirche ruht auf der Stiftungspflege, die jedoch von der Gemeindepflege kräftig unterstützt werden muß.

| Der ummauerte Begräbnißplatz befindet sich schon seit 1559 südlich am Orte.

Das stattliche westlich von der Kirche stehende Pfarrhaus mit großem Garten ist in gutem Zustand und wird vom Staat unterhalten.

In dem alten, aber gilt erhaltenen, südlich an der Kirche stehenden Schulhause, das noch einige Mauern des früheren Nonnenklosters enthalten mag, befindet sich ein Lehrzimmer und die Wohnung des Schulmeisters.

Auch das 1832 erbaute Rathhaus ist in gutem Zustande und enthält neben den Gelassen für den Gemeinderath das öffentliche Wasch- und Backhaus.

Ein Armenhaus besteht.

Nördlich von der Kirche, am Ende des Dorfes in einem weit gegen Norden sich erstreckenden parkartigen Garten liegt das alte und nördlich davon das neue Schloß; beide gehören der gutsherrlichen Familie von Tessin.

Das alte Schloß ist von einer hohen und starken, gegen den Garten hin noch mit Zwinger und Graben versehenen Mauer im Viereck umschlossen; an drei Ecken stehen runde Thürme; der gegen Südwesten ist der bedeutendste und stammt aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, seine zwei Geschosse werden durch eine Wendeltreppe, welche in einem runden Ausbau hinaufführt, verbunden, sein oberes Zimmer hat eine schöne Holzdecke mit tiefen Kassetten. An der Südseite läuft eine zweite Mauer hin und zieht die weitläufigen, zum Theil alten Ökonomiegebäude noch in den Bereich des Schlosses; an ihr baut sich ein malerisches Erkerthürmchen heraus. Das Schloß, vom Dorf und vom Garten aus zugänglich, ist ein schmuckes dreistockiges steinernes Gebäude, das mit theilweiser Benützung des früheren Schlosses 1721 errichtet ward; über dem zum Schlosse führenden Portale steht: Dieses Haus ist von einem tapfern Kriegsmann aus dem uralten Adlichen Stamm deren von Ehingen vor vielen 100 Jahren erbaut und Anno 1721 von einem andern Kriegsmann aus dem auch alten adlichen Stamm derer Leutrum v. Ertingen Namens Karl Magnus erkauft und renovirt worden; über dem eigentlichen Eingange steht renovirt 1723. Mit diesem Gebäude durch einen Gang verbunden, steht im Osten der sehr alte Hochmantel, ein hoher breiter Thurm von der Grundform eines länglichen Vierecks. Unter dem Thurme befindet sich das Burgverließ; an seine Ostseite stößt das sogenannte neue Schloß, ein schlichtes steinernes Gebäude, das laut Inschrift über der Thüre von einem Leutrum Ertingen 1763 erbaut| wurde; über seinem Firste sieht man an dem alten Thurm Spuren eines früheren älteren Giebels. Im Innern enthält das Schloß schöne modern eingerichtete Wohnräume, Treppen und Fluren sind mit werthvollen Hirschgeweihen verziert. Der ebengenannte uralte Thurm hat seinen ehemaligen rundbogigen Eingang 15′ über dem Boden und im obersten Stockwerk ein hübsches Gemach mit reicher und schöner Renaissancepforte. Über der Plattform des Thurmes erhebt sich eine neue hölzerne Gallerie; von hier aus genießt man eine liebliche Aussicht das weite fruchtbare Neckarthal hinauf und hinab bis an die ehrwürdigen Städte Rottenburg und Tübingen. Das merkwürdigste aber ist die große Schloßkapelle, von dem rühmlichst bekannten Georg von Ehingen (geb. 1428, gest. 1508) gestiftet; sie stößt an die Nordseite des alten Thurmes als ein hoher rechteckiger, von Strebepfeilern gestützter Bau von zwei Geschossen; unten befindet sich das alte Archiv, oben, wo die Mauern von großen spätgothisch gefüllten Spitzbogenfenstern durchbrochen werden, die eigentliche Kapelle, die von zwei weiten Rippenkreuzgewölben überspannt und an Wänden und Decke mit trefflichen Fresken geschmückt ist. Die Gewölbe sind leider ganz zugetüncht, die Wände nur zum Theil; man erblickt noch große, Spruchbänder haltende Heiligenbrustbilder, und an der südlichen Wand über der Thüre halbüberstrichen ein sehr großes Freskobild: in der Mitte überlebensgroß die Himmelskönigin, welcher Georg und seine Gemahlin als Stiftung das Modell einer Kirche darbringen, hinter ihnen je ein langer Zug von Rittern, Knappen und Damen; zu ihren Füßen stehen Schildchen mit dem Ehingen’schen und anderen Wappen; ohne Zweifel sind hier Kinder und andere Verwandte des Hauses dargestellt. Die große Inschrift unter diesem Freskobilde ist leider durch Tünche unleserlich geworden. Höchst beachtenswerth ist auch der vor der Nordwand am Ende der Kapelle stehende Flügelaltar: in der Mitte steht unter schönem Laubwerk, trefflich in Holz geschnitzt, die Krönung Mariä und oben zwischen schlanken Baldachinen Christus am Kreuz; der rechte Flügel des Altars fehlt, er stellte Johannes d. T. und die h. Margaretha vor, auf dem linken erblickt man den Stifter Georg knieend und in voller Rüstung, ein sehr werthvolles Gemälde auf Goldgrund, leider beschädigt; an der Predella steht der Name des berühmten Meisters: bartolome zeytblom maler zu Ulm. Noch ein anderes gutes und merkwürdiges Tafelbild befindet sich in der Kapelle, darstellend Christus am Kreuz mit Maria und Johannes, dahinter kniet auf der einen Seite der Stifter Jacob von Ehingen mit seinen drei Söhnen Burckhardt, Jerg, Rudolf und| die Stifterin, seine Gemahlin Magdalena von Ehingen, geb. von Gemmingen mit ihren Töchtern Agnes und Elisabeth; am Kreuzesstamme steht 1567.

Außerdem befinden sich hier noch zwei gemalte Epitaphien eines Johann und eines Georg von Ehingen; ferner die Ölgemälde, die einst im Rittersaale hingen und jene Könige und Kaiser lebensgroß darstellen, welche Georg von Ehingen auf seinen weiten Fahrten besuchte und von denen wohl einer seiner Nachkommen Bildnisse anfertigen ließ. Die in die Kapelle führende Pforte hat eine schöngeschnitzte gothische Holzthüre. Meist aus dem 16. Jahrhundert stammen die Nebengebäude, welche im Südosten an das Schloß sich reihen. Vor dem alten Thurme befindet sich ein runder Ziehbrunnen und an der inneren Seite der südlichen Umfassungsmauer ein laufender, über dem ein hübsches Renaissanceornament eingemauert ist.

Die Baumreihen des großen herrlichen Schloßgartens führen vom alten zum neuen Schlosse, das in modernem Geschmack erbaut, innen schön eingerichtet ist und sehr angenehm gegen die Rottenburger Straße hin liegt. Es ist vom älteren Freiherrn von Tessin bewohnt.

Gutes Trinkwasser liefern hinreichend zwei laufende und sechs Pumpbrunnen; auf der Markung entspringen nur wenige Quellen, darunter eine südöstlich von Kilchberg am Waldtrauf, welche die laufenden Brunnen im Ort speist, und der 1/2 Stunde südöstlich vom Ort entfernte Langweiler Brunnen, einer der Ursprünge des Landgrabens, eine starke und gute Quelle; der Hirschbrunnen im Klosterwald ist ein sog. Hungerbrunnen. Der Neckar fließt an der nördlichen Grenze der Markung hin; seine früher auf der Markung befindlichen Altlachen sind jetzt in Wiesengrund verwandelt. Im Ort ist eine Wette angelegt.

Die Staatsstraße von Tübingen nach Rottenburg führt nördlich vom Ort am neuen Schloß vorüber; auch die Eisenbahn zieht über die Markung und hat nordwestlich vom Ort eine Station mit Postexpedition „Kilchberg“; Vicinalstraßen gehen nach Bühl und Weilheim.

Die Einwohner sind im allgemeinen gesunde kräftige Leute, dabei fleißig, sparsam und geordnet; es gibt gegenwärtig ziemlich viele Ortsangehörige, die über 70, und drei die über 80 Jahre zählen; bei den älteren Personen herrscht noch die kleidsame Volkstracht, wogegen die jüngeren sich leider mehr und mehr zur städtischen neigen.

Haupterwerbsquellen sind Feldbau und Viehzucht; Steinbrüche| befinden sich keine auf der Markung, nur eine Lehm- und eine Kiesgrube. Außer einem Korbflechter, der seine Waare nach Stuttgart absetzt, arbeiten die Handwerker nur für das örtliche Bedürfniß.

Eine Schildwirthschaft und zwei Kramläden bestehen.

Die Vermögensverhältnisse sind ziemlich gut; der begütertste Bürger besitzt 35 Morgen Feld und 10 Morgen Wald; der Mittelmann 8 Morgen Feld und 1 Morgen Wald; der weniger Bemittelte 1 Morgen Feld. Auf Hirschauer Markung besitzen die Ortsbürger 50 Morgen Feld, wogegen die Einwohner von Bühl 25 Morgen auf hiesiger Markung haben. Das Gut der beiden Freiherren von Tessin umfaßt 139 Morgen Äcker, 76 Morgen Wiesen, 191/2 Morgen Gärten, 11 Morgen Länder, 21/8 Morgen Weiden und 447 Morgen Wald; es ist theils in Selbstadministration, theils in Parzellen verpachtet.

Die mittelgroße Markung, von der überdieß etwa die Hälfte mit Wald bedeckt ist, hat, so weit sie für den Feldbau benüzt wird, eine ebene, theilweise leicht abhängige Lage und bei hinlänglicher Düngung einen fruchtbaren Boden, der aus einem leichten sandigen Lehm besteht und gegen Süden, wo er sich der Keuperterrasse nähert, etwas gebundener, thoniger wird. In der Neckarthalebene und an deren Grenze wird er sandig und kiesig und ist daher namentlich für den Wiesenbau weniger tauglich. Der für den Waldbau benüzte Boden besteht aus den Zersetzungen der hier anstehenden Keuperschichten.

Die Lust ist mild und seit die Altwasser und Sümpfe mittelst Anlegung des Neckar-Kanalbaues trocken gelegt sind, auch gesund. Wegen der Nähe des Neckars schaden kalte Nebel und Frühlingsfröste öfters den feineren Gewächsen und der Obstblüthe, dagegen kommt Hagelschlag selten vor.

Die Landwirthschaft ist in sehr gutem Zustande und hat sich durch das wohlthätige Beispiel, welches die musterhafte Bewirthschaftung der gutsherrlichen Güter liefert, sichtlich gehoben, dagegen ist durch den großen Grundbesitz der Gutsherrschaft die übrige Markung für die Einwohnerzahl etwas zu klein.

Zur Besserung des Bodens wird außer dem gewöhnlichen Stalldünger viel Gülle und Kompost angewendet. Der Flandrische Pflug ist vorherrschend geworden, auch sind einige eiserne Eggen und 3 Walzen im Ort; eine Repssämaschine etc. besitzt die Gutsherrschaft.

Von den Cerealien kommt vorzugsweise Dinkel und Gerste, weniger Haber und Einkorn zum Anbau, und in der Brache pflanzt| man Kartoffeln, sehr viel Futterkräuter (dreiblättriger Klee, weniger Luzerne und etwas Esper), Angersen, Kohlraben, Erbsen, Ackerbohnen, und von Handelsgewächsen ziemlich viel Hanf, der theilweise verkauft wird, wenig Reps, weil er nicht gerne gedeiht, und etwas Mohn. Der Hopfenbau hat in neuerer Zeit sehr zugenommen, so daß jährlich 80–100 Centner auf der Markung erzeugt werden. Von den erzeugten Getreidefrüchten können etwa 2–300 Scheffel Dinkel und 200 Scheffel Gerste jährlich nach außen abgesetzt werden.

Der Wiesenbau ist verhältnißmäßig sehr ausgedehnt, liefert jedoch wegen des ungünstigen Bodens im Neckarthal einen geringen Ertrag, daher nur durch bedeutenden Futterkräuterbau die Haltung eines ziemlich guten Viehstandes ermöglicht wird.

Der Weinbau ist bis auf 2 Morgen, die auf Hirschauer Markung liegen, zurückgegangen.

Ziemlich nahmhaft ist die Obstzucht; sie beschäftigt sich vorzugsweise mit Fleinern, Luiken, Reinetten, Goldparmänen, Knaus- und Mostbirnen. Die Gutsherrschaft zieht auch feines Tafelobst. In günstigen Jahren können etwa 1000 Simri Obst nach außen verkauft werden.

Die vorhandenen 106 Morgen Gemeinde- und 6 Morgen Stiftungswaldungen (vorherrschend Forchen) ertragen jährlich 30 Klafter und 1000 Stück Wellen, hiervon erhält jeder Bürger 1/41/2 Klafter und 10 Stück Wellen.

Aus 10 Morgen Gemeindegütern bezieht die Gemeindekasse ein jährliches Pachtgeld von 60–70 fl.

Die Rindviehzucht ist in ziemlich gutem Zustande; man züchtet hauptsächlich die Allgäuer Race und einen guten Neckarschlag; auf dem Schloßgut wird meist Allgäuer Vieh gehalten. Ein Allgäuer- und ein Neckarschlagfarre sind aufgestellt. Der Handel mit Vieh ist nicht bedeutend, einiger Milchverkauf findet nach Tübingen statt.

Mutterschweine sind nur 2 im Ort, die meisten Ferkel (vorherrschend halbenglische) werden eingeführt und größtentheils für den Verkauf aufgemästet.

Die Geflügelzucht wird ziemlich stark getrieben, junge Hahnen kommen zum Theil nach Tübingen zum Verkauf.

Die Bienenzucht ist mittelmäßig und erlaubt zuweilen einen Verkauf an Honig und Wachs.

In einem kleinen Theil des Neckars (16/8 Mrg.) hat die Gutsherrschaft das Fischrecht, welches sie an die Fischerfamilie Mozer in Tübingen verpachtet.

| An Stiftungen sind 13.000 fl. vorhanden, worunter 12.000 fl. von dem leztverstorbenen Freiherrn Wilhelm v. Tessin gestiftet wurden, die Zinse aus der v. Tessinschen Stiftung werden theils für die Industrieschule, theils zur Unterstützung alter gebrechlicher Leute, zu Lehrgeldern für arme Bürgerssöhne und Töchter etc. verwendet. Von den Zinsen der übrigen 1000 fl. wird Brod angeschafft und jedem Hausarmen jeden Monat 8 Pfund Brod abgereicht.

Eine von Rottenburg herkommende, zum Theil noch leicht erkenntliche Römerstraße führt über die Markung und durch den südlichen Theil des Orts.

Die westlich vom Ort an der Römerstraße gelegenen Kapelesäcker haben vermuthlich von einer hier gestandenen Kapelle ihren Namen erhalten. Östlich von Kilchberg, ebenfalls an der Römerstraße, kommt der Flurname „Kästle“ vor, der vielleicht seinen Ursprung einem hier gestandenen Kastell zu verdanken hat.

Eine 1/4 Stunde südöstlich vom Ort stand einst eine alte Kapelle, die Stelle heißt das Kirchle. Crusius sagt 11. S. 248: Als Rudolf von Ehingen (1463–1538) auf eine Zeit gegen Eck zuging, kam ihm in seinem Wald bei Kilchberg ein Hirsch entgegen, der in seinem Fleisch eine wunderbare Figur eines Krucifixes hatte, worauf er eine Kapelle samt einem Häuslein von Ordensbrüdern allda zur Ehre Christi erbauet.

In K. saßen Vasallen der Tübinger Pfalzgrafen. Von solchem Ortsadel kommt 1236 erstmals vor Heinricus de Kirchperc als Zeuge Graf Wilhelms von Tübingen (Mone Zeitschrift 3, 117). Spätere Ortsherren, vielleicht Abkömmlinge dieses Heinrichs, führen den Zunamen Lescher. Es erscheinen Fridericus Lescherarius als Zeuge Graf Rudolfs von Tübingen 1261, Heinricus dictus Lescher als Bürge Graf Gottfrieds von Tübingen 1302 und mit dem ausdrücklichen Zusatz „von K.“ als Zeuge bei demselben Grafen. Im Jahre 1342 werden genannt Clara die Lescherin mit zwei Söhnen, Rüdiger und Kunz. Das Wappen ist ein steigender Halbmond mit einem Sterne innen und zwei Sternen unten. (Alles nach Schmid Pfalzgr. Urk. 43. 112. 206, Text 322. 400).

Konrad Rüdigers Sohn versprach 1389 für seine Befreiung aus der württembergischen Gefangenschaft nicht mehr gegen Württemberg zu sein und trug 1/8 hiesiger Vogtei und Güter zu Lehen auf. Derselbe wurde am 7. März 1393 von dem Grafen Eberhard von Württemberg mit 30 Morgen Ackers und 8 Mannsmahd Wiesen zu K. und 8 Morgen Weingarten am Spitzberg gelegen belehnt (Schmid| Urk. 221). Konrads Söhne Ludwig und Konrad aber verkauften im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts ihren hiesigen Besitz an Ruf von Ehingen zu Entringen gesessen.

Die Familie von Ehingen, in welcher z. B. Rudolf von dem Grafen Ulrich von Württemberg 1452 mit obigen 30 Morgen Ackers etc. belehnt wurde (Lüning R. A. 12a, 245, f. eb. 371, einen Lehenbrief von 1668) dehnte sich hier immermehr aus. Im Jahre 1534 ließ zwar Herzog Ulrich dem Georg von Ehingen seine Güter in K., Eck und Wankheim wegen dessen Feindseligkeit wegnehmen und gab sie dem Thomas von Rosenberg, überließ sie aber nachher dem ersteren wieder.

Jakobs von Ehingen Schwiegersohn war Hans Urban von Closen, welchem Herzog Johann Friedrich am 28. April 1614 versprach, ihn mit dem württembergischen Lehen in Kirchberg nach dem Tode seines Schwiegervaters zu belehnen. Von Closen ließ dagegen 10.000 fl. an dem Kaufschilling für Neuneck nach. Als er aber vor seinem Schwiegervater starb, entstand nach dem Tod des letzteren ein Streit zwischen seinen Söhnen Georg Stephan, August Friedrich und Johann Friedrich und zwischen Philipp von Ehingen, welcher das Lehen deßwegen ansprach, weil er 1613 damit zugleich mit seinem Vetter Jakob als dessen Erbe belehnt worden war. Die württembergische Regierung aber zog das Lehen nun ganz ein und im Landbuch von 1623 wird daher 1/8 K. als zum Amt Tübingen gehörig angeführt, die übrigen 7/8 besaßen die Herren von Closen als Erbe ihrer Mutter. Sie baten am 23. August 1623 wiederholt um Belehnung mit dem 1/8 und führten dabei namentlich auch an, daß Philipp von Ehingen katholisch geworden sei. Dieser dagegen brachte vor, er habe schon 1613 sich verpflichtet, den Religionszustand in K. nicht zu ändern und verpflichtete sich wiederholt dazu (Burgermeister Cod. dipl. equestr. 2, 1229). Als aber Württemberg nach der Nördlinger Schlacht unter österreichische Herrschaft kam (1634), so erhielten die von Ehingen das Lehen wieder, welches erst nach deren Aussterben zu Ende des 17. Jahrhunderts an die von Closen gekommen zu sein scheint. Letztere verkauften das Gut 1721 für 45.000 fl. an den damaligen hessencasselschen Generallieutenant Karl Magnus von Leutrum. Von dessen Erben erwarb es 1739 Ernst Friedrich von Leutrum, badischer Geheimerrath und Landvogt in Rötteln; durch dessen Tochter Eleonore († 1779) kam es an ihren Gatten Johann Ferdinand von Tessin, der nach dem Tode seines Schwagers, des württembergischen Kammerherrn Ludwig Christof von| Leutrum, auch mit dem Lehen belehnt wurde (1765) und dessen Erben K. noch jetzt besitzen, und zwar jetzt ganz als Eigenthum, nachdem durch königlich württembergische Genehmigung vom 20. November 1854 1/8 der Surrogate der Gerichtsbarkeit und Ortspolizei, 1/8 der jährlichen Umgeldsentschädigung, 6 Schilling ewiger Hellerzins und 1 Scheffel 21/2 Viertel jährlicher Habergült allodificirt worden sind.

Bis zum Jahre 1806 gehörte das Rittergut zum Kanton Neckar-Schwarzwald.

Mit dem hiesigen Widumhof und Kirchensatz belehnte Graf Rudolf von Hohenberg im Jahre 1321 Albrechten von Blankenstein, welcher 1338 mit Zustimmung des Lehnsherren, damals Graf Hugo von Hohenberg, beides am 25. Mai 1338 um 250 Pfd. H. an Johannsen von Herrenberg, einen Rottenburger Bürger, verkaufte. (Schmid Grafen von Hohenberg 183. 524, Mon. Hohenb. 341. 344.) Die Oberlehnsherrlichkeit ging 1381 mit der Grafschaft Hohenberg selbst an Österreich über. Im Jahre 1392 belehnte Herzog Leopold von Österreich Johannsen von Herrenberg (wohl einen Sohn des obigen) mit dem Zehnten zu K. (Schmid Pfalzgr. von Tüb. 536). Johannes von Herrenberg schenkte 1418 die Kirche samt dem Patronat an das Stift Ehingen bei Rottenburg, welchem die Nomination zustund, bis diese 1806 an Württemberg kam. Das jus episcopale war dieser Herrschaft bereits 1558 von Jakob von Ehingen abgetreten worden.


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