Beschreibung des Oberamts Tettnang/Kapitel B 17

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17. Gemeinde Oberdorf,
bestehend aus 20 Parzellen mit 679 Einwohnern.
Der Gemeindebezirk liegt in der Bodensee-Ebene zwischen der Schussen und Argen; mitten durch zieht der große Tettnanger Wald oder der Argenhardter Forst. Durch den Wald geht eine schöne gerade Straße von Tettnang nach Langenargen, auch durchschneidet die Landstraße von Friedrichshafen nach Tettnang den Bezirk. Die Höfe an der Schussen von Mariabronn abwärts wurden ehemals unter dem Namen Schussenthal auch „der armen Leute an der Schussen“ begriffen; sie sind durch Anweisung und Ausrodung von Waldstücken in dem Tettnangen| Forst entstanden. Die Haupt-Nahrungsquellen sind Acker-, Obst- und Weinbau und Viehzucht. Besonders stark wird auch die Baumzucht getrieben: jeder Familienvater hat eine eigene Baumschule; im obern Theile der Gemeinde werden hauptsächlich Äpfel- und Birnbäume, im untern Kirschbäume gepflanzt und mit dem Kirschenwasser wird von Einzelnen ein ausgebreiteter Handel getrieben. Die Einwohner sind vermöglich. Die Gemeinde ist zu dem Cameralamt Friedrichshafen und in die beiden Pfarreien Oberdorf und Mariabrunn eingetheilt; die Schulen befinden sich in den beiden Pfarrorten. Der Bezirk gehörte zur vormaligen Gräfl. Montfortischen Herrschaft Argen, und kam mit dieser 1810 an Würtemberg. Die Güter waren früher größtentheils herrschaftliche Schupflehen. Großzehntherr in der ganzen Gemeinde ist der Staat, den kleinen Zehnten hat er nur zu Thuniswald und Mückle, zu Moos mit der Pfarrei Mariabrunn gemeinschaftlich. Die übrigen kleinen Zehnten beziehen die beiden Pfarreien je von ihren Sprengeln, sie sind meistens in Geld fixirt. Die nicht unbedeutenden Grundgefälle hat der Staat zu beziehen, kleine Bezüge haben die Pfarreien Langenargen und Eriskirch, die Kirchenpflegen Eisenbach und Tannau, und der Spital Langenargen.
  • 1) Oberdorf, kath. Pfd. mit 289 Einw., 2 St. südlich von Tettnang und 1/4 St. westlich von der Argen, in der Bodensee-Ebene, an der Poststraße von Friedrichshafen nach Lindau. Das Patronat ist Königlich. Der Ort liegt wie in einem Garten und mehrere gute Häuser, besonders aber die neue Kirche und das neue Pfarrhaus, geben ihm ein äußerst freundliches Aussehen; er hat 2 Schildwirthschaften und ein 1818 errichtetes großes Eisenhammerwerk an einem Canal der Argen. Die Pfarrkirche zum heil. Wendelin wurde 1828/29 und in demselben Jahre auch das Pfarrhaus von der Gemeinde erbaut; beide werden von ihr unterhalten; das Schulhaus wurde 1816 gebaut. Bis dahin war Oberdorf Fil. von Langenargen (s. S. 197), und hatte nur eine 1745 von dem Grafen v. Montfort erbaute Kapelle, worin von dem Kaplan zu Langenargen einige Gottesdienste gehalten wurden. Im Jahr 1827 wurde die Kaplanei Langenargen zur Gründung| einer Pfarrei zu O. verwendet. Der Sprengel besteht aus 4 Parzellen der Gemeinde. O. gehört zu den ältesten Orten des Oberamtsbezirks; im Jahr 769 schenkt ein gewisser Schalkmann seine Güter Operindorf dem Kl. St. Gallen. Patacho und Sigbert vertauschen 10 Tagwerke daselbst gegen andere bei Bechlingen im Jahr 839; am 12. Mai 970 schenkte der Mönch Gebhard, nachheriger Bischof von Constanz, aus dem Geschlechte der Grafen v. Buchhorn u. Bregenz, dem Stift daselbst sein von seinen Eltern ererbtes Eigenthum zu Oberdorf (Hobendorf etc.). Neug. C. D. Nr. 760.
  • 2) Breitenrein, W. mit 29 k. Einw., Fil. von Mariabrunn.
  • 3) Dillmann, H. mit 13 k. Einw., Fil. von Mariabrunn, mit einer Ziegelhütte an der Schussen.
  • 4) Endringerhof, ein 1/4 Stunde von Oberdorf entfernter Einödhof, der gewöhnlich unter Oberdorf begriffen wird.
  • 5) Gießenbrück, W. mit 12 k. Einw., Fil. von Oberdorf, an der Straße nach Lindau und an der Argen, über welche eine 1824 wieder neu gebaute, gedeckte schöne Brücke führt. Der Weiler besteht aus 2 Höfen mit einer Schildwirthschaft. Er verdankt seinen Ursprung einem Zollhaus, womit Taferngerechtigkeit verbunden war, und hieß daher früher auch gemeiniglich Zollhaus oder Zollbrück. Nördlich v. G., auf dem schroff abgeschnittenen, südlichen Rande des Argenthals liegt der die ganze Gegend beherrschende Hochwachtbühl, nun unter dem Namen „die neue Welt“ als ein durch seine vorzügliche Aussicht berühmter Punkt bekannt. S. S. 29.
  • 6) Gmünd, W. mit 31 k. Einw., Fil. von Mariabrunn, an der Schussen. Etwa 1/8 St. unterhalb Gmünd mündet die Schussen in den Bodensee aus, und ohne Zweifel hat der Ort daher seinen Namen und ging der See früher bis an den Ort.
  • 7) Hofstatt, H. mit 6 k. Einw., Fil. von Mariabrunn.
  • 8) Knöbelhof, H. mit 12 k. Einw., Fil. v. Mariabrunn.
  • 9) Langenacker, W. mit 15 k. Einw., Fil. v. Mariabrunn.
  • 10) Mariabrunn, k. Pfarrw. mit 91 Einw., 2 St. südlich von Tettnang, unweit der Schussen mit 1 Schildwirthsch., Schule und Schulhaus. Die Kirche zur heil. Maria, welche die Kirchenpflege zu erhalten hat, wurde 1752 und in demselben Jahre auch von dem Grafen Ernst das schöne Beneficiathaus, jetzt Pfarrhaus, gebaut. In diesem Hause starb der letzte regierende Graf von Montfort, Graf Franz Xaver, am 23. März 1780 als ein armer Mann, s. S. 100. Sein Grabstein steht in der Kirche, wo er| begraben liegt.[1] Mariabrunn ist erst im 17. Jahrhundert entstanden. Es verdankt seine Entstehung einer reichen nie versiegenden klaren Quelle, welche unter der Kirche entspringt, und von einem dabei aufgestellten Muttergottesbilde der Mariabrunnen genannt wurde. Man schrieb ihr und dem Bilde Wunderkräfte zu, und wallfahrtete häufig zur Quelle, bei der bald auch eine kleine Kapelle gebaut wurde. Dieß gab Veranlassung zu häuslicher Niederlassung; die Grafen von Montfort begünstigten die Ansiedlungen und wiesen dazu Stücke von dem Argenharter Forst an. Graf Ernst von Montfort ließ mit Beihülfe mehrerer Gutthäter, unter welchen Mich. und Joh. Bentele v. Arnegg waren, 1752 eine größere Kapelle, die jetzige Kirche und ein Beneficiathaus, wozu er ein Beneficium stiftete, nebst einer sogenannten Eremitage für einen Waldbruder bauen, der den Meßnerdienst versah. 1780 wurde die Waldbruderstelle aufgehoben, und dafür eine Schule gegründet; das Beneficiat aber, oder die Kaplanei wurde 1823 in eine Pfarrei verwandelt und der bisherige Filialverband mit Langenargen aufgehoben. Der Pfarrsprengel umfaßt mit Ausnahme von 4 Parzellen den Gemeindebezirk Oberdorf.
  • 11) Moos, W. mit 10 k. Einw., Fil. von Mariabrunn.
  • 12) Mückle, W. mit 6 k. Einw., Fil. von Oberdorf, an der Poststraße von Friedrichshafen nach Lindau.
  • 13) Röcken, H. mit 5 k. Einw., Fil. von Mariabrunn, an der Schussen, ganz nahe bei dem Pfarrort.
  • 14) Sassen, W. mit 14 k. Einw., Fil. von M., besteht aus 3 einzeln liegenden Höfen.
  • 15) Schlatt, W. mit 43 k. Einw., Fil. von M., an der Straße von Friedrichshafen nach Lindau.
  • 16) Schuppenwies, W. mit 6 k. Einw., Fil. von Mariabrunn wie P. 14.
  • 17) Schwedi, W. mit 12 k. Einw., Fil. von M.; 2 Höfe hart am Ufer des Bodensees und an der Ausmündung der Schussen in denselben gelegen. Der Ort hat einen Schiffer mit 1 Schiffe, der aber bloß auf rohe landw. Erzeugnisse, und dieß mit Ausnahme von Getreide beschränkt ist; ein Bürger beschäftigt sich auch mit Fischerei.|
  • 18) Thuniswald, W. mit 23 k. Einw., Fil. von Oberdorf, an der Straße von Tettnang nach Langenargen, früher ein Montfortisches Jägerhaus mit Gut und 2 herrschaftl. Schupflehen.
  • 19) Wolfzennen, W. mit 45 k. Einw., Fil. von Mariabrunn, an der Schussen. Die Umgegend liefert gute Thonerde.
  • 20) Ziegelhaus, W. mit 17 k. Einw., Fil. von Oberdorf an der Schussen, mit einer sehr stark betriebenen Ziegelhütte.

  1. Hiernach wäre auch die Angabe in Schwabs Bodensee S. 284 und wiederholt S. 396 zu berichtigen, wonach Graf Ernst, der letzte Sprosse seines Geschlechts im Jahr 1787 als Bettler in dem Pfarrhause zu Mariabrunn gestorben wäre, „wo er ein Kämmerlein mit der Aussicht auf den Gottesacker bewohnt hatte.“ Der letzte Sprosse starb zu Tettnang 1787 und einen Gottesacker erhielt Mariabrunn erst 1823.