Beschreibung des Oberamts Tuttlingen/Kapitel B 1

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Ortsbeschreibung,

in alphabetischer Reihe der den Oberamtsbezirk bildenden 23 Gemeinden oder Schultheißereien, jedoch unter Vorausstellung der Oberamtsstadt und Versetzung von Hohentwiel an den Schluß.




Tuttlingen,
mit Eisenbahn-Station.

Gemeinde I. Kl. mit 7515 Einwohnern, worunter 663 Kath., 4 eigener Konfession und 6 Israeliten, der Synagoge Mühringen zugewiesen. a. Tuttlingen, Stadt, 7231 Einw., b. Aichhalder Hof, Haus, 18 Einw., c. Bleiche, Haus, 6 Einw., d. Brühlmühle, Haus, 9 Einw., e. Bruderhof. Hof, Exklave im Großherzogthum Baden, Seekreis, 11 Einw., f. Donaufeld, Fabrik, Haus, 9 Einw., g. Hohentwiel, Weiler und Festungsruine, Exklave im Großherzogthum Baden, Seekreis, 43 Einw., h. Lerchenhalde, Haus, 13 Einw., i. Lohhof, Hof, 4 Einw., k. Ludwigsthal, K. Eisenwerk, Weiler, 123 Einw., l. Maienthalhof, Hof, 6 Einw., m. Papiermühle, Haus, 6 Einw., n. äußerer Thalhof, Hof, 9 Einw., o. innerer Thalhof, Hof, 17 Einw., p. Württemberger Hof, Hof, 10 Einwohner.

Die Stadt Tuttlingen liegt in gerader Linie 93 Kilometer südwestlich von Stuttgart, unterm 47° 59′ 1,96″ nördlicher Breite und 26° 28′ 49,92″ östlicher Länge (Stadtkirchthurm). Die Erhebung über das Mittelmeer beträgt 644,36 m oder 2249,7 württ. Fuß (Erdfl. am Stadtkirchthurm).

Als Oberamtsstadt ist Tuttlingen der Sitz des Oberamtsgerichts mit dem Gerichtsnotariat, des Oberamts mit dem Oberamtsphysikat | und der Oberamtspflege, des Kameralamts, des evangelischen Dekanatamtes, eines Postamtes mit Telegraphen-Station und eines Revieramts. Überdies wohnen in der Stadt 3 praktische Ärzte, darunter einer zugleich Oberamtswundarzt, und der Oberamtsgeometer. Auch befinden sich daselbst zwei Apotheken.
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Das Wappen der Stadt zeigt im silbernen Hauptschild einen goldenen Schild mit drei schwarzen Hirschhörnern, wie zwei ältere Siegel, das eine mit der Umschrift: S. Civitas. In. Tuttlingen. 1644, das andere mit S. Civitatis. In. Tuttlingen darthun. Im 14. Jahrh. soll die Stadt eine silberne Lilie im blauen Feld geführt haben, und auch die jetzt gebräuchlichen Siegel des Stadtschultheißenamts und des Stadtraths enthalten diese Lilie. (S. Württemb. Jahrbücher, Jahrg. 1854, II. S. 122.)

Die Stadt liegt unweit unterhalb der Einmündung der in nordöstlicher Richtung herab dringenden Elta in die hier von Südwest nach Nordosten strömende Donau, und zwar dem Haupttheile nach auf der rechten Seite des Flusses, in dem hier ziemlich breiten und gleich unterhalb der Stadt sich noch mehr erweiternden, von schönen Waldbergen umsäumten Donauthal. Die Stelle, welche die Stadt gefunden hat, ist eine sehr wichtige und günstige: sie steht einmal durch das hier einmündende Elta-, bald darauf Faulenbach-Thal (weiterhin durch das Primthal) in bequemster, ganz ebener, durch keinen Höhenzug beschränkter Verbindung mit dem anderen Hauptthal des Landes, dem Neckarthale, anderntheils treten die Berghöhen bei Tuttlingen ziemlich weit auseinander und senden sanfte Ausläufer gegen die Donau; deshalb giengen auch über Tuttlingen seit ältester Zeit verschiedene Handelsstraßen. Und zwar befindet sich der leichteste Übergang über die Donau da wo noch heute die Brücke herüberführt; gerade hier senkt sich das linke Ufergelände ganz sachte bis an den Fluß, während sofort weiter oben der Uferrand senkrecht und felsig abstürzt. Auf dem rechten Ufer leiten wieder leicht ansteigende Ausläufer nach dem Witthoh, der Anhöhe, über welche schon die Römer sich den Weg in die Schweiz (Schaffhausen) eröffnet haben.

Den Donauübergang beherrschend, schiebt sich endlich der wie zu einem Kastell geschaffene Honberg weit in das Thal herein an die Stadt heran; auf drei Seiten vollkommen frei stehend und steil abfallend, hängt er nur gegen rückwärts (Südosten) | mit einem schmäleren und auch niedrigeren Rücken zusammen und bot auf seiner Stirne vortrefflichen Raum für eine ausgedehnte Veste. (S. unten.)

Die nach dem Brande vom 1. Nov. 1803 nach dem Plane des Landbaumeisters Uber beinahe ganz neu aufgebaute, eben gelegene Stadt wurde auf der Stelle der alten Stadt regelmäßig mit breiten, rechtwinklig sich durchkreuzenden Straßen, inmitten den quadratischen Marktplatz, angelegt und ist nun bereits mit ihren Vorstädten über die einst so ziemlich ein Quadrat bildende Altstadt weit hinausgewachsen. Die zwei Hauptstraßen, eine von Osten nach Westen, die andere von Norden nach Süden ziehend, kreuzen sich auf dem Marktplatz und theilen sammt den ihnen parallel laufenden 8 Nebenstraßen die innere Stadt in 15 Quartiere, von denen jedes Feuergäßchen, Winkel zwischen und Höfe hinter den Häusern hat.

Die einst ummauerte Altstadt, welche, wie eben bemerkt wurde, am 1. Nov. 1803 vollständig abbrannte, war an der Ostseite vom Seltenbach begrenzt, an der Südseite reichte sie bis an die Zeughausstraße, an der Westseite bis an die Schulstraße und an der Nordseite lief die Donau hin; sie bildete beinahe ein Quadrat, mit Ausnahme der durch die Donau abgestutzten Nordwestecke. Die Stadtmauern sind verschwunden, nur der steinerne Thurm beim Dekanathaus ist das letzte Überbleibsel davon; ebenso verschwanden die beiden Hauptthore, das eine, das untere, stand an der alten Brücke, die nur einige Schritte unterhalb der jetzigen über den Fluß führte, das andere, das obere Thor, bei der Oberamtei, an der Südseite der Stadt, nach der Schweiz führend. Ein Nebenthörchen befand sich am nördlichen Ende der Rathhausstraße.

Der breite Stadtgraben erhielt sich zum Theil an der Ostseite der Stadt und wird hier vom Seltenbach durchflossen.

Nach dem Merian’schen Kupferstich, vom Jahre 1643, (siehe neben dessen Nachbildung) hatte die alte Stadt Tuttlingen innerhalb der Mauern drei Thürme, doppelte Ringmauern mit zahlreichen Vertheidigungsthürmen, dem großen Brückenthorthurm, und eine hölzerne Donaubrücke. Die Rückseite deckte die damals noch erhaltene, im Jahr 1645 von Widerhold zerstörte Honburg.

Die jetzige Stadt besitzt 5 Vorstädte, die, nur viel unbedeutender, schon vor dem großen Brande zu Anfang dieses Jahrhunderts bestanden: 1) und 2) die auf dem linken Donauufer gegen Wurmlingen (nordwestlich) gelegene lang und schmal hingebaute | „Stuttgarter-Vorstadt“, die sich besonders durch die Stuttgarter-Straße stark vergrößert hat, und die sich gegen Ludwigsthal hin erstreckende „Donauthal-Vorstadt“. Hinter einem Theil der Häuser dieser Vorstädte steigen gefahrdrohende Felsen auf, von denen am 2. August 1831 einer herabstürzte, das Hintergebäude von Sattler Menger’s Haus zusammenschlug und 2 Kühe und 2 Schweine tödtete.

3) Die zwischen der Donau und dem Mühlkanal auf einer Insel gelegene Vorstadt „Wöhrden“.

4) Die östlich vom Seltenbach sich hinziehende „obere Vorstadt“, und

5) Die südlich und westlich von der Altstadt, namentlich auch gegen den Bahnhof, sich weit hinaus ziehende „Neustadt“, die sich gleich der vorigen, gar sehr vergrößert und verschönert hat und immer noch zunimmt.

Die Straßen der Stadt sind gut unterhalten, makadamisirt, mit Kandeln versehen und die Trottoirs gepflastert; an ihnen stehen die zumeist einen gleichförmigen Charakter zeigenden Gebäude, 2–3stockig aus Holz mit steinernem Unterbau, ziemlich gedrängt, häufig ohne Zwischenräume, sie sind sämmtlich mit Ziegelplatten gedeckt, blaßgelb oder weiß getüncht, und zeigen natürlich nichts Alterthümliches; nur hübsch gearbeitete, schmiedeiserne, ältere Wirthshausschilde trifft man noch zuweilen an. In den Vorstädten, namentlich in der gegen den Bahnhof sich erstreckenden Neustadt, haben sich in neuester Zeit auch schöne Steinbauten aus Tuff- und Sandstein erhoben. Die schönsten Gebäude der Stadt sind das Kameralamt und die jüngst erbaute katholische Kirche.

Gerade über der Stadt erheben sich sodann im Südosten auf dem Honberg die ausgedehnten Trümmer der Honburg. Sie besteht aus einem gegen Südosten in rechteckiger Grundform sich ausdehnenden befestigten Vorplatz, der noch mit einer 10–20′ hohen Mauer umfaßt ist, an beiden hinteren Ecken je mit einem runden noch 30–35′ hohen Thurme; die Stärke derselben, gleich wie die der sie an der Südostseite verbindenden Mauer beträgt 8′, während die übrige Umfassungsmauer nur 31/2′ stark ist. Vor die 8′ starke südöstliche Verbindungsmauer legt sich noch ein sehr tiefer, aus dem Felsen gebrochener Graben und ein mächtiger Wall, um die hier am leichtesten zugängliche Seite zu vertheidigen. Der Vorplatz ist von dem eigentlichen Schloß (der Hauptburg) abermals durch einen sehr tiefen und breiten Graben getrennt, über | den einst eine Zugbrücke führte, in das Schloß, ein großes, jetzt auch in Trümmern liegendes rechteckiges Gebäude mit 4 runden Thürmen an den 4 Ecken. Die 5′ dicken Mauern, auch aus roh zugerichteten Kalksteinen mit viel Mörtelverband aufgeführt, sind noch 20–30′ hoch. Die Fensteröffnungen sind herausgebrochen, doch haben die Thürme noch Kanonenlucken. Weite Keller liegen unter dem Schlosse, und rings um dasselbe läuft im Fünfeck eine 3′ dicke, an den Ecken mit Rondelen besetzte Umfassungsmauer.

Die Aussicht von der Honburg herab zeigt gar ansprechend die tief unten liegende nahe Stadt und die hier zusammentreffenden Thäler mit ihren schön bewaldeten Steilgehängen und fleißig angebauten Ausläufern, die sich sanft in die breite, wiesengrüne Thalebene hineinziehen. Besonders erfreut der Blick gegen den Bahnhof und an die daselbst über die Donau führende Eisenbahnbrücke; der Fluß drängt sich hier in anmuthigen Bögen durch das frisch-grüne Wiesenthal. Der Verschönerungsverein von Tuttlingen hat hübsche Fußwege von der Stadt zu der Honburg hinauf anlegen, diese mit jungen Linden-, Ahorn- und Eschenbäumen bepflanzen, auch an passenden Stellen Ruhebänke anbringen lassen; auch sonst wurde der früher so kahle Berg mit jungen Eschen und Tannen bestockt, was später, wenn die Bäume groß geworden sind, wesentlich zur Verschönerung der Landschaft beitragen wird; das Hinaufziehen von Epheu und anderen Schlinggewächsen an den langen öden Mauerruinen müßte ihren malerischen Reiz noch bedeutend erhöhen. – Im Spätjahr 1711 bildete sich am Fuße des Honbergs, auf dem Acker des Engelwirths Rieß, ein Erdfall, der 1712 ausgefüllt wurde, aber bald wieder größer wurde und gegen 140′ tief einsank. Im Jahre 1713 wagten es drei Männer, denselben zu untersuchen; sie gelangten durch eine enge Öffnung zwischen zwei Steinen hindurch in eine weite unterirdische Höhle mit 3′ tiefem Wasser, in welchem sie fortgiengen, bis ein Wirbel, durch den es in eine andere Höhle ablief, ihre weitere Untersuchung hemmte.

Von öffentlichen Gebäuden nennen wir 1) der Gemeinde gehörige:

Die Stadtpfarrkirche. Sie steht an der Hauptstraße, wenn man vom Bahnhof hereinkommt zur Rechten, und wurde nach dem Brand vom 1. Nov. 1803 in den Jahren 1815–1817 vom Staat Namens des Kirchengutes, jedoch mit Beihilfe der Hospital- und Stadtpflege, neu erbaut nach dem Entwurf des Bauinspektors Niefer. Die Kosten beliefen sich auf ungefähr 90.000 fl., abgesehen | davon, daß aus den Hospital-Waldungen das nöthige Holz abgegeben wurde, welches nebst den geleisteten Spann- und Handfrohnen zu 20.000 fl. angeschlagen wurde. Sie ist in dem nüchternen kahlen Geschmack jener Tage erbaut, mit langen rechteckigen Fenstern an den Langseiten und mit einer von schwerfälligen dorischen Pilastern besetzten, mit drei rundbogigen Eingängen versehenen Schauseite gegen Süden, gegen die Poststraße hin. Der an der östlichen Langseite des im Ganzen ein großes Rechteck bildenden Gebäudes sich erhebende Thurm wurde im Jahre 1868 erhöht, geschmackvoll im romanischen Stil ausgebaut, und geht jetzt in vier mit dem Rundbogenfries belebte Giebel aus, die ein hohes vierseitiges Zeltdach tragen. Seine Höhe beträgt bis zur Spitze (Knopf) 67,89 m oder 237 württemb. Fuß. Das sehr akustische Innere der Kirche wird von zwei Reihen hoher egyptisirender Rundsäulen, zwischen welche in unschöner Weise zwei Emporen übereinander eingespannt sind, in drei gleich hohe Schiffe getheilt; an den kolossalen Kapitellen der Säulen sieht man Putten zwischen großen Akanthusblättern, die Decke ist flach und freundlich bemalt. Von Kunstwerken besitzt die Kirche einen lebensgroßen (in Holz geschnitzten) Krucifixus, ein schönes Werk von Bildhauer Zeiser in Stuttgart.

Auf dem Thurm hängen 5 Glocken, die nach dem Brand von König Friedrich aus der früheren Kirche zu Altdorf (Weingarten) und aus der Kirche auf dem Welschenberg bei Mühlheim an die Kirche geschenkt wurden. Auf der größten steht oben: Anno domini 1572 ihesus nazerenus rex iudeorum miserere nobis.

Aus dem Feur bin ich geflossen.
Joachim und Felix Folmer Gebrieder
von Bibrach haben mich zu Altdorf auf
dem Kierchhof gegossen.

Am unteren Glockenrand steht:

Do man zalt 1572 iar
dise glogg erneuert war.

her iohann hablitzel apt zu weingarten. michel miller pfarer. Adam Buler Aman zu Altdorf waren. Baltes Guldi Hans Rotenheuser Hailgepfleger. Gott geb uns Allen ain gnadreich leben.

Auf der zweitgrößten Glocke liest man in gothischen Minuskeln: Ave maria gracia plena dominus tecum. s. iohannes. matheus. lucas. marcus. anno domini 1471.

| Auf der dritten Glocke steht: Jo. Leonhart Rosenlecher gos mich in Constantz anno 1709. A fulgure et tempestate libera nos domine iesu christe.

Glocke 4 und 5 sind von demselben und im gleichen Jahre gegossen.

Die Unterhaltung der Kirche ruht auf der Hospitalpflege.

An Stelle der jetzigen stand früher eine schöne gothische, dem h. Petrus und Paulus geweihte Kirche.

Der umfangreiche Friedhof, auf dem die Martinskirche stand, liegt an der Südseite der Stadt am Seltenbach und ist mit einer Mauer umgeben, deren halbrundes Eingangsthor die Jahreszahl 1665 trägt; er ist mit schönen Denkmälern geschmückt und hat an seiner Mauer noch einige Grabsteine aus dem 17. und 18. Jahrhundert, deren Inschriften jedoch zum Theil unleserlich sind. Einer zeigt Christus am Kreuz, daneben knien Mann und Frau, in Stein ausgehauen; dann der Grabstein des Johann Georg Widerholt „Ißt geboren Anno 1604 den 30. Dezember und geßtorben Anno 1677 den 13. Augußti. Gott erweck selbigen mit Frieden.“ (S. Hohentwiel.) Ferner der Grabstein eines Johann Habeltzhofer, Stadt- und Amtsschreiber, † 1700. Auch steht auf dem Friedhof an Stelle der schon genannten sehr alten Kirche ein im Jahre 1862 erbautes achteckiges Tempelchen mit einem Glockenthürmchen auf seinem flachen Zeltdach.

Die katholische Kirche wurde in den Jahren 1868–1872, am östlichen Ende der Stadt, aus Tuff- und Sandsteinen, nach dem Entwurf des Oberbauraths von Morlock, in strengem frühgothischem Stil erbaut, und zwar auf Kosten des bischöflichen Ordinariats, des Interkalarfonds, der Staatskasse, der Kapitelskasse und von Privatleuten, die Unterhaltungspflicht ruht bis jetzt auf der Baukasse. Die Kirche ist dreischiffig mit höherem von Rundfenstern erhelltem Mittelschiff und hohem, vieleckigem, in trefflichen Verhältnissen aufgeführtem Chor. Innen hat das Langhaus flache Decken, der Chor ein Rippenkreuzgewölbe, Hochaltar, Kanzel, Bänke u. s. w. sind alle im gothischen Stil gehalten, der ganze Raum macht eine sehr harmonische und edle Wirkung. Der an der Nordseite des Chores großartig angelegte Thurm ist bis jetzt nicht vollendet.

Kapellen standen früher im Thal an der Liptinger Straße, sowie unterhalb der Mattsteig.

| Der Gemeinde gehören ferner:

Das Rathhaus, ein sehr stattliches, im Jahre 1804 errichtetes dreistockiges Gebäude mit Balkon und zwei Thürmchen auf dem First, an der Nordseite des Marktplatzes stehend; es enthält neben den Gelassen für den Gemeinderath die Fruchthalle, das städtische Waagamt und die Wohnung des Stadtschultheißen; ein Theil des untersten Stockwerks ist an das Zollamt verpachtet, auch wird jeden Montag und Freitag unten im Erdgeschosse der Wochenmarkt abgehalten.

Das Knabenschulhaus, ein großes, tüchtiges, dreistockiges, auch im Jahr 1804 erbautes Haus gegenüber der Kirche, enthält 6 Gelasse für die deutsche Schule und zwei für die Lateinschule, zugleich die Wohnungen des Präceptors und des Oberlehrers.

Die Realschule, erbaut im Jahre 1869, ein hübsches an der Bahnhofstraße liegendes Gebäude, enthält zwei Lehrzimmer, im oberen Stock die Fortbildungsschule und die Wohnung für den Zeichenlehrer; zugleich Eichamt.

Die Mädchenschule, hinter dem Rathhaus, mit 6 Lehrzimmern und einigen Zimmern für die Industrieschule; im Erdgeschosse befinden sich noch weitere Gelasse für Abhaltung des Fruchtmarktes. (S. o.)

Das Schützenhaus in der oberen Vorstadt, hübsch gelegen, enthält die Kleinkinderschule, der untere Stock ist verpachtet.

Das Zeughaus, ein Magazin für städtische Utensilien und Geräthschaften, in der Zeughausstraße; neben demselben der Farrenstall.

Die ehemalige Zehentscheuer in der Möhringer Straße, zu ökonomischen Zwecken vermiethet, auch wird der Wollmarkt daselbst abgehalten.

Der sog. herrschaftliche Fruchtkasten, ein großes, altes, steinernes Haus in der Donaustraße, das dem großen Brand widerstand; es wurde im Jahre 1875 von der Gemeinde dem Staat abgekauft, wird vermiethet.

Das ehemalige Gerichtsgefängnis, ein alter Thurm beim Fruchtkasten, der letzte Überrest der alten Befestigung, ist jetzt an arme Einwohner vermiethet.

Das Dienstbotenkrankenhaus, ein schönes Gebäude, außerhalb der Stadt an der Neuhauser Straße, in der Nähe hübsche Anlagen mit Springbrunnen.

| Das Armenhaus, ein großes zweistockiges Gebäude am Gottesacker.

Das Spritzenhaus, in der Helfereistraße.

Von diesen Gebäuden sind nun Eigenthum der evang. Stiftungspflege die Stadtpfarrkirche, die Gottesackerkapelle und das Armenhaus, der katholischen Stiftungspflege die katholische Kirche.

2) Dem Staat gehören:

Das Oberamtsgericht, in der unteren Hauptstraße, ein tüchtiges, dreistockiges Gebäude.

Die Oberamtei, zweistockig mit Mansarden, in der oberen Hauptstraße.

Das Kameralamt, ein sehr hübsches aus Tuff- und Sandsteinen errichtetes Gebäude mit Balkon, an der Bahnhofstraße, wurde im Jahr 1875 von einem Privatmann erkauft.

Das Dekanathaus, mit Scheune und Garten, unfern der Kirche, in der Poststraße.

In derselben Straße das Diakonathaus.

Die Wohnung des Revierförsters, in der Stockacherstraße.

Die Landjägerwohnung, in der Neuhauserstraße bei der katholischen Kirche.

Das Oberamtsgerichtsgefängnis, in der Gerberstraße.

Das Oberamts- und städtische Gefängnis, in der Schützenstraße.

Der Bahnhof, außerhalb westlich der Stadt an der Donau, vom Marktplatz aus eine Viertelstunde entfernt und mit der Stadt durch eine hübsche Allee von Linden, Zitterpappeln, Ahorn- und Kastanienbäumen verbunden; ein sehr stattliches, aus Tuff- und Sandsteinen errichtetes Gebäude, mit rundbogiger, gegen die Stadt geöffneter Vorhalle im Mittelbau.

Der Amtskorporation gehört das 1858–59 hinter dem Armenhaus erbaute Irrenhaus.

Das Waisenhaus, an der Straße nach Ludwigsthal, ist Eigenthum eines Privatvereins für Erziehung christlicher Kinder.

Die Stadt ist mit sehr gutem Trinkwasser stets hinlänglich versehen, das Wasser kommt aus 10 laufenden und 10 Pumpbrunnen.

Die zwei auf dem Marktplatz stehenden Brunnen sind aus Gußeisen und beide mit der ansprechenden Statue einer sitzenden Quellnymphe mit Urne und Leier geschmückt, an ihren mit Muscheln und Meergewächsen verzierten Trögen steht das Jahr ihrer Verfertigung, 1873. Seit dem Spätherbst 1877 ist die | neue Wasserleitung, nach dem Plan des Oberbauraths Dr. von Ehmann, vollendet, die in gußeisernen Röhren aus der „Bleichequelle“ nordöstlich von der Stadt entspringend, treffliches Trinkwasser in Fülle zuführt. Von weiteren Quellen auf der Markung sind noch zu nennen die bei der sog. Papiermühle, welche diese Mühle treibt und der „mittlere Brunnen“, der auf das K. Eisenwerk Ludwigsthal geleitet wird, seine Unterhaltung hat der Staat. Außerdem fließen über die Markung die Donau und die Elta, beide treten beinahe jedes Jahr aus, verursachen jedoch nur unbedeutenden Schaden, größer ist der Nutzen, den sie bei Überfluthungen des Wiesenthals durch Anschwemmungen stiften. Der an der Stadt vorbeifließende Seltenbach hat nur bei Schneegang oder heftigen anhaltenden Regengüssen Wasser, wobei er oft sehr verheerend anschwillt. Früher bestand unterhalb des Berges „Koppenland“ der jetzt ausgetrocknete Egelsee. Die Stadt besitzt eine Badanstalt. Über das Verfallen der Donau oberhalb der Stadt, schon auf badischem Gebiet, fügen wir, nach den neuesten auf Kosten der badischen Regierung veranstalteten Untersuchungen, folgendes bei: Über die hydrographischen Beziehungen zwischen der Donau und der Aachquelle im badischen Oberlande hat Dr. A. Knop in dem Neuen Jahrbuch für Mineralogie über die im Auftrage der badischen Regierung durchgeführten Versuche einen Bericht erstattet, welcher durch die Genauigkeit der Resultate und die Sicherheit der daraus gezogenen Folgerungen auch für ein größeres Publikum von ungemeinem Interesse ist. Bekanntlich versinkt das Wasser der oberen Donau oberhalb Tuttlingen so sehr, daß das Bett derselben bei niedrigem Wasserstande nahezu leer wird. Es hatten daher nicht blos die Werkbesitzer von Tuttlingen und weiter hinab, sondern bei der politischen Grenzlinie, die sich gerade dort hinzieht, auch die württ. und badische Regierung ein besonderes Interesse daran zu wissen, wohin das versinkende Wasser kommt. Längst vermuthete man, daß die Aach, deren schön geschlängeltes Thal man vom Hohentwiel aus fast vom Ursprung bis zu seiner Mündung überblicken kann, das versunkene Donauwasser wieder zu Tage bringe. Die badische Regierung hat nun im vorigen Jahre besondere Versuche anstellen lassen, durch welche jene Vermuthung auf ihre Richtigkeit erprobt werden sollte und Dr. Knop hat dieselben geleitet. Dadurch daß die Werkbesitzer an der Donau und der Aach gleichzeitig auch die von der Regierung angeordneten | Versuche ihrerseits unterstützten und ergänzten, ist es möglich geworden, die Frage zu ihrem vollen Abschluß zu bringen. Das Mittel, welches Dr. Knop anwendete, um die Frage vom Zusammenhange der Donau und Aach zur Entscheidung zu bringen, waren 200 Ztr. Kochsalz, welche ihm das badische Handelsministerium zur Verfügung gestellt hatte. Am 24. Sept. 1877, Mittags 11 Uhr 45 Min. hat er an der größten und zugänglichsten Versinkungsspalte zwischen Möhringen und Tuttlingen im Beisein von Gemeinde- und Staatsbeamten aus Württemberg und Baden diese 200 Ztr. Kochsalz vom Schwall der versinkenden Wasser erfassen lassen, also daß sie im Laufe von einer Stunde sammt und sonders in die Tiefe davongeführt waren. Unmittelbar über der Felsenspalte, aus welcher die Aachquelle see- oder topfartig, bei hohem Wasserstande fast fontainenartig hervorsprudelt, wurde von Montag den 24. Nachmittags 41/2 Uhr bis Freitag den 28., Morgens 8 Uhr das Wasser anfangs alle 90, später alle 60 Minuten geschöpft, auf Flaschen gefüllt und in Bezug auf Tag und Stunde etiquettirt und numerirt und in das mineralogische Laboratorium des Polytechnikums nach Karlsruhe zur Untersuchung geschickt. Auf Grund der daselbst gemachten quantitativen Analysen ergab sich nun, das die gesammte Menge Kochsalz, welche in die Versinkungsspalte der Donau gebracht worden war, im Laufe von ungefähr 70 Stunden in der Aachquelle wieder zum Vorschein gekommen ist. Am salzhaltigsten war das Wasser am Donnerstag den 27. Sept. Morgens 1 Uhr, also ungefähr 60 Stunden nach der Versenkung des Salzes, während schon vom Dienstag morgens 10 Uhr an sich eine stetige Vermehrung des Salzgehalts in der Aachquelle beobachten ließ. Die Entfernung zwischen der Donauversinkungsspalte und der Aachquelle beträgt 11 Kilometer und der Höhenunterschied zwischen dem Spiegel der Donau und der Aach beträgt ungefähr 160 Meter. Außer diesem entscheidenden Kochsalzversuch hatte Dr. Knop noch einen Vorversuch angestellt dadurch, daß er 4 Fässer Schieferöl von der Donau zur Aach gehen ließ; und in der That, 2 Tage später fand er einen schwachen kreosotartigen Geschmack in dem Aachwasser; und einen Nachversuch mit 10 kg. Fluorescinlösung, durch welchen für das Auge der direkte Zusammenhang zwischen Donau und Aach sichtbar gemacht wurde, sofern das Aachwasser ungefähr nach 60 Stunden anderthalb Tage lang prachtvoll grünleuchtend wurde. Auf Grund des Hauptversuchs aber kommt Dr. Knop zu folgenden Resultaten: 1. Es | ist ein direkter Zusammenhang zwischen Aach und Donau nachweisbar; 2. zur Zeit des niedrigsten Wasserstandes der Donau zwischen Immendingen und Möhringen führt diese ihr Wasser ganz der Aach zu. Jedoch bildet dieses Donauwasser nur die Hälfte der Aachquelle, die andere Hälfte läuft ihr anderswoher zu. 3. Jener Zusammenhang zwischen Donau und Aach wird durch ein Spaltensystem im Kalkstein des weißen Jura von etwa 1000′ Mächtigkeit vermittelt. 4. Der Formation nach versinkt das Donauwasser höchst wahrscheinlich bis auf die mergelige und thonige Unterlage des Kalksteins, um nach einem unterirdischen Laufe von 11 Kilometern nach dem Prinzip der kommunizirenden Röhren wieder in der Aachquelle von unten nach oben emporzusteigen. 5. 200 Ztr. Kochsalz in eine der Versinkungsspalten der Donau gebracht, kamen annähernd genau im Quellwasser der Aach wieder zum Vorschein. Die ersten Spuren der Versalzung erschienen nach etwa 20, das Maximum trat nach 60, das Ende nach 90 Stunden auf. 6. Vorauszusehen ist, daß sich die Donauspalten durch die auflösende Wirkung des Wassers im Laufe der Zeit immer mehr erweitern und in Folge dessen auch immer mehr das Donauwasser verschlingen müssen, und endlich gehört schon jetzt die obere Donau durch ihren unterirdischen Abfluß zum Bodensee ebensowohl dem Gebiete der Nordsee, als dem des schwarzen Meeres an, zeitweilig sogar dem ersteren allein.

Von Verkehrswegen sind zu nennen: die etwa 10 Minuten westlich von der Stadt hinziehende Eisenbahn von Spaichingen nach Immendingen, oder weiterhin von Stuttgart nach Schaffhausen, dann gehen von hier die Staatsstraßen nach Spaichingen, Engen, Stockach und Mößkirch; die Vizinalstraßen nach Nendingen und Thalheim. Über die Donau führen 3 hölzerne Brücken (eine in der Stadt, eine bei Donaufeld, eine bei Ludwigsthal), dann eine über die Elta, sowie je ein hölzerner Steg über die Donau und Elta, eine der Donaubrücken ist vom Staat, die bei Donaufeld von Privaten zu unterhalten. Alles Übrige von der Gemeinde. Überdieß geht eine gußeiserne Eisenbahnbrücke in der Nähe des Bahnhofs über die Donau.

Die Haupterwerbsquelle der sehr thätigen Bevölkerung ist das Gewerbe, neben welchem die Landwirthschaft zwar nicht vernachlässigt wird, aber doch etwas in den Hintergrund tritt. Am meisten Personen beschäftigt von Alters her das Schuhmacher-Gewerbe, das, seiner Beschaffenheit nach sonst auf die Befriedigung des örtlichen Bedürfnisses angewiesen, hier eine solche Ausdehnung | erlangt hat, daß große Massen von Schuhwaren alljährlich in die nähere und weitere Umgebung, in die Schweiz, nach Baden, Elsaß und auch nach Norddeutschland abgesetzt werden. Eigentliche Schuhwarenfabriken bestehen gegenwärtig 18 mit ungefähr 500 Arbeitern, deren Zahl sich übrigens in besseren Geschäftszeiten auf 600 und mehr erhöht; die bedeutendsten sind diejenigen von Gebrüder Henke mit 120–140 und von Rieker und Seiz mit ungefähr 100 Arbeitern. Bei der Gewerbeaufnahme im Jahr 1835 wurden 78 Schuhmacher gezählt, worunter eine förmliche Fabrik mit 20 Arbeitern (die Teufel’sche) – s. Württb. Jahrb. von 1839 S. 332 – ; im Jahr 1861 waren es 183 Meister mit 229 Gehilfen.

Die Tuttlinger Messerwaren erfreuen sich eines altbewährten Rufs. Das Fahnenbergische Magazin vom Jahr 1813 (S. 223) erwähnt die damals schon berühmten Tuttlinger Fabrikate. Während der Kontinentalsperre gegen England wurde hauptsächlich der Friedrichsthaler Stahl verarbeitet und fanden die Fabrikate guten Absatz in der Schweiz, in Bayern und bis nach Neapel. Im Jahr 1835 wurden 60 Messerschmide gezählt, unter denen Baisch, Kremm, Manz, Storz und andere sich besonders hervorthaten. Der Stahl wurde theils aus Rheinpreußen und England, theils, jedoch weniger, vom Inland bezogen, während die Fabrikate bis nach den Niederlanden und im Tauschhandel auch nach Amerika ihren Weg fanden. Heute ist die Zahl der Meister 164 mit 112 Gehilfen. Größere Betriebe sind diejenigen von Gebrüder Holz (75 Arbeiter), Karl Stüber (15 Arbeiter), Samuel Manz, Gottf. Schönthaler, Kaspar Huber u. s. w.

Im Gefolge der Messerschmide tritt seit etwa 10 Jahren das Gewerbe der chirurgischen Instrumentenmacher auf, deren Fabrikate in ganz Deutschland, der Schweiz und jetzt namentlich in Rußland sehr gesucht sind. Größere Betriebe sind diejenigen von Gottfr. Jetter mit 80 und Adam Storz mit 15 Arbeitern.

79 Strumpfweber fabriziren wollene Jacken, Juppen, Strümpfe etc. mit dem Hauptabsatz in die Schweiz. Das zu ihrem Gewerbe nöthige wollene Garn beziehen sie theilweise aus der Spinnfabrik Donaufeld von Karl und Philipp Dorner, welche 22 Personen beschäftigt. Die Rothgerberei ist durch 50 Meister mit 40 Gehilfen und die Weißgerberei durch 10 Meister mit 20 Gehilfen vertreten. Außerdem sind zu erwähnen: eine Wichsefabrik von Joh. Jac. Geyssel mit 10 Arbeitern, eine | Sodawasserfabrik, das Gewerbe der Tuchmacher mit 20 Meistern und ebensoviel Gehilfen, die Leine- und Baumwollweberei mit 45 Meistern und 10 Gehilfen.

Getreidemühlen gibt es 6, darunter 3 mit Kunstmahlgängen (von Held, Storz und Kohler) mit zusammen 5 Kunst- und 15 gewöhnlichen Mahlgängen, 5 Malzschroten und 7 Griesstauben. Mit den Getreidemühlen sind verbunden 4 Sägmühlen mit je einem Säggang, 3 Hanfreiben, 3 Gipsmühlen mit zusammen 18 Stampflöchern, 2 Lohmühlen mit 21 Stampflöchern. Sämmtliche bisher aufgeführte Mühlwerke werden vom Wasser der Donau oder Elta getrieben; daneben bestehen noch 3 Dampfsägmühlen mit 5 Säggängen und 3 Circularsägen und 2 Lohmühlen mit Dampfbetrieb mit 17 Stampflöchern. Eine Dampfziegelei mit Kalkbrennerei betreibt J. J. Geyssel.

Endlich ist das Bierbrauereigewerbe sehr stark vertreten; 38 im Betrieb stehende Brauereien sorgen für das Bedürfnis der Stadt und Umgegend und führen noch ziemlich viel Bier nach Baden aus; 10 davon haben einen stärkeren Umsatz und 3 arbeiten mit Dampfkraft. Als Hilfsgewerbe der Brauerei ist noch eine Malzfabrik zu nennen, die ihr Produkt auch nach Baden und in die Schweiz ausführt.

Wegen des Hüttenwerks Ludwigsthal s. S. 258 ff.

An mechanischen Künstlern und Handwerkern zählt die Stadt nach dem neuesten Stand:

  Meist. Geh.   Meist. Geh.
Bäcker 31 5 Messerschmide 164 112
Barbiere und Friseure 5 3 Metzger 29 13
Bildhauer 2 4 Musiker 9 6
Bleicher 1 3 Nagelschmide 10 8
Buchbinder 3 2 Näherinnen 190
Büchsenmacher 1 Pflästerer 3 3
Bürstenbinder 2 2 Posamentiere 2
Drechsler 6 7 Potaschensieder 1 2
Eisendreher 1 1 Putzmacherinnen 7 5
Färber 6 6 Rothgerber 50 40
Feilenhauer 4 2 Sattler 7 6
Flaschner 2 5 Schafhalter 5 4
Gabel- und Rechenmacher 1 Schäftewalker 2
Gärtner 4 4 Schlosser 13 11
Glaser 6 4 Schmide, Grob-, Zeug
     und Hufschmide
14 18
Gipser 3 29 Schneider u. Kleiderhändler 37 24
Hafner 5 6 Schreiner 25 31
Hasenhaarschneider 1 2 Schuhmacher 309 550
Hutmacher 4 3 Schwielenmacher 2 2
Instrumentenmacher,
     chirurgische
10 45 Seckler 2
Kaminfeger 1 2 Seifensieder 6 2
Kammmacher 2 1 Seiler 5 4
Kleinuhrenmacher 5 3 Siebmacher und
     Drahtflechter
5 8
Knopfmacher 2 2 Silberarbeiter 4 2
Korbflechter 1 1 Steinbrecher 6 12
Küfer 12 7 Stricker 9 4
Kupferschmide 5 6 Strumpfweber 79 24
Kürschner 3 6 Tuchmacher 20 20
Leistschneider 1 Tuchscherer 4
Leine- und
     Baumwollweber
45 10 Wagner 6 3
Leimsieder 1 2 Weißgerber 10 20
Maler 7 11 Zimmerleute 16 60
Maurer u. Steinhauer 16 76 Zinngießer 1
Mechaniker 2 4 Zuckerbäcker 10 3
|
An Handelsgewerben sind vorhanden:
  Zahl der
Geschäfts-
inhaber.
Zahl der
Gehilfen.
Davon
Haupt- Neben-
Gewerbe.
Kaufleute 43 20 21 22
Buchhändler 01 02 01
Krämer, Kleinhändler und
Viktualienhändler 33 06 10 23
Lederhändler 03 02 01 02
Frachtführer
     und Lohnkutscher
13 18 verbunden mit
Landwirthschaft
Gastwirthschaft
11
02
Wein- und Branntweinhändler 06 04 06
Obsthändler 08 08
Viehhändler 01 01 01
Getreidehändler 03 03
Holzhändler 04 02 02
| Ferner zählt man:
  Zahl der
Geschäfts-
inhaber.
Zahl der
Gehilfen.
Apotheken 02 4
Mobiliarversicherungsagenten 18
Lebensversicherungsagenten 06
Auswanderungsagenten 02
Buchdruckereien 02 2
Gastwirthschaften 17
Schankwirthschaften 58


Die Vermögensverhältnisse sind im Ganzen gut; ein wohlhabender Mittelstand ist vorherrschend. Viele finden auch ihr gutes Auskommen mit Taglohnarbeiten; etwa 40 Personen erhalten Unterstützung von Seiten der Gemeinden.

Die Einwohner, ein kräftiger, gut gewachsener Menschenschlag, erreichen nicht selten ein hohes Alter, gegenwärtig zählen 25 Personen achtzig Jahre und darüber.

Die sehr ausgedehnte Gemeindemarkung hat, mit Ausnahme der Thal- und einiger Hochebenen, eine sehr bergige, von Thälern und Schluchten vielfältig durchzogene Lage.

Der für den Feldbau benützte Boden ist meist fruchtbar, stark mit Lehm vermischt, tiefgründig und schwer zu bebauen, besteht theils aus Diluvial- und Alluvial-Ablagerungen, größtentheils aber, namentlich die meist mit Wald bedeckten gebirgigen Gebiete, aus den kalkreichen, steinigen Zersetzungen des weißen Jura.

Mehrere Steinbrüche im weißen Jura, einer davon im Dolomit, sind auf der Markung, ebenso einige Lehm- und Töpferthongruben.

Das Klima ist, der beträchtlichen Höhe über dem Meere entsprechend, etwas rauh; die Nächte sind im Sommer oft warm, mitunter aber treten ganz plötzlich starke Abkühlungen ein; schädliche Frühlingsfröste und kalte Nebel sind nicht selten, ebenso die Gewitter; eine Wetterscheide bildet der Stadtwald Koppenland. Hagelschlag kommt wenig vor.

Die Landwirthschaft wird emsig und rationell betrieben; verbesserte Ackergeräthe werden in großer Ausdehnung benützt, neben dem amerikanischen Wendepflug läuft auch noch eine alte Sorte, der „Drillerpflug“.

| Die Düngerstätten sind sorgfältig angelegt, außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln kommt Gips, Asche, Kompost und auch künstlicher Dünger in Anwendung.

Man baut Alles, was sich anbauen läßt, vorzugsweise Dinkel, Gerste, Haber, weniger Roggen, Ackerbohnen und Linsen, Kartoffeln, Hanf, Flachs und etwas Mohn für den eigenen Bedarf; viel Futterkräuter, dreiblätterigen Klee, Luzerne, Esparsette. Von Dinkel, Haber und Gerste kann noch nach außen (Baden und Schweiz) verkauft werden.

Der Wiesenbau ist ausgedehnt und das Futtererzeugnis ausgezeichnet gut. Die Wiesen sind zweimähdig, etwa 25 Morgen können bewässert werden. Futter wird noch zugekauft.

Mehrere schöne, wohl angebaute Gärten liegen, theils zum Vergnügen, theils zum Nutzen angelegt, um die Stadt; auch bestehen zwei Gärtnereien, von denen der Gemüsebau zum Verkauf betrieben wird.

Weinbau findet nur in der Parzelle Hohentwiel statt. (S. daselbst.)

Die Obstzucht ist im Zunehmen; das Obst geräth gern in den höheren Lagen; man pflanzt vorzugsweise Kernobst, zum Mosten und Dörren, doch muß noch viel Obst zugekauft werden. Von Äpfeln pflegt man Luiken, Goldparmänen, Reinetten, rothe Calville, Schafnasen, kleine Fleiner, Backäpfel, große Mattäpfel, Langstieler, Winterstreiflinge, Palmäpfel, Jakobiäpfel und den kleinen Prinzessinapfel; von Birnen: Bratbirnen, Harrigel, Sommer-Bergamoten, Rauh- oder Mädlesbirnen, Langstieler, kleine Heubirnen, Gaishirtle, Knausbirnen und Reicheneckerinnen; von Kernobst: Zwetschgen und Pflaumen. Eine städtische und eine Privatbaumschule besteht. Die Jungstämme bezieht man aus den hiesigen und aus den benachbarten Baumschulen.

Die Stadt besitzt 1600 Morgen Wald, wovon 1/3 Nadel-, 1/3 Laub- und 1/3 gemischter Wald, die jährlich zusammen 750 Klafter abwerfen; der ganze Holzertrag wird verkauft und wirft 1000–1200 Gulden ab, die zu Gemeindezwecken verwendet werden.

Eigentliche Weiden sind nicht vorhanden, die Stoppelweide aber, die gut ist und von einheimischen Schafen befahren wird, trägt der Stadt 435 M., die Pferchnutzung 800 M. ein.

Zur städtischen Farrenhaltung werden 16 Morgen der Gemeinde gehörige Wiesen benützt.

| Pferdezucht wird nicht betrieben, doch ist die Pferdehaltung nicht unbedeutend; es sind ungefähr 200 Pferde in der Stadt.

Die Rindviehzucht dagegen ist sehr gut, man hält den Simmenthaler Schlag und es hat die Gemeinde 7 Farren von dieser Race aufgestellt. Das Mastvieh wird größtentheils hier geschlachtet.

Im Herbst laufen auf der hiesigen Stoppelweide 3–500 Stück (hiesigen Privaten gehörige) deutsche Bastardschafe; Überwinterung findet hier nicht statt, die Wolle setzt man am hiesigen Wollmarkt, die Schafe auf dem Schafmarkt im nahen Möhringen ab.

Die Schweinezucht ist nicht bedeutend, die Ferkel (Land- oder halbenglische Race) werden größtentheils von außen bezogen; man mästet nur für den eigenen Bedarf.

Außerdem hält man etwa 400 Stück Ziegen, 1200 Stück Hühner, weniger Enten und Gänse.

Die Fischerei in der Donau ist ziemlich namhaft; die Besitzer sind der Staat und die Stadt, ersterer hat das Fischrecht von der Landesgrenze bei Donaufeld bis zur Stadt, diese von da bis zur Markungsgrenze und hat es um jährlich 112 Gulden verpachtet; man fängt hauptsächlich Hechte, Barsche, Schuppfische. Der Staat verpachtet seinen Antheil besonders.

Die Bienenzucht ist unbedeutend.

Außer den schon oben genannten Unterrichtsanstalten bestehen noch eine Industrieschule, eine Frauenarbeitsschule, eine Kleinkinderschule, eine Erziehungsanstalt für hilfsbedürftige Kinder und eine Zeichnungs-Fortbildungsschule.

Von weiteren Anstalten bestehen: eine freiwillige Feuerwehr, seit 1857, ein Singverein, ein Arbeiterbildungsverein, eine Turnanstalt, eine Schützengesellschaft, ein Museum, ein kleiner Musikverein, ein Veteranenverein, eine Kranken-Unterstützungskasse, ein Gewerbeverein, ein Viehversicherungsverein, ein landwirthschaftlicher Bezirksverein und ein Verschönerungsverein.

Die öffentlichen Stiftungen sind ganz unbedeutend.

Die Stadt hat das Recht, am 12. März, 7. Mai, 9. Juli, 15. Oktober und 14. November Krämer-, Vieh- und Schafmärkte, den 23. Dezember einen Krämer- und Viehmarkt, den 17. Juni und 31. August Wollmärkte abzuhalten. Überdies besteht hier eine bedeutende Fruchtschranne je am Samstag, auf der jährlich viel umgesetzt wird (s. die Zusammenstellung).

|
Zusammenstellung der auf der Tuttlinger Fruchtschranne im Jahre 1876 verkauften Früchte, des jährlichen Durchschnittspreises und des Durchschnittsgewichtes (letzteres vom Dinkel und Haber).
Fruchtgattung Verkaufs-
quantum
Erlös vom
ganzen Jahr
Durchschnitts-
preis
Zentner M. Pf. M. Pf.
Dinkel 427 4411 36 10 33
Haber 16.517 141.207 14 8 55
Kernen 17.832 219.813 41 12 33
Weizen 00 00 0 0 0
Roggen 35 334 04 9 54
Gerste 822 8222 91 10
Hülsenfrüchte 126 1157 36 9 18
Mengfrüchte 1127 10.100 77 8 96
Verkehrssumme vom
     ganzen Jahr
36.886 385.246 99 00 00

Durchschnittsgewicht von 1 Scheffel Dinkel 145 Pfund.
Durchschnittsgewicht von 1 Scheffel Haber 155 Pfund.


Alterthümer. Tuttlingen war ohne Zweifel eine beträchtliche römische Niederlassung, wofür hauptsächlich die hier zusammenlaufenden Römerstraßen sprechen, überdies wurden an der Süd- und Westseite der Stadt schon römische Alterthümer, wie Siegelerdegefässe, eine schöne röm. Bronzelampe etc., sowie auf der Honburg, wo vermuthlich ein röm. Kastell stand, schon zahlreiche röm. Münzen, namentlich Kaisermünzen, von Trajan, Hadrian, Vespasian, Konstantin, gefunden. Eine besonders merkwürdige | Münze ist die im Besitz des Herrn Dekan Dr. Hartmann in Tuttlingen befindliche, welche den durch Julius Cäsar besiegten Aeduerfürsten Dumnorix darstellt, mit folgender Umschrift: Dumnorig . ., auf der Kehrseite: Victoria (?) Romanorum.

In Tuttlingen kreuzen sich folgende Römerstraßen:

1) Die von Rottweil durchs Prim- und Faulenbachthal ziehende als „Hochstraße“ „alter Landweg“, „alte Straße“, westlich an Weilheim und Wurmlingen vorbei nach Tuttlingen und weiter als „Hochstraße“, „Heerstraße“, meist auf der jetzigen Landstraße, über den Witthoh gegen Biesendorf im Badischen.

2) Von Böttingen (O.-A. Spaichingen) her zieht eine röm. Straße, „alte Straße“, auf der Wasserscheide zwischen dem Faulenbachthal und dem Ursenthal über Rußberg und unter dem Namen „in den alten Wegen“ am linken Donauthalgehänge herab, geht unterhalb der jetzigen Brücke bei der „alten Brücke“ über die Donau und am westlichen Fuße des Honbergs vorbei über die Hardt nach Wehnstetten. Hier theilt sie sich, ein Arm gieng als „Hochstraße“ über Neuhausen ob Eck nach Mößkirch, der andere als „Hochsträß“ schnurgerade nach Liptingen. Die Straße ist an manchen Stellen, namentlich „in den alten Wegen“, noch erkennbar und im Walde westlich von Neuhausen ob Eck wurde noch ihr wohlgefügtes Steinpflaster aufgedeckt. Eine uralte Straße geht auch in dem meist trockenen Bette des Seltenbaches von Tuttlingen hinauf nach Liptingen.

3) Von Schwenningen kommt eine römische Straße als „Heerweg“ an Oberflacht vorbei, läuft nördlich am Konzenberg hin über die Flur „Dietfurt“ und das Eltathal herab in die Stadt.

4) Ohne Zweifel lief auch eine römische Straße das Donauthal hinab und zwar auf dem linken Ufer, von Möhringen an Tuttlingen vorbei zu der bedeutenden römischen Niederlassung „Altstadt“ bei Mühlheim.

Auf dem Witthoh befinden sich einige Grabhügel; vor längerer Zeit wurde einer davon geöffnet, der aber keine große Ausbeute, einige Bronzeringe etc., lieferte. Der in neuester Zeit bei Ludwigsthal eingeebnete Grabhügel ergab Thongefässe, eines mit Knochenresten, Bronzeringe, ein zierliches Brustbildchen und einen Spinnwirtel aus gebranntem Thon. Im Stadtwald Koppenland, auf trefflichem Spähplatz, liegt eine Schanze, Graben mit Wall im Geviert, jede Seite etwa 80′ lang, stammt vielleicht auch aus dieser frühen Zeit.

| An der Südostseite der Stadt, beim Armenhaus, fand man alemannische Reihengräber mit Eisenwaffen, weitere an der Südwestseite der Stadt, mit schönen, zum Theil mit Silber eingelegten Eisenwaren, farbigen Thonperlen, mit bronzenen Ziergegenständen und Elfenbeinkämmen. Das Gesicht findet man bei allen Skeletten nach Osten gerichtet. Vom Skelet sind (nach Angaben von Dr. Kapff) gut erhalten die Schädelknochen, Humerus und die Vorderarmknochen, sodann Femur und Tibia, Wirbel- und Beckenknochen fehlen. Selbst Schädel von Kindern sind gut erhalten. Bei den männlichen Skeletten fand man regelmäßig lange Schwerter, Saxe, Speerspitzen. Die weiblichen waren leicht erkenntlich an den bronzenen Halsringen. Von 13 Schädeln gehören nach der Mittheilung von Herrn Obermedizinalrath Dr. Holder 11 dem rein germanischen Typus (unter diesen 3 der extremen dolichocephalen Form G 1 an, die beiden Mischformen sind mesocephal (Längenindex 81, 4 und 80, 2) und gehören in die sarmatische Reihe. Nach den Grabbeigaben und anatomischen Kennzeichen sind es 8 Männer, 5 über 50 und 3 über 60 Jahre, und 5 Weiber, 1 über 40, 1 über 50 und 2 über 60, 1 unbestimmt. Von zwei Männern konnte die Körpergröße bestimmt werden (nach Humerus und Femur); sie betrug 189 bis 190 cm.

Von mittelalterlichen Burgen sind außer der schon oben angeführten Honburg zu nennen: oberhalb der Papiermühle stand eine beinahe gänzlich verschwundene Burg, die „Altenburg“, nur Graben und hoher Steinwall ist von ihr zu sehen; ihr gegenüber auf dem rechten Donauthalufer gerade über Ludwigsthal stehen über dem felsigen Abhang die letzten Reste der Wasserburg, starke, aus Bruchsteinen von weißem Jurakalk mit viel Mörtel zusammengegossene Mauern, gegen die Bergseite hin schützt noch Graben und Wall von sehr bedeutender Größe.

Auf der südwestlichen Spitze des Leutenbergs zeigen sich noch die Trümmer eines etwa 20′ im Geviert haltenden Thurmes „Luginsfeld“, ohne Zweifel eines Wartthurms.

Hinter der jetzigen Kirche lag die „Burg“, außer ihr bestand ein weiteres Schloß gegen die Donau hin, da wo jetzt der Fruchtkasten steht, die Stelle heißt noch heute der „Schloßplatz“. Auch waren in der Stadt zwei Badhäuser, ein drittes lag eine halbe Stunde außerhalb, hatte eine vielbesuchte Schwefelquelle, die aber im 30jährigen Kriege eingieng, noch jetzt heißt es dort „im Badhäusle“.

| Beim Bierkeller vor dem Engenerthor befand sich das Hochgericht.

Benennungen, die einen historischen Werth haben möchten und auf abgegangene Burgen, Wohnplätze, Begräbnisstätten etc. hindeuten, sind auf der Markung folgende: „Freiburg“, bei der Witthoh-Steige, eine Stunde östlich der Stadt „Mauerannenhölzle“, in der Nähe „Schelmenäcker“.

Im Mohrentobel, einer Schlucht, 1/2 Stunde nördlich der Stadt, geht das Muotesheer.

b) Aichhalderhof, liegt eine Stunde südsüdöstlich von der Stadt, auf der „Eck“ und gewährt eine prachtvolle Aussicht an die Schweizeralpen, zu demselben gehört ein fast ganz arrondirtes Gut von etwa 80 Morgen. Hier stand ehemals, von zwei Brüdern bewohnt, das Bruderhaus St. Johannis auf Eichhalden mit einer St. Johanniskapelle, zu der viel Wallfahrten geschahen, es hatte einen schönen Wald, Äcker und Wiesen; 1471 bestätigte ihm das Kl. Reichenau die Steuerfreiheit. Bei der Reformation ging es ein; seine Besitzungen erhielt der Armenkasten in Tuttlingen, das Johannesbild holten die Emminger in ihre Kirche, wo es noch steht. (Schmid.)

c) Bleiche, 3/4 Stunden nordöstlich der Stadt im Donauthal.

d) Brühlmühle, eine starke Viertelstunde nordwestlich der Stadt an der Elta gelegen.

e) Bruderhof, s. unten bei Hohentwiel.

f) Donaufeld, Fabrik, 1/2 Stunde südwestlich der Stadt, an der Donau gelegen, mit bedeckter Holzbrücke.

g) Hohentwiel, s. unten in einem besonderen Abschnitt.

h) Lerchenhalde, Haus, 1/4 Stunde nordwestlich von der Stadt gelegen.

i) Lohhof, liegt auf dem Witthoh an der Landesgrenze, 11/4 Stunde südlich der Stadt, an der Straße nach Hattingen. Dazu gehört ein 260 Morgen großes, ziemlich arrondirtes Gut. In seiner Nähe, schon auf badischem Gebiet, liegt der höchste Punkt des Witthoh, der eine ganz wundervolle Aussicht gewährt.

k) Ludwigsthal, siehe nächste Seite ff.

l) Maienthalhof, eine Stunde südöstlich, in einer stillen Thalbucht gelegen; der aus 70 Morgen bestehende Hof wurde größtentheils aus unbenützten Feldern vom verst. Postmeister Baader in Tuttlingen gegründet.

m) Papiermühle, liegt eine starke halbe Stunde nordöstlich der Stadt im Donauthal.

| n) und o) Thalhof, äußerer und innerer, liegen nahe bei einander, an der Straße nach Liptingen, 5/4 Stunden südöstlich der Stadt, die dazu gehörigen Güter umfassen zusammen 160 Morgen Äcker.

p) Württemberger Hof, liegt eine starke Stunde südsüdöstlich der Stadt, in der Nähe der Landesgrenze, hiezu gehört ein 160 Morgen großes, theilweise auf badischem Gebiet gelegenes Gut.

k) Ludwigsthal. Der Weiler liegt 1/2 Stunde unterhalb Tuttlingen auf der rechten Seite der Donau, zwischen dieser und dem steil aufsteigenden waldigen Gehänge des Leutenberges, das oben mit den letzten Trümmern der Wasserburg malerisch bekrönt ist. Der Weiler besteht aus dem K. Hüttenwerke selbst, sodann der zweistockigen Wohnung des Hüttenverwalters mit der Kanzlei, eigentlich dem Hauptgebäude, woran das herzoglich württembergische Wappen und die Jahreszahl 1788 angebracht ist. Ferner liegen hier einige Arbeiterwohnungen, die zum Theil vom Staat erbaut wurden und ein hübsches, vor einigen Jahren, ebenfalls vom Staat für die Kinder des Werks errichtetes Schulgebäude, zweistockig, mit einem Lehrzimmer und der Wohnung des ständigen Schulamtsverwesers. Ein guter laufender Brunnen besteht, dessen Wasser in einer 2500′ langen Leitung von gußeisernen Röhren von der linken Thalseite hergeleitet wird. Neben der Wohnung des Hüttenverwalters dehnt sich ein mit stattlichen Obstbäumen besetzter Garten aus, der jedoch, wie überhaupt der Weiler, häufigen Überschwemmungen der Donau ausgesetzt ist; es wurde deshalb über die Thalebene ein langer hölzerner Steg erbaut; die Kosten trug die Gemeinde Tuttlingen mit einem Staatsbeitrag von 100 Gulden.

Geschichte[1]. Die Erbauung des Eisenwerkes zu Ludwigsthal erfolgte in den Jahren 1694–1698 unter der Regierung und auf Anordnung des Herzogs Eberhard Ludwig, von welchem dasselbe seinen Namen erhalten hat. Die Veranlassung zur Gründung des Werks gab die Auffindung reichhaltiger Bohnerzlagerstätten im Hardtwalde und auf Aichhalden bei Tuttlingen, sowie in den Waldungen Jungholz und Sangerloh bei Neuhausen ob Eck, deren Verschmelzung durch das in der Nachbarschaft vorhandene viele und wohlfeile Holz erleichtert wurde.

| Auch zu Hausen ob Verena und Thalheim in der Baar wurde Erz gegraben und in der Nähe des letzteren Orts bestand schon vor der Erbauung von Ludwigsthal und auch noch einige Zeit nach derselben, ein Hohofen, über dessen Entstehung und Auflassung aber nichts näheres angegeben werden kann. Es ist nur erhoben, daß noch im Jahre 1706 Schmelzlaboranten in Thalheim angestellt wurden und daß nach dem Jahre 1712 in den Kirchenbüchern von Thalheim keine Bewohner der dortigen „Schmelze“ mehr vorkommen. Das Areal zu dem neuen Werke Ludwigsthal, dessen Betriebskraft ein von der Donau abgezweigter Kanal liefert, wurde von verschiedenen Bürgern in Tuttlingen käuflich erworben und es kosteten die angekauften 1532 Ruthen Wiesen 595 fl. 45 kr.; einige weitere Grundstücke waren zu Wegen und Wasserbauten erforderlich. Als Bestand des Werkes selbst wird in einem Auszug aus dem Tuttlinger Kellereilagerbuch de ao 1699 aufgeführt: „Ein Faktorie- und Laborantenhaus unter einem Dach, darinnen der Faktor, Hüttenschreiber und Laboranten wohnen, ein Schmelzofen, zwei Kohlscheuern, eine Hammerschmittin sambt ihrer Kohlscheuer, Waschhäuslen, Radwasch und Boch“. Dem Werke waren auch alle zur Kellerei Tuttlingen und der Hohenkarpfen’schen Amptung gehörigen herrschaftlichen Waldungen zugewiesen, welche aber zur Deckung des Holzbedarfes nicht ausreichten, so daß noch große Quantitäten Kohlholz von anderen benachbarten Herrschaften und Privaten angekauft wurden. Über die ersten derartigen Käufe in den Jahren 1697 und 1698 sind noch Aufzeichnungen vorhanden, nach welchen eine 7′ weite und hohe Klafter bei 5′ Scheiterlänge 71/2 bis 9 Kreuzer kostete. Dagegen fehlen weitere Dokumente über die Einrichtungen und den Betrieb des Werkes in der ersten Zeit seines Bestehens gänzlich, weil – wie es in einer Notiz heißt – die ganze Amtsregistratur durch die im Jahre 1724 über den Faktor Braun ergangene und über 5 Jahre gedauerte Kommission sowohl als die darauf gefolgte Admodiation der Werke abhanden gekommen sei. Diese Unordnung bei der eigenen Verwaltung des Staats ist der Grund, daß das Werk von 1729 bis 1738 an Joh. Friedr. Hurter und Heinr. Hurter in Schaffhausen um jährlich 2150 fl. verpachtet war, während welcher Zeit es von schweren Unglücksfällen heimgesucht wurde. „Im Jahre 1737 fiel Feuer vom Himmel, welches die Faktorie, Hüttenschreiberey und Laborantengebäude verzehrte, so daß nur ein klein Eck von Bewohnungen übrig blieb.“ Schon | im folgenden Jahre brach wieder Feuer aus und brannte ein doppeltes Schmittenwerk sammt Kohlscheuern bis an den Schmelzofen ab, ohne daß entdeckt werden konnte, wie dieses Feuer entstanden ist. Die folgenden 6 Jahre von 1739–1745 war das Werk an Stadt und Amt Tuttlingen verpachtet, worauf es wieder in Selbstadministration übernommen wurde und in solcher bis zum Jahre 1764 verblieb. Aus dieser Zeit liegen verschiedene Übersichten über den Betrieb des Hohofens und Hammerwerks vor, aus welchen folgendes anzuführen von Interesse ist:

Die Hohofen-Kampagne vom 11. Aug. 1760 bis 14. März 1761 (31 Wochen) lieferte 7813 Ztr. 50 Pf. Gußeisen, darunter 370 Ztr. 25 Pf. Ofenplatten und andere Gußwaren, das übrige Massel- und Brucheisen. Das durchschnittliche wöchentliche Erzeugnis betrug 252 Ztr. und zu 1 Ztr. Eisen wurden 2,96 Kübel (à 13/4 Simri) Erz und 1,27 Zuber (à 21 Sm.) = 25,12 Kubikfuß Holzkohlen gebraucht. Der Zuber buchene Kohlen kostete damals 1 fl. 12 kr., tannene Kohlen 45 kr., der Kübel Bohnerz 16–18 kr. und der Ztr. Roheisen stellte sich auf 2 fl. 7 kr., während die herzogliche Faktorie St. Christophsthal 2 fl. 20 kr. dafür bezahlte. Schmelzlaboranten waren angestellt: 1 Schmelzmeister, 1 Ofenknecht, 2 Aufsetzer und 1 Schlackenschieber mit einem Wochenlohn von 2–4 fl.

Hinsichtlich der Stabeisenfabrikation ist zu bemerken, daß in einem bei der Übergabe des Werks an Stadt und Amt Tuttlingen im Mai 1739 gefertigten Inventar von Renn- oder Läuterfeuern, sowie von Hammerfeuern die Rede ist, woraus sich schließen läßt, daß in Ludwigsthal ein ähnliches Verfahren wie auf anderen Werken in Süddeutschland üblich war, nämlich daß das Roheisen zuerst in den Läuterfeuern niedergeschmolzen und hier theils abgestochen, theils als halbgefrischte Brocken zu den Hammerfeuern abgegeben wurde, worauf sodann in letzteren diese halbgeschmeidigen Brocken oder Vögel mit einem kleinen Zusatz von Roheisen durch einmaliges Einschmelzen zu Gute gemacht wurden. Nach der Faktorierechnung von Georgi 1763/64 wurden bei den Hammer- und Rennfeuern 1192 Ztr. 73 Pf. Bengel und 355 Ztr. 1 Pf. Stabeisen erzeugt und dazu per Ztr. 39,5 Kubikfuß Kohlen bei einem Eisenabgang von 17–18 Proz. gebraucht. Das Kleinfeuer lieferte 1167 Ztr. 89 Pf. Zain, Streckeisen und ausgearbeitetes Eisen mit einem Eisenabgang von nur 2 % und einem Kohlenverbrauch von 9,8 Kubikfuß.

| Als Arbeiter beim Hammerwerk sind aufgeführt: 1 Hammermeister, 1 Rennmeister, 2 Gesellen und 2 Zainschmiede, welche mit Einschluß von 50 fl. Feiergeld für die Zeiten von Wassermangel durchschnittlich im Jahre 200 fl. verdienten. Außerdem hatten sämmtliche Arbeiter des Werks noch Besoldungsholz zu genießen.

In dem erwähnten Jahre betrug der Erlös aus Ofenplatten 4 fl. 42 kr., Grobeisen 8 fl. 20 kr., Kleineisen 8 fl. 51 kr., Zain 8 fl. 40 kr. per Ztr.

Schon im Jahre 1746 war eine solcher Mangel an Kohlholz eingetreten, daß die Frage der Einstellung des Schmittenwerks und dessen Umwandlung in ein Mühlwerk erörtert wurde, wogegen jedoch die Stadtmüller in Tuttlingen eindringliche Vorstellungen erhoben. Ein herzoglicher Befehl vom 20. Okt. 1762 ordnete Versuche mit Verkohlung und Verhüttung von Schwenninger Torf an, von welchen aber bald wieder abgestanden wurde.

Von 1764 bis 1798 war das Werk wieder verpachtet und zwar von 1764–70 an Landhauptmann Prittmann in Hall, den gewesenen Nassau-Saarbrücken’schen Bergrath Hizler in Mergelstetten, den Kreiskommissär Heuglin in Stuttgart und Löwenwirth J. G. Blezinger in Königsbronn um jährliche 1000 fl., von 1770–79 an Hofrath Marcellus Fdch. Heigelin in Heilbronn und Kommissär Karl Georg Heigelin in Stuttgart um jährliche 1500 fl., welcher Pacht auf weitere 9 Jahre 1779–88 gegen ein jährliches Locar von 1300 fl. verlängert wurde; von 1788–98 endlich an Forstrenovator Kornbeck in Neuenbürg, Rößlenswirth Lutz in Kalmbach und Gastmeister Klumpp in Kloster Reichenbach um jährliche 1700 fl.

Während der Admodiationszeit wurden vom Staat, resp. den Pächtern folgende Gebäude neu erbaut:

Anno 1766 die Hohofenscheuer für tannene Kohlen,

000 1779 das große Laborantenhaus mit 8 Wohnungen,

000 1781/82 die Hohofenscheuer für buchene Kohlen,

000 1782/83 die untere Schmitten Kohlscheuer,

000 1784/85 die Schleifhütte, spätere Speidelmeisterswerkstätte mit Wohnung,

000 1788 das Verwaltungsgebäude.

Mit dem Monat Mai 1798 ging die Pachtzeit zu Ende und es wurde der Betrieb wieder auf eigene Rechnung übernommen.

| Der Bestand des Werkes war damals folgender:

1 Hohofen mit 1 Balggebläse, der Mantel von Quadern aufgeführt und wohl mit Schlaudern versehen, 24′ lang, 271/2′ breit, 24′ hoch.

2 Frischfeuer, jedes mit einem Balggebläse und 1 gemeinschaftlichen Aufwerfhammer-Gerüste.

1 Kleinfeuer mit Doppelbalg und
1 Hammergerüste zu 3 Hämmern,
1 Schleifwerk,
1 Schlacken- und Gypspoche, welche sich in dem Souterrain eines im Jahre 1765 erbauten Laborantenhauses, sogen. neue Hüttenschreiberei, befand, und
1 Rad-Erzwasche.

Von 1798/99 wurde statt des baufälligen Hohofengebäudes ein neues mit zwei eingebauten Wohnungen hergestellt und im Jahre 1800/01 auch das Hammerwerksgebäude mit anstoßenden Eisenmagazinen neu aufgeführt.

Großen Schaden hatte das Werk öfter von Überschwemmungen der Donau zu leiden, so am 26. Okt. 1778 und am 28. Jan. 1799, an welchen beiden Tagen der Hohofen jedesmal durch das eindringende Wasser ersoff. Auch im Jahre 1809 den 24. und 25. Jan. drohte die gleiche Gefahr, es konnte jedoch der Ofen, nachdem er 30 Stunden lang zugeschlagen war, wieder in Gang gesetzt werden.

Vom Jahre 1823/24 an war das Schmelzwerk zu Harras bei Wehingen bis zu dessen Kaltlegung im J. 1832 mit Ludwigsthal vereinigt und in letztere Zeit fällt auch der Beginn des Bezugs von Heuberger-Erzen aus der Gegend von Ebingen auf das Ludwigsthaler Werk.

Nachdem schon im Jahre 1821/22 das dem Hohofen vorgelegte Spitzbalggebläse abgeworfen und durch ein hölzernes Cylindergebläse ersetzt worden war, wurden in den Jahren 1829 bis 1831 durchgreifende und umfassende Korrektionen und Neubauten in Ludwigsthal vorgenommen, welche jedoch sehr kostspielig und überdies in den wenigsten Theilen ihrem Zwecke entsprechend ausfielen. Das Werk kam dadurch in eine solche fatale Lage, daß es aller Anstrengungen und der für den Eisenhandel und die Eisenpreise so günstigen 1830ger Jahre bedurfte, um es aus derselben herauszureißen und wieder in Ertrag zu bringen. Diese Bauten bestanden in der Herstellung eines eisernen, für den Hohofen und das Hammerwerk gemeinschaftlichen Cylindergebläses | sammt Radstube und Gebläsehaus, in der Erbauung eines Gießhauses, Versetzung eines Frischfeuers und Errichtung eines damit verbundenen Glühofens, endlich in der Herstellung eines eisernen Schwanzhammergerüstes mit Vorgelege und Schwungrad. Die Kosten waren zu 16.251 fl. 33 kr. veranschlagt, beliefen sich aber in Wirklichkeit auf 39.041 fl. 36 kr. Bald folgten Brüche auf Brüche an den neuen Maschinen und schon nach wenigen Jahren mußte ein großer Theil der Einrichtungen wieder ausgebrochen werden. Neben den dadurch herbeigeführten weiteren Kosten und Betriebsstörungen wirkte hauptsächlich auch die Konkurrenz ungünstig, welche Ludwigsthal durch die bedeutende Ausdehnung der benachbarten, früher nur kleinen fürstl. Fürstenbergischen Werke, sowohl hinsichtlich der Anschaffung des Brennmaterials als des Verschleißes der Fabrikate bereitet wurde.

Von gutem Erfolge war die im J. 1833 eingeführte erhitzte Gebläseluft beim Hohofen, wodurch eine erhebliche Kohlen-Ersparnis erreicht wurde. Auch die in den Jahren 1835 und 1836 bei den Frischfeuern eingerichteten Glühöfen zum Vorwärmen des Roheisens und der Kolben erwiesen sich vortheilhaft; die jährliche Stabeisenproduktion stieg dadurch auf 5–6000 Ztr. und der Kohlenverbrauch kam bis auf 17 Kubikfuß per Ztr. Frischeisen herunter. Im J. 1841/42 wurde sodann ein neues Gießhaus als Erweiterung des seitherigen Lokales sowie ein Kupolo-Ofen erbaut, um beim Stillstand des Hohofens die Gießerei ungestört fortbetreiben zu können. Ein Bauwesen von bedeutender Ausdehnung, welches in das Jahr 1848 fällt, erheischte der höchst schadhafte Zustand des Hohofenmantels und die baufällige Beschaffenheit der Hohofenhütte. Nachdem am 27. Mai 1848 der Hohofen ausgeblasen und hiemit die letzte Schmelzkampagne des alten Ofens beendigt war, wurde derselbe abgebrochen und von Grund aus neu aufgeführt. Am 9. Dezember konnte der neue Ofen gefüllt und angezündet werden, worauf am 13. Jan. 1849 der erste Auslaß stattfand. In der Nacht vom 14./15. Jan. 1849 trat aber ein so bedeutendes Hochwasser der Donau ein, daß nur die schon i. J. 1842 vorgenommene Höherlegung des Bodensteins den Ofen vor dem Ersaufen bewahrte.

Ein Hauptfabrikat des Ludwigsthalerwerks war früher der geschmiedete Zain, wovon in einzelnen Jahren bis gegen 2000 Ztr. erzeugt und verkauft wurden. Nachdem aber der gewalzte Zain immer mehr Eingang gefunden und den geschmideten verdrängt hatte, ergab sich auch für Ludwigsthal die Nothwendigkeit, ein | Walzwerk zu erbauen, was im Jahre 1849/50 zur Ausführung kam. Als Motor wurde eine von der benachbarten Maschinenfabrik Immendingen gelieferte Jonval’sche Turbine gewählt. Mit diesem Bauwesen stand die Versetzung der beiden Frischfeuer und die Umwandlung des oberen Aufwerfhammer-Gerüstes in ein Schwanzhammer-Gerüste in Verbindung.

Am 7. Juni 1850 brach in dem Dachstuhl des an das Hammerwerksgebäude angebauten Avant-Korps, in welchem sich die Werksschule befand, ein bedeutender Brand aus, wodurch jener gänzlich zerstört wurde. Besonders bemerkenswerth aber ist der große Wassermangel im Winter 1853/54; die Wasserzuflüsse der Donau, welche bei mittlerem, gerade für den Werksbetrieb zureichendem Stande circa 80 Kubikfuß per Sekunde betragen, fielen bis auf 7 Kubikfuß, so daß bei einem Gefäll von 7 noch eine rohe Kraft von 41/2 Pferden zur Verfügung stand, womit nothdürftig der Hohofen in Betrieb erhalten werden konnte. Noch schlimmer äußerte sich ein durch anhaltend trockene Witterung verursachter Wassermangel, welcher vom Sept. 1857 bis Mai 1858 dauerte und es nothwendig machte, daß der Hohofen 10 Wochen lang gedämpft werden mußte. An dieser so häufig wiederkehrenden Kalamität tragen besonders auch die Wasserverluste schuld, welche die Donau zwischen Immendingen und Möhringen durch Spalten im Flußbett erleidet und welche nachgewiesenermaßen die 3 Stunden entfernte Aachquelle speisen helfen.

Nachdem lange Zeit die Eisenindustrie in einer gedrückten Lage sich befunden hatte, traten vom Jahre 1855 an günstigere Absatzverhältnisse ein, so daß die Verkaufspreise fortwährend erhöht werden konnten. Im J. 1858 hatten sie den höchsten Stand erreicht mit durchschnittlich 8 fl. per Ztr. Ladenguß, 11 fl. 15 kr. für Grobeisen, 12 fl. 15 kr. für Kleineisen und 13 fl. 15 kr. für Nageleisen, worauf wieder eine rückgängige Bewegung begann, welche Anfangs der 60ger Jahre durch die Konkurrenz der rhein. Werke und durch den Ausverkauf der kalt gelegten Fürstenbergischen Werke Hammereisenbach und Rißtorf unterstützt wurde. Gleichzeitig stiegen die Preise der von Privaten angekauften Holzkohlen immer mehr und während noch im J. 1854 die buchenen Kohlen durchschnittlich 2 fl. 13 kr., die tannenen 1 fl. 26 kr. per Zuber à 20 Kubikfuß kosteten, konnten im Frühjahr 1861 die für den Betrieb nothwendigen Kohlen zu den hohen Preisen von 3 fl. 43 kr., beziehungsweise 2 fl. 29 kr. kaum mehr angeschafft werden.

| Eine weitere Schwierigkeit bot die Aufbringung des Erzbedarfs, indem die früher so ergiebigen Gruben bei Neuhausen ihrer Erschöpfung entgegen giengen und meistens nur noch geringe Erze von kaum 25 % Eisengehalt lieferten, welche nicht mehr schmelzwürdig erschienen. Auch der Ankauf der guten und wohlfeilen Erze von dem nahen badischen Orte Emmingen hatte in Folge eines im Interesse der Fürstenbergischen Werke streng gehandhabten Ausfuhrverbots ganz aufgehört. Zwar waren im J. 1852 durch Bohr- und Schürfversuche im Staatswalde Haardt bei Tuttlingen neue reiche Lagerstätten von Bohnerz aufgeschlossen worden und ebenso gelang es, abbauwürdige Erze im Staatswalde Schöneberg am Witthoh aufzufinden, aber auch an diesen Orten war die Erzgewinnung durch lokale Verhältnisse, namentlich durch die Zähigkeit des Erzgrundes und durch den Mangel an Wasser zur Wascharbeit erschwert. Eine Reihe von Schürfversuchen wurde sodann auch auf dem Heuberg bei Winterlingen, Burgfelden, Nusplingen, Böttingen, Mahlstetten, Kolbingen und Irrendorf, jedoch ohne besonderen Erfolg ausgeführt und nur in der Nähe von Onstmettingen konnten größere Mengen von feinkörnigen, phosphorhaltigen Felsenerzen gewonnen werden, welche aber wegen des theuren Fuhrlohns auf 31 kr. per Ztr. zu stehen kamen und ebenso hoch stellten sich die aus Oberschwaben von Scheer und Egelfingen bezogenen Erze, während die leichten Neuhauser Erze 21 kr. per Ztr. kosteten. In dieser Bedrängnis richtete man das Augenmerk auf die im oberen braunen Jura vorkommenden Eisenoolithe, sog. Linsenerze, welche zu Gutmadingen zwischen Geisingen und Donaueschingen schon seit längerer Zeit abgebaut und auf dem fürstenberg. Werke Amalienhütte zu Bachzimmern verschmolzen wurden. Die gleichen Erze hatte ein Erdrutsch am Plettenberg blosgelegt und Schürfversuche deckten sie auch in der Nähe von Goßheim, Weilheim und auf der Markung von Hausen ob Verena auf, an welch’ letzterem Orte wahrscheinlich schon früher ein Abbau für den Thalheimer Ofen stattgefunden hat. Im J. 1857 wurde bei Weilheim am westlichen Thalgehänge ein Stollen auf das erschürfte Flötz getrieben, nachdem vorher durch Tagbau das zu einem Probeschmelzen erforderliche Erzquantum gewonnen und durch Tiegelproben ein Eisengehalt von 47 % nachgewiesen worden war. Die Thone der Macrocephalusschichte, in welcher die Erze liegen, zeigten sich am Bergabhang in ihrer Lagerung vielfach gestört und erst bei weiterem Vorrücken des Stollens wurde das | Flötz in regelmäßigem Anstehen mit einer Mächtigkeit von 51/4 bis 51/2′ und mit einem Einfallen von 21/4° gegen Südwesten in den Berg hinein, erreicht. Der durch Pfeilerbau und Schrämarbeit gewonnene Erzgrund kam kaum auf 3 kr. per Ztr. zu stehen, mußte aber in Ermanglung einer Wasserkraft bei der Grube auf das Werk geführt und dort verwaschen werden. Zu 1 Ztr. gewaschenes Erz waren 4 Ztr. Grund erforderlich und der Selbstkosten des Linsenerzes loko Hütte betrug 23 kr. per Ztr. Wegen der Feinkörnigkeit und Leichtflüssigkeit der Linsenerze bot deren Verhüttung einige Schwierigkeiten dar und um einen Rohgang des Ofens zu vermeiden, wurde das Satzverhältnis nicht über 1/3 Linsenerz auf 2/3 Bohnerz gesteigert.

Die vorstehend geschilderten Verhältnisse, namentlich der Mangel an Holzkohlen drängten im J. 1861 zu dem Entschlusse, den Hohofenbetrieb in Ludwigsthal ganz einzustellen, so daß die Weilheimer Grube schon nach 4 Jahren wieder auflässig wurde und ein erst kurze Zeit vorher bei Mühlheim im Kaiserbachthale aufgefundenes Bohnerzlager unangegriffen geblieben ist. Die letzte am 26. Okt. 1861 beendigte Hohofen-Kampagne von 995/7 Wochen lieferte 22.230,22 Ztr. Roheisen, also im Durchschnitt per Woche nur 223 Ztr. 100 Pf. Roheisen erforderten 333,6 Pf. Erze und 18,5 Kubikfuß Kohlen, 3/7 buchene und 4/7 tannene, auf 100 Pf. Erz kamen 23,3 Pf. Flußstein. Unter dem Erzeugnis befanden sich 4766,54 Ztr. Gußwaren.

Von jetzt an wurde für die Gießerei der Kupoloofen unter Verwendung von Koaks und englischem Roheisen betrieben, das für den Frischfeuerbetrieb erforderliche Roheisen aber theils von Wilhelmshütte bezogen, theils von anderen Werken und von Privaten angekauft. Namentlich gab es Gelegenheit, große Quantitäten Roheisen zu sehr billigen Preisen von den bei Einstellung des Hohofenbetriebs in Bachzimmern zurückgebliebenen Vorräthen und vom Ausbruche der kalt gelegten Werke zu Thiergarten und Zizenhausen zu erkaufen. Durch das Aufhören der Gießerei auf dem letzteren Werke im J. 1863/64 eröffnete sich gleichzeitig für Ludwigsthal ein erweitertes Absatzgebiet und es hat seitdem die Gußwarenproduktion von früher durchschnittlich 2500 Ztr. auf jährlich 6–7000 Ztr. zugenommen. In Folge hievon wurde im J. 1868 mit einem Aufwande von 1550 fl. die Gießerei vergrößert, ein zweiter Kupoloofen mit neuer Esse und eine Sandmühle erbaut, sodann im Jahre 1870 ein in Schwenningen entbehrlich gewordenes Soolen-Reservoir mit einem Kosten von | 3950 fl. nach Ludwigsthal versetzt und zu einem Gußwaren- und Modell-Magazin eingerichtet. Schon früher, im J. 1859 war unterhalb der Hammerwerksscheuer ein neues Laborantenhaus mit 6 geräumigen Wohnungen erbaut worden, welches als Ersatz für zwei wegen Baufälligkeit abgebrochene alte Wohngebäude, die sog. alte und neue Hüttenschreiberei diente und einen Bauaufwand von 8800 fl. verursachte. Weitere größere Bauwesen aus den Jahren 1872/74 sind die Herstellung eines neuen Schulgebäudes mit 3 Wohnungen zu 8500 fl. und die Errichtung eines Werkstättegebäudes, welches mit der inneren Ausstattung von Hilfsmaschinen zum Montiren von Gußwaren und zur Anfertigung von ausgerüsteten Wagenachsen 7935 fl. kostete. Alle diese Bauwesen, sowie die Vervollständigung des Modell-Inventars wurden von den eigenen Mitteln des Werks bestritten, welche namentlich in den für die Eisen-Industrie so überaus günstigen Jahren von 1871–75 reichlich zu Gebote standen. Der Durchschnittserlös, welcher im Jahre 1869/70 per Ztr. Ladenguß 7 fl. 21 kr., Grobeisen 8 fl. 13 kr., Kleineisen 9 fl. 53 kr., Nageleisen 9 fl. 27 kr. betrug, stieg im Jahre 1872/73 bis auf 10 fl. 28 kr., 11 fl. 47 kr., 14 fl. 17 kr., 13 fl. 8 kr., gleichzeitig waren aber auch die Preise der Rohstoffe und die Löhne bedeutend in die Höhe gegangen und als die in allen Gewerben jetzt noch fortdauernde Stagnation eintrat, wurde davon die Stabeisenfabrikation am empfindlichsten berührt, weil diese unter dem Drucke der Überproduktion und der jetzigen deutschen Zoll- und Handelspolitik am meisten zu leiden hat. In Folge davon ist in der letzten Zeit der Frischfeuerbetrieb beschränkt und das Bestreben der Verwaltung darauf gerichtet worden, unter Verwendung von wohlfeilem altem Eisenmaterial die Erzeugung von ausgearbeitetem Eisen möglichst auszudehnen. Hoffen wir, daß es gelingen werde, auch diese Krisis, wie in früheren Perioden so viele andere, glücklich zu bestehen und den auf dem Werke gegenwärtig beschäftigten 43 Arbeitern mit ihren Familien den seitherigen Nahrungsstand zu erhalten.



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Geschichte der Stadt.

Tuttlingen[2]hat seinen altdeutschen Namen Tutilininga von dem (besonders in St. Gallen häufigen) Personnamen Tutilo, wobei immer noch Anlehnung an lat. tutela (Landshut) möglich wäre. Es war in alten Zeiten eine Dingstätte (Stäl. W. G. 1, 216). In der Geschichte erscheint es zuerst 797 bei einer Schenkung ans Kloster St. Gallen. Bald nachher schenkt ein Glied der Berthold’schen Familie, wahrscheinlich Graf Gerold, der bekannte Wohlthäter des Klosters Reichenau, Tuttlingen sammt Zubehör an dieses Kloster (Gall. Oh. v. Barack 19, 4), welches daher noch viel später hier ansehnliche Güter, Rechte und Einkünfte besaß, so die beiden Kehlhöfe, 16 Huben, welche es an Bürger verlieh, ansehnliche Fruchtgefälle, zu deren Einzug es einen eigenen Pfleger aus der Bürgerschaft wählte. Dafür hatte es 1/3 der Kosten des Brücken-, Steg- und Wegbaues zu tragen und mußte im Winter an der Donau eine Tränke machen lassen, weit genug für 12 Ochsen. 843 (1. Sept.) bezieht das Kloster aus Tuttlingen jährlich 10 Viertel Hülsenfrüchte, 100 Käse, 1 Schaf, 4 Stränge von Haar (Wolle), 5 von Hanf, 1 Faß (Saum) Honig (U. B. 1, 125. Oheim 55). 1135 soll Ulrich von Zollern dadurch Abt in Reichenau geworden sein, daß er seinen Amtsvorgänger Abt Ludwig in der Kirche zu Tuttlingen ermorden ließ, und selber im gleichen Jahre an Gift gestorben sein (Schmid Zoll. Hohenb. LXXXVIII). Oheim sagt nur, daß Ludwig von mächtigen Mannen des Gotteshauses erschlagen worden, und von Ulrich geschrieben stehe, daß er „der geistlichen Zucht unadelig“ gewesen (s. Stillfried, Hohenzoll. Forsch. 1, 86 Anm. 24). 1275 residirte in T. ein Pleban. 1283 wird Berthold, Keller von Tuttlingen, genannt (Baumann, Freih. v. Wartenberg, Freib. Diöc. A. XI S. 171). 1294 soll Johann v. Lustnau T. innegehabt haben (Crus. Ann. Suev. 3, 318).

Kloster Amtenhausen hatte 1312 in T. ein Gut zu vergeben.

Das Kl. Reichenau belehnte mit Tuttlingen nebst Zubehör (d. h. Effingen, Oberbaldingen und halb Sunthausen), als Vögte und Maier die Herren von Wartenberg, Dienstmannen der Gr. von Fürstenberg, die nun ihren Sitz in Tuttlingen nahmen. Von | 1356 an mußten sie sich mit den Steußlingen, Blumberg und Dießenhofen in diese Lehen theilen. 30. Juli 1359 versetzte Oswald v. W. mit Genehmigung seines Bruders Friedrich seiner Hausfrau Klara, geb. von Landau, Tuttlingen, die Stadt, Leut und Gut mit aller Zugehör, mit Zwing und Bann, Gerichten, Steuern, Fällen und aller Ehehafte, was alles Lehen von Reichenau ist, um 2600 fl. für ihre Heimsteuer, so daß dieselbe, Graf Eberhards v. Landau Tochter, und ihre Erben diese Stücke als rechtes Pfand nutzen sollen, bis Oswald oder seine Erben sie wieder lösen. 27. Nov. 1367 verkaufte Friedrich v. W. seinen halben Theil und seine Rechte an der Stadt Tuttlingen an seinen Bruder Oswald. Dieser und seine obgenannte Gattin aber verkauften 1372 ihrem Neffen, Gr. Rudolf v. Sulz, die Vogtei über Stadt und Burg Tuttlingen, Effingen, Oberbaldingen und halb Sunthausen um 3150 fl. mit Genehmigung des Lehensherrn. Der Graf gab ihnen jedoch wiederholt (zuletzt 1373) alles auf Lebenszeit zur Nutznießung. 1377 ist Tuttlingen wirtembergisch, ohne daß man weiß, wie es erworben ward[3]. Denn ohne Zweifel als solches wird es im Städtekrieg von den Reichsstädtern, worunter die Rottweiler, erstürmt, mit Raub und Brand verwüstet[4] und die Gefangenen theils nach Konstanz, theils nach Rottweil gebracht (s. O.-A. Rottweil 244). 1398 erkaufte Gr. Eberhard einige Leibeigene in Tuttlingen von den Gebrüdern von Smalenstein. 1381 verpfändete Gr. Eberhard, als er dem H. Leopold von Österreich Geld zum Kauf der Herrschaft Hohenberg vorstreckte, Tuttlingen für 1940 Pf. H. an Konrad v. Lupfen[5], von dem es H. Leopold 1. Nov. 1384 wieder einlöste (Lichnowsky, Gesch. d. H. Habsburg IV, DCCLII). 1420 wird es als der Herrschaft Wirtemberg eigen angeführt. 19. Okt. 1434 verpfändeten die Grafen Ludwig und Ulrich von Wirtemberg Tuttlingen mit Zubehör für 4500 fl. an Hans von Zimmern | und seine Enkel Werner, Gottfried und Konrad von Zimmern[6] (Sattl. Gr. 2, 116), nachdem zuvor die Schenken von Limburg es pfandweise innegehabt (Zimm. Chr. 1, 145).

Bei der Landestheilung 1442 erhielt Gr. Ludwig Tuttlingen noch als Pfandschaft (Sattl. 149), löste es aber 1444 wieder ein (Köhler S. 63).

Die Erbauung der Honburg wird um 1400 angesetzt, was aber, da die „Burg Tuttlingen“ ja schon früher wiederholt vorkommt, vielleicht nur auf ihre Erweiterung zu beziehen ist.[7] Zoll und Geleit in Tuttlingen aber kam an Zollern-Hohenberg, 1381 an Österreich, welches beides an den von Hornstein um 200 fl., nach dessen Tod an Reinold Herzog v. Urslingen, verpfändete, der es 1422 der Gräfin Henriette von Wirtemberg als Vormünderin der Grafen Hans, Alwig und Rudolf von Sulz um 100 fl. versetzte (St. Arch.); von den Grafen von Sulz erwarb es 1451 Bernhard Wolf, Bürgermeister in Rottweil um 75 fl. (St. Arch.), und 1475 Johann Schaffner, Bürger daselbst, worauf 1539 Bürgermeister Hans Schaffner es an H. Ulrich von Wirtemberg verkaufte (eb.). Kloster Alpirsbach bekam 1463 einen Hof in Tuttlingen von Wolf Truchseß von Waldegg und seiner Frau, Agnes von Sunthausen (Glatz, Alpirsb. 91).

Tuttlingen war ein strategisch wichtiger Punkt, für Wirtemberg eine Hauptstütze in seinen oberen Landen, daher es in den Fehden und Kriegen vom 15. Jahrh. an häufig genannt wird. 1479 hatte Gr. Eberhard Fehde mit den Herrn von Fridingen, welche vom Hohenkrähen aus seine Besitzungen schädigten. Er befestigte den Mägdeberg und zog gegen sie. 2. Nov. sandte er ihnen von Tuttlingen den Fehdebrief zu und beobachtete den Hohenkrähen. Erzh. Sigmund von Österreich nahm sich der Fridinger an und zog mit 3000 Mann gegen Tuttlingen, um die Stadt zu belagern, umschloß aber dann den Mägdeberg, der bald durch Verrath in seine Hände fiel und ihm sammt dem Dorf Mühlhausen auch im Friedensschluß 1480/81 blieb.

Im Schwabenkrieg 1499 war Tuttlingen der Sammelplatz für die Zuzüge aus Wirtemberg und hatte manches zu leiden, doch überschritten die Eidgenossen den Hegau nicht. Nach der | Niederlage im Schwaderloch lag Gr. Wolfgang von Fürstenberg, der Anführer der wirtembergischen Truppen, hier mit 2000 Knechten. 1514 verbreitete sich der Geist der Empörung auch in diese oberen Gegenden. Nach dem Bericht des auf den Schwarzwald abgeordneten Rudolf von Ehingen von Jakobi d. J. reiste dieser von Sulz nach Tuttlingen; willig huldigte hier das Gericht, die Zwölf aus der Gemeine und die Mehrheit der Bürger auf den Tübinger Vertrag. Nur 39 Bürger weigerten sich, dies zu thun, und diese hetzten die Bauern aus den Amtsorten auf, welche 300 Köpfe stark erschienen. Auch griffen sie, nachdem die Unterhandlung einige Zeit ruhig gedauert hatte, plötzlich zu den Waffen, holten ihre Wehre und Harnische. Nun trat der vierte Theil der Amtsuntergebenen mit großem Lärm vor, sie überfielen die ruhigen Bürger unter Trommelschlag und wollten sie ermorden. Zwar griffen auch diese zu den Waffen, waren aber an Zahl viel zu schwach, und Rudolf von Ehingen, Pankraz von Stoffeln, der Vogt von Tuttlingen und der Stadtschreiber von Tübingen mußten mit eigener Lebensgefahr alle Überredungskunst aufbieten, um Ärgeres zu verhüten. Zwar verließen die Aufrührer den Platz, besetzten aber das Stadtthor, unterstützten die Fallgatter, und man mußte ihnen folgende Punkte bewilligen: Straflosigkeit für jene 39, 14 Tage Bedenkzeit wegen der Huldigung, auf herrschaftliche Kosten allen zu essen und zu trinken. Auf dieses hin zogen sie mit Anbruch der Nacht nach Hause. 1519 im März zogen die Schweizer zu Herzog Ulrich nach Blaubeuren zum Theil über Tuttlingen. Während des Zugs der Bündischen gegen Tübingen war Gangolf von Geroldseck beschäftigt, den Schwarzwald einzunehmen. Seine Aufforderung an Tuttlingen durch einen Trompeter ward zunächst abgewiesen. Nun fielen aber die Rottweiler in die Amtsorte ein, und belagerten und beschoßen unter Kaspar von Bubenhofen, Friedrich von Enzberg, Philipp von Altenhofen u. a. die Stadt, welche sich ihrer zunächst erwehrte. Da sie sich aber nach Tübingen vergebens um Rath und Hilfe wandte, so ergab sie sich 21. April an Gr. Heinrich von Lupfen, Wolf von Honberg (später Obervogt in Tuttlingen) und Hans Jakob von Landau, Landvogt in Nellenburg, für den schwäbischen Bund, „ist aber“, wie unterm 19. Aug. Keller, Schulz und Gericht an H. Ulrich schreiben, „stets bereit, zu thun, was frommen Leuten gebührt.“ (Gabelkh.) Die Amtsorte behielten die Rottweiler für sich, bis Erzh. Ferdinand auf Bitten der wirtembergischen Landschaft mit ihnen unterhandelte, | worauf sie dieselben durch Vertrag vom 12. Juli 1522 wieder herausgaben (Gabelkh.; O.-A. Rottw. S. 248). 1521 im Juli gab der Kaiser auf die Nachricht, daß H. Ulrich in den Besitz von Hohentwiel gekommen sei, Befehl, Tuttlingen und den „Haundberg“ mit guter Wache zu hüten. Auch 1522 wurde die Stadt als ein haltbarer Grenzort gut besetzt, und im Bauernkrieg diente sie dem Bunde zum nicht unwichtigen Stützpunkte. August 1524 begann der Aufstand im Gebiet des Gr. Sigmund von Lupfen-Stühlingen und machte der österreichischen Regierung um so mehr Sorge, als H. Ulrich denselben für seine Zwecke zu benützen suchte. Im Nov. empörten sich die Bauern im Brigthal unter Oswald Mader und dem Hecht und suchten auch Wirtemberg hineinzuziehen. Statthalter und Regenten schickten alsbald Rudolfen von Ehingen, Ritter, nach Tuttlingen auf den Posten, der etliche Reisige und Fußvolk nachziehen sollte. Genannte Hauptleute mit 300 Bauern zogen nach Thuningen, mit ihnen der stühlingische Bauernhauptmann Hans Müller, um weiter landabwärts vorzufahren, wurden aber durch den Zuzug der von der wirtembergischen Regierung Verordneten aus Bräunlingen zurückgetrieben. Allda machten sie ein Geleit und Geschrei, auf dem Schwarzwald Zierheld genannt. Mehr als 6000 Bauern wollten Hüfingen und Villingen überziehen. Die von Villingen schrieben Herrn Rudolfen von Ehingen mit eilender Post gen Tuttlingen, baten ihn, sie nicht zu verlassen und alsbald zu ihnen zu kommen. Er kam mit Fußvolk und Reitern, auch etlichen aus der Stadt, und besetzte die beiden Städte, wozu auch Freiburg und Waldkirch Leute schickten. Die Bauern wurden von Hüfingen aus an die Wutach zurückgeworfen. Als H. Ulrich 20. Febr. 1525 von Hohentwiel zur Eroberung seines Landes aufbrach, hatte sein Gegner Truchseß Georg, erst etwa 1000 Mann beisammen. Er lag zu Engen mit 300 Pferden, von wo er nach einem Scharmützel im Welschinger Wald auf Stockach rückte und 400 Pferde und Fußknechte nach Tuttlingen entsandte, denen er (27. Febr.) folgte. H. Ulrich zog über Möhringen, von wo aus er den Feindsbrief seines Jugendfreundes beantwortete, 26. Febr. an Tuttlingen vorüber nach Spaichingen. Der Truchseß war einen Tag hinter ihm, zog ihm auf dem kürzeren Wege über das Beerathal nach und brachte ihm in der Frühe des 1. März zwischen Weilheim und Waldstetten Schaden bei. Anfangs Mai erwartete man in Tuttlingen wieder einen Angriff des Herzogs, der aber nicht erfolgte, worauf der Truchseß von da ins Unterland zog und am 12. den Sieg bei Sindelfingen erfocht. | 1534 24. Mai huldigte Tuttlingen dem H. Ulrich wieder (St. Arch.), worauf Lichtmeß 1535 die Reformation daselbst eingeführt ward. Dieselbe fand Anfangs viele Gegner, wegen der katholisch bleibenden Umgebung. Der erste Pfarrer war M. Franz Wiser. Während des Interims war Pfarrer und Spezialsuperintendent der bekannte Jakob Manlius. Er zeigte bei der Visitation 1551 durch Isenmann an, daß er und Matthäus Renner zu Trossingen in dieser Vogtei allein das Evangelium sincere predige, die anderen Pfarren werden zum Theil deserirt, etliche von papstischen und losen Leuten verlegt. Von Thuningen berichtet der Keller: Nachdem der Prädikant geurlaubt worden, ist ein Meßpfaff dahin verordnet, dem ein Bezirk 5 Meilen von Rottweil verboten gewesen, den haben der Obervogt und ich im Flecken nicht dulden wollen und ihn damit hinwegzuziehen verursacht. Dieselb Pfründ vacirt jetzt. Noch 1552 werden Neuhausen, Effingen und Aldingen von Meßpfaffen über Land versehen und die armen Leute um ihre Zehnten und Almosen, die Kirchen raubisch von Kollatoren und Possessoren zum Theil beraubt, mit ärgerlichen, gotteslästerlichen Lehren, Zerimoniis und pravis exemplis gebracht. Der Pfaff zu Hausen o. V. kommt in der Woche einmal oder zweimal gen Aldingen, hält Meß und sagt ihnen zu Zeiten ein wenig vom Evangelium, denn er kann nit viel dazu. Thalheim hat einen jungen kunstlosen Meßpfaffen, der hat sich weder bei meines gn. Fürsten und Herren Räthen, noch bei den Amtleuten zu Tuttlingen angemeldet, darauf auf fürstlichen Befehl die Kirch vor ihm verschlossen und nachdem er die Pfarrgefäll üppig verthan, ist er davon gezogen, die Kirch öd gelassen, deren sich Jak. Manlius zu Tuttlingen auf beschehen Begehren angenommen. Die Kollatores geben ihm pro labore nichts. In Neuhausen hat manches in vielen Jahren keine rechte Predigt nie gehört, denn sie wohl 40 Jahre einen Meßpfaffen gehabt, der selbst den Weg, wie ich sorg, in Himmel nit gewußt habe. (St. Arch.) Noch 1545 sollen viele Grafen, Ritter und Herren auf dem Rathhause zu Tuttlingen eine Versammlung behufs Wiedereinführung der katholischen Religion gehalten haben. 1585–89 herrschte eine pestartige Seuche. 1598 wurde ein großes Hagelwetter „durch Hexen angerichtet“. 1611 stand Stadt und Kirche unter Wasser, worauf Sterben unter Mensch und Vieh folgte, es starben 306 Personen, von 900 Stück Vieh blieben nur 60 übrig. 1612 28. Nov. war H. Joh. Friedrich hier auf der Reise nach | Hohentwiel und erhielt einen goldenen Becher von der Stadt geschenkt, auf der Rückreise 8. Nov. wurde er Pathe eines Knaben des Bürgers Hans Haas. 1613–14 lag der Schnee von Martini bis April. 1618 begann die Kriegslast für Tuttlingen mit Durchzügen von Unionstruppen, der Schaden betrug 1435 fl. 54 kr. 1619 kamen ligistische Truppen, in Folge hievon und von Mißwachs entstand 1622 solche Theuerung, daß der achtpfündige Laib Brot 1 fl. 12 kr., 1 Sri Kernen 7 fl. 15 kr. kostete. 1628 hatte die Stadt 9 Wochen lang eine österreichische Besatzung, die sich alle Ausschweifungen erlaubte. 1629 lag in Stadt und Amt Tuttlingen das 3000 Köpfe starke, alt Colaltische Infanterieregiment, zu dessen Unterhaltung die Stadt Sulz mit ihren Amtsorten im Sept. 60 Ztr. Fleisch beitragen mußte. 1632 wurde das Amt mit Märschen und Kontributionen hart mitgenommen. Am 6. Juni hieb ein schwedisches Streifkorps 600 Kaiserliche bei Tuttlingen nieder. Im Okt. wurden die Grenzen, wie die von St. Georgen und Hornberg, mit Geworbenen und Landvolk besetzt, weil viele kaiserliche Truppen aus der Bodenseegegend nach dem Breisgau vorbeizogen. Weil auch die kaiserliche Besatzung in Villingen die benachbarten Orte mit Ausfällen und Streifpartien heimsuchte, so schickte der zu Radolfszell stehende wirtembergische Oberst Rau seinen Oberstlieutenant Steinfels mit 300 Musketieren nach St. Georgen, Tuttlingen und dem Hornberger Amt ab. 1633 fieng der Jammer des Kriegs für Tuttlingen, früher als für die meisten Orte des Landes, schon vielfach und furchtbar an. 20. Febr. kam der kaiserliche Kommandant Vizthum von Eckstedt aus Lindau, berannte die Stadt, die er nach kurzer Gegenwehr eroberte und vieles Geld von den Einwohnern erpreßte (s. u.) Seine Soldaten erlaubten sich alle Arten von Mißhandlungen und Ausschweifungen. Auch fiengen in diesem Jahre die aus Villingen ausgehenden Streifpartien an, den Amtsorten zum Schrecken und Verderben zu werden, indem sie viele derselben überfielen, ausplünderten, Pferde und Vieh mit sich fortnahmen, Mordthaten begiengen und mehrere Flecken, Dörfer und einzelne Wohnungen niederbrannten. Zu Anfangs März verließen die Feinde Tuttlingen wieder, nachdem sie die Stadt und Gegend ausgezehrt und ausgeraubt hatten, und zogen sich gegen die Iller zurück. Als am 28. Aug. der Feldmarschall Horn mit 12.000 Mann von Donauwörth gegen Konstanz zog, schickte er den Obersten Freiherrn von Degenfeld mit 2 Reiterregimentern und 700 Musketieren unter dem Oberstlieutnant
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| Schlösser voraus. Letztere wurden in ihren Quartieren in Mühlheim (s. daselbst) durch 2000 feindliche Reiter und Dragoner überfallen. Die Musketiere wurden theils getödtet, theils zerstreut, theils nebst dem Oberstlieutenant Schlösser gefangen. Nun aber eilte der Oberst von Degenfeld mit seiner Schaar herbei, griff die feindliche Reiterei, obgleich sie viel stärker war, entschlossen an und hielt sie vier Stunden lang auf, wobei er freilich 600 Mann verlor, aber doch den Entsatz von Villingen vereitelt hatte. (Es ist dies wohl das auch bei Mühlheim erwähnte Gefecht bei Stetten, nach der Darstellung bei v. Martens, die, wie er selbst sagt, unter der Unklarheit der Quellen zu leiden hat und mit der bei Mühlheim gegebenen nur wenig übereinstimmt). Bei Horn’s Vorrücken zogen sich 2. Sept. die kaiserlichen Vorposten von Tuttlingen zurück. Nach der vergeblichen Belagerung von Konstanz vereinigte sich Horn am 5. Okt. mit H. Bernhard bei Hohentwiel, und ihr nun 30.000 Mann starkes Heer stand am 6. und 7. Okt. bei Tuttlingen dem kaiserlich-bairischen unter Aldringen und Feria bei Neuhausen gegenüber, das aber nicht Stand hielt, sondern an den Rhein abzog. Mitte Nov. kehrten die zwei letztgenannten Generale mit noch 12.000 Mann vom Rhein zurück, um in Wirtemberg Winterquartiere zu beziehen. Am 14. brannte das von den Kaiserlichen besetzte Schloß Karpfen durch Verwahrlosung der Gunninger ab. (Gaisser Annalen.) Horn folgte, und als Aldringen 21. Nov. Tuttlingen und den Honberg besetzte, wurde er am 1. Dez. durch die Schweden unter dem Obersten von Degenfeld daraus vertrieben. Am folgenden Tag besetzten 16 Kompagnien Schweden die Stadt, nachdem in der Nähe 300 Kaiserliche (besonders Kroaten) durch die Mannschaft des schwedischen Oberst Wettberg theils niedergehauen, theils gefangen genommen waren. Dagegen wurde aber auch Degenfeld in der Nähe von Rottweil durch Kroaten überfallen und nebst einem Rittmeister und 10 Mann gefangen. So war das Jahr 1633 schon voll Noth, Angst und Schaden für Tuttlingen und seine Amtsorte, denn schon die Besatzung von Landmiliz und die Einquartierung des schwedischen Reiterregiments Brink im Winter 1632–33 waren lästig und kostspielig und nach der feindlichen Besetzung der Stadt durch Oberst Vizthum forderte dieser noch 3 Monate Sold für sein Regiment und befahl alles bare Geld und Silbergeschirr auf das Rathhaus zusammen zu tragen. Weil nicht genug abgeliefert wurde, ließ er den größten Theil der Bürgerschaft in die Kirche sperren, den Amtskeller Jo. | Konr. Müller, Stadtschultheiß Jäger, Stadtschreiber Hünlin und beide Bürgermeister, worunter Anton Teufel, aufs Rathhaus gefangen setzen, Pferde und Rindvieh der Bürger auf den Markt zusammen treiben, und nahm bei seinem Abzug nicht nur Vieh und Pferde, sondern auch die auf dem Rathhause Gefangenen als Geisel mit fort, den Amtskeller ausgenommen, welcher entwischte und sich 26 Stunden unter dem First des Rathhausdaches versteckt hielt. Die als Geisel abgeführten Vorsteher und Bürger endigten ihr Leben an der Pest in der Gefangenschaft zu Lindau, nur zwei blieben verschont. Ebenso jammervoll gieng es im Nov. zu. Zwar gab Aldringen der hochschwangeren Gattin des Amtskellers, dessen Kinder alle tödtlich krank darniederlagen, einen Lieutenant, um sie gegen Mißhandlungen zu schützen, ins Haus; allein dieser war unedel genug, dem Amtmann nicht nur seine 3 Pferde und 15 Stück Rindvieh, sondern auch das theils eingesalzene, theils im Rauch hängende Fleisch von 8 Schweinen und Alles, was ihm sonst gefiel, zu rauben. Als des anderen Tags sich Müller beim Aufbruche der Truppen aus seinem Verstecke hervorwagte, um nach den Seinen zu sehen, wurde er von den jungen Polaken, welche bei dem kaiserlichen Heerhaufen als Freiwillige waren, vollends ausgeraubt und unmenschlich gemartert, um Geld von ihm zu erpressen. Sie waren mit dem Regiment Isolani gekommen, das nebst etlichen Kompagnien Dragoner unter Oberstlieutenant Prevost den Nachtrab machte und die Bürger unter Mißhandlungen vollends ausplünderte. Doch betrugen sich Prevost und seine deutschen Dragoner weit menschlicher, als die Kroaten und Polaken. Müller berichtet selbst die teuflischen Martern, durch welche er von letzteren gezwungen wurde, ihnen auch den Sack voll Reichsthaler, den er in einer Mauer, und den Beutel voll Dukaten, den er im Abtritt verborgen hatte, zu geben. Die Bürger waren alle in die Waldungen entflohen, und als am 1. Dez. der Oberstlieutenant zum Abmarsch blasen ließ und viele Soldaten noch so mit den Weibern und Kindern verfuhren, daß man sie überall schreien hörte, ritt der brave Prevost auf des Amtskellers Bitte mit 9 Dragonern durch alle Gassen der Stadt und ließ die Nachzügler mit Schlägen hinaustreiben. Auf seinen Rath rief Müller, sobald alle Soldaten fort waren, im Hemde Weiber und Mädchen zusammen, um das dreifache obere Stadtthor zu verschließen und Brand zu verhüten, weil noch viele Brandhaufen von Wachfeuern in den Straßen lagen. Kaum waren die äußersten Thorflügel geschlossen, so kam | schon wieder ein Schwarm Kroaten und fiengen an es aufzuhauen. Mit Eile ließ Müller das innerste große Thor zumachen und möglichst verrammeln, und als die Kroaten dieses aufbrennen wollten, Sturm schlagen. Dies bewirkte, daß die Bürger aus Wäldern und Verstecken herbeieilten und die Kroaten mit Steinen und siedendem Wasser vom Thore abtrieben, auch das Feuer an demselben löschten. Am 2. Dez. Morgens, nachdem die Bürger endlich erlöst zu sein meinten, kamen unvermuthet wieder drei Haufen Kroaten. Weil man sie nicht in die Stadt einließ, so nahmen sie auf dem Felde, wo Tags zuvor das Lager gewesen, 8 Bürger gefangen, führten sie auf die Honburg und drohten solche aufzuhängen und die Mühlen außer der Stadt abzubrennen, wenn ihnen nicht für den an den gestrigen Steinwürfen gestorbenen Reiter 1000 Reichsthaler bezahlt würden. Männer, Weiber und Gesinde wurden zusammen berufen und ermahnt, um jene Bürger und die Mühlen zu retten, auf Wiederersatz was sie könnten beizutragen. Als man auf diese Art 5–600 fl. zusammen gebracht, hieß es unvermuthet, die Kroaten verlassen die Honburg fliehend und jene 8 Bürger laufen von dort herab der Stadt zu; auch sah man vom Kirchthurm aus gegen 16 Kompagnien schwedischer Reiter an der Donau herabkommen. Ehe man ihnen auf ihr Verlangen die Thore öffnen konnte, setzten sie durch die Donau und jagten hinter der Stadt hinum den Kroaten nach, von denen sie noch viele niedersäbelten. Bei der Rückkehr von dieser Kroatenjagd trafen sie vor der Stadt gegen 60 Mann spanisches Fußvolk an, das in Möhringen übernachtet hatte und die Schweden für Kaiserliche hielt, jetzt aber auch von ihnen zusammengehauen wurde. Nun verlangten die Schweden als Dank für die Befreiung von den Kroaten das für dieselben bestimmt gewesene Geld, welches ihnen auch gegeben wurde. Die Gegend um Tuttlingen war so unsicher, daß Müller erst nach 6 Tagen eine Brandsalbe von Schaffhausen bekommen konnte, und wegen zunehmender Lebensgefahr ihm der Kommandant von Hohentwiel nach etlichen Tagen eine Sänfte, eine Kutsche und einen Wagen mit 40 Mann Bedeckung schickte, um ihn, seine Familie und den geringen Rest seiner Mobilien bei Nacht nach der Festung zu bringen, wo ihn Dr. Burgaro aus Schaffhausen vom Tode am Brand rettete, er aber doch 4 Monate zu thun hatte, bis er hergestellt wurde. Der Herzog verwilligte ihm den Ersatz seines Plünderungsschadens von den Einkünften der Kellerei und überdies die 3/4jährige Besoldung der eben damals auf so lange | vakanten Obervogtsstelle. Auch wurde er als Keller nach Pfullingen ernannt (s. u.), jedoch alles dieses durch die Nördlinger Schlacht und die allgemeine Flucht aus dem Lande vereitelt.

Vom J. 1634 sind wenig Nachrichten vorhanden. 30. Aug. treibt die Überlinger Besatzung den Tuttlingern ihr Vieh von der Weide weg, tödtet den Hirten. Der Rath erläßt eine Bekanntmachung: Weil wegen geschehener Einquartierung der Soldateska, darauf erfolgten Mißwachses und Abbrennung der Häuser viel Bürger aus Hunger und anderen Nöthen sich in die Fremde begeben, haben wir eine Salva guardia verlangt und wollen uns mit Getreide nach Nothdurft versehen, daher mögen die Flüchtlinge zurückkehren. Zum Kriegselend kam noch ein großer Brand. Die Österreicher machten mehrere Angriffe auf Tuttlingen, so am 15. Sept., wobei mehrere Bürger erschossen wurden. Als sie Sonntags 7. Nov. während des Gottesdienstes die Stadt wieder anfielen, entstand ein solches Gedränge der aus der Kirche eilenden Leute, daß die Mutter des verstorbenen Pfarrers Eisenkopf, eine Witwe von 90 Jahren, erdrückt wurde. Auch bei diesem Angriff verloren einige Bürger das Leben und die Feinde bemeisterten sich der Stadt.

1635. Dekan Sattler flieht nach Vaihingen; da sein Haus 1/2 Jahr leer steht, leidet die Registratur sehr. Vikar M. Angelin stirbt an der Pest, M. Silvester Eckher darf nicht kommen. Daher nimmt sich M. Stefan Grötzinger, Pf. in Öffingen, der auf der Flucht hier ist, des Amts an, wird den 4. Dez. 1635 als Pfarrer angenommen und 1642 Dekan (stirbt 76). Er mußte wegen der beständigen Durchzüge, Plünderungen und Quartiere ein Jahr lang sich in Schaffhausen aufhalten, von wo aus er mehrmals nach Tuttlingen kam. Die Kirchenbücher werden nach Engen geflüchtet. 30. Juni 1635 übergab ein kaiserliches Dekret dem Hofkriegsrathspräsidenten Gr. Heinrich Schlick die Städte und Ämter Balingen, Ebingen, Rosenfeld und Tuttlingen als Eigenthum, und am 12. (22.) Nov. ließ er dieselben durch den Gr. von Wolkenstein und den abtrünnigen Professor Besold in Besitz nehmen. Er ließ die Beamten in ihren Stellen, ernannte Jo. Christof Jäger zum Sekretär, verschaffte der Stadt einen Salvaguardia-Brief und am 30. Okt. vom Kaiser einen Befehl, daß Tuttlingen quartierfrei sein solle. Um die Mitte des Jahres kam ein großes Sterben. Am 5. Okt. wurden 14 Menschen zumal begraben und im ganzen Jahre starben 546. Das Getreide wurde großentheils durch Mäusefraß | zerstört (s. Mühlheim)[8], im Herbst kam ein furchtbares Hagelwetter, und die Verpflegung der baierischen Besatzung fiel sehr schwer.

1636 liegen als Besatzung in Tuttlingen Baiern, 100 Reiter, 60 Fußgänger; man muß ihnen alle Nacht 11 Karren Holz und 40–50 Lichter geben, die Bürger müssen die Stadt mit Palissaden umgeben; man ißt Kräuter, Hunde, Katzen. Pest und Noth nehmen immer mehr zu, die Leute arbeiten wenig, die Vermöglicheren sitzen zusammen und trinken, die Kinder auf den Straßen fragen einander oft scherzweise: wer von uns wird morgen begraben? (Schmid).

26. März 1638 besetzten wieder die Schweden die Stadt, ebenso 14. Mai, die sich auch nicht zum besten betrugen. Am 16. war Herz. Bernhard mit seiner ganzen Reiterei vom Breisgau aus hier. Am 23. Juli kamen die Hohentwieler, dann wieder die Kaiserlichen, welche am 11. Jan. 1639 von den Hohentwielern überfallen wurden, die nun selber plünderten. Die jetzt folgende Belagerung von Hohentwiel brachte vermehrte Durchmärsche, und der bair. Oberst Truckenmüller lag den Winter über mit dem größeren Theil seines Regiments in Tuttlingen. 1640 16. Sept. klagt Schlick über schlechte Einkünfte, schickt als Oberinspektor den Leibarzt seiner Gattin Dr. Jo. Oßwald und erklärt, die Besoldungen der geistlichen und weltlichen Beamten seien zu groß, da sie sogar seine Einkünfte übersteigen, und er nach viel aufgewendeten Kosten keinen Nutzen habe; am 7. Okt. schickte er seinen Rath Jo. Merz zur Rechnungsabhör, bekommt aber doch nichts. Januar 1641 können keine Baiern dagewesen sein, denn am 20., als Widerholt von seinem Handstreich auf Balingen zurückkehrte, machte er hier Mittag und stand bei einem Bürgerkinde zu Gevatter. 20. Mai stellte der Gr. Schlick der Stadt einen Schutzbrief aus, der aber natürlich wenig half. 6. Aug. 1642 richtete ein Hagelwetter großen Schaden an. Im Herbst wollten Gen. Erlach und Widerholt Tuttlingen überfallen, da sich aber ihr Anmarsch verzögerte, konnte der bairische Oberst Kreuz sich vorsehen, zog sich jedoch zurück und ließ nur 100 Reiter und 70 Musketiere da. Am 21. Nov. rückte Widerholt mit Fußvolk vor die Stadt, schoß Bresche und erstürmte sie am 23. Nov. Als Erlach sich zurückzog, folgte Mercy und | plünderte die Stadt. 28. Febr. 1643 lagen Baiern hier. Um den 22. Juli zog das französisch-weimarische Heer von Stockach über Tuttlingen auf Rottweil. Am 19. Nov. hatte dasselbe bei erneuter Belagerung Rottweil einbekommen, aber am 21. sein Haupt, den vorsichtigen Guebriant, verloren, wodurch Uneinigkeit und Unentschlossenheit einriß. Ranzau führte die Truppen der besseren Verpflegung wegen nach Tuttlingen. Die Vorhut unter General Rosen, 10 Reiterregimenter und 3 zu Fuß[9], kam nach Mühlheim und Umgebung; das Hauptquartier, sämmtliches Geschütz und 2 Regimenter Fußvolk nach Tuttlingen, Gen. Ranzau selbst mit 8000 Mann nach Möhringen und an der Donau hinauf bis nach Geisingen. Unterdessen hatten Mercy und Jo. v. Werth Verstärkungen erhalten, und der die Gegend genau kennende bair. Generalquartiermeister vom Holz entwarf den Plan des Überfalls. 14. (24.) Nov. hielten Ranzau und der Gr. Montefiore im Adler eine Gastung, auf dem Markt legen drei Markedenter ihre Kostbarkeiten aus, daß der Markt schimmert; ein Bauer von Liptingen führt von Werth und Hatzfeld herbei. (Schmid). Die Kaiserlichen sammelten sich mit Zurücklassung des Gepäcks und Trosses bei Meßkirch und trafen unter dem Schutze eines dichten Nebels und Schneegestöbers Nachm. 3 Uhr völlig unbemerkt bei Tuttlingen ein. Johann von Werth[10] führte die aus 1000–1500 Reitern und 600 Mann zu Fuß bestehende Vorhut. Auf dem Kirchhof stand das ganze Geschütz, er schwenkte mit seinen Reitern um den Honberg herum, hieb die sorglose Wache nieder und nahm es weg. Einige der eroberten Kanonen wurden auf die Stadt gerichtet, in der die größte Verwirrung entstand. Die Honburg ergab sich dem sie umschließenden Fußvolk nach kurzem Widerstand. Indessen war das Hauptheer angerückt und umschloß die Stadt, indem es zugleich gegen Mühlheim und Möhringen Front machte. Vergeblich versuchte die Besatzung einen Durchbruch, sie wurde stets wieder zurückgeworfen; | in die Stadt eingekeilt, ohne Geschütze und Schießbedarf, erwartete sie vergeblich Hilfe von außen. Rosen war zwar von Mühlheim angerückt, zog sich aber vor Kaspar v. Mercy’s Reiterei schleunig zurück. Nach Möhringen rückte Jo. von Werth mit 2000 Reitern auf dem rechten Donauufer selber vor. Die französische Reiterei hielt nicht Stand, und das Fußvolk ward von Werth und K. v. Mercy in Möhringen eingeschlossen. Am Morgen als Gen. Mercy ankam, mußte es sich ergeben, ebenso that das Hauptquartier in Tuttlingen, wo noch der Herzog von Lothringen eingetroffen war. Die ausgesandten Reiterscharen brachten noch viele Gefangene ein. Das französisch-weimarische Heer war so gut als vernichtet, nur Rosen mit seinen Reitern war entkommen. Dies war (wie Schiller sagt) das Roßbach des 17. Jahrh., das zudem, wie dieses selbst, auf beide Parteien in Deutschland einen ähnlichen Eindruck, den der Befriedigung, machte. Die Stadt erhielt wieder eine bairische Besatzung. Sie wurde 17. Febr. 1645 durch Widerholt vertrieben, der nach seiner Praxis in diesen letzten Jahren des Kriegs die Pallisaden ausreißen, die Thore verbrennen und ohne Zweifel auch die Honburg zerstören ließ, um den Ort für die Feinde unhaltbar zu machen. 1647 hatte Tuttlingen wieder eine französische Besatzung und litt durch Bouwinghausens Durchzug Schaden. Im Frieden mußte Schlick die 4 Städte und Ämter herausgeben, und am 4. Dez. wurde Tuttlingen für den H. Eberhard III. wieder in Pflicht und Huldigung genommen. Die Stadt hatte während des Kriegs 70 Häuser, 1 Kirche (s. u.) und die Zierde ihrer Mauern und Thürme eingebüßt. Es folgten 20 Friedensjahre, aus denen nichts Wichtigeres bekannt ist. 1675 kamen Grenzverwahrungstruppen, 1677 aufs neue wirtembergische Einquartierung, auch forderte der französische Kommandant von Freiburg eine Kontribution. 1688 flohen viele Leute vor den schändlich hausenden Franzosen in die Schweiz. 1702 im Okt. setzte der Kurfürst von Baiern, dessen Armee bei Riedlingen stand, dem Oberamt Tuttlingen eine harte Kontribution an. Anfangs Mai 1703 schickte der Marschall Villars von Hornberg 1200 Reiter nach Tuttlingen und kam bald selbst in die Gegend; am 8. lagerte sich das französische Heer bei Möhringen. Am 15. Mai kam der Kurfürst nach Tuttlingen, und das französische Heer stand am 19. von Tuttlingen bis Riedlingen, zog sich aber dann weiter gegen Oberschwaben. Vorher mußte ihnen 3000 fl. Brandschatzung bezahlt werden. Auch sonst | war der Schaden groß. 1704 im April versammelte der in Oberschwaben kommandirende Feldmarschall von Thüngen 11.000 Mann bei Tuttlingen und ließ zwischen Mühlheim und Sernadingen Linien gegen einen Angriff vom Rhein aufwerfen. Am 8. Mai gieng er über Neuhausen, Mühlheim, Tuttlingen in die Gegend von Rottweil zurück, wo die deutschen Truppen sich zusammen zogen, um die Vereinigung der Baiern mit dem Zuzug des Marschalls Tallard zu vereiteln. Dies gelang nicht, der Kurfürst führte sein Heer von Ulm her gegen den Schwarzwald, wo er jenen aufnahm. Am 12. stand er in Tuttlingen und bezog wie schon voriges Jahr im Wirthshaus zum Hirsch Quartier. Im Sommer führte Tallard dem Kurfürsten ein größeres Heer zu, 26.000 Mann. Am 15. Juli stand er vor Villingen, das wieder ruhmvoll vertheidigt wurde. In Folge einer Aufforderung zu schleuniger Hilfe zog er am 21. ab und marschierte am 23. über Tuttlingen. Mühlheim wurde völlig ausgeplündert und abgebrannt. Es folgte die Niederlage von Höchstädt, die den Kurfürsten auf dem Rückzug 20.–24. Aug. wieder nach Tuttlingen brachte. Am 22. verbrannten die Franzosen zu Rietheim 8 Häuser, Wurmlingen wurde von ihnen ausgeplündert. Hier und da rächten sich auch die Einwohner an den flüchtigen Franzosen für die früher erlittenen Mißhandlungen. Dagegen wurden in Bärenthal von Irrendorfer Bauern[11] 4 kaiserliche Soldaten in diesem Jahr erschlagen.

Bei Tuttlingen lag die Donau so voll todter Pferde und todten Viehes, daß ihr Wasser nicht getrunken werden konnte, und 1 Maß Brunnenwasser mit 15 kr., 1 Maß guten Weines mit 5 fl. bezahlt wurde.

Vom polnischen Erbfolgekrieg blieb unsere Gegend unberührt, im österreichischen gab es wieder Durchmärsche. So kam 7. Dez. 1744 der französische Generallieutenant v. Maubourg mit 4 Bataillonen und 16 Schwadronen.

Der durch die französische Revolution angefachte Geist der Unzufriedenheit kam besonders auch in unserem Grenzbezirke wiederholt zum Ausbruch und soll durch Eigennutz und Brutalität der Beamten mitverschuldet worden sein. Ende Okt. 1792 rotteten sich über 500 Manns- und viele Weibsleute in Tuttlingen zusammen gegen den Oberamtmann Spittler, die Schreiber | und einen Theil des Magistrats. H. Karl suchte nach seiner Gewohnheit persönlich zu beschwichtigen, doch nicht ohne daß das Feuer unter der Asche fortglomm. Im Jahre 1794 brach es aufs neue aus. 18. März nahmen die Bürger den Oberamtmann Spittler gefangen, andere baten in Stuttgart um Hilfe, welche in Gestalt einer Exekution von mehreren 100 Mann erschien, die nach einigen Wochen wieder abzogen. Der Oberamtmann wurde nach Beilstein versetzt. 1796 kamen die ersten Franzosen von Villingen aus nach Tuttlingen, es waren ungefähr 6000 Mann, die unter General Jordis auf den Wiesen bei Ludwigsthal ein Lager bezogen. Der berühmte Rückzug Moreau’s von der Isar (in Folge der Niederlagen Jourdans bei Amberg und Würzburg) im Herbst dieses Jahres gieng hauptsächlich durch unsere Gegend; der linke Flügel stand am 6. Okt. in Tuttlingen, am 7. stand Desaix zwischen Tuttlingen und Villingen, das wie auch Rottweil noch von Österreichern besetzt war, Moreau selbst war am 9. in Tuttlingen, wo am 11. ein kleines Gefecht gegen die nachrückenden Österreicher stattfand, deren Hauptquartier am gleichen Tage dort ankam. Die Stadt hatte in diesem Jahre einen Schaden von 15.226 fl., Stadt und Amt zusammen von 129.740 fl. Am 1. März 1799 gieng Jourdan mit 38.000 Mann über den Rhein, am 12. stand seine Vorhut in und bei Tuttlingen zu beiden Seiten der Donau. Auf dem Rückzug von der Ostrach stand die Division von St. Cyr am 22. wieder bei Tuttlingen, am 24. waren Gefechte bei Neuhausen und am 25. führte ein Vorrücken Jourdans von Engen aus die Schlacht bei Stockach-Liptingen herbei, welche eine kleine Strecke des Neuhauser Gebiets berührte. Am Abend war Jourdan in Tuttlingen und blieb daselbst am 26. Der linke Flügel der Franzosen, der an der Schlacht keinen Antheil hatte nehmen können, berührte auf dem Rückzuge noch die Baar. Bei Tuttlingen selbst fanden Vorpostengefechte statt und wurde die Brücke von den Franzosen abgetragen. Der rechte Flügel zog auf Villingen und Neustadt; das österr. Heer blieb zunächst bei Liptingen, Neuhausen und Emmingen; der Erzherzog Karl wandte sich dann über Donaueschingen in die Schweiz. Die Franzosen requirirten damals von Stadt und Amt 500 Säcke Dinkel, 1500 Ztr. Heu, 1500 Bund Stroh, 4000 franz. Scheffel Haber und 50 Ochsen. Unter solchem Kriegsgedränge beschickte die Stadt den am 29. April 1806 versammelten Landtag mit keinem eigenen Deputirten, sondern trug | dem Abgeordneten der Stadt Tübingen Vollmacht auf. Anfangs Mai 1800 kamen die Franzosen wieder in unsere Gegend (vgl. Hohentwiel). Sie schlugen am 3. die Österreicher bei Engen und Stockach. Am 4. Mai früh zog sich eine österreichische Abtheilung nach einem Gefechte in der Gegend von Stetten auf Tuttlingen zurück, am folgenden Tag rückte Ney von Mauenheim gegen Tuttlingen vor und bemächtigte sich dieses Orts; die Österreicher zogen sich über Neuhausen zurück, bei welchem Orte ein Gefecht zwischen den Truppen des Generals Ney und denen des Erzherzogs Ferdinand von Österreich vorfiel. Ney nahm am Abende dieses Tages sein Hauptquartier in Neuhausen, der linke Flügel seiner Division stand bei Mühlheim. Fortwährend folgten der vorrückenden französischen Armee Verstärkungen, welche zum Theil Requisitionen erhoben. Die Kriegsnoth hauptsächlich trieb in diesem und dem folgenden Jahre aus mehreren Amtsorten, namentlich Schwenningen, Oberbaldingen, Öffingen, etliche hundert Personen zur Auswanderung nach preußisch Polen. Ein volles Jahr dauerten diesmal die Quartierlasten; nach dem Frieden von Luneville beim Heimmarsche der Franzosen wieder bis zum 3. Mai 1801. Von der in der Baar einreißenden Viehseuche blieben Tuttlingen und Neuhausen verschont. Dafür traf jenes am 1. Nov. 1803 wie ein Blitz aus heiterem Himmel der härteste Schlag. Der Tag war hell bei scharfem Nordost, und gerade auf der Nordostseite der Stadt, im Haus des Kaufmanns Jo. Tob. Luithlen, brach Abends vor 5 Uhr beim Schmalzaussieden ein Brand aus, der sich so schnell verbreitete, daß um 1/28 Uhr die ganze innere Stadt in Flammen stand. Das Donauthor stürzte zusammen und das andere Hauptthor, das Engener, reichte nicht zu, um viele Effekten zu flüchten, geschweige Wasser zum Löschen zuzuführen. Mit Mühe wurden die beiden Vorstädte gerettet, in der oberen brannten noch 4 Häuser ab. Es verbrannten alle (250) Gebäude der inneren Stadt, die öffentlichen Kassen und Registraturen. Von 700 Bürgern verloren 500 oder 2197 Menschen nicht nur ihre Wohnungen, sondern die meisten auch ihre Kleider und Betten, alle ihre Hausgeräthe, Wintervorräthe, Waaren, Handwerkszeuge. Nicht einmal alles Vieh wurde gerettet, und 2 Menschen kamen in den Flammen um. Die abgebrannten Gebäude waren ohne die Kirche mit 333.000 fl. versichert. Die werkthätige Theilnahme für die Verunglückten war bei Behörden und Privaten des In- und Auslandes eine | großartige[12], so daß im Jahre 1804 nach dem vom Landbaumeister Uber entworfenen, vom Kurfürst Friedrich, der 13. und 15. Febr. selbst in Tuttlingen war, revidirten Plane die ganze Stadt schöner wieder aufgebaut werden konnte.

1809 zogen wieder Franzosen durch und 1814 und 1815 die Heere der Alliirten. Vom Mai bis Nov. 1815 allein wurden im Bezirke 253.359 Mund- und 179.831 Pferdsrationen abgegeben, woraus geschlossen werden kann, daß dieselben in den französischen Kriegen jener Zeit zusammen sich nach Millionen berechnen. Noch 1818 zogen Tausende von Österreichern durch Tuttlingen aus Frankreich der Heimat zu. – 30. Juni 1828 fiel in ein Haus der oberen Vorstadt der von G. Schwab im Gedicht verewigte Blitzschlag; die Getödteten waren in Wirklichkeit Großmutter, Mutter, deren ledige Tochter und die 8 Jahre alte Tochter eines anderen Bürgers. König Wilhelm kam zufällig an demselben Nachmittag durch Tuttlingen und bewies den Leidtragenden durch ein königliches Geschenk seine landesväterliche Theilnahme.

In Betreff der inneren Entwicklung der Stadt können folgende geschichtliche Notizen gegeben werden. Tuttlingen war ehedem, wie auch aus der bisherigen Geschichte hervorgeht, wohl befestigt, und wurde deswegen Kleinbreisach genannt. Es hatte doppelte Mauern, starke Thürme, guten Wall, das obere Thor war mit zwei großen Thürmen verwahrt. (Schmid). Im 15. Jahrh. war die Pflasterung der Stadt mangelhaft, denn es verbaten sich die Tuttlinger die Gegenwart Kaiserlicher Majestät Friedrichs III. demüthig unter dem Vorwande, daß sie für seine geheiligte Person weder eine anständige Wohnung noch Lebensmittel genug hätten. Der Kaiser ließ sich dadurch nicht irren. Aber er sah bald ein, was der eigentliche Grund der Vorstellungen gegen seinen Durchzug gewesen. Die Pferde giengen bis an die Kniee im Straßenkothe, und Friedrich sagte lächelnd, jetzt sehe er erst, daß man aus lauter Devotion ihm den Durchzug habe wehren wollen (Cleß, Culturgeschichte 2 b, S. 656, mit Berufung auf Bebel’s Facetien). 1582 dagegen hatte die Stadt ohne Zweifel ein Pflaster, da solches auch bei dem neuerrichteten Kornkasten angelegt | wurde. Es waren zwei Badhäuser da, ferner zwei Schlösser, eines an der Donau, wo jetzt der Fruchtkasten, eines, Burg genannt, hinter der Kirche (Schmid), und ein Amthaus. Die Einwohnerzahl betrug 1622: 1550; 1652: 549; 1739: 1960; 1771: 2365; 1784: 2675; 1797: 3122; 1807: 3641; 1818: 4080; 1826: 4795; 1838: 5570.

Der Obstbau wurde früher stark betrieben. Eine herrschaftliche Schäferei wird 1442 angeführt. Eine Mühle wird schon 797 erwähnt, das Landbuch von 1623 nennt 3 Mühlen an der Donau, eine städtische Sägmühle, 2 Walkmühlen. 1764 errichtete der Banquier Thurneisen von Basel eine Floretniederlage in Villingen, wodurch das Floretkämmen und -spinnen ein Verdienst für ärmere Familien in Tuttlingen und mehreren Amtsorten, besonders Schwenningen, Thuningen, Thalheim, wurde. Ein Herr Bühl von Stein am Rhein errichtete 1775 eine ähnliche Fabrik in Rietheim, wozu später noch mehrere kamen. In der Stadt selbst errichtete Kaufmann Im. Stengelin 1775 die erste, und Alois Weber, Landvogt in Schwyz ließ viele Westentücher, Strümpfe und Handschuhe in Tuttlingen weben. Ein nicht unwichtiger Fabrikationszweig war das Sauerkleesalz, zuerst 1736 von den Apothekern Braun und Megenhart betrieben. 1836 errichteten 6 Bürger die Fabrik Donaufeld. Die Kohler’sche Papiermühle lieferte jährlich 20 Ballen Schreibpapier, 150 Ballen Druck- und 60 Ballen Pack- und Fließpapier. 1830 wurde eine Druckerei errichtet und seit 1. Januar 1831 erschien der Bofinger’sche Grenzbote. Die Messerfabrikation verdankt ihre Entstehung dem Jo. Jak. Storz, der in Frankreich sich ausgebildet hatte und schon 1782 größere Messen mit seinem guten Fabrikate besuchte; ihm folgte 1803 sein Sohn Jo. Georg, beim Tode des Vaters aus Paris zurückgerufen. An sie schloßen sich andere strebsame Meister an. Der Handel war in früheren Zeiten bedeutend. 1413 ertheilte K. Sigmund der Stadt, welche schon damals einen stark besuchten Fruchtmarkt hatte (es fanden sich namentlich viele Schweizer ein) das Recht zu Wochenmärkten, und 1415 zu zwei Jahrmärkten an Jakobi und Martini. 1560 wurde statt des fürstenbergischen das wirtembergische Maß und Gewicht eingeführt. Ein eigenes Landstandsrecht hatte die Stadt seit alten Zeiten. Die freie Pürsch dauerte bis in unser Jahrhundert (s. u.). 1805 bis 1810 bestand ein Oberforstamt mit dem Sitz in Wurmlingen. Von Leibeigenschaft war die Stadt frei. 15. Febr. 1839 wurde Tuttlingen in die erste Klasse der Gemeinden erhoben.

| Mit der württembergischen Herrschaft (vielleicht schon früher) erhielt Tuttlingen einen Vogt, wegen seiner Wichtigkeit als Grenzfeste hatte es auch meist einen Obervogt. Als solche sind bekannt: 1377 Martin Malterer von Freiburg, Ritter, von den Städtern gefangen, 1386 gefallen bei Sempach; 1460 Hans Heinrich von Ofterdingen; 1465–1488 Wilhelm von Neuneck, Vogt; 1489–94 Hans Kaspar von Bubenhofen; 1495–98 Jörg von Werenwag, Vogt; 1499 Wilhelm von Graveneck; 1504 bis 1516 Hans von Karpfen I.; 1514 Hans von Ow; 1520–1531 Wolf Dietrich von Honburg; 1534–36 Jörg von Hewen; 1537–40 Hans am Gstad zu Möhringen; 1543–1545 Hans Sebastian Ifflinger von Graneck; 1546–50 Pankraz von Stoffeln; 1552 Jo. Jak. v. Landau; 1557 Hans v. Karpfen II; 1563–70 Balthasar von Karpfen; 1570 Hans Heinrich von Aldendorf; 1572 Wolfg. von Erlach; Ge. von Ulm 1586–89; 1606 Hans Walther Scher von Schwarzenburg; 1619 Peter v. Karpfen; 1630 Wilh. v. Berkheim, der letzte Obervogt der auf Honberg wohnte; 1634 Hans Joach. von Rochau; 1635 24. Febr. Jo. Wilh. Gr. zu Königseck, pontificius; 1649 Karl Philibert Ferrara Gr. von Landel; von 1653 an mit Balingen, Ebingen und Rosenfeld zusammen; 1675 Ge. Ehrenreich von Closen; 1748 Heinr. Günth. Reinh. von Röder, Oberststallmeister; 1751 Karl Gust. Friedr. von Uxküll, Reiseoberststallmeister. 1755 hörte die Stelle auf. Untervögte, zugleich Keller und geistliche Verwalter: 1486 Klaus Steimer; 1488 Konrad Zink; 1509 Jak. von Schörzingen; 1531 Stefan Ziegler; 1539–43 Heinr. Gemperlin; . . . Sixt Wehnlin; 1544–54 Jo. Altvater; 1557 Jerem. Godelmann; 1560 Zachar. Greins; 1565 Ge. Genkinger; 1577–78 Josef Brendlen; 1580 Tob. Lins; Hans Jak. Kürrmann; 1595 Hans Konr. Gölzer; 1615 Jak. Zeller; . . . Dan. Andler; Hans Jak. Andler; Hans Konrad Müller, ist auf Jakobi 1634 Keller zu Pfullingen (s. o.), letztlich Visitationsrechenbanksrath geworden; 1634 Jo. Sebast. Engelhard; 1635 Ge. Stenzlin; 1648 Jo. Cristoph Jäger; 1654 J. Rud. Holder; 1662 Seb. Schreyer, Herrn Kommandanten Jo. Ge. Wiederholden Tochtermann, resignirt 1689; 1689 Ge. Friedr. Beer; 1699 Wolfg. Erasmus Geuder; Phil. Theod. Brecht; 1730 Jo. Friedr. Geiger; 1735 Ge. Ferd. Gräter; 1739 Ge. Friedr. Thill; 1743 Jo. Friedr. Georgii; 1752 Jo. Burkh. Geisheimer; 1762 Friedr. Cristoph Wächter; 1764 Friedr. Ludwig Feuerbach; 1768 Ernst Phil. Heller; 1783 Dr. Heinr. | Aaron Spittler; 1794 Imm. Conz. Oberamtmänner: 1807 Jo. Christoph Friedr. Stockmaier; 1812 Christian Friedr. Hochstetter; . . . Karl Gottlieb Pfeilsticker; 1829 Christian Ludwig Traub; 1836 Christian Heinr. Lindenmaier, Herm. Hörner, Wilh. Ehemann, K. Ad. Camerer, Chr. Wernle. Der Stadtschultheiß (sagt Schmid) hatte sonst ziemlich viele Gewalt, jetzt ists nur noch ein Schatten davon; früher erhielt er einen Theil des Zehntens, jetzt dafür Geld, er war bis auf 600 fl. steuerfrei, wenn er um 5 Pf. H. strafte, gehörten 2 Pf. H. sein, 3 Pfund der Stadt, von 7 Pf. H. erhielt die Herrschaft 2 Pf. von 10 Pf. aber 8 Pf. Die Stadt hatte das Recht, ein Abzugsgeld zu erheben, welches gleich nach dem herrschaftlichen Abzug kam und durchs Kellereilagerbuch bestätigt war. Nach dem Bericht von Schultheiß, Bürgermeister, Gericht und Rath v. Febr. 1552 mußte eines von 2 Eheleuten, wenn es sich nach dem Tode des anderen wieder verheiratete, alle Güter die ihm das Verstorbene beigebracht hatte, wieder herausgeben, blieb es aber im verwitweten Stande, so behielt es deren lebenslänglichen Genuß; in einigen Amtsorten mußte es auch im Fall der Wiederverheiratung die Kinder erziehen lassen (Fischer, Erbfolge 2, 288).

Die Stadt besaß die Wälder Aichen und Koppenland und in diesen die freie Pürsch, welche die Herrschaft zwar 1709 an sich ziehen wollte, was jedoch durch ein don gratuit von 700 Dukaten verhindert wurde. Erst als dieses Recht allgemein aufgehoben wurde, verlor es auch Tuttlingen. Die Stadt hatte ihren eigenen Waldinspektor. Die Bürger hatten ein Freiwasser, den Mühlbach, der von Rietheim und Wurmlingen herkommt, wo jeder wöchentlich ein Essen Fische fangen durfte. Die Donau aber wurde, in zwei Theile getheilt, verliehen (Schmid; s. auch u. Regg.)

In kirchlicher Beziehung ist Folgendes zu bemerken. Der Abt von Reichenau war bis zur Reformation Patron der Pfarrei und der Frauenkapelle und St. Martinskaplanei, mußte auch die St. Martinskirche bauen lassen. Die Pfarrei war dem Bisthum Konstanz quartpflichtig (d. h. zur Abtretung des vierten Theils vom Zehnten oder eines Äquivalents). Die Stadtkirche war den Aposteln Petrus und Paulus geweiht, an ihrem Thurm war die Jahreszahl 1006 (?) eingehauen nebst einem Wappenschilde. Ihre Altäre waren den beiden Aposteln, der Jungfrau Maria und dem hl. Sebastian gewidmet. Ursprünglich mehr nur eine Kapelle, mußte sie öfters erweitert werden. 1584 wurde der | Kirchthurm renovirt. 1608 wurden 2 große Glocken gegossen von Jo. Heinrich Lamprecht von Schaffhausen, 2 andere waren älter, die eine hatte die Inschrift: S. Cirellus episcopus in Alexandria positus fugat tonitrua humano generi nociva. 1655 stiftete Jo. Dietrich v. Karpfen eine Orgel. 1680 wurde die Kirche erweitert, der Schreiner Barthol. Schneckenburger machte die Kanzel, ein Rorschacher den Taufstein, 1684 der Orgelmacher Fesenbeck eine neue Orgel, sie kostete 630 fl.. Fuhrlohn und andere Unkosten 300 fl. 1699 begann man, weil die Kirche zu eng ward und zanksüchtige Weiber sich in den Stühlen nicht vertragen konnten, den Neubau derselben, indem man auf jede Seite einen Anbau fügte, so daß sie eine Kreuzform erhielt; dieser Neubau wurde 1707 vollendet und kostete 8000 fl. Der Dekan Baldenhofer stiftete den schönen, von Joh. Reichlen gemachten Altar. 1701 wurde ein neues Diakonathaus gebaut, wozu Stadt und Spital Holz lieferten. (St.-Arch.) Beim Brande 1803 wurde die Kirche so ruinirt, daß man auch den mit Einsturz drohenden Thurm vollends abbrechen mußte. Die andere Kirche zu St. Martin auf dem Friedhofe war dem Aussehen nach älter als die Stadtkirche und hatte einen Thurm von schönen Quadern, sie soll die ursprüngliche Pfarrkirche gewesen sein. Ihre Altäre waren St. Martin und der h. Jungfrau geweiht. Die Kaplanei war mit der Pfarrstelle in Rietheim verbunden. Bei dem Überfall 1643 litt die Kirche sehr und kam in Abgang, 1803 war nur noch der etwa 40′ hohe Rest des Thurmes vorhanden. Abgegangene Kirchen waren ferner (schon zu Diak. Schmids Zeiten) eine St. Lorenzkapelle von 1132, unser Frauen Bildkapelle jenseits der Brücke, vielleicht wo später das Siechenhaus, eine Kapelle in der Kirchgasse und eine bei der Ziegelhütte. Auch bestand früher eine geistliche Bruderschaft. Eine große Bretterhütte, welche 1800 fl. kostete (Kurf. Friedrich gab dazu 1500 fl. aus seiner Privatkasse) und 1805 von einem Sturmwind niedergeworfen ward, vertrat nach dem Brande 1803 15 Jahre lang die Stelle einer Kirche. Die Verzögerung des Baues geschah hauptsächlich durch die Aufhebung der besonderen Verwaltung des Kirchengutes, welches die Hauptverpflichtung zum Neubau hatte. Erst 1815 wurde beinahe auf der Stelle der alten Kirche am 3. Okt. der Grundstein einer neuen gelegt, die mit einem Aufwand von 90.000 fl., die der Staat im Namen des Kirchenguts gab, und 20.000 fl., zu denen das Holz aus den Spitalwaldungen und die Spann- und Handfrohnen der Bürgerschaft | angeschlagen wurden, bis 31. Okt. 1817 soweit vollendet ward, daß sie eingeweiht werden konnte, indeß der innere Einbau erst 1818 fertig wurde. Die Stadt ließ durch den Graveur Eberh. Schad eine Medaille anfertigen, deren Vorderseite die Kirche darstellt mit der Umschrift: Templum Tuttlingense, die Rückseite aber die Worte enthält: Guilielmo regi conditori grata civitas die XXXI. Octobr. MDCCCXVII. Vor der Reformation waren ein Pleban und 4 Kapläne angestellt. Die Einkünfte der letzteren wurden bei der Reformation eingezogen und damit unter anderem die Besoldung des Schulmeisters verbessert. Anfangs war der Stadtpfarrer, der seit 1547 auch die Stelle eines Dekans bekleidete (unter ihm stand bis 1684 auch Hornberg und St. Georgen) der einzige Geistliche; 1556 wurde auch ein Diakon angestellt, der bis 1561 zugleich Präceptor der lateinischen Schule war. Ein Meßner, zugleich Provisor (Schulmeister) an der deutschen Schule, kommt 1590 vor.

Die Reihe der Stadtpfarrer und Dekane seit 1543 enthält 34 Namen: Franz Wiser; Benedikt Burgauer; Jo. Handtin, Jo. Mösch; Jak. Manlius 1549; Martin Kanzler, Mich. Hillmer 1562; Balth. Wagner 1571; J. Sartor 1579; Martin Kärner 1590; Jo. Castol. Hunn 1610; Konr. Cellarius 1615; Eberh. Andreä 1617; Christoph Binder 1621; Ge. Erhard 1631; Jo. Schlatter 1632; Melch. Silv. Eckhard 1634 (Vakanz 1635 bis 1642); 1642 Stef. Gretzinger; Jo. Cucuel 1666; Jo. Kasp. Baldenhofer 1676; Jo. Melch. Ruoff 1704; Gottfried Konrad Hochstetter 1710; Sigm. Dietrich Speidel 1728, bekannt durch die Unruhen, welche er erregte, 1737 entsetzt, eine Zeitlang auf Hohentwiel gefangen, 1755 wieder als Pfarrer in Feldstetten angestellt, gest. 1766 (Promemoria in der Vergewaltigungssache des Spec. Sup. Speidel 1741 fol.); Ge. Ludwig Gmelin 1737; Jo. Ge. Becherer 1756; Wilh. Friedr. Späth 1768; Christian Ludwig Neuffer 1775; Johann Samuel Heller 1781; Johann Imm. Friedr. Schmid 1803; Karl Friedr. Kapff 1819; Christian Gottlob Moser 1839; Friedr. Jak. Phil. Heim 1842; Dr. Jul. Hartmann 1851.

Die Stadtpfarrei hatte bis gegen das Ende des 17. Jahrh. anstatt der jetzt fixen Geld- und Naturalienbesoldung Güter (wovon noch ein Theil geblieben) und Zehnten, namentlich 4 Gärten, 33 Mannsmahd Wiesen, 8 Jauchert Ackerfeld, aus vielen Äckern den großen Zehnten, der im Jahr 1682 185 Scheffel ertrug, auch Heu- und kleinen Zehnten. Der Diakon | bekam ehedem von jeder Hochzeit eine Suppe nebst Fleisch und einer Maß Wein. Die Reihe derselben umfaßt seit 1556 56 Namen. 1832 wurde mit dem Präceptorat die Obliegenheit zu Unterstützung der Geistlichen in kirchlichen Geschäften verknüpft, statt dessen aber Okt. 1843 ein Stadtvikar angestellt. Ein Spital stand seit alten Zeiten in der Stadt auf dem Kehlhof, also auf Reichenau’schem Grund und Boden und hatte (ohne Zweifel ebendaher) schöne Güter und Einkünfte, welche 1553 neben vieler Frucht 1120 Pf. H. betrugen, wovon man etliche Pfründner erhielt, bei Theurungen auch arme Kinder speiste. Er wurde im dreißigjährigen Kriege auch etlichemal geplündert und gebrandschatzt, erholte sich zwar wieder, erschöpfte sich aber durch die Renovation und Vergrößerung der Kirche wieder so sehr, daß er in große Schulden gerieth (Schmid). 1798 brannte er ab und wurde erst 1819 in der obern Vorstadt am Fuß des Honbergs, da wo die Interimskirche gestanden war, wieder aufgerichtet, mit einem Aufwande von ungefähr 7000 fl. Ein Siechenhaus stand zuerst vor dem oberen (Engener) Thor, unweit der Linde am Hochgericht, später jenseits der Donau hinter dem Adler; dieses mußte 1818 wegen Baufälligkeit niedergerissen werden. Das Krankenhaus am Nordfuße des Honbergs erstand 1865. Eine Armenkasse ward 1808 errichtet, und 1819 zum Andenken an die Königin Katharina auf Anregung des damaligen Bürgermeisters und Landtagsabgeordneten, Kaufmann Karl Beck die Katharinenstiftung zur Beschäftigung von Armen. Die Kleinkinderbewahranstalt (vulgo Kinderschule) wurde 14. Juni 1832 eröffnet. Zu der Kinderrettungsanstalt („Waisenhaus“) gieng die Anregung von Beuggen aus, dessen erster Jahresfeier einige hiesige Freunde anwohnten, welche sodann 31. Jan. 1825 einen Aufruf (unterz. von O.-A.-R. Klett, O.-A.-Arzt Groß, Kaufm. Louis Groß und Kaufm. K. Beckh) an die Einwohner der Stadt um Beiträge ergehen ließen. Bis Herbst kamen 800 fl. zusammen, und am 27. Sept. konnte die Anstalt in den untern Räumen des Spitals mit 5 Kindern eröffnet werden. Am 22. September 1827 wurde sie in das einstweilen erbaute Anstaltsgebäude verlegt. Die lateinische Schule reicht (s. o.) in frühe Zeit zurück. 1739 erhielt sie einen Kollaborator. Die Realschule wurde 1838 errichtet. Nach dem Brande von 1803 wurde für alle Schulen nur Ein Gebäude errichtet, hiezu kam 1833 noch das Mädchenschulhaus. Die gewerbliche Fortbildungsschule datirt von 1826, die Frauenarbeitsschule von 1876. 1871 wurde die katholische | Kirche erbaut und zugleich eine katholische Gemeinde gegründet. Erster Kurat 1878 Ad. Friedr. Rief.

Von Tuttlingern, welche sich auswärts einen Namen gemacht haben, sind zu erwähnen:

1. Berthold v. Tuttlingen, Schreiber Bischof Rudolfs von Konstanz, später Kaiser Ludwig des Baiern, 1330. Stälin Wirt. Gesch. 3, 220.

2. Godelmann, Joh. Georg, Jurist, geb. am 12. Mai 1559 als der Sohn des Jeremias G., Vogts in T., und der Maria, geb. Holzschuher von Nürnberg, magistrirte in Tübingen 1576, studirte dann die Rechtswissenschaft, machte große Reisen, wurde 1580 Dr. der Rechte in Basel, 1581 Professor in Rostock, wo er die Institutionen in einem Jahr vollendete, was ihm seine Zuhörer mit 100 Thaler Honorar verdankten; heirathete in Rostock eine Tochter des Theologen Chyträus, der von Ingelfingen gebürtig war; erntete in Riga, wohin er 1587 zur Schlichtung von Streitigkeiten berufen wurde, viel Ehre, half darauf den holsteinischen Landständen und wurde 1592, als man in dem streng lutherischen Sachsen einen rechtsgelehrten Kämpen gegen die Kryptocalvinisten brauchte, als Rath nach Dresden berufen, als welcher er bei einer seiner vielen Verschickungen von Kaiser Rudolf II. geadelt wurde; starb in Dresden 20. März 1611.

3. Abermann, Heinrich, Philolog, studirte in Tübingen, wurde Magister daselbst 1607, Schulrektor zu Ödenburg in Ungarn 1608, trat zur kath. Kirche über und wurde Professor der griechischen Sprache am Archigymnasium in Wien. (Griechische und lateinische Verse von ihm bei Praetorius Corona imperialis ... in electionem et coronationem Matthiae Rom. Imp. Nuremb. 1613, p. 182–187.)

4. Krafft, Georg Wolfgang, Mathematiker, geb. 16. Juli 1701 in Tuttlingen, wo sein Vater Schullehrer war, studirte in Tübingen, wurde hier Magister 1725 und gieng noch in demselben Jahr nach Petersburg als Lehrer der Mathematik am Gymnasium und Adjunkt der Akademie der Wissenschaften, wurde 1731 ordentlicher Professor der Mathematik und Mitglied der Akademie, 1734 Professor der Physik, gieng 1744 in die Heimat zurück als Professor der Mathematik und Physik an der Universität und dem Collegium illustre in Tübingen, wo er schon 1754 starb („wie denn diejenigen, welche in Rußland gewesen, größtentheils nicht sehr alt wurden“. Seybold, Vaterländ. Historienbüchlein 130). „Durch Krafft wurde das Studium der Mathematik und der | Naturlehre mit mehr Lebhaftigkeit und Eifer als zuvor ausgebreitet, und von dieser Zeit an hat Württemberg mehr Kenner und Liebhaber der mathematischen Wissenschaften aufzuweisen. Er wußte die Jugend zum Fleiße zu ermuntern, war selbst ein Beispiel des Fleißes und hatte die Gabe eines deutlichen und angenehmen Vortrags. Sein Ruhm zog auch auswärtige Liebhaber der Mathematik, selbst aus Rußland, herbei.“ Bök, Gesch. der Univ. Tübingen 1774, S. 201 ff., wo auch ein Verzeichnis von Kraffts Schriften.

5. Bilguer, Joh. Ulrich v., geb. 1720 in Tuttlingen (oder Chur?) 1741 württembergischer, 1742 preußischer Militärarzt, 1757 Generalchirurg der preußischen Armee, 1762 Leibarzt der Königin, 1794 geadelt, gestorben in Berlin 1796. Seine Schrift De membrorum amputatione rarissime administranda 1761, verschaffte ihm einen europäischen Ruf. (Vgl. Allgemeine deutsche Biographie II, 635.)

6. Martin, J. C. v., geb. 2. Oktober 1766, wurde Lehrer, gieng 1787 mit dem Regiment, welches Herzog Karl in den Dienst der holländisch-ostindischen Kompagnie stellte, nach dem Kapland und von da 1791 nach Ostindien, von wo er, einer der wenigen Übriggebliebenen, als pens. Hauptmann heimkehrte und 1825 starb. (Köhler S. 34.)

7. Teuffel, Sigmund, Arzt, geb. 14. Nov. 1782 als Sohn des Stadtbaumeisters in Tuttlingen. Ein österreichischer Militärarzt, der im Hause des Letzteren einquartiert war, nahm den Jüngling nicht ohne Widerstreben der Eltern, das den Bitten des Sohnes endlich wich, mit nach Wien, um ihn in das Studium der Naturwissenschaften und der Medizin einzuführen. Nach mehreren Jahren setzte Teuffel die medizinischen Studien in Tübingen unter Autenrieth fort, erwarb sich 1805 durch Vertheidigung seiner Dissertation über die Wassersucht den Doktortitel und wurde sofort als Badarzt in Wildbad angestellt. Bekanntschaft mit Badgästen führte ihn zuweilen nach Karlsruhe, wo er sich 1807 als Arzt niederließ und die Stieftochter seines einflußreichen Gönners, des Geheimraths und Leibarztes Schrickel, heiratete. Bald erhielt er den Titel eines Hofmedikus, übernahm einige Jahre nachher den Unterricht der Chemie am Karlsruher Gymnasium, wie er später an der Thierarzneischule, deren langjähriger Vorstand er war, auch Unterricht in der Botanik gab, und wurde 1811 Medizinalrath und thierärztlicher Referent der Sanitätskommission. Neben seiner ausgedehnten Privatpraxis, in | welcher ihm seine theilnahmsvolle Anhänglichkeit an die ihm ihr Vertrauen schenkenden Familien und sein unermüdlicher Fleiß besonders nachgerühmt wurden, widmete er in dem Zeitraum von 36 Jahren, während dessen er mit nur kurzer Unterbrechung (s. u.) der obersten Gesundheitsbehörde Badens angehörte, mit vieler Geschäftsgewandtheit, Pünktlichkeit und Ausdauer seine Kräfte der gerichtlichen Arzneikunde, der Gesetzgebung und der Beaufsichtigung der Gesundheitspolizei. 1814 erhielt er den Titel eines Leibarztes; 1829 im letzten Regierungsjahr des Großherzogs Ludwig wurde er unerwartet seiner Stelle in der Sanitätskommission enthoben, kurz nach Großherzog Leopolds Thronbesteigung 1830 aber wieder eingesetzt, 1837 zum Direktor der Kommission befördert, nachdem er schon 1834 zum Geheimenrath ernannt worden war. Teuffel starb 9. April 1847. Badische Biographien, herausgegeben von Weech. 1875. II. 343 ff. – Sigmund Teuffels jüngerer Bruder war Joh. Konrad Teuffel, geb. in Tuttlingen 16. Juni 1799, gestorben 18. April 1854 als Obertribunalrath in Stuttgart, Landtagsabgeordneter für den Bezirk Tuttlingen 1851–54. (Auch der Vater des hochgeschätzten Philologen Wilhelm Sigmund Teuffel, geb. in Ludwigsburg 1820, gest. in Tübingen 1878, war von Tuttlingen und starb früh, als Regimentsarzt.)

Im Jahre 1814 bei einer Nervenfieberepidemie zeichnete sich der Glaser Sichler durch seine Aufopferung so aus, daß er vom Könige neben einem Geldgeschenk die goldene Civilverdienstmedaille erhielt.


Regesten.
30. Juli 797 geben Hubert und Isanbert Besitzungen mit Leibeigenen an’s Kloster St. Gallen (W. U. B. 1, 50). Im gleichen Jahr 11. Dezember stellt hier B. Egino v. Konstanz eine Urkunde aus in Betreff einer Precarei (Zulehennahme eines Eigenbesitzes von der Kirche) des Grafen Berthold (Neug. Cod. Dipl. I Nr. 134). 18. Febr. 819 Abt Gozbert v. St. Gallen in Betreff einer solchen Erminolds (eb. 201). 803 ist B. Egino und Abt Werdo, 820 Abt Gozbert mit Vogt und Offizialen in Tuttlingen. (St. Galler Mitth. N. F. 3, 177.) Reichenau: Ob. und unter: Kehlhof, letzterer später der Familie Jäger gehörig, daher Jägerhof (diese hatte auch am Wurmlinger Großzehnten Antheil) ersterer hatte viele Freiheiten, Güter, Wälder, den großen Fruchtzehnten (wohl zur Hälfte). 1530 ließen das Kloster und das Hochstift Konstanz ihre Gefälle renoviren. Der Abt war Patron der Pfarrei und der Frauenkapelle und St. Martinskaplanei und mußte die St. Martinskirche bauen lassen, (Schmid, ebenda die Tränke in der Donau). 1372 St. Kath. Abend: Bewilligung des Abts in der Reichenau um eine Leibdinge, um die Vogtei über Tuttlingen, Stadt und Burg zu | Tuttlingen, Effingen, Oberbaldingen und halb Sunthausen, so Gr. Rudolf von Sulz Herrn Oswald von Wartenberg und Frau Klara v. Landau, seiner ehelichen Witiben, eingegeben hat. (St. Arch.) 1408 10. Mai Rottenburg bewilligt H. Friedrich von Österreich dem Hans Bock, B. zu Rottweil, den Zoll zu Tuttlingen, der weil. des von Hornstein Pfand um 200 fl. gewesen und den jetzt der Herzog von Urslingen inne hat, abzulösen (Lichn. 5. No. 1013). 1520, 2. Mai und 27. Okt. Gütlicher Entscheid vor Statthalter und Regent in Wirtemberg zwischen Abt Martin in der Reichenau einerseits und den Inhabern der Huben und Lehengüter zu Tuttlingen, so vom Gotteshaus Reichenau zu Lehen wären und demselben zinsbar seien, wie es der Leiberung halb soll gehalten werden. (St. Arch.) 1535 Beschwerden des Abts wegen Arrestirung seiner Gefälle in Tuttlingen und Eintrag in Besetzung der Pfarren zu Tuttlingen und Trossingen. (St. Arch.) 1564 werden 6 Schupflehen in Erblehen verwandelt. (St. Arch.) 1759 26. Januar Lehenbrief Franz Konrads B. zu Konstanz über den Jäger’schen großen und kleinen Zehnten zu Tuttlingen, gegen den herzogl. Kirchenrath und dessen Lehenträger Gottfried Scheuermann. (St. Arch.)

Wartenberg: Konrad v. Wartenberg, Landgraf in der Baar, urkundet zu Tuttlingen 6. Jan. 1289 (s. Baumann a. a. O., S. 172 ff.) und 7. Nov. 1299, 5. Febr. 1308, ebenso Heinrich v. W. 13. Jan. 1312, Konrad v. W. Herr zu Tuttlingen, 29. Nov. 1333, Heinrich v. W. 5. Nov. 1338 (gibt der Priorin und den Frauen in der Klause zu Thalheim den Zehnten zu Effingen zu Lehen), Heinrich v. W. 24. Febr. 1346, Oswald v. W. und Friedrich und Heinrich v. W., Gebrüder 14. Okt. 1351. 1351 verzichtet Konrad v. W. St. Johanniter Ordens auf die Güter seiner Brüder Oswald, Friedr. und Heinr. gegen eine Jahresrente von 10 Pf. H. aus dem Zoll zu Tuttlingen. 13. Dez. 1356 gibt der edel Freie Friedrich von Wart.: in seinem und des edeln Freien Oswald v. W., Ritters, Namen die gemeinsamen Lehen vor Abt Eberhard v. Reichenau mit dem edlen Freien Albrechten von Steußlingen und dem festen Ritter Heinrich von Blumberg, deß Karpfen ist, auf und bittet, daß all’ die Lehen, welche er und sein vorgenannter Bruder von Reichenau gehabt, nemlich Vogtei und Maieramt zu Tuttlingen, die Wiesen, Äcker, Holz und Feld und die Fischenz, im Tuttlinger Bann gelegen, sammt den dazu gehörigen Leuten, ferner die Leute und Güter in den Dörfern zu Effingen, Baldingen, Sunthausen, Geptenhausen, so viel sie da haben, Nendingen, den Kirchensatz und die Laienzehnten daselbst und die Lehen, die sie zu Tuttlingen und in den vorgenannten Dörfern zu leihen haben, ihnen mit einander in einer gemein verliehen werden. Darauf leiht Abt Eberhard ingemein diese Stücke Albrechten v. Steußlingen, Heinrichen v. Blumberg, Eglofen, Konraden und Heinrichen v. Steußlingen, des vorgenannten Albrecht’s Söhnen, Hansen dem Truchsessen von Dießenhofen, Hansens Sohn. 1367 vermacht Frau Anna v. Tuttlingen, Nonne zu Rottenmünster, der Pitanz ihres Kl. 2 Malter Kernen aus einem Gute zu Fritlingen, damit man ihren und Herrn Konrad’s von Wartenberg eines Klosterherrn zu Reichenau, Jahrtag begehen möge. Fernere Regg. Baum. a. a. O. nro. 149, 150, 151, 152a.

Bauernkrieg: Zum Text Baumann, Bauernkrieg in Oberschw. („Schreiber des Truchs.“) S. 530, 535. Ders. Akten des Bauernkriegs | in Oberschw., S. 257: Wilh. v. Baldeck, Schultheiß, Bürgermeister u. Gericht zu Tuttlingen schreiben 1. Mai an Truchseß Georg: Heute Nacht versammeln sich die Bauern zu Möhringen. Nach glaubhafter Kundschaft soll H. Ulrich diese Nacht zu denselben dorthin kommen, ebenso die von Waldshut, welche mit 2 Büchsen unterwegs sind, und andere Bauern von Lenzkirch. Ist der Haufen vollständig beisammen, so will derselbe Tuttlingen angreifen, weshalb sie, die von Tuttlingen, sich rüsten und als fromme Leute mit Gott und mit Freuden gewärtig sein wollen. Sie hoffen, der Truchseß zuvörderst werde sie im Falle der Noth treten. Eb. S. 263 Brief des Landschreibers zu Ravensburg 5. Mai: Die Bauern im Hegau und auf dem Schwarzwald haben sich, als Herr Jörg Truchseß mit des Bundsherr einestheils durch das Hegau und auf Tuttlingen gezogen, in ihren Vortheil gen Thengen gelagert, aber Herr Truchseß ist nicht zu ihnen gezogen, denn er eilends auf das Land Wirtemberg ziehen müssen. Ferner eb. S. 28 Vollmacht des Erzh. Ferdinand gegen die Bauern im Brig-Thal und im Amt Tuttlingen. Eb. S. 51, 8. Jan. Die Kommissarien Erzh. Ferdinand’s zu Stockach haben gemeldet, daß sie die Unterthanen der Stadt Villingen, die des Abts zu St. Georgen und die aus dem Amte Tuttlingen auf trium regum vor sich erfordert haben. S. 91: Die Kommissarien melden 22. Jan. über die Reisigen in Tuttlingen. Sie rathen, Wolf Dietrichen von Honburg, dem Vogte, unverzüglich zu befehlen, diese Reisigen bis Sonntag 29. Jan. zu Tuttlingen aufzuhalten. Nach diesem Termin wollen sie dieselben in des Erzherzog’s Sold nehmen. S. 95: 28. Jan. fordert Truchseß von Stockach den Vogt von Tuttlingen, Wolf Dietrich von Honburg, auf, zum Entsatz von Hüfingen zu kommen. 29. Jan. schreibt er von Engen an Gr. Joachim v. Zollern, die bewilligten 250 Knechte aus Hohenberg und von Rottenburg unverzüglich nach Tuttlingen zu senden. S. 118: 24. Febr. schreibt Erzh. Ferdinand, Truchseß soll ihm unter anderem melden, wie viel Volk zu Tuttlingen liege. S. 148: 10. März schreiben Kanzler, Regenten und Räthe an die Truchsessen, der Keller von Tuttlingen habe ihnen angezeigt, daß die zu Tuttlingen in Besatzung liegenden Büchsenschützen von Balingen gerne Erlaubniß hätten, heimzuziehen; sie haben sie aber angewiesen, noch dort zu bleiben.

Dreißigjähriger Krieg: 1624 bat ein Landmilizkapitain, Paul Rabus, zu dem Kinde, das ihm getauft wurde, nicht nur viele Honoratioren, sondern 3 ganze Kompagnien, die Tuttlinger, Ebinger und St. Georger, im Ganzen 312 Personen zu Gevatter (Köhler, nach Breuninger. Urquelle der Donau). 20. Nov. 1632 bittet Hans Dietrich v. Karpfen für seine Familie und die Unterthanen zu Hausen und Rietheim bei der Direktion des Ritterkantons Neckarschwarzwald um Milderung der Kontributionen, um Verwendung bei dem König von Schweden, daß die Gegend von Mühlheim und der Herrschaft Karpfen nicht mehr so arg von schwedischen Soldaten verwüstet werden dürfe, um Vermittlung, daß die beschwerlichen Durchmärsche abgestellt werden (Glatz, Karpfen). 21. Juli 1633 klagte Hans Dietrich über die allgemeine Unsicherheit und besonders über den Schaden, den ihm die zu Weilheim und Wurmlingen quartierenden Franzosen unter Oberst Schlosser zugefügt haben (eb.).

Fischenz: 1455 verleiht sie Gr. Eberhard im Bart dem Heinr. Strölin, von der von Thengen bis zu Friedrich’s von Enzberg Wasser | (Schmid). 1496: Der Dompropst in Konstanz zitirt etliche, welche in einem Bache gefischt, darauf er Anspruch zu haben vermeint. (St.Arch.) 1564 gibt Klaus Vischer fürs Fischwasser zu Tuttlingen jährlich 25 Pfd. H. (St. Arch.) 1577–1775 verleiht die Domprobstei Konstanz die Fischenz in der Donau (vom Möhringer Wasser bis an das Eck des Baumgartens beim Schloß, wo das württembergische beginnt) an Tuttlinger Bürger. (St. Arch.)

Kirchliches: 1275 fatirt der residirende Pleban 35 Pfd. (circa 420 fl.) und zahlt seinen Zehnten für das Jahr von beiden Kirchen (lib. dec.). Die Tuttlinger Kirche als Quartpfarrei des Bisthums Konstanz zahlt auf 1323 2 Malter 3 Schfl. Spelz, 2 Malter Roggen, 1 Mltr. Haber Tuttlinger oder Radolfszeller Meß, und ist darunter etwas von Laienzehnten. 1324 ergibt die Quart der Kirche 1 Malter Roggen, 1 Mltr. Haber, 1 Mltr. Spelz (lib. quart). 1443 machen die Tuttlinger Weltgeistlichen und ihr Dekan mit Friedrich Abt von Reichenau folgenden Vertrag: Wenn ein Kleriker, welcher Pfarrherr ist, stirbt, so hat er dem Abt von Reichenau 30 Pfd. H. zu entrichten. Wenn aber ein Kleriker stirbt, welcher Chorherr ist oder Altarpriester, so sollen 15 Pfd. Konstanzer Münze bezahlt werden (Schönhut Reichenau 243). 1471 stiftet Abt Johann v. Reichenau in Gemeinschaft mit Gr. Eberhard v. Nellenburg den Altar St. Martini in die Pfarrkirche zu Tuttlingen (eb. 268).

Lupfen-Fürstenberg. 1399 wird das Branthofsgut und ein Gütle vergeben. Mann- und Kunkellehen von Stühlingen: Mich. Gut über Marx Wärnwags Gut in Tuttlingen, 1523 Tewuß Filder über das Branthofsgut in Tuttlingen, 1550 Hans Hedler’s Theil des Branthofsguts, 1563 Hans Wurstlin, 1606 Ottmar Schneckenburger, 1606 J. Schneckenburger 1622 Seb. Mayer, 1699 J. Martin, 1550 Hans Haini, 1554 Hans Teuffel, 1563 Hans Hainin, 1600 Hans Huber, 1632 Jak. Huber, 1670 Hans Huber, 1607 Val. Rentz, 1622 Konr. Rentz, 1623 Mart. Rentz, 1637 Ge. Rentz, 1699 Mart. Rizen, 1606 Hans Rübelmann, 1612 Benj. Mändler, 1634 Mart. Handtin[ER 1], 1636 Steudlin, 1642 Manger, 1610 Hiltzinger (Arch. Donauesch.)

Sonstiges: 1312 Amtenhausen: Wir haben zu Tuttlingen ein Gut, das bauet Cunr. der Ammann, das gab der Salzemann her, das giltet alle Jahr 8 Sch. Korn und Roggen und 4 Schilling Pfennige und 2 Hühner. 1398 baut es Konr. Weini (Arch. Donauesch.) 23. Juni 1354 Amtenhausen verkauft Heinr. Spät, S. Hermans des Jägers sel. von Tuttlingen, der Meisterin und dem Konvent zu Amtenhausen sein Vogtrecht von den Gütern des Kl. zu Asen (Fürst. U. B. 2, 306). 23. Aug. 1351 vermacht Heinrich v. Tuttlingen, Leutpriester an der Kirche zu Niedereschach, Bürger in Rottweil, sein Eigengut in Dietingen an diese Kirche. (Z. s. für Gesch. des O. R. 30, 2, S. 181.)

Bertholdt, genannt von Tuttlingen 9. Jan. 1328 oder 29 (Schreiber des B. Rudolf von Konstanz, Kopp Eidg. Bünde 5a, 420)[ER 2]: Bertholdus de Tutelingen, notarius Ludovici imperatoris 20. Jan. 1330 (Böhmer regg. Ludov. nr. 2719).

1392 auf Petri Stuhlfeier verkaufen Hans, Groß Conz, Conz und Reinhard von Smalenstein, Gebrüder, Grafen Eberhard von Wirtemberg ihre armen Leute in Tuttlingen um 150. fl. (St. Arch.)

| 7. Nov. 1430 begibt sich Anna die Weberin von Tuttlingen, vormals Leibeigene des Junkers Wilh. Schenk von Stauffenberg, in die Leibeigenschaft des Freih. Hans v. Zimmern (Z. s. f. Gesch. des O. R. 30, 2. S. 199.

1470 30. Mai instrumentum wie Gr. Eberhard’s von Wirtemberg Anwalt zu Urach vor einem notario und Gezeugen von einer anmaßenen Urteil, so vor dem Hochgericht zu Rottweil für Erhard Dorner und die von Tuttlingen, Oberbaldingen und Effingen ergangen, als man die Sach vermöge der wirtembergischen Freiheit nicht weisen wollen, an kais. Majestät appellirt hat (St. Arch.) 1509 Samstag nach Margarathen verkaufen Hans Silberberger und Alex. Stokhar von Schaffhausen an Tuttlinger, Effinger, Schwenninger und Oberbaldinger eine Gilt um 300 fl. (eb.) 1518 Vertrag zwischen Tuttlingen und Klingenberg in Möhringen betr. den Wildbann im Koppenhan. (Arch. Donauesch.) 1582 gibt H. Ludwig der Stadt Tuttlingen zur Besetzung und Pflasterung der Stadt bei dem neuen Kornkasten aus Gnaden 20 fl. (St.-Arch.)



  1. Von Oberbergrath von Xeller.
  2. Köhler, Tuttlingen, Beschreibung und Geschichte 1839. Diak. Schmid 1700–1740 Mscpt.
  3. Vrgl. auch Neuhausen; Stäl. W. G. 3, 354. Pfaff weist auf das nahe Verwandtschaftsverhältnis zwischen den Grafen von Landau und Wirtemberg hin, sowie darauf, daß Gr. Eberhard 1366 vom Kl. Reichenau das Eigenthumsrecht des Mägdebergs erlangte.
  4. Völlig abgebrannt, wie man aus Sattler und Steinhofer entnommen hat, kann die Stadt schon nach der folgenden Notiz von 1381 wohl nicht sein.
  5. Die Lupfen vergaben einige Lehen in Tuttlingen, welche später an Fürstenberg übergiengen. Der Brunnen im Tuttenthal war streitig zwischen Wirtemberg und Fürstenberg.
  6. Die Zimmern waren schon im 13. Jahrh. hier begütert. 1. Mai 1257 schenkte Albrecht v. Z. etliche Eigengüter zu und um Tuttlingen dem Johanniter zu Schwenningen (Zimm. Chr. 1, 138).
  7. S. übrigens unten, wo eine „Burg“ in der Stadt vorkommt.
  8. Mäusefraß begleitet in der Sage vielfach großes Sterben, ist daher auch hier wahrscheinlich solche Zuthat.
  9. So v. Martens; Heilmann, Feldzüge der Baiern 1643–45, zählt 6 Reiter- und 2 Dragonerregimenter, in Tuttlingen 4 Kompagnien Garden und 1 Infanterieregiment, 2 Reiterregimenter und 3 Infanterieregimenter in den benachbarten Ortschaften; das Reg. Ranzau und 7 Infanterieregimenter in Möhringen; 5 Infanterieregimenter in Geisingen und Umgegend, und der übrige Theil an der Donau aufwärts bis Donaueschingen.
  10. Nach Mercy’s Originalbericht an den Kurfürsten war es der Oberst Wolff, der die avanguardia gehabt und sich der feindlichen Artillerie bemächtigte. Er bekam vom Kurfürsten 1000 Dukaten.
  11. Die Thäter wurden in Rottenburg gefangen gesetzt, entsprangen aber und suchten in Beuron ein Asyl.
  12. Es giengen zusammen 85.737 fl. 25 kr. ein, worunter 10.000 vom Kurfürsten, 3000 fl. vom Kirchenrath, 150 Louisdor „von einem Ungenannten, der auch in der Entfernung den wärmsten Antheil nimmt an Allem was in seinem Vaterlande geschieht, W. W.“ (Wilh. von Württ., damals in Paris.)

Errata

  1. korrigiert gemäß Berichtigungen und Nachträge Z. 32 statt Handlin lies Handtin
  2. korrigiert gemäß Berichtigungen und Nachträge Z. 6 von unten statt Bände lies Bünde
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